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Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Darnamur am Mo Okt 10 2016, 05:12

Der Doktor hatte die Angelegenheit mit dem blind sein nicht wörtlich gemeint, aber letzten Endes blieb ihm nun ohnehin nur noch die Möglichkeit Charles zu folgen und zu hoffen, dass er sie nicht geradewegs ihrem Untergang entgegen steuerte.
Auf dem Weg konnte er Norlys Ausführungen lauschen. Alles in allem klang das nicht unbedingt beruhigend. Wenn Norly an einem Projekt getüftelt hatte, dann war er sich nicht sicher, was er davon erwarten sollte.
Die Antwort bot sich ihm in der Halle. Endeavour. Einige Augenblicke starrte Randolph einfach nur auf das Luftschiff, das sich vor ihm erstreckte. Sein Blick wanderte über die Bullaugen, den Schiffsrumpf die Rohre, Stangen und Schornsteine. Es war eine gewaltige Konstruktion. Es musste Ewigkeiten gedauert haben dieses architektonische Meisterstück konstruiert zu haben. Denn das war es ganz ohne Zweifel, unabhängig davon, ob es sich tatsächlich für Reisen durch die Lüfte anbot, wie Norly anpries. Es erinnerte Randolph auch ein wenig an seine Jugend. Damals, als er sich häufiger am Hafen herum getrieben hatte und davon geträumt hatte irgendwann Seefahrer zu werden.
Natürlich sollte er seine Haltung nicht davon abhängig machen. Sondern davon, ob dieses Ding tatsächlich fliegen konnte und er Norly vertraute. Für sich selbst hätte er wohl sofort ja gesagt. Wenn er bei dem Versuch draufgehen würde, wäre es zumindest ein spannendes Ende seiner Geschichte. Aber Melinda wollte er nicht einfach ohne weiteres einer solchen Gefahr aussetzen.
Wie er beobachten konnte, hatten sich bei den anderen Personen auch schon Zweifel aufgetan, die gerade diskutiert wurden. Randolph ließ Melinda und Mrs. Thomson gerne den Vortritt, vielleicht bei Mrs. Thomson etwas weniger gerne und wartete dann ab.
Die Einwände der Beiden waren berechtigt, auch der von Mrs. Thomson. Was er allerdings nicht wirklich verstand, war, warum sie im Anschluss etwas von advocatus diaboli zu faseln begann. Das Argument war schließlich vollkommen vernünftig gewesen. Nörglerin. Wenn sie das so nennen wollte. Randolph hatte ganz sicher nicht vor, Norly in seinen Belangen blind zu folgen ohne seine Handlungen zu hinterfragen. Und das würde er ihr im Grunde auch anraten. Das Gebaren der Frau empfand er wieder einmal als mehr als nur befremdlich. Andererseits war er sich auch immer noch nicht sicher, warum sie die Gruppe nun wirklich begleiten würde. Der Doktor vertraute dieser Frau nicht mal soweit, ihr für einen Moment den Rücken zuzudrehen. Bei dem Kommentar zum Galgen hob er eine Augenbraue.
Er hörte sich an, was Charles zu sagen hatte. An sich klang das soweit vernünftig. Sie hatten einen Landungsplatz und würden weitestgehend blickgeschützt reisen können. Die Frage war nur, ob dieses Schiff nicht nach etwa einer Meile den Geist aufgeben und einfach abstürzen würde.
„Es gelingt Ihnen immer wieder mich zu überraschen“, meinte Randolph trocken zu Mr.Norly. „Ich muss zugeben, dass ich hiermit sicher nicht gerechnet habe.“
Seine klaren, grauen Augen wanderten wieder über die Endavour.
„Sie haben recht…es ist ein Prachtstück.“ Der Anblick des Schiffes schlug ihn immer noch in den Bann. Vermutlich konnte man es seinem rechten ernsten Gesichtsausdruck mit den zusammengepressten Lippen nicht anmerken, aber er konnte kaum seinen Blick von der Konstruktion lösen. Randolph atmete leise ein und aus.
„Allerdings habe ich auch Bedenken, was die Sache betrifft. Wie Sie sich vielleicht schon gedacht haben.“
Randolph überlegte einen Augenblick: „Wie können sie sich sicher sein, dass es überhaupt ordnungsgemäß funktionieren wird, Mr.Norly? Wenn sie es noch nie ausprobiert haben. Ich habe schon von mehreren versuchten Flugoperationen gehört, aber ich kenne nichts, was auch nur ansatzweise mit diesem Bauwerk vergleichbar ist und einen solchen Flug geschafft haben soll. Ihnen dürfte klar sein, dass sich dieses Manöver sehr wohl als lebensgefährlich herausstellen kann, weswegen ich die Vorsicht von…der Beiden…“ Er nickte in Richtung Thomson und Melinda. „…völlig verstehen kann. Außerdem dürften Sie noch nicht sonderlich mit der Steuerung vertraut sein.“
Etwas zwiegespalten blickte der Doktor zu Norly hinüber. Er wirkte gerade wieder etwas glücklicher. Für den Moment schien Johannas Schatten aus den Gedanken des Mann weggefegt worden zu sein:
„Ich finde Ihre Idee wirklich gut, aber ich bin mir nicht sicher, ob es ein solches Risiko wert ist. Ich denke wir können es auch anders schaffen unentdeckt nach London zurück zu gelangen.“
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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Umbra am Fr Okt 14 2016, 15:42

Charles scheute sich nicht, noch mehr Worte über das Thema Endeavour zu verlieren, als er es schon getan hatte. Dass die allgemeine Begeisterung sich offensichtlich in Grenzen zu halten schien, verwunderte ihn schon etwas, aber womöglich dämmte die Überraschung und Überwältigung ob dieses Anblicks einfach die Faszination, und ließ stattdessen die inneren Alarmglocken schrillen.
Dennoch ließ Charles sich davon nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Auch auf Dr. Tremaines Einwände war er vorbereitet und wusste sie mit Leichtigkeit zu beseitigen:
„Ich würde Sie alle niemals einem unkalkulierbarem Risiko aussetzen“, entgegnete Charles, ungetrübt gut gelaunt.
„Auch ich selbst hänge an meinem Leben“, versicherte er den Anwesenden im Plauderton, „und würde es nicht sinnlos verlieren wollen.“
Während er weitersprach, ging er einige Schritte am aufgebockten Rumpf entlang, wo eine schwer zu übersehene, messingbeschlagene Tür sich von den Planken abhob.
„Vertrauen Sie mir, diese Art zu reisen, wird uns einige Unannehmlichkeiten ersparen. Wie gesagt, wäre ein Zug nach London, polizeilich bedingt, weitaus risikobehafteter; und ich bezweifle, dass Sie sich wirklich eine tagelange Kutschfahrt wünschen. Das wären die beiden Alternativen. Ich, für meinen Teil“, hob Charles hervor, ehe er Laterne und Koffer neben sich auf dem Boden absetzte, „passe bei der Option des Polterns über Straßen quer durch das Land auf jeden Fall. Nicht, wenn es zwei elegantere Lösungen gibt. Und warum sich mit der Polizei und lästigem Verstecken auseinandersetzen“, fragte Charles rhetorisch, während ihm nun leichte Anstrengung in der Stimme anzuhören war, weil er bereits einen Fuß auf eine Zwischenstrebe des Gerüsts gestellt, und sich mit einer Hand an einem Griff neben der Tür hinaufgezogen hatte, um mit der anderen die Klinke zu bedienen (zum Glück ließ diese das, ohne einen Widerstand, wie ein Schloss, zu offenbaren, zu), „was vermutlich in einer recht unbequemen Unterbringung, vielleicht in einer Zwischenwand innerhalb eines Zugabteils enden wird, wenn wir all die Lästigkeiten auf einfache Weise umschiffen können? Und das ungesehen, luxuriös… und schnell?“
Charles selbst fiel die Wahl da nicht schwer. Schnaufend, weil ihn der Schmerz dabei durchfuhr, sprang er vom Gerüst herunter, um sich dann sofort seinen Koffer zu schnappen, ihn, unter dessen Last etwas schwankend und zitternd, über den Kopf hob und durch die geöffnete Türluke über sich schob.
„Haben Sie keine Angst vor der Endeavour, setzte er danach wieder an, unterdessen er auf Oxley zueilte.
„Sie ist ein Vorgeschmack der Zukunft, die wir heute schon erleben dürfen. Sie wird fliegen, und das mit…“, Charles hielt kurz angestrengt die Luft an, während er seinen zweiten Koffer (den er Oxley nun endlich abgenommen hatte) über die hochgelegene Schwelle ins Schiff schob, „… Bravour. Sie ist keineswegs ein Testmodell“, betonte Charles, „sondern das Ergebnis vielerlei Optimierungen bis hin zur Perfektion.“
Unterdessen er etwas Luft schnappte und seine Arme ausschüttelte, wandte er sich wieder vollkommen der Gruppe zu.
„Selbst die ersten Ausführungen sind geflogen, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Sie können mir glauben, dass ich der Tauglichkeit dieses Schiffs vollkommen vertraue. Die schlausten Köpfe aus allen Winkeln des Königreichs haben an ihrer Konstruktion gearbeitet – und ich darf, in aller Bescheidenheit, behaupten“, was er mit einem entsprechend unbescheidenem Lächeln begleitete, „dass ich weitaus mehr als nur die Rolle eines Investors gespielt habe. Ich habe das nötige Fachwissen, um sie zu steuern.“
Nickend wandte Charles sich wieder der Endeavour zu, und begann wieder zu klettern. Vorsichtig und sachte. Seine Muskeln schrien. Diese verdammten letzten Tage hatten einfach zu viele Blessuren an ihm hinterlassen.
„In der Theorie, zugegeben, für einen Praxistest war ich bedauerlicherweise in letzter Zeit etwas zu beschäftigt, aber, und das kann ich Ihnen garantieren, wird das kein Hindernis für eine sichere Reise sein.“
Sich nun selbst ins Innere des Schiffes schwingend, blieb er jedoch, nachdem er seine Koffer mit dem Fuß etwas beiseitegeschoben hatte, an der Tür stehen und wandte sich wieder seinen Begleitern zu. Seine Prothese umfasste fest das Geländer in Handlaufhöhe, das den Gang ins Herz des Schiffes umrahmte, als Charles seine richtige Hand anbietend nach draußen streckte und in die Knie ging, um dem nächsten besser hinaufhelfen zu können.
„Wer von Ihnen möchte den ersten Blick wagen?“
Ein großzügiges Angebot. Er selbst kannte das Schiff nämlich auch noch nicht... und die Neugier brannte in ihm.

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Thorgrimm am Fr Okt 14 2016, 19:35

So leise wie es Gilbert möglich war - und dabei immer wieder auf den Boden schaute, um kein weiteres Hindernis zu übersehen, welches Geräusche machen konnte - huschte er hinter der Gruppe her, die sich schon nach kurzer Besprechung und Schlüsselsuche in der Halle wiederfand. Bei dem ganzen Gerede über Fluchtwege versuchte der Maler nützliche Informationen herauszuhören - vergebens. Nichts als halbgare Versprechungen. Das war er ja schon von Norly gewohnt, machte die Sache aber noch lange nicht besser. Er musste sich also wieder einmal auf Norly verlassen, was er wirklich ungerne tat. Dass der Mann in dieser Situation so ganz offensichtlich Spaß daran hatte, die Gruppe im Dunkeln zu lassen und dabei seinen Butler sogar als Spielverderber bezeichnete, nur weil dieser etwas preisgeben wollte, fand Gilbert nicht nur unangebracht, sondern schlichtweg bescheuert. Norly hatte wollte anscheinend nur seinen Spaß haben. Ein wirklich seltsames Verhalten, wenn es darum ging, irgendwo einzubrechen und etwas zu stehlen. So etwas sollte keinen Spaß machen - egal um was es im Nachhinein ging. Das Norly ein eigensinniger und gefährlicher Mensch war, war allerdings keine neue Erkenntnis.
Der Maler versuchte in dem Zwielicht etwas zu erkennen, als sie auf dem Weg zu ihrem Ziel waren. Da er als Letzter hinter der Gruppe lief, war das allerdings vergebens, da die wenigen Details, die er sehen konnte, von Köpfen und Oberkörpern verdeckt wurden. So musste sich Gilbert auf seine anderen Sinne verlassen, die ihm auch einiges über diesen Ort erzählen konnten. Der Geruch nach Öl, Metall und Leder ließ auf irgendeine Fabrik deuten, was in einem Industriegebiet aber auch keine Seltenheit war. Er wartete also geduldig ab, bis er um den Zaun herum gehen und sich die Lösung ihrer Probleme ansehen konnte.
Was Gilbert sah, raubte ihm den Atem. So ein Flugschiff, wie Norly es bezeichnet hatte, war ihm noch nie untergekommen. Als Sohn Morgan Wrights, war Gilbert in der Vergangenheit schon oft mit Neuerungen im technischen Bereich in Kontakt gekommen. Die hatten allerdings meist mit Textil- oder Stoffherstellung oder -verarbeitung zu tun gehabt. Außerdem hatten sie nie die Ausmaße angenommen, die dieses Ding hatte. Es war wirklich erstaunlich - und gleichzeitig erschreckend - was der Mensch alles herstellen konnte. So wie die Endeavour hier stand, hegte Gilbert wenig Zweifel, dass sie auch tatsächlich fliegen konnte. Dieses Gefährt musste Millionen gekostet haben. Niemand war so dumm und investierte so viel Geld in einfaches Wunschdenken. Vor allem kein Charles Norly. So gefährlich und verrückt der Mann auch war - er war auch Geschäftsmann und ein intelligenter noch dazu. Das Einzige, was Gilbert wirklich komisch vorkam war, das ihr selbsternannter Anführer anscheinend über weit größere Geldreserven verfügte, als Gilbert gedacht hatte. Woher hatte er all das Geld, um eine solche Monstrosität zu finanzieren? Hatte er wirklich so viel vom Familiengeschäft geerbt?
Gilbert warf diese Fragen im Moment für weitaus wichtigere beiseite. Bevor er allerdings seine Zweifel aussprechen konnte, kam ihm der Rest der Gruppe zuvor. Dieses eine Mal musste er jedem, selbst Miss Benton, zustimmen. Es war völliger Irrsinn dieses Luftschiff zu stehlen und damit nach London zu fliegen. Nachdem Norly versucht hatte, alle Zweifel beiseite zu räumen - was bei Gilbert nicht wirklich geklappt hatte - brachte er schließlich noch andere Kritikpunkte an.
"Das Problem wird sein, überhaupt von hier zu verschwinden. Wie lange sagten Sie, braucht dieses Schiff, um Startbereit zu sein? 15 Minuten? Ich bezweifle, dass bei einem solchen Wunderwerk der Technik nur ein einziger Wachmann das Gelände bewacht und die anderen werden es sicherlich bemerken, wenn die Maschinen angeschmissen werden. Wie haben Sie vor, diese Wachen auszuschalten? Mit Waffengewalt?" Gilberts Tonfall zu Folge, war er davon ziemlich abgeneigt. Die Wachmänner waren auch nur Menschen. Vielleicht sogar Familienväter mit einem recht durchschnittlichen aber dennoch glücklichen Leben.
"Und glauben Sie wirklich, dass uns niemand bemerken wird? Zumindest beim Start und bei der Landung wird man das Luftschiff sehen. In diesem Gebiet gibt es bestimmt andere Gelände, die bewacht werden oder sogar Fabriken, die auch nachts in Betrieb sind. Was hilft es uns, Luxuriös zu reisen, wenn wir doch am Galgen enden?" Gilbert verschränkte die Arme vor der Brust und sah zu Norly hinauf, der bereits deutlich bewiesen hatte, dass er eine Entscheidung bereits getroffen hatte. Wieso machte sich Gilbert überhaupt die Mühe? Umstimmen würde er den Mann sowieso nicht können. Auf ihn würde er niemals hören. Er war doch hier der Einzige, der noch klar denken konnte und diese Tatsache gefiel Norly offensichtlich nicht.
"Mal ganz davon abgesehen, dass man den Diebstahl bemerken wird. So ein riesiges Luftschiff wird auch in Lambeth oder Southwark schnell entdeckt werden und dann ist man uns bereits auf der Spur. Selbst wenn wir tagelang in einer Seitenwand eines Zuges verbringen müssten, hört sich das momentan weitaus sicherer an." stellte Gilbert schließlich klar. Weiterhin die Arme verschränkt, warf er dem Rest der Gruppe kritische aber vielsagende Blicke zu. Sie würden doch nicht etwa Norly zustimmen? Wenn sie sich alle weigerten, würde Norly keine andere Wahl haben als nachzugeben. Er würde vielleicht ohne ihn oder Thomson nach London reisen aber nicht ohne die Bentons.

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Elli am Mo Okt 17 2016, 13:24

Die anderen hatten ebenso ihre Einwände wie Melinda, wenn auch vielleicht aus anderen Hintergründen. Doch Charles schien diese nicht ernst zu nehmen. Sobald alle ihre Bedenken geäußert hatten, wischte er sie einfach vom Tisch. Zumindest kam es ihm sicherlich so vor, dass sie einfach davon gewischt worden waren. Sicherlich waren sie das nicht, aber Norly war wieder einmal so in einem seiner Monologe gefangen, dass ihm das mit Sicherheit nicht auffallen würde.
Nun, wie es aussah würde er sich ohnehin nicht auf eine Alternative einlassen, auch das Gilbert zustimmte, würde ihn sicherlich nicht abbringen können. So wie er das Ungetüm ansah, wünschte sich vermutlich jede Frau von einem Mann angeschaut zu werden.
Voller Stolz, Liebe und Eitelkeit, dieses Stück sein Eigen nennen zu können.
Stell dich nicht wieder an. Rein da!
Melinda zuckte schließlich mit den Schultern und tat wie Charles es sie gehießen hatte und betrat das monströse Schiff. Das es fliegen würde, bezweifelte die junge Frau ganz eindeutig, daher war es auch kein Risikio sich reisebereit zu machen. Sie würden den Boden sicherlich nicht verlassen. Also los, dachte sie sich und ging voran. Doch hatte sich ein Wort in ihr Unterbewusstsein geschlichen, das Wright hatte fallen lassen.
Während ihre Schuhe auf dem Fußboden aus Holz dunkle Geräusche in die Stille hallen ließen, begann sie leise zu singen

"Was kann ich denn dafür? So kurz vor meiner Tür
Da fingen sie mich ein, bald endet meine Pein
Ich hatte niemals Glück, mein trostloses Geschick
Nahm keinen von euch ein, heut soll gestorben sein

Wenn der Nebel auf das Moor sich senkt
und Piet am Galgen hängt

Sie nahmen mir die Schuh' und auch den Rock dazu
Sie banden mir die Hand, mein Haus das hat gebrannt
Ich sah den Galgen stehn, sie zwangen mich zu gehn
Sie wollten meinen Tod. keiner half mir in der Not

Wenn der Nebel auf das Moor sich senkt
und Piet am Galgen hängt

Was kratzt da am Genick? Ich spür den rauen Strick
Ein Mönch der betet dort, spricht ein frommes Wort
Das Wort das ich nicht kenn, wer lehrte es mich denn?
Fünf Raben fliegen her, doch seh ich sie nicht mehr"



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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Umbra am Mi Okt 19 2016, 20:07

Seit ihrer ersten Begegnung und ihrem ersten Gespräch, hatte sich an Gilbert Wrights unverhohlen abgeneigte Einstellung Charles gegenüber nichts geändert. Anders als bei Alan, fand Charles das allerdings nicht mehr amüsant. Es hatte keinen Reiz mehr, keinen Biss. Keine Herausforderung. In diesem Moment war es eher wie eine surrende Mücke, die einem den Schlaf raubte. Das Bedürfnis nach Schlaf hielt sich gerade zwar in Grenzen, immerhin hatte Charles in den vergangenen Stunden geruht, aber, genauso wie solch eine Mücke, nagte Gilbert an Charles‘ Geduld.
Kritik von dieser Seite kam natürlich nicht unerwartet und natürlich vermochte sie nicht, ihm diesen Moment zu vermiesen, allerdings ärgerte ihn Gilberts Undankbarkeit durchaus ein wenig. Charles selbst hatte nie um Gilberts Anwesenheit gebeten. Nein: Gilbert hatte sich in Charles‘ Abwesenheit eigenmächtig eingeladen. Um sich nun über die Konsequenzen zu beschweren, war Charles definitiv nicht der richtige Ansprechpartner – so sah Charles es. Dennoch versuchte er, großzügig wie er nun einmal war, Geduld zu zeigen. Selbstverständlich freute es ihn, dass Melinda sich von Gilberts Nörgelei nicht mehr beeinflussen ließ.
„Sie irren sich“, entgegnete Charles auf die vorwurfsvolle Tirade, während er Melinda beim Besteigen des Schiffes half.
„Was, stellen Sie sich vor, wird passieren, wenn ein Suchtrupp der Polizei einen Zug nach uns durchforstet? Wird er nachlässig vorgehen? Nein. Wird er Hunde dabeihaben? Gut möglich. Ich bezweifle stark, dass man diese Option als ‚weitaus sicherer‘ bezeichnen sollte. So gut können Sie sich nicht verstecken.“
Dabei nahm sein Tonfall keinesfalls sarkastische Züge an. Nein: Charles blieb sachlich.
„Der Trick ist, hier vor Ort unbemerkt zu bleiben, also alle Wachen auszuschalten, da haben Sie recht, schnell an Höhe zu gewinnen, um Ansässigen höchstens wie ein Hirngespinst zu erscheinen, und über den Wolken zu reisen. Wenn wir landen, landen wir schnell, verschwinden schnell… Der Kern eines jedweden Verfolgungsmanövers: Wer schneller ist, gewinnt, also werden wir schneller sein.“
Das war der Plan. Charles vernahm Melinda leise hinter sich, sie schien zu singen. Leider hatte er gerade keine Zeit, ihrer klaren, bezaubernden Stimme zu lauschen.
„Wenn Sie mir schon keine Menschlichkeit zugestehen“, konnte er sich diesen Seitenhieb nicht verkneifen, immerhin hatte Wright ihm erneut brutale Skrupellosigkeit unterstellt, „dann doch wenigstens, dass ich ziemlich erfolgreich im Nichtentdecktwerden bin. Vertrauen Sie mir. Dieses eine Mal, ich bitte Sie inständig.“
Klare Ansagen waren hier wohl das Beste:
„Sie wollen meine Hilfe, um das Land zu verlassen, also nehmen Sie sich auch an. Sie schaffen es, Ihre Angst zu überwinden. Und die Endeavour wird es schaffen, uns bequem und sicher nach London zu tragen. Sie ist leiser, als Sie denken. Und im Dunkeln wirklich nicht allzu auffällig. Wir werden in London sein, bevor man überhaupt merkt, dass sie fort ist. Sobald ich die Wachen ausgeschaltet habe, starte ich die Motoren. Bis dahin können Sie es sich überlegen. Übrigens, um darauf noch einmal zurückzukommen, brauche ich keine Waffen, um für Ungestörtheit zu sorgen. Sie dürfen mich verachten, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich jeglicher Art von Gewalt abgeneigt bin, Mr. Wright. Ich bin ein Menschenfreund. Jedweder potenzielle Störenfried“, versicherte Charles Gilbert, „wird so sanft einschlafen, wie der erste.“
Damit war, Charles‘ Ansicht nach, erstmal genug gesagt. Er wandte sich wieder den anderen zu und streckte ihnen anbietend seine Hand entgegen, so wie er es schon zuvor getan hatte.
„Kommen Sie, nicht so schüchtern“, versuchte er, den nächsten Mutigen zu locken.
„Reichen Sie mir Ihr Gepäck und lassen Sie sich an Bord helfen.“

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Darnamur am Fr Okt 21 2016, 18:31

Randolph humpelte an Charles heran, um ihm den Arztkoffer zu reichen, hielt dann aber doch inne.
Nicht, weil sich darin immer noch Norlys Tagebuch befand - er würde das Ding wohl oder übel aus der Hand geben müssen, wenn er nach dort oben ins Schiff gelangen wollte. Sondern weil ihm noch etwas eingefallen war.
Sein Entschluss stand bereits fest. Er hatte nicht vor mit einer Kutsche nach London zurückzureisen oder Melinda hier alleine an Bord zu lassen. Außerdem wirkten Charles Argumente zumindest halbwegs schlüssig…nun sie wirkten vollständig schlüssig, wenn man die Tatsachen aus den Blickwinkeln des Mannes sah. Der kritische Punkt war jedoch, ob es Ihnen gelingen würde das Ganze wirklich derart problemlos über die Bühne zu bringen, wie Norly es erscheinen ließ.
Ein weiterer Grund, der in seinem Hinterkopf dämmerte war eher egoistischer Natur. Der Doktor versuchte ihn zwar bei seinen Überlegungen auszublenden, aber so ganz schien ihm das nicht zu gelingen…
Jedenfalls, der Einfall, der ihm gekommen war, war ihm gekommen, als er an den Inhalt des Arztkoffers dachte. Er glaubte zwar nicht, dass Charles sein Angebot in Anspruch nehmen wollte, aber er wollte es zumindest erwähnt haben.
„Ich habe noch Opium im Gepäck, falls wir die Leute für längeren Zeitpunkt ausschalten wollen“, meinte er in sachlichem Tonfall an Norly gerichtet.
Er dachte an das Szenario im Inneren der Kutsche zurück.
Vielleicht dachte Thomson nun auch daran und wurde sich bewusst, was genau sie letztendlich für derart lange außer Gefecht gesetzt hatte. Der Doktor, der recht nahe am Gerüst der Endeavour stand, fixierte Norly aus seinen farblosen, leicht zusammengekniffenen Augen.
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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Umbra am Sa Okt 29 2016, 16:35

Charles war zufrieden, als sich auch Dr. Tremaine einen Ruck gab und sich der Endeavour näherte. Trotz des Gegenwinds, der immer noch spürbar in der Luft lag, schien das erste Eis nun definitiv gebrochen zu sein. Gerade, als Charles die Tasche des Arztes entgegennehmen wollte, zögerte dieser jedoch plötzlich. Widerworte waren allerdings nicht der Grund hierfür.
Charles hielt selbst einen Moment inne, um kurz über den Vorschlag einer längeren Betäubung mit Opium nachzudenken. Innerlich spürte er eine Abneigung dagegen. Mit einem brummenden Schädel, den Chloroform verursachte, waren die Spuren nicht zu vergleichen, die Opium an Körper und Geist hinterließen.
„Wenn Sie es mir ausleihen möchten, nehme ich es mit, sobald ich für reine Luft sorge“, antwortete Charles dennoch, als er, wider bestem Gewissen, zu dieser Entscheidung gekommen war.
„Ich denke, Sie sind sich der Nebenwirkungen gut bewusst, Doktor. Ich würde ablehnen, wenn es nicht um unsere Sicherheit ginge…“
Er überlegte noch einen Moment, in dem er sich umentschied – zumindest zum Teil.
„Vielleicht sollten Sie das lieber übernehmen, ich habe nicht sonderlich viel Erfahrung im Setzen von Spritzen und möchte niemanden unnötig verletzen. Begleiten Sie mich gleich, Doktor?“
Währenddessen war auch Thomas Oxley vorgetreten, um Charles das Gepäck zu reichen. Er hatte seit dem Betreten des Gebäudes, als er von Charles als Spielverderber bezeichnet worden war, kein Wort mehr verloren. Nun ließ er aber seinen Koffer nicht sofort los, als Charles ihn entgegennahm.
„Sir, sind Sie sicher, dass meine Anwesenheit hier wirklich notwendig ist?“, erkundigte der Butler sich mit zusammengezogenen Augenbrauen, die sich dabei an seiner Nasenwurzel trafen.
„Bisher bin ich gut ausgekommen“, wandte er ein, offenbar immer noch nicht von der Unternehmung, und vor Allem von der Beteiligung seiner Selbst daran, überzeugt.
„Es wird dem Scotland Yard nur verdächtig erscheinen, wenn ich daheim nicht mehr aufzufinden bin.“
Charles konnte Oxleys Haltung gut nachvollziehen, allerdings teilte er sie nicht, und schüttelte deswegen bedauernd den Kopf. Tatsächlich drückten diese Worte seine Stimmung schlagartig.
„Die Polizei verursacht mir weniger Sorgen als ein blutrünstiger Verrückter, der Jagd auf diejenigen macht, die mir wichtig sind“, sprach Charles und versuchte dabei, gefasst zu bleiben.
Ed. Johanna. Sofia Stead… Und all die anderen davor. Aber der Schmerz, die Trauer, die Wut… All diese Gefühle brannten in seiner Brust, wie ein in Brand geratenes Kohlebergwerk, das selbst in Jahrhunderten noch brennen und giftige Gase ausspucken würde. Die Wunden waren einfach noch zu frisch. Selbst, wenn Johanna nicht seine Tochter gewesen war, und vielleicht auch nicht seine Nichte. Die Rolle, die Timothy bei dieser ganzen Sache gespielt hatte, schmerzte beinahe noch mehr und machte ihn beinahe noch wütender, als die bestialische Bluttat an den beiden Steadfrauen. Beinahe.
„Hier in Manchester, wenn Sie allein bleiben, schweben Sie in Gefahr“, wusste Charles. Er suchte Blickkontakt zu Oxley, auch wenn es ihm schwerfiel. Lieber wäre er nun wieder allein gewesen. In der Gruft seiner Familie. Oder irgendwo anders, wo er seine Ruhe hatte und andere nicht sahen, dass er angeschlagen war.
„Ich brauche Sie in meiner Nähe“, hatte Charles beschlossen. „Nur dort kann ich Sie beschützen. Außerdem“, probierte er dann mit einem schwachen Lächeln, die Situation wieder aufzulockern, da Oxley seinen Koffer tatsächlich an den Händen gab, „wissen Sie doch, wie sehr ich Ihre Gesellschaft schätze.“
Nachdem er den Koffer hinter sich im Gang abgestellt hatte, ergriff er auch noch Oxleys Hand, um ihm durch die Tür zu helfen.
Nicht auch noch Sie, Ox, murmelte Charles, das allerdings auch nur in Gedanken.
Das konnte er einfach nicht zulassen.



Als Melinda sich im Dunkeln vom Geländer leiten ließ, das, an den hölzernen Wänden entlang, ins Innere des Schiffs führte, konnte sie noch nicht sehr viel vom restlichen Aussehen ihrer Umgebung wahrnehmen. Jedoch konnte sie sich an das mangelnde Licht relativ schnell gewöhnen, sodass sie bald erkannte, dass zu ihrer Linken die spitz zulaufende, teils vollverglaste Kabine am Bug der Endeavour befand, in der schwacher Schein von Außerhalb ein ganzes Arsenal von metallisch glänzenden Hebeln und Schaltern offenbarte, das, neben einem Steuerrad, wie man es auch auf einem größeren Wassergefährt finden konnte, in eine Konsole vor einem sesselähnlichen Stuhl eingebettet war. Auch an der Hinterwand des Raumes, quasi direkt neben der Tür, an der sie sich gerade befand, reichte ein ähnliches System von Schaltern, Hebeln und Anzeigen bis an die Decke hinauf. Auch vor dieser Konsole, wie auch vor den Fenstern, waren weitere Sitzplätze zu finden. Rechts von ihr, auf der anderen Seite des Flures, erkannte Melinda einen fensterlosen Raum, der sich über die gesamte Breite des Rumpfes zu erstrecken schien. Er war auf den ersten Blick weitaus weniger interessant – sogar sehr schlicht. An den Außenwänden (obwohl von denen durch eingebaute, metallische Schränke wenig zu sehen war), befanden sich insgesamt zwölf Sitze, die mit den Rückenlehnen gegen die Schränke zeigten. Sie ähnelten durchaus den Sitzen des Zuges, in denen sie nach Manchester gereist war. Vielversprechender sah da eher ein freistehender, ovalförmiger Bartisch in der Mitte des Raumes aus… und der eckige Torbogen, Melinda gegenüber auf der anderen Seite des Raumes, führte noch weiter, in einen weiteren Raum, in dem sie die Umrisse von Sesselgruppen erkennen konnte, die jeweils um einen kleinen Tisch geordnet zu sein schienen. Um, bedachte man die Länge des Rumpfes, den man in der Halle noch hatte erahnen können, war das noch längst nicht alles.

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Thorgrimm am Di Nov 01 2016, 02:33

Wieder einmal schwang Norly große Reden. Während Gilbert dem Mann vor sich mit einem wachsend ungläubigen Gesichtsausdruck zuhörte, musste er zugeben, dass er durchaus talentiert darin war, mit Worten umzugehen. Fast war er geneigt, einfach an Bord zu gehen und Norly zu glauben. Allerdings nur fast. Schließlich hatte er noch ein bisschen Zeit und sollte eine schwerwiegende Entscheidung wie diese, nicht sofort treffen. Anscheinend hatten die Worte des Mannes aber andere Personen überzeugen können. Sowohl Oxley, als auch der Doktor schienen nun gewillt, an Bord zu gehen. Gilbert erwischte sich dabei, wie er Thomson verstohlen einen Blick zuwarf, um herauszufinden, wie diese sich entschieden hatte. Noch hatten sie die Möglichkeit, hier zu verschwinden aber sobald sie an Bord gegangen waren und dieses Monstrum sich in die Lüfte erhoben hatte, würden sie voll und ganz dem Schicksal ausgeliefert sein. Und Norly.
Gilbert wog alle Argumente, Vor- und Nachteile gegeneinander ab. Vielleicht war eine Reise per Zug tatsächlich nicht so sicher. Unbequem war sie auf jeden Fall aber wenn Spürhunde dabei waren, dann würden sie alle vermutlich auch hinter einer Wand nicht lange unentdeckt bleiben. Was sprach gegen ein Schiff? Der Yard konnte nicht jedes einzelne Schiff durchsuchen und es gab einige talentierte Schmuggler, die sicherlich auch Menschen an einen anderen Ort bringen konnten. Von dort aus konnten sie sich dann ganz unbemerkt weiterbewegen. Anscheinend fiel diese Option raus. Gilbert hatte aber auch keine Lust, jetzt wieder ein neues Fass aufzumachen, wenn er sowieso der einzige war, den Alternativen noch interessierten. Während er diesem Gedankengang folgte, merkte er, dass Norly sich der Gruppe gegenüber nicht besonders demokratisch verhielt. Es ging hier schließlich um ihr aller Leben. Wieso hatten sie diese Aktion nicht vorher abgesprochen? Gemeinsam einen Weg gesucht? Wieso musste diese verdammte Heimlichtuerei denn unbedingt sein?
Norly verließ sich darauf, dass niemand den Start und die Landung dieses Gefährts bemerken würde. Das kaufte Gilbert ihm nicht ab - egal wieviel der Mann argumentierte. Irgendjemand würde es mitkriegen - man kann so ein Gefährt gar nicht übersehen. Das Argument, dass Norly gut im Nichtentdecktwerden war, galt allerdings nur für seine Person und kein dutzende Meter breites und langes Luftschiff. Auch dieses Argument zog nicht.
Es gab eine Sache, die Gilbert aber wirklich erstaunte und sogar wütend machte. Hatte Norly wirklich von sich behauptet, ein Menschenfreund zu sein, der Gewalt jeglicher Art abgeneigt war? Glaubte das der Mann wirklich von sich selbst? Am gestrigen Tag hat er noch versucht einen Mann zu erschießen, der noch nicht einmal sicher der Täter gewesen war. Norlys Gewaltbereitschaft ging weit über einfache Selbstverteidigung hinaus. Gilbert konnte dutzende Beispiele nennen, die bewiesen, dass Norly sich selbst anlog aber da der Mann versprach, die Wachleute nicht zu töten, beließ er es erst einmal dabei.
Etwas unsicher blieb Gilbert also stehen. Er wusste nicht, was er tun sollte. Das hier konnte eine große Chance sein aber das Risiko, entdeckt zu werden, war in seinen Augen einfach zu groß. Wieder schielte der Maler zu Maura hinüber. Er würde seine Entscheidung nicht von ihr abhängig machen aber zumindest wollte er sehen, wie sie sich entschied und ob sie noch etwas zu dem Thema zu sagen hatte. Zwar war die Frau etwas sehr seltsam, da sie sich freiwillig dieser ganzen Sache angeschlossen hatte aber trotz dieser Tatsache, schien sie noch immer eine der normalsten Leute hier zu sein. Für den Moment verließen nur wenige Worte den Mund des Malers.
"Ich überlege es mir." Er klang verunsicherter, als er beabsichtigt hatte aber diese Entscheidung konnte und würde nun mal sein weiteres Leben bestimmten. Er konnte sie nicht so schnell treffen.

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Leo am Di Nov 01 2016, 17:00

Norly redete und redete, und irgendwann hörte Maura nicht mehr zu. Der Mann würde ja doch für jedes Problem, das sie ihm nannten, eine Scheinlösung finden, vermutlich garniert mit fast schon kindlich guter Laune. Ja, wie sie schon vermutet hatte … Norly gefiel sich in der Kapitänsrolle, und scheinbar schlug er ihre Gefährten damit nun auch in den Bann. Leichtgläubige Narren.
Aber was sollte sie nun tun? Sie beobachtete, wie selbst der sture Oxley sich von Norly einlullen ließ und Anstalten machte, an Bord zu gehen. Verdammt … sie hätte sich liebend gern geweigert, aber irgendwie befürchtete sie, dann hiergelassen zu werden, und das Risiko wollte sie auf keinen Fall eingehen. Aber war es denn besser, ohne großes Überlegen auf ein gigantisches Luftschiff zu steigen?
Der Mensch gehörte nicht in die Luft … und so sehr es Norly auch betonte, sie traute dieser Konstruktion nicht. Das Fliegen sollte man einfach besser den Vögeln überlassen …
Andererseits, so ungern sie das zugab – einen gewissen Nervenkitzel hatte die Idee schon. Als sie zu Norly zurückgekehrt war, da hatte sie dies nicht zuletzt in der Hoffnung auf ein Abenteuer getan, auf etwas, wofür es sich zu leben lohnte, auf etwas Neues und Aufregendes. Nun stand es vor ihr, in Form von Holz und Metall. Und sie wollte kneifen? Komm schon, Thomson. Bist doch sonst nicht so ein Feigling.
Nein, sie war kein Feigling. Aber dieses Bewusstsein nahm ihr ihre wachsende Skepsis trotzdem nicht so recht.
Stumm und mit verschränkten Armen beobachtete sie Oxley, wie er sich von Norly in das Luftschiff helfen ließ. Nun waren nur noch Wright und sie übrig, und der Schnauzbärtige warf ihr immer wieder verstohlene Seitenblicke zu, als erwarte er ihre Hilfe bei irgendwas. Pah! Was dieser Butler konnte, konnte sie schon lange. Nur, dass sie nicht auf Norlys Gequatsche hereinfiel … Oh nein, sie würde schön ihre Augen und Ohren offenhalten, sobald sie einmal auf diesem Schiff war, und bei der kleinsten Ungereimtheit würde sie wieder aussteigen.
Sie löste ihre Arme, warf Wright ihrerseits einen Blick zu und ging dann bedächtig zur Einstiegsluke hinüber. Sie würden nach London fliegen … was für ein Wahnsinn. Eine Torheit sondergleichen, vermutlich. Aber in einem Punkt zumindest hatte Norly recht – Alternativen blieben ihnen kaum. Und ehe Maura sich auf mehrere Tage Kutschfahrt begeben würde, die sie bestimmt ihren Mageninhalt kosten würden, ging sie doch lieber in die Luft.
Was nicht hieß, dass sie sofort einstieg. Stattdessen stellte sie sich unten an die Leiter, fixierte Norly mit ernstem Blick und sagte nach einigen Sekunden: „Ich hoffe, Sie sind sich Ihrer Sache sicher, Mr. Norly. Sonst war das das letzte Mal, dass ich einem Ihrer Pläne traue.“ Dann machte sie sich an den Aufstieg, ohne sich um Charles‘ helfende Hände zu kümmern.

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Elli am Do Nov 03 2016, 10:22

Langsam ging Melinda durch das gigantische Schiff und versuchte sich alle Einzelheiten einzuprägen. Sie sog den Geruch von Metall, Kleber und neuem Stoff ein, der sanft im Hintergrund wahrzunehmen war.
Höchst interessiert betrachtete sie die Schalttafeln näher und konnte sich nur mit Mühe zurückhalten, einen der Hebel umzulegen um herausfinden was passieren würde. Da sie aber Bedenken hatte, das hübsche Schiff in seine Einzelteile zu zerlegen, verzichtet sie lieber darauf und ließ lediglich ihre Finger sanft über die Amateuren gleiten.
Die anderen hatten sich auch langsam daran gemacht einzusteigen, abgesehen von Wright, sie hörte seine Stimme seltsam verzerrt, als er sagte er würde sich noch überlegen ob er mitkommen würde oder nicht.
Melinda sah keinen Grund auf ihn einzugehen, sie hatte versucht mit ihm zu sprechen, ohne Erfolg. Egal wie sie sich ihm genähert hatte, oder sich ihm gegenüber gezeigt hatte, hatte er doch nur mit Schweigen oder mit Vorwürfen reagiert.
Maura hingegen fackelte nicht mehr lange und betrat das Gefährt, wie ihre Schritte auf der Leiter vernehmen ließen
Die Hure ging wieder einige Schritte zurück und beobachtete die Öffnung.
Thompson erschien und Melinda packte die Gelegenheit am Schopfe. "Das musst du dir ansehen!" sagte sie fast schon aufgeregt und deutete in Richtung der Schalttafeln und des Interieurs.
Bevor sie sich auf den Weg zurück machte, fragte sie sich jedoch noch eine Sache, die sie an Charles richtete
"Norly, wie bekommen wir das Teil eigentlich aus der Halle heraus?" sie konnte nicht erkennen wie das von Statten gehen sollte.


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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Umbra am Sa Nov 05 2016, 23:26

Charles nahm die Antwort Mr. Wrights stumm entgegen und beschloss, den Maler auf jeden Fall gut im Auge zu halten. Auch wenn er glaubte, genug Menschenkenntnis zu besitzen, um den Mann einschätzen zu können, konnte Charles sein innerliches Misstrauen nicht ignorieren. Immerhin war es verdächtig, dass Wright sich entschieden hatte, Charles‘ Haus zu betreten, statt nach dem Aufenthalt in einer Zelle das Weite zu suchen, so wie er es mehrmals während des Gesprächs in der Polizeikutsche betont hatte. Ganz konnte Charles dabei ebenfalls nicht vergessen, dass Wright irgendwie mit dem Abschaum namens Porter unter einer Decke stecken könnte, der bei dessen Entscheidungswende vielleicht eine große Rolle gespielt haben mochte.
Die Düsternis bemerkend, die ihn an dieser Stelle mit einer wallenden, rauchigen Nebelwand sein Gemüt zu überrollen drohte, versuchte Charles jedoch, sich nichts davon anmerken zu lassen. Nun war nicht die passende Zeit dafür. Diesmal war sein Revolver, seine Beauty geladen. Es war nicht seine Art, rohe Gewalt walten zu lassen. Bedachtes Handeln; erst ein Abwägen und dann, wenn nötig, ein Wagnis, wenn es die Situation erforderte. Wagnisse schlossen jedoch Mord nicht ein. Charles war sich sicher, eine elegantere Lösung zu finden, sollte sich Wright wirklich als Porters Komplize herausstellen. Der erste, furchtbar zerreißende Schock war vorüber – und damit auch der Moment der Machtlosigkeit gegenüber seinem Schmerz. Porter war nun erst einmal außer Reichweite. Aber Drahtzieher und Komplizen würden Charles‘ Rache zu spüren bekommen.
Was Mrs. Thomsons Rolle betraf, war sich Charles ebenfalls unsicher. Sie war in einer abstrusen Situation zu ihnen gestoßen und die Umstände hatten es bisher verhindert, dass Charles sich nochmal in Ruhe mit ihr hatte unterhalten können. Wright hatte das verhindert. Dennoch war die Dame aus freien Stücken zurückgekehrt. Und nun stieg sie aus eigenen Stücken in die Endeavour. Charles interessierte es, zu erfahren, was sie antrieb. Warum war sie hier? Warum vertraute sie ihm überhaupt – wenn sie ihm denn nun, wie sie behauptete, bezüglich seines Flugschiff-Plans vertraute. Mit vollkommener Unskepsis schien sie jedenfalls, wie Charles ihrem Tonfall entnehmen konnte, nicht geschlagen zu sein. Sie hoffte also, dass er sich seiner Sache sicher war…
„Es ist die beste Option, die ich Ihnen bieten kann, Madam“, entgegnete Charles ihr mit diplomatischer Zurückhaltung. Da sie die Hand ignorierte, die er ihr anbot, um ihr an Bord zu helfen, richtete er sich auf, machte ihr Platz, sodass sie an bequem an ihm vorbeikommen konnte.
In diesem Moment meldete Melinda sich zu Wort. Er blickte zu ihr in den dunklen Schiffsgang. Ihre Begeisterung beflügelte ihn ein wenig. Nur zu gern würde er ihrer Aufforderung nachkommen und das Interieur begutachten… Er gierte danach, ähnlich wie Melindas Freude in ihm etwas entfachte… Später. Erst wartete Arbeit auf Charles.
Die Wachen… das Starten des Schiffes… und dann das Auslaufen.
Die Vorfreude war nun wieder stärker als Kummer und Rachegelüste. Melindas Frage danach, wie sie die Endeavour aus der Halle bekommen würden, ließ Charles schmunzeln.
„Durch eine Tür“, entgegnete er amüsiert.
„Aber bitte: Nennen Sie mich ‚Charles‘, meine Liebe“, fügte er dann noch sanft hinzu, bevor er sich etwas lauter an alle wandte:
„Warten Sie hier und vermeiden Sie Licht und Lärm. Der Doktor und ich kümmern uns nun darum, dass wir ungestört starten können.“
Charles kletterte wieder aus dem Schiffsrumpf und stellte die Laterne, die er zuvor unten gelassen hatte, nun auf die Türschwelle der Endeavour, damit die anderen sie im Schiff nutzen konnten, um sich mit der Erkundung desselben besser die Zeit vertreiben zu können.
Nachdem er Mr. Wright noch einen kurzen Blick zugeworfen hatte, bat er Dr. Tremaine, ihm zu folgen.

Es dauerte eine ganze Weile, das Gelände abzugehen und dabei die restlichen Wächter ausfindig zu machen. Charles steuerte in der Dunkelheit zuerst die von das von der Halle abgetrennte Büro an, in dem der Doktor und er aus schon einiger Entfernung Licht ausmachen konnten, nachdem sie wieder nach draußen getreten waren. Der Mann, der sich dort aufhielt und über einer Zeitung versuchte, nicht einzuschlafen, war nicht schwer zu überwältigen, obwohl es zunächst riskant erschien, sich in den Raum und an ihn heranzuschleichen, um ihn dann mit einem in Chloroform getränkten Tuch zu überraschen. Charles schaffte dies jedoch mit ähnlicher Lautlosigkeit und Präzision, wie beim Wachmann auf dem Hof, den Melinda abgelenkt hatte. So außer Gefecht gesetzt, war es Randolph ein Leichtes, mit Morphin für einen längeren Schlummer zu sorgen. Ein dritter Wachmann patrouillierte hinter der Halle. Er umrundete gestapelte, von schweren Planen bedeckte Holzkisten, Seilrollen, Bretter und Balken. Wieder deutete Charles dem Doktor, sich versteckt zu halten, und näherte sich zunächst allein dem ahnungslosen Wächter, der, mit einer Laterne in der Hand, schlurfend einen Fuß vor den anderen setzte. Charles huschte ihm geübt lautlos hinterher und fiel ihm in den Rücken. Es war ein kurzes, kampfloses Aufeinandertreffen, während dem die Laterne klirrend zu Boden fiel und dort ihre Scherben verteilte. Nachdem der Doktor auch diesen Mann in einen tieferen Schlaf geschickt hatte, brachte Charles den Bewusstlosen zu dem anderen ins Büro. Schließlich sollten die Überwältigten es trocken und warm haben, bis sie wieder auf die Beine kamen. Charles wollte ihnen nicht schaden, Geschweige denn sie umbringen, indem er sie einfach liegenließ. Kopfschmerzen und Übelkeit würden sie wohl erleiden müssen, aber keine Unterkühlung mit darauffolgender Lungenentzündung oder dergleichen.

Nachdem der Doktor und Charles sich vergewissert hatten, dass sie alle Wachen erwischt hatten. Machten sie sich wieder auf den Rückweg in die Hallte.
Charles gefiel nicht, was sie gerade hatten tun müssen. Er tat so etwas wirklich nicht gern. Es war ein logischer Schritt gewesen, diese Männer auszuschalten, aber es war nicht so, dass der Pragmatismus hinter dieser Aktion ihn vergessen ließ, dass dies nicht ohne Folgen für die drei Wächter selbst bleiben würde. Es war damit zu rechnen, dass es, neben gesundheitlichen Folgen, auch berufliche Folgen für diese armen Kerle geben könnte.
„Halten Sie sich noch einmal bereit, Doktor“, flüsterte Charles, als sie gerade wieder auf die Tür zur Halle zusteuerten. Er hatte die Entscheidung getroffen, eine Andeutung, die er vorhin in der Halle geäußert hatte, wirklich in die Tat umzusetzen, sollte er sich dazu gezwungen sehen. Und er hatte beschlossen, dies mit der Hilfe Dr. Tremaines zu tun. Dieser hatte sich gerade eben, aber auch gegenüber Mrs. Thomson, als jemand bewiesen, der bereit war, das zu tun, was nötig war, um die Wohlergehen der Gruppe zu gewährleisten.
„Ich bin mir nicht sicher, ob wir Mr. Wright trauen können“, offenbarte Charles, was ihn derzeit beschäftigte.
„Dennoch habe ich ihm versprochen, ihm bei seiner Auswanderung zu helfen. Ich würde ihn deshalb nur ungern hier zurücklassen. Sollte er nun also beschlossen haben, nicht zu kooperieren, müssen wir ihn ebenfalls als Störenfried betrachten, der uns möglicherweise sogar verraten wird, sollten sich unsere Wege zu einem ungünstigen Zeitpunkt trennen.“
„Jedweder potenzielle Störenfried wird so sanft einschlafen, wie der erste.“
„Allerdings denke ich nicht, dass hier eine Spritze notwendig sein wird“, fügte Charles hinzu. „Ein kurzer Schlummer wird genügen. Wenn er sich erst einmal an Bord und in der Luft befindet, wird er sich schon besinnen.“
Charles fischte das Fläschchen Chloroform, das ihm schon gute Dienste geleistet hatte, aus seiner Manteltasche und hielt es Dr. Tremaine entgegen.
„Sie sollten das tun“, erklärte Charles. „Mich wird er genau im Auge behalten.“

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Darnamur am So Nov 06 2016, 00:24

Nicht ohne Anerkennung verfolgte Randolph, wie Charles einen Wachmann nach dem anderen ausschaltete. Das Einzige, was die Kerle wohl noch bemerkten war ein Schatten, der sich plötzlich in ihr Sichtfeld drängte, dann fanden sie sich in Norlys eisernem Griff wieder. Während sich die Leiber noch kurz hin- und her wandten, drang das Chloroform in ihre Lungen vor und erstickte jegliche Lebendigkeit in den Körpern.
Auch wenn Charles Norly nicht der gesuchte Serienmörder Scarface, der Schlächter war, so würde er bestimmt einen passablen Ersatz abgeben mit seinen Fähigkeiten. Randolph verabreichte beiden Bewusstlosen, sowie dem ersten Wachmann, der am Tor überwältigt worden war eine Dosis, die sie für eine Zeit lang sanft träumen lassen würde. Etwas, um das der Doktor sie durchaus ein wenig beneidete.
Im Anschluss machte er sich an der Seite von Norly, dem er immer noch den wahren Mörder seiner Tochter verschwieg, auf den Rückweg. Während der Unternehmung hatten sie kaum miteinander geredet. Heimlichkeit und Konzentration waren gefragt gewesen und Randolph war erleichtert, dass ihm das trotz seines verletzten Beines recht vernünftig gelungen war. Vermutlich hatte er mittlerweile einfach Übung darin.
Als sie gerade nebeneinander durch die Dunkelheit zurück zur Halle marschierten, sprach ihn Charles doch noch an. Randolphs Gesicht drehte sich zur Seite und der Blick seiner grauen Augen kreuzte sich mit dem von Norly. Er lauschte aufmerksam und auch wenn ihm die Botschaft nicht gefiel, musste er zugeben, dass er wohl nicht völlig daneben mit seiner Behauptung lag. Wirklich trauen konnten sie Wright nicht, wobei er persönlich sich bei einer anderen Person, die sich nun der Reise angeschlossen hatte, größere Sorgen machte.
Die Frage war, ob sie Wright dann nicht gleich hier zurücklassen sollten, nach der Betäubung.
Damit wäre er allerdings auch ein gefundenes Fressen für die Polizei.
Randolph nahm das Fläschchen und das zugehörige Tuch entgegen und verstaute Beides sorgsam in seiner Manteltasche. Falten taten sich auf seiner Stirn auf.
„Das wird mit etwas Glück nicht nötig sein“, meinte Randolph mit gesenkter Stimme, während ihre Umgebung sich durch das Licht der Halle bereits aufzuhellen begann. „Ich bin mir sicher, Mr. Wright wird uns begleiten wollen.“
Das hoffte er zumindest stark. Er schätzte den Mann allgemein als recht vernünftig ein und gerade weil dieser Gewaltanwendungen derart missachtete, würde es ihm Leid tun, nun selbst Gewalt gegen ihn anwenden zu müssen. Er kniff sich mit der freien Hand in die Nasenwurzel, um seine Gedanken zu sammeln. Ihm war klar, dass es hier um mehr, als sein moralisches Empfinden ging. Wenn Wright hier zurückblieb, war er ein Risiko. Denn wenn ihm die Reise ins Ausland verweigert blieb würde er vielleicht doch die Polizei informieren und ihnen in den Rücken fallen. Es könnte der Ausweg sein, den er sich erhoffte. Noch steckte er nicht zu tief in der Angelegenheit drin und Hinweise zu Scarface waren in diesen Zeiten Gold wert.
Allerdings hätte Randolph Gilbert geraten diese Entscheidung schon vorher zu treffen. Jetzt war es zu spät dafür.
Man hörte bereits das leise Tocken seines Krückstocks in der Halle, während sie sich noch im Gang befanden. Dann traten sie wieder in den Luftschiffraum, wo sich die Endeavour in ungeminderter Pracht vor Ihnen erstreckte. Gilbert schien noch davor zu stehen und mit sich zu hadern.
Randolph verlor keine Zeit.
„Haben sie Ihre Entscheidung getroffen, Mr. Wright?“, fragte er in sachlichem Tonfall. Er blickte dem Mann in die Augen. „Ich kann Ihnen wirklich nur anraten mitzukommen, wenn sie tatsächlich eine Passage ins Ausland nehmen möchten.“
Anschließend fügte er noch an: „Sollten sie sich über die Sicherheit des Luftschiffes Gedanken machen, so können sich sicher sein, dass Mr. Norly, egal was sie von Ihm halten mögen, nicht lebensmüde ist und auch unser Leben nicht leichtfertig aufs Spiel setzen würde.“
Sein Koffer stand immer noch hier draußen herum. Gut. Bevor er aber seine Materialien darin verstaute, wollte er erstmal Gilberts Reaktion abwarten. Der Doktor hatte sich ein wenig seitlich von ihm platziert, so dass er im Fall der Fälle schnell und sicher zuschlagen konnte.
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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Thorgrimm am Fr Nov 11 2016, 03:50

Gilbert blieb alleine vor dem riesigen Luftschiff zurück. Alleine mit sich und seinen Gedanken, die sich immer wilder um sich selbst drehten. Er hatte in den letzten Tagen einige Entscheidungen treffen müssen und das er nun hier stand und dabei war, mit einem Luftschiff und einer Gruppe Krimineller zu fliehen, bewies nur, dass er sich falsch entschieden hatte. Er wollte sich jetzt nicht wieder falsch entscheiden und ließ sich deshalb viel Zeit. Das konnte ihm keiner nehmen. Doch je mehr Zeit sich der Maler ließ, desto sicherer wurde er sich seiner Entscheidung. Er hatte keine wirkliche Wahl, auch wenn ihm diese Einsicht nicht gefiel, entsprach sie doch der Wahrheit. Blieb er hier, würde er früher oder später von der Polizei gefunden werden. Es gab die geringe Chance, sich sein Leben durch Informationen zu erkaufen aber darauf wollte er sich nicht verlassen. Also blieb ihm nur die Flucht und da er jetzt schon hier war, sollte er diese einmalige Chance auch ergreifen.
Den beiden Männern, die jetzt in der Dunkelheit der Halle verschwanden, hinterherschauend, dachte der Maler noch einmal über das riesige Luftschiff nach. Er bezweifelte nicht, dass es funktionierte und auch nicht, dass Norly dieses Monstrum wirklich steuern konnte. Er bezweifelte, dass die Reise wirklich sicher war. Sein Blick glitt über den Rumpf dieses Wunderwerks der Technik. Niemals würde man das Ding übersehen können. Es war einfach viel zu groß und das bedeutete, dass es Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Es musste nur eine einzige Person die richtigen Schlüsse ziehen und schon steckten sie alle in der Scheiße. Es mussten noch nicht einmal die richtigen Schlüsse gezogen werden. Sobald dieses Monstrum entdeckt wurde, würde sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreiten und der Yard würde Eins und Eins zusammenzählen. Einige Stunden würden sie in London haben, bevor man sie wieder jagen würde. Reichte das, um für weitere Schritte zu sorgen? Gilbert wusste es nicht.
Er richtete seinen Blick auf das Deck des Schiffes, auf dem Ms. Thomson stand. Auch sie hatte sich für diese Sache entschieden. Ihre Unterstützung hatte er also auch verloren. Er war alleine mit seiner Einstellung und würde von niemandem Rückhalt bekommen. War es überhaupt möglich und sinnvoll, sich jetzt noch zu wehren? Selbst wenn er das Fabrikgelände jetzt verlassen würde - Norly und der Doktor waren irgendwo auf dem Gelände und würden ihn vermutlich nicht aufhalten können - wäre er auf sich allein gestellt und er hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Er war Maler und nicht so etwas wie das hier geschaffen. Norly kannte sich aber aus und hatte versprochen, ihm zu helfen. Vielleicht war es also doch besser, nachzugeben. Schließlich kehrte der Doktor aber zurück und erkundigte sich, ob er sich entschieden hatte. Gilbert ließ seinen Blick über den Mann wandern. Zumindest schien das Ausschalten der Wachen nicht blutig und außerdem leise verlaufen zu sein. Ein Lichtblick bei dieser ganzen Sache.
"Ich bin mir sicher, dass das Luftschiff nicht das Problem ist." begann er schließlich. "Ich glaube allerdings nicht, dass wir unentdeckt bleiben werden. Im besten Fall haben wir einige Stunden in London, bevor wir wieder von der Polizei gesucht und verfolgt werden. Das wird für eine sichere Überfahrt ins Ausland sicherlich nicht ausreichen." Er seufzte und strich sich verzweifelnd über die Stirn. "Ich habe in den letzten Tagen viele falsche Entscheidungen getroffen und ich befürchte, dass ich diesen Trend fortsetzen werde, wenn ich mitkomme." Einige Sekunden schwieg der Maler und entgegnete den Blick des Doktors. "Doch ich sehe keine andere Möglichkeit. Mein Leben hat bereits einen Weg eingeschlagen, den ich nicht mehr ändern kann. Vielleicht kann ich das Beste daraus machen, wenn ich mitkomme. Es ist meine einzige Chance auf ein neues, friedliches Leben ohne die Polizei." Es war also entschieden. Gilbert würde mitkommen. Ein letztes Mal atmete der Mann durch, packte dann die Koffer und machte sich an den Aufstieg.

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Leo am Fr Nov 11 2016, 17:22

Maura sah Miss Benton mit hochgezogenen Augenbrauen nach, verkniff es sich aber, die junge Frau auf ein Sie hinzuweisen. So, wie die sprach, kam sie ohnehin aus der Gosse oder sonstwo her; nach Etikette suchte sie da vermutlich vergeblich.
Aber in einem zumindest hatte die Dame recht … der Anblick im Inneren war ähnlich imposant, wie von außen. Maura merkte, wie sie gegen ihren Willen beeindruckt war, und scheuchte diese Empfindung mit einem ärgerlichen Kopfschütteln fort, gefolgt davon, dass sie ihre Hände missmutig in den Manteltaschen versenkte. Trotzdem konnte ein Teil von ihr nicht anders, als dieses technische Wunderwerk staunend wie ein Kind in sich aufzunehmen.
Es war, als liefe sie durch den Traum eines anderen. Mit großen Augen betrachtete Maura all die Apparaturen, Hebel und filigranen Rädchen und konnte sich gerade noch zurückhalten, sie einfach anzufassen; sie warf einen Blick über die Schulter, aber niemand beobachtete sie. Also fuhr sie doch kurz mit dem Zeigefinger über einen messingfarbenen Handgriff, dessen Nutzen ihr wohl verschlossen bleiben würde. Ein Kribbeln durchlief ihre Hand. Schnell zog sie sie wieder zurück, warf vorsichthalber noch einen Blick um sich und ging dann rückwärts aus dem Raum heraus.
Das Luftschiff schien innen noch größer zu sein, als es von außen den Anschein gehabt hatte. Maura ging von Raum zu Raum, doch es kam immer noch ein neuer. Mittlerweile konnte sie ihre Faszination kaum mehr verbergen. Hier und da berührte sie Mobiliar und Außenwände, so vorsichtig, als wären sie aus Glas, so, als traue sie dem Frieden nicht … was im Grunde auch stimmte. Innerlich scholt sie sich, dass sie sich von Norly und seinem Spielzeug derart blenden ließ, aber die Abenteurerin in ihr war nun erwacht und wollte nichts sehnlicher, als mit dieser Monstrosität aus Holz und Seilen abzuheben. Sicher, sie hatte ihren Standpunkt noch nicht verloren: Das hier war eine der bescheuertsten Ideen, die sie je gehört, geschweige denn, bei der sie mitgemacht hatte. Und eigentlich waren bescheuerte Ideen so gar nicht ihr Fall … aber diese hier war einfach faszinierend.
Was nichts daran änderte, dass sie vermutlich vom Himmel geholt werden würden … oder von einem Yard-Begrüßungskomitee am Boden erwartet werden würden. Aber jetzt war es wohl ohnehin, sich noch zu beklagen … Jetzt würde sie keinen Rückzieher mehr machen.
Oh je. Mit diesen Mitreisenden würde das wahrscheinlich eine der längsten Reisen werden, sie sie je gemacht hatte. Sie erinnerte sich noch lebhaft an die Kutschfahrt nach Manchester, als sie gerade geheiratet hatte … damals hatte wenigstens der Schleier ihres Kleides ihr käsiges Gesicht überdeckt. Harold hatte dabeigesessen und sie verliebt angesehen … und sie hatte zurückgelächelt, obwohl sie sich nach der zweiten Stunde am liebsten in seinen Schoß übergeben hätte. Das war eine Zeit gewesen … ihre eigene Jugend schien ihr mit einem Mal so weit weg zu sein. Aber was vorbei war, war vorbei. Und das war gut so … zum ersten Mal seit 15, nein, 20 Jahren fühlte sie sich wieder frei und lebendig. Und wie lebendig! Wenn Harold sie jetzt sehen könnte … ihrem Bruder George, dem Schauspieler, hätte das hier auch gut gefallen. Hm, ob sie ihn wiedersehen würde, in London? Oder ihren älteren Bruder, Edmund? Vielleicht würde ja Zeit für einen Abstecher bleiben, wenn ihnen nicht gerade Scotland Yard im Nacken saß.
Als sie in einem der Räume auf Norlys Butler stieß, verharrte sie im Türrahmen. Oxley … offen gestanden hatte sie den Alten während der letzten Zeit etwas lieber gewonnen, als noch bei ihrem ersten Treffen. Klar, er war ein sturer alter Bock, aber nicht auf den Kopf gefallen. Obendrein schien er einen gewissen Einfluss auf Norly zu haben. Und umgekehrt, natürlich. Sie senkte kurz den Blick, dann trat sie ein. „Mr. Oxley.“ Pause. Sie strich mit der Hand über die Rückenlehne eines Sessels. „Sie sind wohl auch nicht ganz so überzeugt von diesem Unterfangen hier, oder? Kann ich verstehen … mir geht es da wie Ihnen. Manchmal scheint mir Norly regelrecht … kindisch … zusammen mit seinem Stolz und einer Prise Abenteuerlust ist das eine gefährliche Mischung.“ Oh ja, das war es … sie wusste nur zu gut, wovon sie da redete.

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Darnamur am Fr Nov 18 2016, 00:07

Randolph kommentierte Gilberts Worte nicht weiter und beobachtete nur stumm, wie dieser seine Sachen packte und im Luftschiff verschwand. Nachdem der Maler außer Sicht war, gestattete der Doktor es sich, erleichtert auszuatmen. Die Muskulatur seines angespannten Körpers lockerte sich ein wenig. Er fischte das Chloroform wieder aus seinem Mantel hervor, um es an seinen Eigentümer zurück zu geben.
„Helfen Sie mir mit dem Koffer, Mr. Norly?“
Es war Ironie des Schicksals, dass er Norly dessen Notizbuch nun quasi in die Hände drücken würde, aber er sah keine andere Möglichkeit seine Habseligkeiten auf die Endeavour zu bringen. Er war sich nicht mal sicher, ob er es ohne Unterstützung ins Innere schaffen würde. Vermutlich nicht. Aber Norly würde den Koffer bestimmt nicht einfach anrühren. Das hoffte er zumindest.
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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Umbra am So Nov 20 2016, 21:39

Im Bauch des Schiffes ergatterte Maura Oxleys Aufmerksamkeit, der diese gerade noch der Einrichtung der Endeavour gewidmet hatte. Hier, in diesem salonartigen Raum gewährten großzügige Fenster einen großzügigen Ausblick in die tiefe Dunkelheit der Halle – ebenso versprachen sie einen großzügigen Ausblick auf die nächtliche Landschaft, sobald dieses Gefährt tatsächlich die Schwerkraft überwunden haben würde.
Oxley nickte dezent, als er Mauras Worten lauschte, allerdings schien er ihnen nicht ganz zuzustimmen, wie sie an seiner Antwort erkennen konnte:
„Die Vorstellung, mit diesem Ding zu fliegen, beunruhigt mich“, pflichtete er zwar bei, „aber noch eher mache ich mir Sorgen um Mr. Norly. Er braucht mich“, verriet er ihr, davon überzeugt, „deswegen bin ich hier – nicht, weil ich mich um mein Leben fürchte. Angesichts der Umstände wäre diese Furcht naheliegend, doch die Furcht davor, dass er sich noch viel tiefer ins Unglück stürzen könnte, beschäftigt mich gerade mehr als ein mögliches Ableben.“
Dass er unzufrieden mit der Situation zu sein schien, hatte also nicht unbedingt etwas mit dem Flugschiff an sich zu tun. Der Butler pausierte kurz, während sein Blick auf Maura ruhte, als wäre er sich noch nicht ganz sicher, wie er sie einschätzen sollte.
„Dieses Mädchen, das ermordet wurde… es hat ihm außerordentlich viel bedeutet“, fuhr er dann fort. „Dieses Unrecht, als Krönung der Anschläge auf seine Freunde, könnte das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Einen Vertrauten um sich zu haben, wird ihm guttun. Nicht zuletzt, weil ich ihn im Zweifelsfall zur Vernunft bringen werde. Noch sehe ich aber nicht, dass eine Notwendigkeit besteht. Sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen, ist immerhin noch besser, als sich in Gram und Wut zu verkriechen. Träume, wenn sie auch kindisch erscheinen mögen, sollten nicht das Privileg von Kindern sein. Übermut ist seine Art, mit Kummer umzugehen. Nach all der Erniedrigung der letzten Zeit, ist es nur verständlich, dass er Aufmunterung sucht. So freudig wie gerade, als er das Schiff umschwärmt hat, habe ich ihn schon lange nicht mehr erlebt. Lassen Sie ihm diese Ablenkung. Heute hat er sie vielleicht mehr nötig als jemals zuvor.“



Charles ließ sich ein wenig zurückfallen und behielt etwas Abstand, damit Dr. Tremaine sich in Ruhe mit Mr. Wright befassen konnte – allerdings achtete er darauf, in richtigen Moment für eine Ablenkung sorgen zu können, damit der Plan, sollte er sich als erforderliches Übel erweisen, problemlos über die Bühne gehen konnte. Wie es sich herausstellte, bestieg der Maler schließlich jedoch eigenständig das Schiff. Überzeugt, dass sich das drohende Problem damit erledigt hatte, war Charles nicht, aber zumindest blieb ihm in diesem Moment erspart, den bewusstlosen Körper Wrights an Bord bekommen zu müssen. Ein einige Pfund wiegender Koffer, war eine Sache; jedoch ein ausgewachsener Mann, der nicht imstande war, mitzuhelfen…
Als Gilbert gerade die letzten, behelfsmäßigen Stufen des Gerüsts erklomm, begann Charles, sich gemächlich in Richtung des Doktors aufzumachen. Während sich der Chirurg sichtbar ein wenig entspannte, wusste Charles dem Frieden nicht recht zu trauen. Dennoch nahm er ihn hin und konnte sich wieder darauf freuen, Manchester endlich hinter sich zu lassen.
Beim Doktor angekommen, ließ Charles zunächst sein Chloroformfläschchen, das ihm zurückgegeben wurde, wieder in der eigenen Tasche verschwinden, bevor er dem angeschossenen Mann bereitwillig das Gepäck abnahm.
„Danke für Ihre Unterstützung“, erwiderte Charles dabei anerkennend, statt verbal auf das Gepäck einzugehen.
„Ich weiß Ihr Opfer zu schätzen. Kommen Sie, ich gehe Ihnen beim Aufstieg zur Hand.“
Ein gewinnendes Grinsen stahl sich in sein Gesicht.
„Der Himmel ruft nach uns.“
Nachdem Charles das Gepäck des Doktors mit ausreichender Vorsicht, um den Inhalt zu schonen, durch die Eingangstür der Endeavour geschoben hatte, machte er sich auch daran, selbst hinaufzuklettern und auch Dr. Tremaine dabei zu helfen, soweit dieser dies zuließ und es notwendig war.
Im Bauch des Schiffes angekommen, verlor Charles jedoch keine weitere Zeit. Aufgeregt wie ein Kleinkind an Weihnachten und gleichartig mit Ungeduld gepackt, huschte Charles recht elegant, soweit es sein leichtes Humpeln zuließ, durch den Gang, der ihn tiefer ins Innere führte. Weil er nicht widerstehen konnte, war sein erster Halt der Zugang zur spitz zulaufenden, gläsernen Steuerkabine. Es war ein unbeschreibbar erregendes Gefühl, das Schiff das erste Mal in seiner ganzen Pracht bewundern zu können, nicht nur auf Papier oder in schon fertiggestellten Einzelteilen. Dabei war es nicht nur funktional, sondern auch kunstvoll – darauf hatte Charles wertgelegt, aber in Anbetracht der Gäste, für die die Endeavour gebaut worden war, war alles andere als luxuriöse Ausstattung inakzeptabel. Das musste gerade in einem repräsentativen Raum wie der Steuerkabine sichtbar sein. Charles freute sich schon darauf, im Kapitänssitz Platz zu nehmen und das Schiff aus dieser Halle hinauszusteuern. Erst, jedoch, bevor es Sinn machte, die Motoren zu starten und sich mit der Steuerung vertraut zu machen, hielt er es für besser, zu überprüfen, auch mit den Maschinen auch alles in Ordnung war. Deswegen wandte Charles sich vorerst von den Hebeln und Schaltern ab und begab sich in den hinteren Teil des Schiffes, wobei er an den Bar vorbeieilte und auch den Reisesalon durchquerte (im Vorbeigehen ließ er Mantel, Hut, Jackett und auch seinen rechten Handschuh auf einem Sessel zurück), um im dahinter gelegenen Gang die Tür zu finden, die in den Vorraum des Maschinenraums führte. Hier lagerte Werkzeug, aber nicht zuletzt diente diese kleine Kammer auch der Schallisolierung. Wenn die Maschinen erst einmal liefen, waren nicht so laut wie andere, aber auf Reisen wurde so vermieden, dass die Gäste sie überhaupt wahrnahmen.
Charles krempelte sich die Hemdsärmel hoch bevor er alles genau inspizierte, von der Schmierung der Zahnräder, bis zur Befüllung der Zündgasbehälter für den Ofen und die Kohlevorräte. Wie er es beurteilen konnte, war hier hinten alles so, wie es sein sollte. Als er fertig war, waren seine Finger voller Schmiere und Kohlestaub, allerdings wurde er das meiste davon mit einem Lappen los, der zwischen den Werkzeugen herumlag. Hätte er nun Zeit dafür, hätte er sich mehr Mühe gegeben, seine Finger zu säubern und vielleicht dafür das Bad aufgesucht, das die Architekten der Endeavour tatsächlich nicht vergessen hatten, aber er eilte stattdessen lieber wieder zurück zum Bug, um herauszufinden, wie man das Mädchen nun dazu brachte, in die Lüfte zu erheben. Tatsächlich brauchte Charles einen Moment und probierte ein bisschen herum, bis er schlussendlich den richtigen Hebel für die Zündung der Motoren fand. Nicht alle waren beschriftet, aber Charles war sehr zuversichtlich, immer dann den passenden zu finden, wenn er ihn benötigen würde. Wieder huschte Charles an seinen Passagieren vorbei, um im Motorraum nach dem Rechten zu sehen… Die rotglühende Hitze, die ihm dort bereits entgegenströmte, war so vielversprechend wie das Dröhnen der Maschinen. Nun hieß es, zu warten, bis der Ballon der Endeavour sich mit heißer Luft gefüllt hatte.
Charles kehrte in den Salon zurück (etwas langsamer, diesmal, er wollte vermeiden, zu sehr ins Schwitzen zu kommen), und leitete das Verstauen des Gepäcks in die Wege. Tatsächlich befand sich unter jedem Sitz in dem metallenen Raum, in dem auch die Bar untergebracht worden war, ein geräumiges Schubfach, in dem man selbst einen riesigen Reisekoffer hätte verstauen können. Charles suchte sich einen Sitz aus, unter dem er sein Gepäck unterbrachte, bevor er den anderen zur Hand ging und ihnen anschließend zeigte, dass an den Sitzen Gurte angebracht waren, mit denen man sich selbst dort festschnallen konnte, wenn man es für nötig hielt.
„Das Abheben könnte etwas holprig werden“, kommentierte Charles seinen Hinweis darauf, „aber ich vermute nicht, dass Sie den Gurt wirklich brauchen werden. Setzen Sie sich, wenn wir starten, und halten Sie sich irgendwo fest, das sollte eigentlich genügen. Wenn Sie sich aber unsicher sind, greifen Sie ruhig zu den Gurten. Vorn beim Steuer sind übrigens auch noch Sitze mit Gurten, wenn Sie eine bessere Aussicht beim Start wünschen.“
Danach fehlte vorbereitend eigentlich nur noch, für einen Weg aus der Halle zu sorgen. Charles hatte, auf Melindas Frage hin, zuvor eine Tür erwähnt, aber diese musste noch geöffnet werden. Er entschuldigte sich kurz und setzte, vielleicht das letzte Mal überhaupt, einen Fuß auf Manchester Boden. Im inneren Zwiespalt, ob er sich darüber freuen sollte oder nicht, durchquerte Charles die dunkle Lagerhalle, in der inzwischen kratziger Rauch in der Luft schwelte. Es war höchste Zeit, für Frischluft zu sorgen. Unter anderen Umständen hätte Charles den Ausgang vor dem Zünden der Motoren geöffnet, aber die andere Reihenfolge verminderte das Risiko, entdeckt zu werden.
Er fand die Kurbel, mit der man das Tor öffnen konnte, in einer dunklen Ecke an der Außenwand der Halle, nahe der Tür, durch die sie sich Zugang verschafft hatte. Zum Glück war diese Kurbel mit einem speziell gefertigten, mehrere, aneinandergereihte Flaschenzüge erinnerndes Seilsystem verbunden, sodass Charles kaum Kraft aufwenden musste, um mehrere Tonnen Holz und Metall in Bewegung zu setzen. Leises Rattern, das durch das weitläufige Gebäude hallte, verriet, das sich irgendwo etwas tat, und nur wenige Sekunden, nachdem Charles begonnen hatte, die Kurbel zu drehen, wurde die Halle plötzlich in fahles Nachtlicht getaucht, das zunahm und zunahm, je breiter der Spalt wurde, der sich im Dach über der Endeavour auftat, und nun ihr wahres Ausmaß enthüllte, das vorher in der Finsternis verborgen geblieben war – zumindest Charles konnte sie von seiner Position aus in ihrer vollen Größe bewundern. Nun schälten sich auch ihre beiden Schwesternschiffe, ebenso groß und prachtvoll, aus der Dunkelheit. Während Charles kurbelte, bis das Tor im Dach vollkommen geöffnet war, wurde der Ballon seiner persönlichen Königin der Lüfte immer praller.
Vorausschauend, damit sie nicht unkontrolliert hüpfte, während sie begann, die Schwerkraft langsam zu überwinden, war sie am Gerüst, das sie hielt, mit schweren Metallkrallen fixiert.
Metallkrallen, die Charles per Schalthebel lösen musste, nachdem er ins Schiff zurückgekehrt war und die Druckanzeige im Schalttisch des Kapitäns bestätigt hatte, dass der Ballon vollen Auftrieb hatte.
Mit einem breiten Grinsen nahm Charles auf dem Kapitänssessel platz, so feierlich, als wäre es Thron. Bequem war das weinrot gepolsterte, schlanke Möbelstück, das sich auf einem messingglänzendem Podest, umgeben von der zentralen Schaltkonsole, befand, allemal. Charles schlüpfte mit den Schuhen in die Halteschlaufen der Fußpedale und zog das Steuerrad, das sich auf einem, ebenfalls mit Schaltern übersäten Schwenkarmkontrukt befand, auf sich zu, bis dieses an den Enden seiner Armlehnen klickend einrastete.
Dann nahm er den kleinen Schalter, der umgeben war von einem rotgemalten Kreis und beschriftet mit dem simplen, schnörkelig eingravierten Wörtchen „Hooks“ zwischen die Fingerspitzen. Der Zeiger der Druckanzeige zitterte im oberen Bereich der Skala.
„Festhalten!“
Ein starker Ruck durchfuhr alle Passagiere, eingeschlossen Captain Norly auf seinem Sessel in der Steuerkabine, als die Endeavour augenblicklich in die Höhe schoss, mit einem Tempo, das eher den Eindruck machte, als sei der Schiffsrumpf ein Kiesel, der die Schleuder eines Straßenbengels verließ… aber zum Glück rasten sie kerzengerade gen Himmel, sodass ein Zusammenprall mit dem Hallendach ausblieb. Die Lichter Manchesters rauschten auf der anderen Seite der Fenster unscharf vorbei, zumindest im ersten Moment, bevor das Schiff Abstand zu ihnen gewann und sie ein Lichtermeer unter ihnen wurden, von dem sie sich immer mehr entfernten.
Zunächst fehlte es Charles an Luft; er war etwas hart gegen das Steuerrad geprallt, das in diesem Moment allerdings dafür gesorgt hatte, dass er im Sessel geblieben war.
Sobald er aber wieder Atem fand, jauchzte er laut vor Glück und lachte. Es funktionierte tatsächlich! Auch wenn der wachsende Druck auf den Ohren und in der Kehle etwas unangenehm war…[1]

Erst den Text lesen:

[1]Jeder, der steht, würfelt bitte Athletik gegen +3; jeder, der sitzt und sich nicht angeschnallt hat, würfelt bitte Athletik gegen +2. Solltet ihr das nicht schaffen: Ihr könnt davon ausgehen, unsanft aus den Sitzen geschleudert zu werden bzw. dass ihr fallt und ihr eine hohe Anziehungskraft zum Boden fühlt (1W4 körperliche Belastungspunkte Schaden). Wer sich angeschnallt hat, bleibt in seinem Sitz sitzen, wird aber unangenehm erst gegen die Gurte (2 körperliche Belastungspunkte Schaden) und dann in den Sitz gedrückt.  :mrc:

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Thorgrimm am Fr Nov 25 2016, 04:20

Ein letztes Mal atmete Gilbert tief durch, bevor er die Treppen des Gerüstes hochstieg und somit das Luftschiff betrat. Vielleicht war dies das letzte Mal, dass er Manchester sah. Es konnte vieles geschehen, dass ihn daran hindern würde, hierher zurückzukehren. Nicht das er das unbedingt wollte. Es waren zum Großteil schlechte Erinnerungen, die er mit dieser Stadt verband - schon früher hatte ihn sein Vater stets zu irgendwelchen Geschäftstreffen hierher geschleppt. Ob Gilbert das gewollt hatte oder nicht, war egal gewesen. Dazu kam jetzt natürlich noch diese ganze Sache mit Norly. Trotzdem war es ein schmerzhafter Abschied von der Stadt. Vielleicht lag es nur daran, dass er nicht sicher war, diese Reise oder die folgenden Tage danach, zu überleben. Gil hatte viele Probleme in seinem Leben und wenn es ganz bergab mit ihm ging, dann war er bereit, freiwillig Abschied von dieser Welt zu nehmen aber auch wenn die Situation, in der er sich befand, viel besser sein konnte, wollte er jetzt nicht abtreten. Er hing an seinem Leben. Zumindest im Moment.
Doch er hatte eine Entscheidung getroffen, die er jetzt nicht mehr zurücknehmen wollte. Er war sich zwar immer noch nicht sicher, ob diese Entscheidung eine gute gewesen war aber jetzt einen weiteren Rückzieher zu machen, würde er sich nicht erlauben. Selbst wenn er in ein paar Minuten sterben würde, dann hatte er vor seinem Tod zumindest noch dieses Meisterwerk nicht nur betrachten, sondern auch damit fliegen können. Ein wirklich einmaliges Erlebnis - egal wie es nun ausgehen würde. Ehrfürchtig betrat er schließlich den Bauch des Schiffes und stellte seine beiden Koffer erst einmal neben sich ab, während er die Einrichtung genauer in Augenschein nahm. Norly eilte bereits wie verrückt umher und schien seinen Spaß zu haben. Schön für ihn. Wenigstens einer, der dieser Situation so viele positive Aspekte entnehmen konnte. Nach einem kurzen Rundumblick entschied Gilbert, dass es sich hier gut aushalten lassen würde. Sogar eine Bar war eingebaut worden. Die Bauart, die Möbel und restliche Einrichtung konnte man nur als luxuriös beschreiben. Etwas, dass er in der Vergangenheit schon öfter hatte sehen und nutzen dürfen aber in den letzten Jahren zu einer Seltenheit geworden war. Trotz allem fühlte er sich hier nicht fehl am Platz.
So schlenderte er erst zur Bar, nur um kurz darauf wieder mitansehen zu müssen, wie Norly durch den Raum huschte. Den Vorschlag, sich zu setzen und festzuhalten hielt der Maler für sinnvoll. Hinter diesem Gefährt musste einiges an Kraft stecken, um es in die Höhen zu katapultieren. Gilbert wollte wirklich nicht durch die Gegend geschleudert werden, wenn das Monstrum abhob. Vielleicht war es sogar besser, sich anzuschnallen, auch wenn das laut Norly nicht notwendig war. Zwar vertraute er darauf, dass die Endeavour funktionierte aber er wollte trotzdem sicher gehen. Lieber einmal zuviel den Gurt genutzt, als einmal zu wenig. Er verzichtete darauf, sich zu Norly zu setzen und blieb lieber wo er war. Er war schon bereit gewesen, mit diesem Ding zu fliegen aber das hieß nicht, dass er sich das auch ansehen wollte. Es genügte ihm schon, überhaupt im Inneren sitzen zu müssen. Wenn er dabei nach draußen sah, würde er sich vielleicht übergeben müssen oder einen Anfall kriegen. Darauf konnte er verzichten.
Noch ein paar Mal huschte Norly durch die Gegend und verließ sogar das Schiff. Gilbert nutzte die Zeit, um sein Gepäck zu sichern - vor allem dem Aktenkoffer mit den Medikamenten durfte nichts geschehen - sich anzuschnallen und festzuhalten. Dann war es soweit. Mit einem Ruck startete die Endevour in den Himmel Manchesters. Gilbert wurde schmerzhaft zuerst in die Gurte geworfen und dann zurück in den Sessel gedrückt. Er schloss die Augen. Zufällig aus dem Fenster sehen zu müssen war das Letzte, dass er jetzt wollte. Vielleicht wenn sie ruhig flogen und nicht mehr aufstiegen aber nicht jetzt. Norly lachte. Gilbert war momentan überhaupt nicht zu Lachen zumute. Ihm schmerzte der Brustkorb und langsam begann sich außerdem Übelkeit in ihm auszubreiten - von dem Druck auf den Ohren gar nicht zu sprechen. Der Maler verzog das Gesicht, hielt die Augen geschlossen und konzentrierte sich für den Moment darauf, sich nicht zu übergeben.

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Darnamur am Sa Nov 26 2016, 11:43

Ich weiß Ihr Opfer zu schätzen…
Er sah das Lächeln in Charles‘ Gesicht funkeln. Dem Doktor war nicht wohl zumute. Mr. Norly hatte ihm bisher nicht übermäßiges Vertrauen entgegen gebracht. In der Norman Mill hatte er ihn vor Bowen und seiner Frau bloß gestellt. Randolph beobachtete, wie Charles den Koffer davontrug. Jetzt wurde ihm Vertrauen entgegen gebracht, aber er war nicht glücklich darüber. Vielleicht weil er es nicht verdient hatte. Er hatte nicht nur dieses Buch gestohlen und es Jack Crowne ausgehändigt, einer Person, bei der noch unsicher war, ob sie tatsächlich Vertrauen verdiente, aber vor allem verschwieg er Norly die Mörderin seiner Tochter.
Er stand hinter beiden Entscheidungen, aber gut fühlte er sich nicht.
Immerhin schien Charles seine Trauerphase vorerst hinter sich gelassen zu haben. Er wirkte froh in diesem Moment, vielleicht übermannt von der Freude das Luftschiff zu starten. Randolph musste zugeben, dass er auch sehr gespannt auf diesen Flug war. Auf das Gefühl durch die Lüfte zu gleiten, wie es vermutlich noch wenige Menschen jemals erleben durften. Aber wäre es Melinda gewesen, die gestorben wäre, wäre er zu solcher Freude nicht fähig gewesen. Natürlich kannte er sie weit länger, Charles‘ hatte seine Tochter laut eigener Angabe ja gerade erst kennengelernt. Er ließ sich ins Innere helfen und nahm mit einem Ich danke Ihnen seinen Koffer wieder an sich. Er würde sich damit nach vorne ins Cockpit begeben.
Der Gedanke an Melly stimmte ihn immer noch düster. Er wollte ihr helfen, aber das letzte Gespräch mit ihr hatte ihm nicht viel Hoffnung gegeben. Und er konnte nicht immer in ihrer Nähe sein. Dazu war er gar nicht fähig. Wenn sie wieder etwas dergleichen tat…
Ich weiß nicht, ob ich es schaffen würde. Ich will gar nicht darüber nachdenken.
Er schleppte sich durch die unterschiedlichen Räume, die allesamt sehr stilvoll und nobel eingerichtet waren. Hier drinnen sah es vermutlich luxuriöser aus, als in sämtlichen Häusern, die er je betreten hatte, wenn er mal darüber nachdachte. Aber er bemühte sich mit seinem Krückstock und Koffer in den vorderen Bereich vorzustoßen, wo er sich dann endlich wieder hinsetzen konnte. Leider befanden sich hier vorne keine Staufächer, sodass er den Koffer auf den Schoß nahm, nachdem er sich niedergelassen hatte. Er würde ihm schon nicht wegfliegen, wenn er sich vernünftig festhielt, wie Norly es vorgeschlagen hatte. Dieser hatte sich etwas seitwärts von ihm in den Pilotensessel gezwängt. Randolphs graue Augen blickten durch die Frontscheibe.
Mit Getöse erwachte die Maschine zum Leben. Sofort bemerkte, wie der Druck an seinen Ohren anstieg. Er krallte sich mit der freien, bleichen Arm im Sitzleder fest. Mit dem anderen umschloss er seinen Arztkoffer. Er bemerkte nun doch, dass er ein wenig nervös war. Dieses Vorhaben war auf jeden Fall zu einem gewissen Grad waghalsig. Er hoffte einfach nur, dass Norly wusste, was er tat…wie er es zu Wright gesagt hatte. Ging diese Angelegenheit schief, dann hatte er auch ihn mit in den Tod gerissen.
Dann hob die Endeavour ab. Randolph hatte sich auf einen Ruck eingestellt und sich festgehalten. Aber auf das, was auf ihn zukam, war er nicht vorbereitet. Der Schlag war so heftig, dass er einfach aus dem Sitz gerissen wurde. Verzweifelt versuchte mit den Beinen Boden zu fassen, seinen malädierten, geschredderten Beinen, doch er taumelte nur durch die Luft und sah die Glasfront vor sich. Mit einem Krachen schlug sein Kopf mitten dagegen und brüllende Wellen aus Schmerzen durchdrangen den Schädelknochen. Sein Körper klatschte machtlos gegen die Scheibe und der Koffer, den er immer noch umklammert hielt, nun aber mit einem keuchenden Aufschrei losließ, bohrte sich in seine Rippen. Scheiße.
Er sackte zusammen, sein durchschossenes Bein kippte unter ihm weg. Dieser Fall war leichter, aber der Schaden war bereits angerichtet. Randolph konnte nicht klar denken. Alles bestand nur noch aus Schmerz. Sein Schädel, sein Brustkorb, sein Bein. Er krümmte sich am Boden. Über den Druck in seinen Ohren meinte er, wie aus weiter Entfernung, Norlys Lachen zu hören.
Arschloch. Dreckiges Arschloch. Bastard. Das waren die einzigen, schwachen Gedanken, zu denen er fähig war, während er leise keuchend die Wände des Raumes vor sich schwanken sah. Sein Arm presste sich in seine Seite, um den Schmerz zu dämpfen. Als er versuchte sein Bein zu bewegen, erinnerte ihn sein Unterschenkel mit einer Tirade aus Pein daran, dass das keine gute Idee war. So hatte er sich das mit dem Fliegen nicht vorgestellt, in der Tat. Der zynische Gedanke hätte ihn vielleicht sogar etwas aufgemuntert, wenn er sich nicht fühlen würde, als wäre nahezu jeder Teil seines Körpers brutal mit einem Hammer malträtiert worden. Leise schnaufend versuchte der Doktor wieder an Fassung zu gewinnen und biss die Zähne zusammen.
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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Elli am Mo Nov 28 2016, 16:28

Melinda war aufgeregt, die Sache mit dem Luftschiff gefiel ihr ausgesprochen gut. Besonders, da das bedeutete, endlich wieder nach London zu kommen.
Sollten wir nicht vom Himmel geholt werden. Ich finde das keine gute Idee. Aber ich werde ja nicht gefragt!
Doch die junge Hure war viel zu aufgeregt um sich darum zu kümmern. Ebenso wenig kümmerte sie sich darum, dass Charles sagte, man sollte sich hinsetzten. Das führte auch dazu, dass als der besagte Ruck, der wesentlich mehr als ein Ruck war, sie mehr als unsanft auf den Boden riss. Sie schlug mit dem Oberkörper hart auf dem Boden des Luftschiffes auf, was dazu führte, dass sie stoßartig all den Sauerstoff in ihren Lungen herauspresste. Schmerzen durchfuhren ihren leid geprüften Körper. Krampfartig zog sie wieder Luft in ihre Lungen.
"Scheiße." presste sie hervor, bevor sie sich auf den Rücken rollte und langsam in eine sitzende Position schob. Ihre Rippen schmerzten bestialisch, bei jedem Atemzug. Wirklich großartig. Als ob sie nicht schon genug Ärger damit hätte, Luft zu bekommen. Beschissene Fabrik damals.

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Leo am Mo Nov 28 2016, 19:18

Ein Mädchen … mit mir hat er natürlich nicht darüber geredet, aber ich dachte mir, dass etwas Ernstes passiert sein musste, als er plötzlich aus diesem Raum gestürmt kam. Der Doktor hat ihn wohl davon unterrichtet …“ Er sprach von Träumen … Maura musste unwillkürlich an ihr eigenes bisheriges Leben zurückdenken. Während ihrer Ehe hatte es keinen Platz für Träume gewesen … aber welche hatte sie jetzt? Den Traum nach Abenteuern, nach einem wilden, spannenden Leben?
Norly kam ihr dazwischen. Hinsetzen sollten sie sich … Maura dachte mit unwohlem Gefühl im Bauch an das Abheben dieses Monstrums. Es war doch völlig wahnsinnig! Wie sollten sie es mit diesem … Ding ungesehen nach London schaffen?! Aber jetzt war es zu spät, sie war an Bord, und die Verlockung war so groß, dass sie nicht anders konnte, als Norly nach vorn zu folgen. Mit Abstand, natürlich. Aber diese Aussicht wollte sie sich nun doch nicht entgehen lassen.
Norly benahm sich tatsächlich kindisch. Er erinnerte Maura an ihren Neffen, Edmunds Sohn, dessen Namen sie immer wieder vergaß. Wann hatte sie ihn zum letzten Mal gesehen? Irgendeine Weihnachtsfeier musste das gewesen sein … Der Arzt war auch da, saß mager und bleich auf einem der Sitze, seinen Koffer zwischen den Knien. Maura gab sich Mühe, den Mann nicht anzustarren, zumindest nicht so, dass er es nicht merkte. Irgendwie erinnerte der Typ sie an eine lebendige Leiche … so wie die, über die sie mal geschrieben hatte, in einem ihrer Romane, nur mit Anzug. Dort hatte die Leiche allerdings einen Mann halb verspeist … was man von Dr. Benton nicht behaupten konnte, hoffentlich.
Woher kamen wohl diese Sorgenfalten? Der arme Kerl war doch höchstens 35 Jahre alt. Jünger als sie … in letzter Zeit schien die ganze Welt jünger als sie geworden zu sein. Fast so, als hätte sie die letzten 20 Jahre Dornröschenschlaf gehalten, nur, um sich jetzt verwundert umzusehen.
Skeptisch betrachtete sie Norlys Finger, wie sie über all die Hebel tanzten, als hätten sie ihr Lebtag lang nichts anderes gemacht, während sie sich langsam in einem der hintersten Sitze gleiten ließ. Zwar sah man momentan noch nicht viel – natürlich nicht, denn sie befanden sich noch immer in der Fabrikhalle – aber das hinderte Maura nicht daran, aufgeregt zu sein. Und sich dafür zu verfluchen. Ungeduldig rieb sie ihre Hände aneinander, sah nach links, rechts und oben, überkreuzte die Beine und ließ sie gleich darauf wieder hängen. Wann ging es los?
Und dann ging es los. Der Ruck, der durch das Schiff ging, traf sie völlig unvorbereitet, wie auch Dr. Benton schräg vor ihr. Sie sah, wie der bedauernswerte Mann aus dem Sitz gerissen wurde, dann verlor auch sie selbst den Halt, stürzte mit einem Schrei nach vorn und wurde von der Rückenlehne eines anderen Sitzes aufgehalten – wenn auch nicht genug, denn sie prallte auf Hüfthöhe dagegen, geriet aus dem Gleichgewicht und stürzte einfach darüber, ähnlich einem Fahrradunfall, bei dem man geradewegs über den Lenker geschleudert wird.
Es fühlte sich an, als hätte der Boden sie mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. „Verfluchte Sch-“ Sie konnte sich gerade noch bremsen, als sie sich der Anwesenheit der beiden Männer wieder gewahr wurde. Der Schmerz fuhr ihr durchs Gesicht und betäubte es noch Sekunden nach dem Sturz, während denen sie ihren Oberkörper aufrichtete und sich matt gegen den Sitz in ihrem Rücken lehnte. Sie führte die linke Hand an die Nase, und als sie sie betrachtete, bemerkte sie einen roten Schleier am Zeigefinger. Nasenbluten … nicht viel, vermutlich würde es gleich wieder aufhören. Dennoch – so hatte sie sich den Start des Luftschiffes nicht vorgestellt!
Sie überlegte, ob sie Norly zur Rede stellen sollte, ließ es dann jedoch sein und zog sich ein Stück zur Seite, wo der arme Doktor mit seinem ramponierten Bein lag. Maura verzog ein wenig die Lippen, als sie daran dachte, worüber sie sich eigentlich beklagte – Benton spürte wahrscheinlich gerade das Zehnfache ihrer Schmerzen. „Alles in-“ Nein, dumme Frage. „Brauchen Sie Hilfe, Doktor?“ Sie fragte das nicht unbedingt, weil sie den Typen so gernhatte … doch hätte sie es nicht gefragt, hätte man es ihr leicht zum Vorwurf machen können. Und schließlich wollte sie ja einen guten Eindruck machen.

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Umbra am Di Nov 29 2016, 22:03

Die erste Euphorie ebbte langsam ab, sodass Charles sich immer mehr dem Druck auf seinen Ohren bewusstwurde. Er spürte die Trägheit seines Körpers, der von der Schwerkraft, aber auch von der Beschleunigung in den Sitz gedrückt wurde. Die Endeavour war schnell – sehr schnell. Im Prinzip konnte man ihr Verhalten mit einem luftgefüllten Ball vergleichen, den man unter Wasser fixiert und dann auf freigelassen hatte. Die heiße Luft im Ballon hatte sie alle gen Himmel katapultiert. Charles hatte das auf diese Weise nicht beabsichtigt. Eigentlich hatte er etwas sanfter abheben wollen. Dies hier war ein unglaubliches, unvergessliches, adrenalingeladenes Erlebnis. Jedoch langsam… langsam reichte es. Sein Lachen erstarb.
Erregt atmend, suchte Charles den Hebel, mit der sich die Geschwindigkeit des Steig- oder Sinkflugs einstellen konnte. Das Prinzip dahinter war ein durchdachtes System von Ventilen im Ballon, die sich über diesen Hebel öffnen und schließen ließen. Je weniger Luft entweichen konnte, desto mehr Auftrieb hatte das Schiff. Entwich genug heiße Luft, so sank es. Dabei bestimmte die Position des Hebels, wie viele Klappen gleichzeitig in geöffneter Position standen. Zum Aufheizen des Ballons waren sie natürlich alle geschlossen gewesen… Daher dürften die Passagiere der Endeavour gerade die maximale Steiggeschwindigkeit erlebt haben.
Charles ertastete den gesuchten Hebel rechts neben sich und zog ihn behutsam an. Sofort spürte er, wie der Aufstieg sich verlangsamte. Er reduzierte die Geschwindigkeit auf ein, wie er fand, erträgliches Maß.
Noch immer stand ihm ein Grinsen im Gesicht, so überwältigt war er noch von den vergangenen Sekunden.
„Pfuh…“, entschlüpfte Charles mit rasendem Herz und schwerem Atem. Was ein Erlebnis!
„Sie hat ordentlich Kraft.“
Dann allerdings, wurde er sich langsam all dem gewahr, was seine Euphorie ausgeblendet hatte, als hätte er Scheuklappen und Ohrenschoner getragen: Er bemerkte, dass die anderen nicht auf ihren Plätzen geblieben waren, so wie er.
„Geht es… geht es Ihnen gut?“, erkundigte Charles sich hastig, plötzlich alles andere als freudig, während er sich beeilte, das eingerastete Steuerrad von seinem Schoß zu entfernen.
„Ich sagte doch, Sie sollen sich festhalten“, fügte er, leicht vorwurfsvoll hinzu, auch wenn die Sorge in seinem Tonfall überwog, als er aus dem Kapitänssitz herausstolperte und zu Melinda eilte, die mit schmerzverzerrtem Gesicht auf den polierten Planken saß.
„Melinda…“, hauchte er, als er sich vor sie hockte, davon erschrocken, dass sie gefallen war – natürlich hatte er es nicht beabsichtigt ihr Schaden zuzufügen (den anderen natürlich auch nicht, aber seine Hauptsorge betraf Melinda). Sein Blick huschte kurz über ihren Körper, bevor er zu ihren Augen zurückkehrte. Es freute ihn, dass sie die Kette trug, die er ihr geschenkt hatte, aber das war nun hintergründig.
„Haben Sie sich verletzt?“, erkundigte Charles sich und bot ihr seine Hand, um ihr aufzuhelfen.
Kurz warf er einen Seitenblick zu Mrs. Thomson und Dr. Tremaine, behielt seine Aufmerksamkeit dann jedoch bei Melinda.
„Vielleicht hätte ich bereits vor dem Enthaken die oberen Höhenkontrollventile etwas regulieren sollen“, vermutete er, seinen Fehler erkannt zu haben.
„Aber mit dieser hohen Geschwindigkeit habe selbst ich nicht gerechnet. Bitte verzeihen Sie, das ist auch für mich das erste Mal.“
Inzwischen stiegen sie sanft und kaum, dass der innere Gleichgewichtssinn es merkte. Nur ein Blick nach draußen verriet, dass Dinge am Boden langsam kleiner wurden.
„Nun“, meinte er dann und lächelte Melinda dabei sanft an, „wenigstens einen schnellen Start haben wir so wunderbar geschafft.“

Neben Gilbert, nicht unmittelbar sichtbar für diejenigen, die sich in der Steuerkabine aufhielten, hatte Oxley den Start ähnlich erlebt wie der Maler. Ein Klicken ertönte, das ebenso klang wie das Klicken beim Einrasten der Gurtschnallen wenige Augenblicke zuvor. Der Butler nutzte die Gelegenheit, dass er nun nicht mehr in seinen Sitz gedrückt wurde, dafür, mit käsiger Gesichtsfarbe und etwas taumelnd, in den hinteren Teil des Schiffes zu stürzen, wo sich eine Toilettenkabine befand.

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Darnamur am Sa Dez 03 2016, 19:36

Ich sagte doch, Sie sollen sich festhalten, tönte es im Hintergrund.
Durch sein leicht vernebeltes Sichtfeld begann Randolph eine Gestalt auszumachen, die auf ihn zusteuerte. Für einen kurzen Augenblick meinte er sich wieder in Charles‘ Haus in Manchester wiederzufinden und die massige Gestalt des Iren über sich zu erblicken.
Wollt Ihr gleich eine auf's Maul oder soll ich Euch in einer Minute jeden Zahn einzeln ausschlagen?
Aber es war Maura Thomson, die ältere Frau aus der Lagerhalle, die sich aus den flimmernden Schleiern schälte. Sämtliche Abneigung die er sonst vielleicht gegen die Frau empfunden hätte, war für den Doktor in diesem Augenblick nebensächlich. Er war sogar ein wenig froh ihr Gesicht zu sehen. Mit seiner knorrigen, bleichen Hand nahm er ihr Angebot an und ließ sich auf die Beine helfen. Das Luftschiff ruckelte nun bei Weitem nicht mehr so stark wie noch zuvor, sodass er sich entkräftet gegen die Glasfassade in seinem Rücken lehnen konnte. Er vertraute in diesem Augenblick einfach darauf, dass sie stabil genug konstruiert worden war.
Angespannt presste er Daumen und Zeigefinger gegen Augenlider und Nasenwurzel, damit sich seine Sicht und sein Verstand wieder ein wenig klärten. Dann blickte er auf und musterte die Frau, die ihm geholfen hatte: „Ich danke Ihnen…vielen Dank.“
Die grauen Augen des Doktors lösten sich einen Moment lang von ihr und überflogen den Raum. Charles kniete neben Melinda, die am Boden sah. Der Anblick versetzte ihm einen kleinen Stich ins Herz. Aber auf den ersten Blick wirkten alle halbwegs in Ordnung. Nur bei Wright und Oxley, die sich weiter hinten im Schiff befanden, war es schwierig zu sagen. Er sollte wohl nachfragen, ob jemand ärztliche Hilfe brauchte.
Randolph Schädel pochte vor Schmerz und sein Bein fühlte sich an wie ein glühendes Eisen, dass auf einem Amboss bearbeitet wurde. Keuchend versuchte er zurück zu seinem Sitz zu humpen, um sich dort niederzulassen. Seinen Stock hatte er genau wie den Koffer fallen gelassen, aber er schaffte es dennoch. Sein verletztes Bein brüllte bei den Schritten wild auf und bei jedem Auftreten zuckte Randolphs Gesicht kurzzeitig zusammen.
Doch endlich konnte er sich auf das Polster setzen.
Der Doktor begann leise durchzuatmen.


Zuletzt von Darnamur am Di Dez 06 2016, 09:55 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Thorgrimm am Mo Dez 05 2016, 03:43

Noch immer darauf konzentriert, sich den veränderten Umständen anzupassen und sich dabei nicht zu übergeben, blieb Gilbert weiterhin sitzen. Fast traute er sich nicht, die Augen zu öffnen - aus Angst, er könnte doch noch irgendetwas sehen, das ihm den Magen umdrehte. Nachdem er und sein Magen sich einige Sekunden lang beruhigt hatten, öffnete er dann doch wieder die Augen und sah sich auf dem Luftschiff um. Offensichtlich waren nicht alle Norlys Bitte nachgekommen. Dem Doktor und seiner Frau wurde gerade aufgeholfen - nur von Oxley war nichts zu sehen. Dafür hatte er aber gehört, dass sich der alte Mann wohl zurückgezogen hatte. Fast wäre es Gilbert auch so ergangen. Er war froh, dass er dieses einmalige Erlebnis in Zukunft nicht jedes Mal mit Kotzen in Verbindung bringen musste.
Der Aufstieg hatte sich merklich verlangsamt, wofür der Maler wirklich dankbar war. Fast konnte man es jetzt hier aushalten. Trotzdem hoffte er, dass ihre Reise nach London schnell verlaufen würde. Gilbert wagte es, den Gurt zu lösen und noch einmal tief durchzuatmen. Erst dann stand er mit zittrigen Beinen auf und hielt sich an der Wand der Kabine fest, bis er nicht mehr drohte, umzufallen. Oxley zu fragen, wie es ihm ging, war wohl überflüssig. Den anderen wurde bereits geholfen.
So entschied er sich kurzerhand, der Bar einen Besuch abzustatten. Einen Schluck zu trinken, würde das Gemüt beruhigen. Außerdem gab es doch, bei diesem zwar holprigen aber durchaus erfolgreichen Start, einiges zu feiern. Es hatte sich bisher weder jemand ernsthaft verletzt, noch waren sie abgestürzt oder in Flammen aufgegangen. Alles in allem hatte Norly sein Wort gehalten. Da sich Gilbert aber immer noch nicht sicher war, ob sie auch London erreichen würden und dort problemlos ihren Plan durchsetzen konnten, war das hier vielleicht eine der letzten Möglichkeiten, etwas zu trinken.
Er griff also nach einem Glas, nur um kurz daraufhin festzustellen, dass die Bar noch gar nicht ausgestattet worden war. Er seufzte tief bei der Erkenntnis, dass er noch einmal zu seinem Gepäck zurückgehen und seinen eigenen Gin holen musste. Nachdem Gilbert das schwerfällig getan hatte, setzte er sich endlich an die Bar und versuchte zu entspannen. Als er einen Schluck getrunken hatte, atmete er noch einmal durch. Gut. Hier würde er bleiben. Keine zehn Pferde brachten ihn in die Nähe der Fenster.


Zuletzt von Thorgrimm am Di Dez 06 2016, 18:43 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Elli am Di Dez 06 2016, 09:29

Eher durch einen Nebel nahm Melinda wahr, dass Charles zu ihr geeilt war. Die Schmerzen schienen ihr nicht nur die Luft, sondern auch die Sicht zu nehmen.
Hör auf so rumzujammern! Du hast schon wesentlich schlimmeres überlebt. Also auf mit dir!
Sie atmete noch einmal tief durch und begann dann auch Charles richtig wahrzunehmen. Sie rang sich ein Lächeln ab. Ob es echt wirkte, konnte sie gerade nicht sagen, auch wenn es sicher so gemeint war.
"Es geht schon, es geht schon." sagte sie lapidar und rappelte sich mit Hilfe von Charles hoch.
Sie warf natürlich einen Blick zu Randy herüber, doch Maura kümmerte sich bereits um ihn.
"Das war in der Tat ein überraschender Start. Kann ich sehen wie man es steuert?" fragte sie etwas hinter Atem.

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Leo am Mo Dez 12 2016, 20:24

Maura war sprachlos. Während sie dem Doktor hoch half, starrte sie Norly mit finsterem Blick in den Rücken. Tatsächlich, jetzt riss er also dumme Witze über einen ‚schnellen Start‘!? Wäre es nicht tatsächlich sein erstes Mal gewesen, dass er diesen Giganten flog, so hätte er jetzt definitiv mit einem Donnerwetter rechnen müssen. So aber kniff Maura nur die Lippen zusammen und behielt ihre Gedanken für sich.
Schon in Ordnung“, murmelte sie, doch weder ihr Blick noch ihre Gedanken ruhten gerade auf dem Doktor. Ihre Nase blutete nicht mehr, aber ihr Gesicht schmerzte immernoch. Wäre sie die einzige gewesen, hätte sie ihren Sturz als peinlich empfunden … so dagegen war er einfach schmerzhaft. Trotzdem nahm er ihr nicht diese geheime Faszination, tief unten. Sie flogen … über den Wolken … das war wie ein Kindertraum. Eine Maschine, mit der man die Luft durchqueren konnte … sie gab es nicht gern zu, aber wahrscheinlich hatte Norly recht, wenn er sagte, dass das revolutionär sein könnte, wenn es erst ausgereift war.
Der Doktor schien allein zurecht zu kommen, während er zu seinem Sitz schlurfte, doch auch das nahm Maura nur am Rande war. Stattdessen blieb sie stehen, schräg vor einem Fenster und sah sich um, ob es einen Vorwand für einen Blick nach draußen gab. Es gab keinen … doch alle anderen waren gerade beschäftigt, niemand beachtete sie. Großartig. Sie atmete tief durch, dann wagte sie einen Schritt … und noch einen.
Es war gigantisch. Der Himmel sah so rein, so dunkel und doch so unschuldig aus, dass es sie zum Lächeln brachte. Sie fühlte sich, als flösse die unbegrenzte Energie dieser Maschine auch durch sie und ließe ihr Herz höher schlagen. Hatte sie vor ihrem Abheben tatsächlich noch Zweifel gehabt? Klar, natürlich gehörte der Mensch aufs Land und nicht in die Luft. Und doch waren sie hier, und es war unbeschreiblich schön, obwohl sie vor nächtlicher Dunkelheit nicht viel sah. Sie stellte sich Manchester vor, ihr Wohn-, aber nicht ihr Heimatort, wie er klein, winzig klein dort unten lag. Ihr Viertel, ihre Straße, ihr Haus, all das entfernte sich mit rasender Geschwindigkeit. Ihr Schreibtisch, nah beim Fenster, nah beim Kamin: Ihr Rückzugsort, um die Welt heimlich in all ihrer Hässlichkeit darzustellen. Ihre oberflächlich tratschenden Nachbarinnen, die man grüßen musste, um nicht aufzufallen, obwohl man ihnen insgeheim die Krätze an den Hals wünschte.
Und ihr Sohn. Das einzige, was sie ungern zurückließ, wenn sie ehrlich zu sich selbst war. Wie ging es William gerade, wie hatte er wohl auf ihre Nachricht reagiert? Machte er sich Sorgen? Und wann würde sie ihn wiedersehen? Gott, sie würde verdammt vorsichtig sein müssen. Denn sonst würde sie ihn im schlimmsten Fall erst in einer Gefängniszelle wieder zu Gesicht bekommen. Der Vater tot, die Mutter eingesperrt … das würde er nicht verkraften.
London … wie lange war sie von dort ferngeblieben? Ihre Heimat, das war sie immer gewesen. Ihre Brüder warteten dort, ihre Kindheit und Jugend. Die Hälfte ihres Lebens lag in diesem Moloch an der Themse, als mehr oder minder vage Erinnerungen. Aber es war die angenehmere Hälfte gewesen. Manchester hätte sie beinahe das Leben und den Verstand gekostet – in London war sie frei gewesen. Frei … und glücklich.

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