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Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Umbra am Do Dez 14 2017, 15:56

Charles folgte den Beschreibungen seines Gesprächspartners, der sich bereitwillig zeigte, die Orte aus seinen Erzählungen auf der Karte zu zeigen, höchst interessiert. Er musste sich eingestehen, dass er den doch recht grob wirkenden Schotten etwas unterschätzt hatte – oder zumindest anders eingeschätzt. Allen Muskeln zum Trotz, schien er doch ein Kerl mit Köpfchen zu sein. Zwar konnte Charles noch nicht einschätzen, ob das, was dieser Mann hier erzählte, der Wahrheit entsprach, schließlich schien ein nicht geringer Teil der Informationen von Alan Stirling zu stammen (oder vielleicht auch von irgendwem anders – wer wusste das schon?), aber der Inhalt war so vielversprechend, dass er sich darauf einlassen wollte. Eine mysteriöse Maschine, die gesprengt worden war? Alan hatte das Feuer in Hills Haus gelegt. Gut möglich, dass dieser Mr. C ihn damit beauftragt hatte, sollte es zutreffen, dass der Brand dafür benutzt wurde, um Aufmerksamkeit von der Maschine abzulenken. Dieses Szenario klang sogar ziemlich sinnig... Man hatte Charles in den letzten Tagen schmerzlich unter die Nase gerieben, dass man ihn verfolgte und beobachtete. Sicher hatte man ihn dann auch dabei beobachtet, wie er Alan verfolgt und beobachtet hatte... Alan und die anderen. Es war gut möglich, dass man den Burschen angeheuert hatte, um Charles die Suppe zu versalzen. Mr. Hyde hatte man niedergeschossen. Mr. Lived war nach dem ersten Treffen unauffindbar gewesen – vielleicht hatte man ihn ebenfalls beseitigt. Die Botschaft dahinter war Charles nicht entgangen: man schätzte es nicht, dass er sich Hilfe suchte. Dennoch war er hier mit Menschen zusammen, die bereitwillig das Risiko eingingen, damit ihm Gerechtigkeit widerfuhr. Dafür war er dankbar. Leider konnte er sich aber nicht sicher sein, ob nicht noch mehr von Mr. Cs Spitzeln unter seinen Begleitern weilten.

Dass man über Charles‘ Schritte gut informiert war, musste aber nicht bedeuten, dass es so war. Mit genug Kapazitäten war es kein Ding der Unmöglichkeit, ihn zu beobachten und zu belauschen, ohne dass er es merkte. Der Schotte hatte Recht damit, dass es sehr viel Einfluss benötigte, um derart mit Charles umzuspringen. Es konnte auch sehr gut sein, dass er seinen Gegnern in die Arme spielte, indem er sich verhielt, wie er sich verhielt, anstatt sich zu stellen. Aber so lebensmüde war er dann nun auch wieder nicht. Er hing an seinem Leben – da war er etwas eigen. Selbstmord lag ihm fern... zumindest fern genug, um ihn zu meiden, wenn es denn ging. Er würde damit nichts Sinnvolles bewirken. Diejenigen, die ihm Scarface antaten, würden sich nach ihm andere Opfer für ihre Spielchen suchen. Charles hatte nicht vor, sie damit durchkommen zu lassen. Der Schotte mochte es „Stolz“ nennen, aber was wusste der schon darüber? Momentan war es für Charles das Wichtigste, sich selbst nicht zu verlieren, denn viel mehr war ihm nicht geblieben. Das Luftschiff mochte auffällig gewesen sein, aber es hätte auch genauso gut unbemerkt bleiben können. Nach wie vor hielt Charles an der Meinung fest, dass es die beste Möglichkeit gewesen war, nach London zu reisen. Der Zug war nach dem Desaster am Bahnhof von Manchester keine Option mehr gewesen. Übriggeblieben wäre, abgesehen davon, kein anderer Weg, der für die ganze Gruppe zumutbar gewesen wäre.

Charles kommentierte die Kritik an der Reise mit der Endeavour dementsprechend mit einem mürrischen, kurzen „Hm“, bevor er weiterhin den Finger des Mannes auf der Karte verfolgte. Der Standort der Maschine hatte für Charles keine Aussagekraft gehabt – er hatte keine Ahnung, welche Industrien dort in der Gegend im Einzelnen angesiedelt waren. Einzelne Betriebe dort waren ihm sicher ein Begriff, aber das müsste er sich in Natura ansehen, um zu einer klaren Erkenntnis zu kommen. Auch wenn der Schotte sich keinen Reim aus den Überresten der Maschine machen konnte, wusste Charles, dass es bei ihm vielleicht anders aussah. Und selbst, wenn nicht, mussten sich irgendwo Hinweise auf den Zweck der Apparatur finden lassen. Oder zumindest Hinweise auf den Besitzer. Alan war ein Anlaufpunkt, den Charles hierzu fest mit in seine Planung setzte. Einmal abgesehen davon, dass er ohnehin gedachte, ein Wörtchen mit diesem verräterischen Tunichtgut zu reden, wusste Alan womöglich mehr über die Maschine und auch über Mr. C. Es wunderte Charles zwar, dass Stirling noch freien Fußes durch die Stadt torkelte (vielleicht hatte man ihn ja inzwischen festgenommen), aber zumindest deckte sich der Ort, an dem der Schotte auf Alan getroffen sein wollte, mit der Gegend, in der Alan sich auch in den letzten Wochen immer herumgetrieben hatte, als Charles ihn beobachtet hatte. Die Erzählung davon, dass Alan aggressiv reagiert hatte, überraschte Charles jedenfalls nicht. Er selbst hatte den sicheren Weg gewählt, um Alan in Hills Haus... einzuladen. Gegen solch unberechenbarere Charaktere war es durchaus ein Vorteil, für Umstände zu sorgen, in denen man eindeutig die Oberhand hatte.

Charles selbst versuchte, sich unberechenbar zu verhalten. Dies klappte, offensichtlich, nicht mit vollkommenem Erfolg, aber zumindest konnte er den Yard auf Abstand halten, und dies war schon einmal hilfreich. Dass er damit anderen Gegnern in die Karten spielte, war leider unvermeidbar. Es war nicht so, dass Charles gern Kompromisse einging. Er versuchte, das Beste aus der aktuellen Situation zu machen. Es war wenig tröstlich, dass er dabei nicht der Einzige war, mit dem man Spielchen spielte – allerdings würde es vielleicht helfen, Licht ins Dunkel zu bringen. Deswegen nahm Charles den Zettel auf, den der Schotte hervorgeholt und auf den Stadtplan hatte fallen lassen. Es war nichts Auffälliges daran – abgesehen von den Ziffern. Charles sagte diese Zahl als Ganzes oder auch die Abfolge der einzelnen Nummern nichts. Vielleicht war es eine codierte Nachricht, vielleicht auch eine Adresse. Vielleicht ein Längen- oder Breitengrad... ohne das passende Gegenstück konnte man wenig damit anfangen, zumal Charles schätzte, dass sich in diesem Fall der Ort entweder in Russland, China oder Indien oder im nördlichen Polarkreis befinden musste. Ergab das Sinn? Wenn dies ein Hinweis war, der für Charles persönlich bestimmt war, möglicherweise. Er hatte nicht unerhebliche Zeit seines Lebens in Asien verbracht – und war dort nicht unerheblich angeeckt... hier und dort. Charles beschloss für sich, diesen Gedanken mithilfe einer detaillierten Weltkarte zu überprüfen. Vermutlich brauchte er den zweiten Grad nicht, wenn er entlang des ersten auf irgendetwas stoßen würde, das ihn zu einer Erkenntnis brachte. Diese Gedanken sprach er jedoch nicht aus, er prägte sich lediglich die Zahl ein, bevor er vom Zettel aufsah.

Sein Blick wanderte zum Schotten, auf dem er einen Moment lang ruhte, bevor Charles sich tatsächlich dazu imstande fühlte, ein ehrliches Lächeln auf seine Lippen zu bringen. Die letzten Tage, besonders die letzten Stunden, waren furchtbar gewesen, allerdings gewährte Charles seiner Hoffnung, wieder zu keimen. Nun hatte er wieder ein konkretes Ziel, auf das er sich fokussieren konnte. Möglicherweise hatte das Fischen im Trüben hiermit ein Ende.

„Sind Sie sich bewusst, welche Tragweite Ihre Worte haben?“, fragte er, die Niedergeschlagenheit komplett verbannend, denn nun sah er genug positive Ablenkung vor sich. Natürlich war ihm bewusst, dass er sich nur auf Vorbehalt freuen konnte, aber er spürte, dass ihn allein die Aussicht auf eine Spur mit neuer Energie versah.
„Wenn es stimmt, was Sie mir hier gerade erzählt haben...“, begann er, entschloss sich dann aber gegen allzu lange Ausführungen und beschränkte sich auf: „Das ist die vielversprechendste Spur seit Wochen.“
Dann hielt er kurz nachdenklich inne. Es formten sich neue Pläne hinter seiner Stirn und er versuchte, sie zu sortieren. Dabei hatte er nicht das Gefühl, dass die nicht unbeträchtliche Menge Alkohol, die er in den letzten Minuten regelrecht inhaliert hatte, ihn beeinträchtigte. Nein, die angenehme Leichtigkeit war beflügelnd. Dass Charles seine Gedanken dann ausformulierte, half ihm, das Essentielle zusammenzufassen – die Ausarbeitung von Details musste Schritt für Schritt erfolgen, sobald sich mehr Hinweise zuammenfanden. Am vielversprechendsten war es wohl, sich die Schmierblattautoren vorzunehmen, die Lügen verbreiteten. Dazu müsste man sie erst einmal ausfindig machen – aber das war, sollte die Zerstörung dieser mysteriösen Maschine wirklich vertuscht worden sein, ein Leichtes. Bei anderen Vertuschungsaktionen, falls sie stattgefunden hatten, musste erst einmal herausgefunden werden, dass sie stattgefunden hatten. Das war der problematische Teil.
„In London gehören Mord und andere Untaten zur Tagesordnung“, überlegte Charles. „Es wird nicht einfach sein, anhand von Zeitungsberichten ein Muster aufzudecken... erst recht nicht, wenn dort falsche Tatsachen berichtet werden. Aber wenn es ein Muster gibt, werde ich es finden.“
Da war er sich sicher. Wurde mit den Scarface-Morden von anderen Ereignissen abgelenkt, so mussten sie jeweils in zeitlicher Nähe stattgefunden haben. Außerdem mussten sie irgendwie miteinander zusammenhängen – vielleicht ja sogar mit den Opfern der Morde. Es taten sich leider viele Möglichkeiten auf, aber Charles spürte aufkommende Erregung in sich. Ja, dies konnte wirklich etwas Großes sein.
„Verschleierungen hinterlassen Spuren“, erklärte er seine Zuversicht. „Man braucht Geld oder Druckmittel, um die Presse zu beeinflussen. Das ist viel einfacher, als Sie denken. Erst recht, wenn man keine Skrupel besitzt, so wie diese Leute. Wenn sich im Zuge der Ermittlungen weitere Spuren auftun und wir erst einmal wissen, wonach genau wir Ausschau halten müssen, wird es ein Leichtes sein, weitere verdächtige Artikel zu identifizieren. Und dann klopfen wir bei den entsprechenden Journalisten an die Tür. Es wird viel Arbeit sein, jedoch wird sie sich auszahlen, sollten Sie richtigliegen.“
Charles wandte sich an dieser Stelle erneut der Stadtkarte zu, die er mit unruhigen Blick überflog. Er hatte Orte der Scarface-Morde dort markiert, wie auch wichtige Punkte, die er im Laufe seiner Untersuchungen hatte festhalten wollen, um ihre Position im Stadtbild visuell vor Augen zu haben. Momentan achtete er aber weniger auf die Markierungen, sondern suchte sich einen guten Weg Richtung Lambeth aus.
„Für den Anfang hat ein Gegner schon einmal einen Namen“, redete er währenddessen weiter, „... im weitesten Sinne.“
Ein einziger Buchstabe war von einem Namen noch entfernt, aber es war ein Anfang und half, Mut zu schöpfen. Es war ein Fortschritt.
„Wer genau dieser C ist, werde ich schon noch herausfinden“, versprach Charles, vielleicht zum Teil sich selbst. „Und diese Maschine, sie kann das Verbindungsstück sein, das fehlt, um mir aus der Sache einen Reim zu machen. Man wird sie nicht ohne Grund zerstört haben. Ja.“
Er nickte. Das klang schlüssig.
Charles war froh, wieder in London zu sein. Endlich hatte er das Gefühl, nicht mehr auf der Stelle zu treten. Als er sich nun erneut seinem Gesprächspartner zuwandte, hielt er diesem anbietend den Zettel mit der Nummer entgegen.
„Ich danke Ihnen.“ Er begleitete dies mit einem fast schon zufriedenem Schmunzeln, bevor er abrupt seinen Tonfall wechselte, der nun einen ernsteren und ungeduldigeren Ausdruck annahm: „Und nun raus. Raus hier, los!“
Er machte eine scheuchende Geste mit der freien Hand in Richtung Tür.
„Wir sollten keine Zeit verlieren. Ich muss mich ankleiden. Suchen Sie sich derweil schon einmal einen anderen Mantel – Ihrer ist ziemlich durchweicht.“




Da Melinda es scheinbar vorzog, nicht auf Dr. Taylor zu reagieren, sondern erst einmal nur zu beobachten, wandte dieser sich mit voller Aufmerksamkeit Randolph zu, der das Gespräch fortführte. Für die Bemerkung, den Yard direkt vor dem Gesicht zu haben, erntete Randolph einen skeptischen Blick, wenn auch Taylor davon sich nicht beleidigt zu fühlen schien, sondern eine eher positive Ausstrahlung zeigte. Taylor wartete höflich, bis Randolph ausgeredet hatte, bevor er seinerseits das Wort ergriff.
„Ich versichere Ihnen“, stellte er mit einem sanften Lächeln, das seine Lippen umspielte, klar, „dass ich keineswegs zum Yard gehöre. Dass ich derzeit für den Yard tätig bin, leugne ich nicht, aber das ist eine Formalität, keine Lebenseinstellung. Sie kennen das ja: ein Arzt kann sich nicht aussuchen, wer seine Hilfe benötigt. Aber in diesem Fall“, ergänzte er, schulterzuckend, „hat es für Sie vielleicht Vorteile – immerhin könnte es sein, dass Sie durch mich einen Fuß in der Tür haben. Wir werden sehen.“
An dieser Stelle kam Bewegung in Taylor. Er löste seine verschränkten Arme und überprüfte noch einmal, ungeduldig wirkend, die Position der Zeiger auf seiner Taschenuhr.
„Nun, verschwenden wir nicht unnötig viel Zeit“, sagte er währenddessen und wies in Richtung Couch, auf der Melinda sich eben noch eingekuschelt hatte. „Setzen Sie sich und krempeln Sie das Hosenbein hoch. Wir können weiterreden, während ich Sie versorge.“
Er selbst holte sich einen Stuhl vom Tisch heran, und zwinkerte Melinda etwas schelmisch zu, als er ihr dabei recht nahekam. Taylor stellte den Stuhl vor die Couch, setzte sich und klopfte auffordernd mit flacher Hand auf sein Knie, um Randolph zu deuten, sein Bein dort hochzulegen.
Sobald Taylor wartete, griff er Randolph abschließende Frage nach dem Kennenlernen von Charles auf.
„Charles‘ und meine Wege kreuzten sich schon das ein oder andere Mal“, erzählte Taylor im lockeren Plauderton. „Hätten Sie mich vor einiger Zeit gefragt, hätte ich mich wohl zu seinen Vertrauten gezählt, aber inzwischen bin ich mir da nicht mehr ganz so sicher. Sie haben ja bemerkt, wie er mir ausweicht. Das erste Mal trafen wir uns hier in London, wenn ich mich recht erinnere. Ich weiß gar nicht mehr, zu welchem Anlass. Allerdings erinnere ich mich gut, dass ich ihn damals unausstehlich fand.“
Er lachte. „Ich hätte niemals gedacht, dass ich jemals so viel Nerv und Zeit aufbringen könnte, um mich in seiner Nähe aufzuhalten, so viel, wie er redet. Als ich später aber gezwungen war, mich mit ihm auseinanderzusetzen, weil die Arbeit es erforderte, freundeten wir uns, wider aller Erwartung, an.“

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Fade am So Dez 17 2017, 17:44

Norlys Frage hätte Bruce sofort mit einem bestimmten Nein beantworten können. Er wusste was er persönlich vermutete, doch er wusste kaum etwas, was Charles Norly hütete und was zweifellos nötig war, licht in die Vorkommnisse zu bringen.
Charles hatte sicher Recht damit, dass es nicht so einfach sein würde, anhand der Zeitungsberichte auf eine heiße Spur zu kommen, doch dachte er dabei bereits einen Schritt weiter, als Bruce bisher in Erwägung gezogen hatte. Auf die Journalisten der Artikel zuzugehen, war natürlich ein Zweischneidiges Schwert. Spätestens in diesem Moment würden die Verschwörer ganz sicher wissen, dass man ihren Plänen auf die Spur kam und sie würden wohl entsprechend Reagieren.

Vor dem geistigen Auge des Schotten baute sich bereits ein blutiges Bild von einer Journalistenwohnung auf, zu der sie zu spät kämen und die, wie vorherige Morde auch, als Schauplatz eines weiteren Scarfaceverbrechens in die Geschichte Londons eingehen würden. Bruce hatte Mühe, den maskenhaften Ausdruck zu bewahren, als Mr Norly ihm seinen Dank aussprach. Selbst wenn er nicht wusste, ob er dem Rechten geholfen hatte, so hatte Bruce doch erreicht, was er sich vorgenommen hatte und den Mann noch dazu für den Moment aus seiner Depression gezogen. Es tat gut, die Person, zu der Bruce sich vielleicht zu verbissen Parallelen gesucht hatte, wieder mit Kampfgeist in den Augen zu sehen. Anstatt etwas zu entgegnen, oder gar mit einem Lächeln zu antworten, sah man nur die Kiefermuskulatur des Boxers sichtlich arbeiten, gefolgt von einem knappen nicken.

Auf die plötzliche Aufbruchstimmung Mr. Norlys war er dabei doch nicht gefasst gewesen und ließ sich widerstandslos, wie ein Dienstbote aus dem Raum scheuchen, wobei er seinen Mantel nur noch fester hielt, als dieser erwähnt wurde. Ganz sicher würde er sich keinen neuen suchen. Dieses Kleidungsstück war mehr wert, als alles andere, was sich Bruce in den letzten Jahren geleistet hatte und auch wenn er schon einiges mitmachen musste, war er mit Sicherheit hochwertiger, als jeder Fetzen, den man in dem Theater finden mochte.

Bruce stolperte vor die Tür von Norlys Zimmer und bog mehr oder minder aufgescheucht einfach in das nächste freie Zimmer daneben ein. Ihm war schleierhaft, ob Charles tatsächlich gedachte, noch in den tiefen Nachtstunden wider aufzubrechen, nachdem die meisten seiner Leute wohl gerade erst eingeschlafen waren, aber zumindest bis die Unklarheit beseitigt war, beschloss er, die Glieder kurz zu entspannen. Die Decke die Bruce in seinem Raum fand, breitete er auf dem Boden aus und legte den Mantel mit möglichst viel Fläche darauf, dass die Feuchtigkeit etwas daraus gesogen würde. Er selbst legte sich auf die Couch, die ihm etwas zu klein war um sich völlig zu strecken und richtete den Blick auf die Tür. An Schlaf war im Moment nicht zu denken, dafür war die Situation bei weitem zu abenteuerlich. Was würde als nächstes geschehen? War er selbst gegenüber Norlys Feinden noch ein Unbekannter? Falls ja, war es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis dem nicht mehr so war. Dieser Taylor arbeitete nicht alleine und seine Interessen schienen recht schleierhaft, doch er gab als alter bekannter von Norly einen guten Spion ab. Haken daran war eigentlich nur, dass er offenbar bisher nur wenig Kontakt zu der Gruppe gehabt hatte und daher kaum alle Vorhaben nach außen getragen haben konnte. Beim Rest der Gruppe war Vorsicht geboten. Taten würden verraten, was Worte nicht konnten. Früher oder später würde sich ein Spion schon verraten. Bruce atmete tief durch. Ihm war auf seltsame Art bewusst, dass ihn dieses verrückte Abenteuer leicht das Leben kosten konnte. Paradoxer Weise fühlte er sich dabei gerade jetzt erst wieder richtig lebendig, seitdem ihn die Stadt durchgekaut und ausgespuckt hatte.

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Umbra am Di Jan 02 2018, 16:40

Charles folgte dem Schotten bis zur Tür und schloss diese hinter ihm. Es war erstaunlich, wie auf welch effektive Weise ein Fünkchen Hoffnung die Lebensgeister wieder zurückbringen konnte. Die Erschöpfung saß Charles zwar immer noch in den Knochen, aber irgendwie nahm er sie nun nicht mehr so bewusst wahr wie zuvor. Er war schon immer überzeugt davon gewesen, dass nichts besser die Müdigkeit vertrieb als ein Ziel, auf das man sich fokussieren konnte. Für ihn kam es nun auch gar nicht infrage, sich auszuruhen. Zeit war in seiner Situation zu wertvoll, um sie zu vertrödeln, und außerdem war er gerade auch zu aufgewühlt, um hier untätig herumzusitzen, während draußen in Lambeth Antworten warteten.
Eilig stapfte Charles zum Tisch zurück, auf dem sein Koffer ausgebreitet lag, und ließ die Decke unterdessen einfach zu Boden gleiten. Er brauchte beide Hände frei, um sich anzuziehen. Inzwischen war ihm nicht mehr so kalt, dass er zitterte, und da er nun gedachte, schnellstmöglich in trockene Kleidung zu schlüpfen, war die kühle Luft auf seiner nackten Haut noch erträglich. Viel unangenehmer war da die Eiseskälte, die sich an von seinen Fußsohlen aus an seinen Beinen hinaufkletterte. Er begann mit seinem noch trockenen Ersatzhandschuh, um die Prothese zu verdecken, und widmete sich dann dem Rest.

Wenige Minuten später (jedoch einige mehr als ein nüchterner Mann mit zwei gesunden Händen gebraucht hätte) fühlte Charles sich wieder einigermaßen vorzeigbar. Der etwas trübe Spiegel am Schminktisch zeigte zwar das Bild eines unrasierten, erschöpften Mannes, dem sein edler Maßanzug (diesmal eine dunkelgraue Variante mit waldgrüner Weste) nicht mehr wie angegossen passte, weil er in letzter Zeit einiges an Gewicht abgenommen hatte, und seine Nase empfand, dass ein leicht modriger Geruch von Teichwasser ihn noch immer umgab, aber angesichts der Umstände... Nur zu gern hätte Charles ein Bad genossen und sich der sprießenden Stoppeln in seinem Gesicht angenommen, aber fürs Erste musste ein wenig Rasierwasser reichen, um zumindest seinen Geruchssinn zufriedenzustellen. Für ein Raschen Durchkämmen seiner noch feuchten Haare und für einen letzten Schluck aus der Whiskyflasche nahm er sich zusätzlich Zeit, bevor er sein Messer an seinem Gürtel befestigte, den Revolver in seinen Hosenbund steckte und auch noch etwas Ersatzmunition in seiner Hosentasche verschwinden ließ. Damit war er für den Aufbruch bereit – fast zumindest. Ein Ersatzmantel wäre wohl praktisch. Und ein, zwei Dinge, die sich noch in den Taschen seines eigenen Mantels befinden dürften. Aber da wurde er in diesem Raum bekanntlich nicht fündig. Charles löschte die Lampe und griff nach seinem Zylinder, während er den Raum verließ und zurück auf den Flur trat.

Hier draußen war es einigermaßen ruhig. Die Versammlung hatte sich offensichtlich aufgelöst. Dennoch waren die Räumlichkeiten hellhörig genug, um aus mehreren Richtungen gedämpfte Geräusche wahrzunehmen. Charles steuerte gezielt auf das Zimmer zu, in das er Melinda gebracht hatte – und in dem sich sein Mantel befand. Von dort aus fiel auch Licht in den Flur und der Klang einer Stimme verriet, dass zumindest Drew sich dort befand und mit irgendwem unterhielt. Ohne zu versuchen, zu verstehen, was Taylor da von sich gab, ging Charles weiter und fand sich nach wenigen Metern vor Ort wieder. Er hielt im Türrahmen kurz inne und ließ seinen Blick einmal über die Anwesenden schweifen. Melinda hatte es sich im Sessel bequem gemacht (zum Glück schien es auch ihr wieder besser zu gehen) und Drew war offenbar im Begriff, Dr. Tremaine zu versorgen.

„Du hast dich also wieder beruhigt“, stellte Taylor fest – in einem trockenen Ton, der Charles ein wenig reizte, aber er überging das einfach.
Charles war sich den verwunderten und fragenden Blicken bewusst, die plötzlich auf ihm ruhten, als er derart hineinplatzte, aber er zögerte nicht lange, sondern trat ein und widmete sich, nachdem er seinen Zylinder aus der Hand gelegt hatte, dem Stapel aus Decken und Mänteln auf der Couch, um ihn nach seinem Hab und Gut zu durchsuchen.
„Du hast jetzt nicht ernsthaft vor, noch einmal nach draußen zu gehen?“, fuhr Drew, deutlich missbilligend, hinzu. „Du bist doch betrunken.“
War das so offensichtlich? Charles war sich dessen nicht bewusst. Er hatte nicht das Gefühl, dass seine Bewegungen allzu fahrig waren, Geschweige denn, dass er lallte. Die Leichtigkeit des Alkohols war ein angenehm motivierendes Gefühl. Sicherlich hatte er sich vollkommen im Griff! Dennoch hatte es wohl keinen Sinn, abzustreiten, dass er sich ein kleines Schlückchen genehmigt hatte.
„Aber ich sehe ausgesprochen klar“, erwiderte Charles deswegen mit einem Hauch ungehaltenem Trotz im Tonfall. Inzwischen hatte er seinen Mantel gefunden und kontrollierte die Taschen, deren Inhalt er auf seine Hosen- und Jacketttaschen verteilte. „Mische dich da nicht. Ich habe eine neue, heiße Spur.“

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Darnamur am Sa Jan 06 2018, 14:36

Randolph kam den Forderungen seines Doktorkollegen nur äußerst missmutig nach. Mit Sicherheit wäre er auch selbst dazu in der Lage gewesen den Verband zu wechseln, dass hätte jeder Dilettant hinbekommen. Aber er ließ den Mann gewähren. Immer noch hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben etwas Sinnvolles aus dem Mann herauszubekommen.
Wie erwartet ging Taylor tatsächlich auf seine Frage ein, wie er Charles kennengelernt hatte; wie erwartet antwortete er dabei aber auch wirklich so schwammig wie es nur möglich war. Randolph bezweifelte nicht, dass Taylor in der Lage gewesen wäre diesen Sachverhalt sehr präzise zu formulieren, Ärzte konnten das einfach. Vermutlich wusste er auch noch sehr gut, wie er ihn kennengelernt hatte. Nichtsdestotrotz - das Gesagte konnte sich vielleicht bereits als hilfreich herausstellen und eventuell wäre Randolph in der Lage noch mehr aus dem Mann herauszukitzeln.
"Weil die Arbeit es erforderte...was er ihr Patient?", hakte Randolph mit hochgezogener Augenbraue nach. Bevor er eine Antwort bekommen konnte, wurden Schritte auf dem Flur laut und Charles höchst selbst kam Ihnen entgegen. Für einige Augenblicke hielt sich Randolph zurück und observierte erst einmal die Situation, folgte dem Gespräch dieser beiden alten Vertrauten.
Als sich Charles aber zum Aufbruch bereit machte, mischte er sich mit schneidender Stimme ein: "Sind Sie sicher, dass das nun eine kluge Idee ist? Die Straßen werden immer noch abgesucht und wir sind heute bereits in relativer Nähe von Leuten des Yard entdeckt worden. Egal wie heiß ihre Spur sein mag, Mr. Norly, vielleicht ist es das Beste sie für heute Abend ruhen zu lassen."
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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Elli am Mo Jan 08 2018, 08:18

Wieder einmal hatte Melly nichts zu tun, als zu beobachten. Sie wusste nicht so recht wohin mit sich, noch was sie in der Situation machen sollte. Sie konnte weder ein Gespräch mit Randolph führen, auch wenn es vielleicht sogar vergebene Liebesmüh gewesen wäre, noch hätte sie überhaupt gewusst was sie hätte sagen sollen, auch wenn sie das Gefühl hatte, dass sie dringend miteinander reden müssten. Doch immer wenn sie etwas derartiges erwogen hätte, dass sie mit irgendjemandem dringend hätte reden müssen, hatte sich die Sache meist kurz darauf erledigt. Entweder hatte sie die Betroffenen nie wieder gesehen, da sie mit ihr nichts mehr zu tun haben wollten oder verschwanden einfach gänzlich von der Bildfläche. Als Charles in die Situation platze und man sich dagegen aussprach, dass er das Haus verlassen sollte, überlegte sie daher nicht lange.
Sie stand auf, auch wenn ihre Beine noch immer etwas taub von der Kälte waren.
"Alleine sollte von uns ohnehin niemand mehr auf der Straße sein. Weder bei Tages- noch zu Nachtzeit."
Na? Angst das dir das Mäuschen entwischt? Dann mal hopphopp. Krallen schärfen und ab auf die Straße
Wer wohl kannte sich des Nächten besser auf den Straßen Londons aus, als eine Hure? Wer konnte besser bereits am Gang einer anderen Person erkennen ob es sich um einen Polizisten handelte, als jemand der schon so oft darauf hereingefallen war?
Wer kannte mehr Fluchtwege, als jemand der ständig auf einen angewiesen war?
Selbst wenn Charles es ihr verweigern würde mitzukommen, würde sie einen Weg finden ihm zu folgen.
Die Nacht in diesem staubigen Sessel zu warten, was der Morgen bringen würde stand nicht auf ihrem Tagesplan.

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Thorgrimm am Di Jan 09 2018, 02:27

Unruhig drehte Gilbert die Flausche Laudanum in seiner Hand herum und betrachtete diese gedankenverloren. Was war nur in der letzten Zeit passiert? Es fühlte sich so an, als wären Wochen, nein Monate, vergangen. Dabei konnten es gerade einmal ein paar Tage gewesen sein. Sicher war er sich da noch nicht einmal mehr. Waren es zwei oder drei Tage gewesen? Eigentlich spielte es überhaupt keine Rolle. Er war einfach nur müde und erschöpft. Es war allerdings nicht unbedingt sein Körper, der Ruhe brauchte - auch wenn er ihn in letzter Zeit so sehr beansprucht hatte, wie schon lange nicht mehr. Er hatte Dinge getan, die andere Menschen sich nicht einmal vorstellen würden. Wer konnte schon von sich behaupten, aus einem brennenden, unter Beschuss stehenden Luftschiff gesprungen zu sein und diesen Absprung auch noch zu überlebt zu haben? Niemand außerhalb dieser Gruppe, würde er schätzen. Ein einmaliges Erlebnis. Eines auf das er allerdings auch gut hätte verzichten können.
Es war mehr sein Geist und seine Seele, der Gilbert im Inneren wenn man so mochte, der eine Auszeit brauchte. Von einem einfachen Maler mit einigen Problemen aber einem doch meist lebenswerten Dasein, bis zu einem gesuchten Kriminellen, der jede Sekunde seines jämmerlichen Lebens fürchten musste, gefangen zu werden und dann den Strick zu bekommen. Er sah sich schon selbst in seinen Gedanken. Zuckend, um sein Leben kämpfend und Halt suchend. Doch vergeblich. Die Zuckungen verschwanden und dann hing er nur noch da. Ein Stück Fleisch. Ein Stück formgegebene Gerechtigkeit. Eigentlich hatte er es verdient. Er hatte verbotene Dinge getan. Menschen verletzt. Einem möglichen Serienmörder geholfen. Mit seinen vergangenen Verbrechen - seinem Vater gegenüber - durfte er gar nicht erst anfangen. Er war schon immer ein Mörder gewesen. Der Strick war noch zu gut für ihn. Alles schlechte, was ihm gerade widerfuhr, hatte er verdient. Am besten er machte einfach weiter und verblutete elendig nach einer Schießerei.
Er blinzelte und schüttelte dann heftig den Kopf. Nein, so durfte er gar nicht anfangen zu denken. "Was ist nur los mit dir?" Die Flasche Laudanum in seiner Hand schien etwas Frieden zu versprechen. Ruhe und Entspannung. Geschwind wurde das Fläschchen entkorkt. Er nahm einen kleinen Schluck davon. Nicht sehr schön, einfach so aus der Flasche zu trinken aber im Moment war ihm das egal. Sofort verschloss er die Flasche wieder. Er wollte keinen Rausch hervorrufen, sondern nur für etwas Entspannung sorgen. Ohne sich in irgendeiner Weise auf das Schlafengehen vorzubereiten - hier gab es ja sowieso keine Möglichkeiten - legte er sich auf die Couch und deckte sich mit zwei Mänteln zu. So lag er da und wartete darauf, dass ihn der Alkohol und das Opium in eine Traumwelt trugen. Er wartete und wartete und wartete. Doch der Schlaf erreichte ihn nie.
Seine Gedanken kreisten einfach immer wieder um seine Situation und dann waren da noch die Gespräche, die er zwar nicht verstehen aber dennoch gut hören konnte. Einige Minuten versuchte der Maler so einzuschlafen aber ohne Erfolg. Das Laudanum machte ihn zwar schläfrig aber es reichte nicht, um gegen seine angegriffene Psyche und seine Gedanken anzukommen. So entschied sich Gil schließlich dazu, noch einmal aufzustehen. Etwas verschlafen - was man ihm auch durch das zerzauste Haar und die schlecht sitzende Kleidung auch ansah - öffnete er schließlich die Tür und folgte den Stimmen. Er konnte noch einige Wortfetzen verstehen und konnte sich so denken, dass Norly noch einen kleinen Spaziergang machen wollte. Gilbert lehnte sich in den Türrahmen, strich sich einmal über das Gesicht, um den Schlaf zu vertreiben und sah dann den vermeintlichen Killer an. "Wenn sie da noch einmal rausgehen, komme ich mit." Die Worte verließen schneller seinen Mund, als er sie überhaupt gedacht hatte. "Sie haben mir etwas versprochen und das Letzte was ich will ist, dass sie jetzt gefangen genommen oder schlimmer noch, gehängt werden." Er strich sich nachdenklich über seinen Schnurrbart. "Besser wäre es natürlich, wenn wir das auf morgen verschieben können. Sie sind von allen hier am stärksten angeschlagen und brauchen dringend Ruhe." Gilberts Augen formten sich zu Schlitzen, als er Norly kritisch ansah. "Wann war das letzte Mal, dass sie geschlafen haben?" Bevor er antworten konnte, fügte er noch etwas hinzu. "Mehr als zwei, drei Stunden."

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Umbra am Sa Jan 13 2018, 12:39

Taylor ließ sich von der aufkommenden Ausbruchsstimmung nicht so sehr beirren, dass er den Verbandswechsel vergaß. Seine Handgriffe wirkten geübt und effizient. Obschon unzufrieden mit Charles‘ Antwort, konnte das, was er sah, als er die blut- und wundwassergetränkten Kompressen von Randolphs Bein geschält hatte, keine weitere schlechte Überraschung sein. Denn auch Randolphs geschulter Blick kam nicht umhin zu bemerken, dass sein verwundetes Bein besser aussah als die Schmerzen vielleicht hatten erahnen lassen. Es heilte, augenscheinlich bisher ohne große Komplikationen, auch wenn die fortdauernde Belastung der Sache tatsächlich nicht zuträglich sein konnte. Taylor reinigte Ein- und Austrittswunde mit höllisch beißender Iodtinktur und verpackte alles wieder unter frischen Lagen Verbandsmaterial, während sich Melinda und auch Gilbert, der ebenfalls plötzlich in der Tür aufgetaucht war, zu Charles‘ Vorhaben äußerten.

Charles war von der überwiegenden Kritik recht unbeeindruckt. Er hatte keine Lust, hier nichtstuend zu versauern, während es ein Rätsel gab, dass es zu lösen galt. Endlich gab wieder eine konkrete Spur, die dabei helfen könnte, zu einer bahnbrechenden Erkenntnis zu kommen – und dazu noch einen konkreten Namen. Nach den verheerenden Rückschlägen der letzten Tage hatte Charles das Bedürfnis nach einem Erfolgserlebnis. Und darauf wollte er nicht warten. Mit einer fahrigen Bewegung, die ihm selbst aber nicht so vorkam, ließ er seinen feuchten, inzwischen entleerten Mantel, wieder auf den Deckenhaufen fallen.
„Schlafen kann ich immer noch, wenn es draußen hell ist“, erwiderte Charles auf Wrights Einwand, während er sich die Kleidung richtete. Es war absolut lächerlich, nun an Ruhe zu denken. Tremaines Worte überging er dabei absichtlich komplett. Die Polizei war kein Faktor, der Charles beunruhigte – im Gegenteil. Er empfand es immer als sehr erfrischend, sich mit Männern des Yards zu befassen. Inzwischen mochten die Burschen zwar, entgegen aller Tradition, mit Schusswaffen ausgerüstet sein, aber das machte sie nicht unbedingt effizienter darin, „Scarface“ zu erwischen – das hatte man vorhin erst erleben können.
„Sie müssen sich damit anfreunden, zu unchristlichen Stunden aktiv zu sein“, belehrte Charles Gilbert mit wissendem Tonfall, aber dies durften sich ruhig alle zu Herzen nehmen, „denn die Nacht ist die treuste Verbündete, die wir gegenwärtig haben. Und die Zeit“, hob er hervor, während er Gilbert, aber dann auch Dr. Tremaine und Melinda mit vom Alkohol glasigen Blick musterte, „ist unsere ärgste Feindin in diesem Spiel der Intrigen und Schatten. Wir können uns nicht leisten, sie zu vergeuden und eine Spur kalt werden zu lassen. Ich sage Ihnen“, fügte er eindringlicher hinzu, „jeder Augenblick, der sich gutmachen lässt, wird am Ende entscheidend sein. Einmal abgesehen davon, kann ich nun nicht bestimmt nicht die Ruhe finden, die Beine hochzulegen, wenn Arbeit auf mich wartet.“
„Neben Polizisten und Gatling-Guns... “, kommentierte Taylor das sofort zynisch. Er hatte, nachdem er von Randolph abgelassen hatte, den offensichtlich betrunkenen Charles, aber auch die angeschlagene Melinda und den plötzlich verdächtig motivierten Gilbert, mit kritischer Miene beäugt. Nun stand er vom Stuhl auf, um von Angesicht zu Angesicht seine Meinung preiszugeben. Charles hatte auch nicht erwartet, dass Drew es bei einem Einspruch belassen würde.
„Du, nein, Sie alle“, korrigierte Taylor sich, „haben wohl schon vergessen, was Ihnen vorhin widerfahren ist? Sie hatten großes Glück“, betonte er streng, „so unbeschadet davongekommen zu sein. Was meinen Sie wohl, was da draußen los ist? Nicht nur hier in der Gegend herrscht Ausnahmezustand – die ganze Stadt ist alarmiert. Bevor sie geschossen haben, gab es Warnsirenen und eine Ausgangssperre ist verhängt worden. Ein jeder wird von seinem Heim aus die Straßen beobachten. Und diejenigen, die sich noch auf den Straßen befinden, sind entweder Plünderer oder Ordnungshüter. Es gäbe keine Nacht, die weniger dafür geeignet wäre, sich herumzutreiben – besonders, wenn man nicht mal mehr gerade stehen kann. Herrgott, Charles!“
Nun wurde Taylor etwas lauter. Ihm war anzumerken, dass er gerade wenig Geduld mitbrachte. „Du siehst sicher nicht klar! Du bist nicht nur angetrunken, sondern hackedicht. Herzlichen Glückwunsch, dafür hast du nur wenige Minuten gebraucht!“
Aber Charles war nicht das einzige Ziel seiner Gardinenpredigt. Ohne jemand anderem die Chance zu geben, zu Wort zu kommen, fokussierte er Gilbert, auf den er mit einer unwirschen Handbewegung deutete, als er ihn ansprach.
„Und Sie... was haben Sie genommen, hm?“, erkundigte er sich rhetorisch. „Irgendein Opiat, vermutlich. Versuchen Sie erst gar nicht, es zu leugnen, das sieht man an Ihren Pupillen.“
Seine Aufmerksamkeit wanderte weiter zu Melinda.
„Und Sie, Miss, waren gerade noch kurz vor dem Kältetod. Keine gute Grundlage, um sich weiter zu verausgaben.“
Seufzend begann er, die Utensilien einzusammeln, die er für Randolphs Versorgung aus seinen Manteltaschen gefischt hatte.
„Ihr seid unvernünftig, allesamt“, stellte Taylor nochmal heraus, nun das Siezen aufgebend und einen persönlicheren Ton anschlagend. „Ihr benehmt euch wie halbwüchsige Strolche. Aber das hier ist Krieg. Man sollte meinen, dass ihr das spätestens nach eurer unsanften Landung hier begriffen habt.“
Er kniff sich entnervt in die Nasenwurzel und schüttelte dann den Kopf, um seiner mangelnden Verständnis Ausdruck zu geben.
„Ich rate dringend, auf Dr. Tremaine und mich zu hören. Das wird sonst übel für euch enden. Ihr werden euch gegenseitig das Grab schaufeln, wenn ihr so vor die Tür geht. Was wäre dadurch gewonnen?“

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Re: Götterblut - Kapitel 5: Spiel im Schatten

Beitrag von Elli am Di Jan 16 2018, 08:58

Seufzend ließ sich Melinda wieder auf den Sessel nieder, den sie eben schon aus ihren Gedanken gestrichen hatte. Jedoch waren die Worte die Taylor von sich gab mehr als war. Niemand hier war gerade zu etwas zu gebrauchen. Es würde Sinn machen, sich zu verstecken, sich einmal ordentlich auszuschlafen und morgen Abend die Dinge anzugehen, die es anzugehen gab. Sie alle mussten wohl etwas ihren Körper und Seele pflegen. Wie auch immer das aussehen möge.
Abgesehen von deiner romantischen Vorstellung den ganzen Tag kuschelnd im Bett zu liegen? Du kennst das doch, nach dem Fick ist vor dem Fick. Dann wirste sowieso weggeschickt.
Melinda starrte zu Boden, sich selbst bewußt dass sie dringend etwas Alkohol brauchte, denn ihre Hände zitterten nicht mehr wegen der Kälte. Auch wenn die ganze Unternehmung sie dazu gebracht hatte, weniger zu sich zu nehmen, war doch offensichtlich, dass sie nach wie vor Alkohol brauchte um den Tag zu überstehen - oder die Nacht. Sie wollte aber auch nicht nur Alkohol, sondern auch gerne etwas Laudanum zu sich nehmen um gänzlich abschalten zu können.
"Vielleicht hat Taylor, gar nicht Unrecht. Alles was heute Nacht passieren würde, kann auch nächste Nacht geschehen. Wir sollten uns alle ausruhen oder meint ihr nicht?" fragte sie in die Runde, wobei ihr Blick bei Randolph hängen blieb.

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