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Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Umbra am Mi Dez 19 2012, 01:20

Charles gab sein Hantieren mit dem Gewehr entnervt auf. Das würde so wie er es versucht hatte nicht funktionieren. Er hatte sich erhofft, dass sich die Waffe ohne großen Kraftaufwand würde zerlegen lassen, sodass er keine Probleme damit haben würde, doch scheinbar brauchte er eine Werkbank – oder jemanden, der sie für ihn festhielt. Auf jeden Fall musste Charles seine Winchester irgendwie fixieren, um nicht mit seinem Werkzeug abzurutschen und sich möglichweise noch zu verletzen. Er wollte das Gewehr nur ungern hier zurücklassen, doch am helllichten Tag wäre es nicht klug, damit draußen herumzulaufen, wenn es auch solches erkennbar war. In kleinere Stücke zerlegt und gut verpackt würde es nicht allzu sehr auffallen, das war zumindest der Gedanke, der Charles dazu angetrieben hatte, sich überhaupt an seiner teuren Waffe zu vergreifen und zu riskieren, dass er sie beschädigte.
Nun legte er sie behutsam auf dem Couchtisch ab, um in diesen keine Macken zu schlagen, und zwang sich dazu, aufzustehen. Eigentlich war der Gedanke verlockend, sich auf der Couch langzumachen und die Augen zu schließen, auch wenn es nur für eine halbe Stunde war, doch Charles fühlte sich rastlos. Es gab zu viel zu tun, viele Dinge, um die er sich würde kümmern müssen, und je eher er damit anfing, desto eher würde er sich auch keine Sorgen mehr darum machen müssen. Erst einmal würde er seinen Mantel ausziehen, beschloss er. Sein vergeblicher Versuch, die Bauteile des Gewehrs auseinanderzuhebeln, hatte ihn etwas ins Schwitzen gebracht und ihm bewusst gemacht, dass er diesen überhaupt noch trug. Über dem Ärger mit Alan vor wenigen Minuten im Flur, hatte Charles einfach nicht daran gedacht.
Inzwischen hatte er sich etwas beruhigt, aber er war immer noch missgestimmt. Dass Mr. Stirling ihn nicht ernst nahm, war er inzwischen bedauerlicherweise schon gewohnt, Charles nahm sich auch erneut vor, nichts dagegen zu unternehmen. Doch was ihn wirklich etwas gekränkt hatte, war, dass Alan es so entschieden abgelehnt hatte, als sein Freund bezeichnet zu werden. Charles hatte ihm nun wirklich nichts… allzu Gravierendes angetan. Zumindest nicht persönlich. Damit, dass er seine „Gäste“ derart in Gefahr bringen würde, wie es im Moment den Anschein hatte, hatte er nicht beabsichtigt.
Es nützte aber nicht, bloß darüber zu klagen. Es musste eine Lösung her. Charles hatte eigentlich nicht vorgehabt, die Gastfreundschaft von Dr. Randolph Tremaine lange in Anspruch zu nehmen. Das würde nur weitere Komplikationen verursachen.
Mehr schlurfend als gehend, weil ihm praktisch alles wehtat, hatte Charles den Eingangsbereich des Hauses erreicht und kam nicht umhin, die Zähne aufeinanderzubeißen und vor Schmerz in seiner Seite – dort, wo er in der gestrigen Nacht hart auf die Dachziegel geschlagen war – scharf einatmen zu müssen, als er den Mantel von seinen Schultern gleiten ließ. So konnte es nicht weitergehen. Irgendwas müsste er tun, denn in diesem Zustand, so befand Charles, war er so gut wie unbrauchbar. Doch sich schonen und seine Verletzungen auskurieren zu lassen, wie der Chirurg es mehr oder minder angeordnet hatte, konnte er nicht. Nicht jetzt, wo sich die Ereignisse derart überschlugen. Irgendein möglichst schwaches Schmerzmittel – auch wenn er dieses Zeug verabscheute – würde reichen müssen.
Als Charles den Mantel gerade an einem Haken nahe der Haustür aufhängte, merkte er, dass er beobachtet wurde. Miss Stead stand einfach da, in der Nähe der Treppe Richtung erster Etage, und musterte ihn schon wieder auf die eine bestimmte Art und Weise, wie sie es schon in der Gasse getan hatte. Noch immer wusste er nicht zu deuten, was sich hinter diesem Blick verbarg. War es vielleicht Verwirrung? Charles schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Sie hatte sich umgezogen, wie sie gesagt hatte.
„Schön, es scheint Ihnen zu passen“, urteilte Charles. Er hatte keine Erfahrung darin, für jemand anderen Kleidung zu besorgen als für sich selbst – und selbst da hatte er sich bisher immer auf das Können eines Schneiders verlassen –, aber offensichtlich besaß er ein gutes Auge dafür. Er hatte Miss Stead ein schlichtes Alltagskleid in Erdtönen mitgebracht, so wie es gerade scheinbar in Mode war – und es stand ihr, wie er fand, ausgezeichnet.
„Lassen Sie uns nachsehen, was die anderen treiben. Nicht, dass man uns nachher noch vermisst“, fügte er hinzu, obwohl er sich fast sicher war, dass ihn selbst wohl niemand vermissen würde. Er machte sich keine Illusionen.
Melinda, Alan und Dr. Tremaine waren scheinbar im Operationsraum verschwunden, denn es drangen bis zur Unverständlichkeit gedämpfte Stimmen aus dieser Richtung. An der Klangfarbe der Stimme, die gerade sprach, erkannte Charles jedoch, dass der Chirurg gerade das Wort ergriffen hatte, und als er selbst vor der Tür stand, konnte er dessen Worte deutlich genug vernehmen. Der Arzt sprach gerade über ihn.
Wie passend.
Charles wollte es sich nicht nehmen lassen, die Frage, warum Melinda und Alan bei ihm waren, selbst zu beantworten. Doch bevor er reagieren konnte, kam Alan ihm zuvor. So blieb er, mit der Hand auf der Türklinke, stehen und hörte noch ein bisschen zu. Mit einem Seitenblick warf Charles Miss Stead noch einmal ein Lächeln zu.
Als Alan nach einigen Sätzen mit einer Art resigniertem Fluch geendet zu haben schien, klopfte Charles aus Höflichkeit an und öffnete schließlich die Tür.
„Wie ich sehe, haben Sie es sich hier… gemütlich gemacht“, kommentierte er die Raumwahl für ein geselliges Beisammensein mit leicht abgeneigtem Unterton und suchte mit seinem Blick kurz die Anwesenden. Den Alkohol, den der Arzt scheinbar zusammengerafft hatte, kritisierte Charles allerdings nicht. Für ihn war tatsächlich die Umgebung störender als dass die anderen sich einem Rausch hingaben, der für sein Vorhaben nur hinderlich sein konnte. Es war so als würde der Geruch nach Blut, Schmerz und Tod, auch wenn er sich das bestimmt nur einbildete, an diesem Operationszimmer haften.
Charles überließ Miss Stead mit einem Handzeichen den Vortritt und hielt ihr die Tür auf – und als sie nach kurzem Zögern in das Behandlungszimmer getreten war, schneite auch er hinein. Dann schloss er die Tür hinter sich und stellte sich, die Hände locker hinter dem Körper verschränkt, mitten im Raum auf, um Abstand zu dem Operationstisch zu wahren, mit dem er schon Bekanntschaft gemacht hatte.
„Sie wollten doch nicht ohne uns anfangen, oder?“, fragte er und zeigte kurz ein Lächeln, dass sogleich wieder einer ernsten Miene wich. Charles hängte nicht an die große Glocke, dass er gelauscht hatte, auch wenn er einiges nur zu gern kommentiert hätte. Alans Sticheleien zum Beispiel. Stattdessen wandte er sich nach einem kurzen Moment des Schweigens an Dr. Tremaine.
„Wäre es vermessen von mir, Sie nach einem Glas zu fragen, Doctor? Wenn Sie erlauben, ich könnte wahrlich etwas zu trinken gebrauchen.“
Das lag nicht nur an der etwas trockenen Kehle, die er hatte. Ein Drink – oder auch zwei – wären jetzt das richtige, um sich etwas zu entspannen, auch wenn an vollkommene, süße, wohltuende Entspannung gerade nicht zu denken war. Er musste den Versammelten noch von dem Mord letzter Nacht erzählen. Besser, sie erfuhren es von ihm, als dass sie es irgendwo aufschnappten.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Darnamur am Mi Dez 19 2012, 18:05

Randolph fand es durchaus interessant, was Alan ihm zu erzählen hatte. Es schien so als hätte es Charles Norly tatsächlich geschafft den kampferprobten Alan niederzuschlagen und Melinda, die sich schließlich ähnlich zu wehren musste. Wenn ihm derartiges gelingt, dann ist er sicherlich auch in der Lage Morde zu begehen. Dann begann Alan damit sich über die Unterschiede zwischen Arm und Reich in der heutigen Londoner Gesselschaft auszulassen. Er hatte natürlich nicht unrecht. Es stand nicht gut um die Bevölkerung der Stadt. Das er dem Scotland Yard allerdings Korruptheit und die Funktionen einer Killermaschinerie vorwarf ließ Randolph stutzig werden. Er war sich sicher- er wusste das es solche "schwarzen Schafe" innerhalb der Polizei gab. Aber er konnte nicht glauben, das sie als Killer diente um Bürger mit "feindlichem" Gedankengut unschädlich zu machen. Diesbezüglich würde er auf jeden Fall noch weiter recherchieren müssen. Vielleicht konnte er heute Abend mehr darüber herausfinden. Wenn die Ordnungsinstanz Londons wirklich auf Menschenjagd ging, die Scarface-Morde auf das Konto von Scotland Yard gingen, dann würde das womöglich gravierende Folgen haben. Für das Volk und sogar den gesamten Staat. Doch nein, wieso sollten Hill und seine uniformierten Truppen das tun? Es war schließlich eher so, das die Mordserie den Stand der Polizei schwächte. Und das konnte doch unmöglich die Intention des Chief Comissionars sein. Vielleicht aber war Hill der falsche Sündenbock. Wenn er entlassen würde, dann...
Die Tür flog auf und Mr. Charles Norly trat herein. Mist. Gerade jetzt, als Alan ihm bereitwillig mehr von "Scarface" erzählt hätte, platzte der Kerl herein. Hat er gelauscht? Randolph war sich nahezu sicher. Aber wenn schon, bislang hatte sich der Doktor ja noch nicht offen nach Norlys Plänen erkundigt. Diesbezüglich hatte Alan ihn ja erst einmal abgespeist, da er schließlich nicht wusste "was der Irre vorhatte". Er bezweifelte jedenfalls, das Norly ahnte, das er etwas ausheckte. Also bemühte sich Randolph um ein Lächeln, das tatsächlich nur ein wenig gequält wirkte: "Bedienen sie sich! Ich organisiere einen Moment weitere Sitzgelegenheiten!" Dann verschwand er und kehrte mit zwei Stühlen aus dem Esszimmer zurück. "Bitte!"
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Scáth am Do Dez 20 2012, 20:30

Die Kleidung die Johanna bekommen hatte passte wirklich wie angegossen. Nicht nur Charles fand, das sie ihr stand. Auch Johanna selbst gefiel sich in diesem Kleid. Die anfängliche Nervosität die sie ständig begleitet hatte begann sich zu legen. Seltsamerweise begann sie sich gerade Wohl zu fühlen im Umkreis dieser Personen. Melinda schien nett zu sein, und auch Charles hatte Johanna auf irgendeine Weise ins Herz geschlossen, obwohl sie sich nicht sicher war, ob dies nur auf der Tatsache beruhte, das er wohl ihr Vater war. Die anderen beiden waren ihr nicht bekannt. Es war wohl nicht zu übersehen das gewisse Spannungen zwischen den Herren herrschte, aber das war auch nicht verwunderlich, denn scheinbar kannten sie alle Charles noch nicht lange, und waren noch der Überzeugung dieser sei ein Serienkiller. Sicher ist man angespannt, wenn man sich in der Nähe einer solchen Person befand. Das war bei Johanna zu Beginn selbst nicht anders. Doch mittlerweile war sie fast schon überzeugt davon, das Charles nicht der Serienkiller war, für den ihn alle halten. Sie vertraute ihm, und glaubte das was er ihr erzählte. Und das hatte nicht damit zu tun, das er ihr Vater war. Charles schenkte Johanna mehrmals ein Lächeln, und Johanna lächelte immer recht höflich zurück. Es war ihr klar, das Charles bemerkt hatte, wie sie ihn musterte. Sie versuchte sich so gut es ging zurück zu halten. Insgeheim hoffte sie allerdings, sie würde bald Zeit finden, mit ihm zu sprechen. Doch er hatte sicher gerade wichtigeres zu tun.
Johanna setzte sich auf einen der Stühle den der Doctor ihnen brachte und nickte diesem dankend zu. "Ich möchte Ihr Gespräch ungern unterbrechen, aber, Mr. Norly, könnten sie mir vielleicht erklären...nunja...was Sie vor haben?", sprach sie etwas unsicher. "Ich bin zwar freiwillig mitgekommen, was wohl für alle hier absolut unverständlich ist, aber, Sie müssen verstehen...ich würde schon gerne wissen auf was ich mich eingelassen habe.", fügte Johanna hinzu, und wartete gespannt auf eine Antwort.
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Umbra am So Dez 23 2012, 17:17

Charles dankte Dr. Tremaine für das Angebot, sich selbst an dem Alkoholaufgebot zu bedienen, und trat, während der Chirurg schon aus dem Raum verschwand, an den Operationstisch, zu dem er gerade noch bewusst Abstand gehalten hatte. Nach kurzem Begutachten der Flaschen wählte Charles ein bauchiges Exemplar aus, das irgendeinen Brandy enthielt, und schenkte sich großzügig ein. Die Flasche stellte er nur kurz ab, um sein Glas in einem Zug zu leeren, und füllte sich dann nach. Dass er vor nicht weit entfernter Zeit Alan für dessen Frühstücksrum kritisiert hatte, war ihm nun egal. Eigentlich pflegte Charles tatsächlich nicht vor den Abendstunden über ein Schlückchen nachzudenken, aber angesichts der Umstände, die an seinen Nerven zerrten, und gemessen daran, dass die anderen es sich auch etwas gemütlich machten, konnte ihm ein wenig Schnaps bestimmt nicht schaden. Dankbar spürte er, dass das wohlig warme Gefühl, das der Brandy verursachte, sich in seinem Inneren ausbreitete und ihm tatsächlich den Eindruck verschaffte, dass auch seine Schmerzen etwas verflogen.
Ebenfalls dankbar war Charles für den Stuhl, den Dr. Tremaine ihm brachte und auf den er sich sinken ließ. Zu sitzen war nach der anstrengenden Hin- und Herlauferei, die an diesem Morgen bereits hinter ihm lag, eine Wohltat, auch wenn es mit Sicherheit bequemere Sitzgelegenheiten als diesen Stuhl gab.
Überraschenderweise war es Ms. Stead, die das Wort ergriff. Bisher war sie ziemlich schweigsam gewesen, aber verdenken konnte es Charles ihr nicht. Sie hatte ihr sicherlich ruhig Leben zugunsten dieser seltsamen Zusammenkunft in Dr. Tremaines Haus aufgegeben – und das, ohne zu wissen, was ihr bevorstehen würde. Dass das Mädchen nun um eine Erklärung der Situation bat, war nachvollziehbar.
Ja, worauf hat sie sich eingelassen?, fragte Charles sich selbst. Auf einen Mann, der eine chaotische Truppe von sich einander Fremden zusammengeschart hat und nun plant, die Strukturen der englischen Gesellschaft aus den Fugen zu bringen. Allerdings ist dieser Mann ein vermeintlicher Serienmörder, der zwar unschuldig ist, aber dessen Gesellschaft trotzdem Lebensgefahr bedeutet.
War das eine gute Antwort? Sie brachte es zumindest auf den Punkt. Aber Charles formulierte es anders. Er wollte ihr erklären, was er schon seinen Gästen in Hills Haus hatte nahebringen wollen. Dass Dr. Tremaine anwesend war und zuhörte, fand Charles allerdings nicht wirklich optimal. Er wusste noch nicht, was er von dem Chirurg und Vatermörder halten sollte. Doch da Melinda dem Mann vertraute, würde Charles es in gewissen Zügen auch tun. Erst einmal. Außerdem konnte er schlecht ihren Gastgeber aus dem eigenen Räumlichkeiten werfen, ohne unhöflich und undankbar zu wirken. Die Streiterei mit dem Arzt war schon genug gewesen. Charles wollte dessen Gastfreundschaft nicht zu sehr strapazieren.
„Wenn ich ehrlich bin, wüsste ich das selbst gern, Miss“, antwortete Charles Ms. Stead mit einem Lächeln, dem es allerdings an Fröhlichkeit mangelte. Ihm selbst war noch zu vieles unklar als dass er mit Bestimmtheit hätte sagen können, was ihn – was sie – erwartete. Er begann einfach damit, ihr im ruhigen Tonfall die Situation aus seiner Sicht zu schildern:
„London, ganz England, ist nicht mehr das, was es einmal war. Die Queen hat keinen Einfluss mehr auf das Geschehen, ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob Sie überhaupt weiß, was hier in dieser Stadt vor sich hinbrodelt. Während heute alle darauf aus sind, den ‚Schlächter‘ zu fangen, den man in mir sieht, erkennt niemand die wahre Bedrohung, das wahre Ungeheuer, das sich alles, was die Hauptstadt des Empire ausmacht, unter den Nagel reißen will. Der London Police Service ist unter Hills Fuchtel zu einer machtvollen Instanz aufgestiegen, die ihre Kompetenzen für eigene, äußerst fragwürdige Ziele missbraucht. Die Regierung liegt in der Hand von Politikern, die von Industriellen geschmiert werden und ihre Macht mit korrupten Bobbies sichern, die ihre Gegner aus dem Weg räumen oder es solchen androhen, die noch Gegner werden könnten. Um den Überblick zu behalten, sammeln Hills kleine Spürhunde alle Arten von Informationen, die Sie finden können. Oft wissen sie mehr über einzelne Bürger als deren Angetraute und Freunde. Oder sie glauben, viel zu wissen. Nicht wenig von dem, was sie in ihre hübschen Akten schreiben, ist Unsinn, da üble Nachrede. Aber das wirklich Ungeheuerliche daran ist, dass sie genau wissen, dass nicht alles der Wahrheit entspricht, das sie aufschnappen, sie es aber trotzdem dokumentieren. Und irgendwann erinnern sie selbst nicht mehr, was nun Tatsachen und was Gerüchte sind. Nicht die Schlägertruppen mit ihren hübschen Handschuhen sind das Problem, um das es sich zu kümmern gilt – die sind nur das, was die Öffentlichkeit davon zu sehen bekommt –, sondern die dreiste Spitzelei in Privatangelegenheiten und in solchen, die es zu sein scheinen. Sobald jemand zu unangenehm wird, wird demjenigen ein Vergehen angehängt. Hinter Gittern oder am Galgen sind politische Gegner keine Bedrohung mehr. Das muss ein Ende haben, sage ich. Dieses ganze Rattennest muss ausgeräuchert werden, damit der Stimme des Volkes Gehör geschenkt werden und jeder halbwegs rechtschaffene Bürger des Königreiches wieder ruhig schlafen kann. Bisher beschränken sich die meisten Auswirkungen dieses verdammenswerten Systems auf London selbst, aber das wird sicher nicht so bleiben. Ich will verhindern, dass noch größerer Schaden entsteht, Miss. Ich möchte, dass diejenigen dafür büßen, die mir meine jetzige Situation angetan haben. Gerechtigkeit, das und nicht mehr will ich erreichen, bevor man mich aufknüpft. Untätig werde ich das sicher nicht über mich ergehen lassen.“
Charles rückte auf dem Stuhl in aufrechtere Haltung und nippte an seinem Glas. Nun kam ein für ihn noch unangenehmerer Teil seiner Ausführung. Er war sich nicht sicher, wie die Anwesenden reagieren würden, aber es war besser, es jetzt und hier zu erwähnen. Er hatte zwar nur gerüchteweise davon gehört, dass Edward Tilling ermordet und seine Leiche auf grausige Art und Weise entstellt worden war, jedoch hatte Charles diese Neuigkeit sofort geglaubt, als er sie aufgeschnappt hatte. Es konnte kein Zufall sein. Nicht unter den gegebenen Umständen.
„Im Moment hat es für mich aber deutliche Priorität, unsere aktuelle Situation wieder in den Griff zu bekommen. Ich muss zugeben, dass ich die Lage falsch eingeschätzt habe. Ich habe Sie unbeabsichtigt in äußerste Gefahr gebracht. Sie alle“, stellte er klar.
„Die Polizei ist leider nicht das Problem, um das wir uns Sorgen machen müssen. Was mit Mr. Hyde geschehen ist, ist leider nicht der einzige Beweis dafür.“
Charles nahm einen weiteren kleinen Schluck Brandy, doch wirklich zu beruhigen vermochte ihn der Schnaps gerade nicht. Er merkte, dass seine Hand zitterte, als er zum Trinken ansetzte, also ließ er sie danach schnell wieder sinken und suchte auf seinem Oberschenkel Halt.
„Verzeihen Sie, ich bin ziemlich aufgewühlt“, merkte er, sich entschuldigend, an, denn seinen Gesprächspartnern war dieser kleine Schwächeanfall sicher nicht entgangen.
„Ich musste heute Morgen erfahren, dass ich in der gestrigen Nacht einen Freund verloren habe. Bedauerlicherweise soll er…“
Er zögerte kurz.
„Er soll durch meine Hand sein Ende gefunden haben. Ich halte es für besser, dass Sie es nun von mir erfahren, als zufällig von jemand anderem. Zu meiner Bestürzung ist das allerdings noch nicht alles. Wissen Sie, er half mir gestern Abend. Unbewusst, will ich hinzufügen, denn eigentlich war es eher Zufall, dass seine Kutsche gerade zur Hand war. Ich habe sie gestern gebraucht, um Sie zu transportieren“, sprach er für den Moment nur Melinda und Alan an, „also habe ich auch Ed betäubt, damit er mir nicht im Weg ist. Er hätte mir seine Kutsche wahrscheinlich sogar geliehen, wenn ich ihn darum gebeten hätte, aber so erschien es mir sicherer für ihn. Ich…“, stockte er erneut, denn er bedauerte wirklich sehr, was geschehen war.
„Ich habe mich getäuscht. Eds Mörder muss mich beobachtet haben, anders kann ich mir seinen Tod nicht erklären, und das bedeutet höchstwahrscheinlich auch, dass er Sie gesehen hat. Wenn es der gleiche Täter ist wie der Schütze, der Mr. Hyde umbringen wollte, dann mit absoluter Sicherheit. Vielleicht weiß er auch von Ihnen beiden, Ms. Stead und Dr. Tremaine. Ich bin mir sicher, dass man Sie alle nicht unbehelligt lassen wird, wenn es so ist – allein aus dem Grund, weil Sie mir näher stehen als die bisherigen Opfer es getan haben“, wiederholte Charles in etwa das, was er schon Alan gegenüber geäußert hatte. „Man will mir dieser Morde anhängen, um mich zu vernichten, verstehen Sie? Und das hier, das Töten von Unschuldigen, nur weil ich mit ihnen geredet habe, ist eine neue Möglichkeit, um mich zu quälen. Es tut mir leid. Ich war unaufmerksam, ich habe das nicht kommen sehen.“
Charles leerte sein Glas, bevor die anderen auf das Gesagte reagieren konnten. Auch wenn er erwartete, dass nun nichts Positives kommen würde, war er nicht nervös.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Elli am Fr Dez 28 2012, 16:33

Melinda betrachte die Szene ruhig, der Alkohol der sich den Weg in ihre Blutbahn suchte, schaltete das Zittern ab. Sie atmete tief durch, bevor sie sich einen erneuten Schluck zuführte. Der Gedanke die Flaschen alleine zu leeren, war verlockend. Wenn sie Glück hätte, würde sie sich am nächsten Tag kaum erinnern, was geschehen war. So hatte sie sich immerhin den ein oder anderen Freier wegtrinken können. Charles began zu reden, es schien im sichtlich schwer zu fallen, von dem toten Ed und den verletzten Männern zu sprechen, die vor nicht allzu langer Zeit noch gemeinsam Alan dabei beobachtet hatten, wie dieser versuchte Norly zu erschießen. Melinda gefiel, dass das misslungen war. Sie räuperte sich, als sie seine Nervosität bemerkte "Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Da wir uns nun offensichtlich alle in Gefahr befinden," sie ließ ihren Blick durch die Gruppe gleiten, "aber wer von uns ist das nicht auch ohne ihr Zutun Mr Norly, wäre es interessant zu erfahren, wie die zukünftigen Pläne aussehen."
Sie lehnte sich ein wenig zu zurück, der Stuhl unter ihr knarzte, trotz des geringen Gewichtes, das Melinda ihm entgegen setzte. Wie waren noch einst die Worte von einer Hure gewesen? "Es gibt keinen größeren Fluch, als 'Mögest du in aufregenden Zeiten leben'"

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Umbra am So Dez 30 2012, 19:19

Melindas Worte mochten tröstlich gemeint sein, bei Charles jedoch erzielten sie diese Wirkung nicht. Natürlich wusste er, was der Begriff „Risiko“ bedeutete, aber eine derartige, akute Gefahr hatte er nicht erwartet.
Die Morde an den bisherigen Opfern hatten ihn zwar betrübt und wütend gemacht, weil er dafür verantwortlich gemacht worden war und deswegen nicht wenige Unannehmlichkeiten auf sich nehmen hatte müssen, doch waren sie ihm nicht wirklich nahe gegangen. Diese Taten waren aus seiner Sicht verabscheuungswürdig, das gewiss, doch sie würden ihn im Grunde nichts angehen, wenn Hill nicht gewesen wäre und man nun nicht mit seinem Gesicht die ganze Stadt plakatieren würde. In Bezug auf die Geschehnisse der letzten Nacht sah das jedoch anders aus.
„Wo gehobelt wird, da fallen Späne“ war eine Einstellung, die Charles im Laufe seines Lebens fast permanent vertreten hatte, aber er setzte sich selbst Grenzen, die er zwar durchaus in der Lage war zu übertreten, so etwas jedoch tunlichst vermied. Wenn er diesbezüglich nachlässig wurde, waren die Voraussetzungen für sein weiteres Vorhaben – vornehmlich für die anderen Beteiligten, aber damit auch für sich selbst – nicht gerade vorteilhaft.
Sein Freund Edward – wenn man es genau betrachtete, eher ein alter Bekannter – und auch John Hyde waren im Gegensatz zu den anderen Opfern durch Charles eigenes Zutun ins Visier geraten. Eds Tod und Mr. Hydes lebensbedrohliche Verletzung wollte er sich selbst nicht verzeihen, also tat er dies auch nicht. Trotzdem Charles diesen innerlichen Widerwillen aufgrund seiner eigenen Sturheit verspürte, war es nicht das allein, was ihn beschäftigte. Er fühlte sich ehrlich betroffen und schuldig. Er hätte dieses Dilemma verhindern können, wenn er gründlicher gewesen und nicht aus der Gegebenheit heraus, dass er sich durch seine Verletzung und Alan hatte ablenken lassen, inkonsequent geworden wäre. Er hatte seinen Gästen gesagt, dass er sie beschützen würde. Dem war er nicht zur Genüge nachgekommen. Sein Versäumnis konnte nun nicht wieder gutgemacht werden, allerdings wollte er das Beste aus ihrer Lage machen – wie auch immer diese genau aussehen mochte.
Das bedeutete, dass Charles nun stark sein und diese Stärke auch ausstrahlen musste. Im Laufe der gestrigen Nacht und des heutigen Morgens hatte er mehr Tiefen als Höhen erlebt, was zeitgleich mit seiner körperlichen Verfassung auch seine Selbstbeherrschung deutlich hatte bröckeln lassen, doch der Alkohol und seine Entschlossenheit, das Geschehen nun wieder in die eigene Hand zu nehmen, bauten Charles gerade wieder auf. Melindas Versuch, seine Schuld etwas hinunterzuspielen, half dabei ein wenig, auch wenn er selbst es allerdings anders sah.
Charles schenkte ihr ein dankbares Lächeln. Sie war freundlich zu ihm gewesen, von Anfang an, und vielleicht war das warme Gefühl, sich bewusst zu sein, dass es überhaupt jemanden gab, der sich um ihn sorgte – selbst wenn es sich nur um Höflichkeit handelte –, etwas, das er wirklich vermisst hatte.
Er straffte sich. Charles versuchte, sich zu entspannen, soweit dieses Operationszimmer und die eigenen Erfahrungen mit solcherlei Orten es ihm möglich machten, und antwortete Melinda in nun deutlich gefassterem Ton, während er eher unbewusst mit den Fingern seiner rechten Hand, die er auf seinem Oberschenkel abgestützt hatte, an dem geleerten Glas herumspielte.
„Da es Sie interessiert, werde ich Ihnen gerne erzählen, was ich vorhabe, Miss“, fing Charles an. „Es ist nur Ihr gutes Recht, schließlich betrifft es Sie ja ebenso wie mich selbst. Im Moment hat absolute Priorität, dass wir uns eine sichere Umgebung schaffen, damit wir allgemein gezielter vorgehen können. Das bedeutet, dass wir eine Unterkunft brauchen, in der uns die Polizei nicht behelligt und wir auch ansonsten eine vorteilhafte Position gegenüber denkbarer Bedrohungen haben. Hills Haus wäre perfekt gewesen“, sagte er seufzend und sah dabei kurz bedeutend zu Alan herüber, „aber wollen wir dem nicht zu sehr nachtrauern. Ich habe mich sowieso schon zu lange dort aufgehalten und immerhin wäre es auch ohne den Brand nach dem gestrigen Abend nicht mehr zu gebrauchen gewesen, weil wir dort gesehen worden sind. Auch die anderen Orte, an denen ich bisher in der letzten Zeit untergekommen bin, sind nicht sonderlich geeignet. Zum einen weiß ich nicht, ob wir dort belästigt werden würden, zum anderen ist genügend Platz für Privatsphäre zu haben ein Faktor, den wir nicht unterschätzen sollten. Ich habe mehrere Möglichkeiten zur Hand, allerdings konnte ich in letzter Zeit noch keins der Objekte, die mir aufgefallen sind, auf ihre Bewohnbarkeit überprüfen. Dafür fehlte mir die Gelegenheit, also müssen wir einfach unser Glück versuchen.“
Für Genaueres und das weitere Vorhaben war später auch noch Zeit, befand Charles. Allgemein war es sicherer, nicht allzu gesprächig zu sein, was Details anbelangte, bevor diese wirklich von Bedeutung waren. Egal, wem gegenüber.
„Nun, Dr. Tremaine“, wandte Charles sich an diesen. „Ihre Gastfreundschaft in allen Ehren. Sie haben die Widrigkeiten unserer, vor allen aber meiner Anwesenheit hier in Kauf genommen. Dafür und für Ihre medizinische Betreuung kann ich Ihnen nur danken. Allerdings haben Sie Ihre Pflichten und wir können Ihnen dabei nur im Weg sein. Noch mehr werden wir im Weg sein, sollten in Ihrer Praxis Patienten ein- und ausgehen. Sollten wir Ihnen also zu viele Umstände machen, schlage ich vor, dass wir aufbrechen und Sie fortan nicht mehr belästigen. Wenn Sie es jedoch noch ein wenig länger mit uns auszuhalten bereit wären, würde ich mich freuen. Ich will mich Ihnen natürlich nicht aufdrängen. Die Kosten, die unser Aufenthalt hier für Sie bedeutet, werde ich selbstverständlich komplett tragen.“
Erwartungsvoll sah Charles den Chirurgen an. Wie würde dieser reagieren? Eigentlich hatte Charles vorgehabt, alsbald diesem Haus den Rücken zu kehren, jedoch bot sich diese Gelegenheit an, sich selbst ein wenig Zeit zu verschaffen. Außerdem war der Gedanke verlockend, durch einen verlängerten Aufenthalt in Randolph Tremaines Haus mehr über diesen herauszufinden. Charles wusste nicht, ob er diesem trauen konnte. Noch nicht. Dass der Chirurg zugegeben hatte, ein Mörder zu sein, schreckte Charles nicht ab. Es hatte ihn nur vorsichtig gemacht, da es dies schwieriger machte, den Doctor einzuschätzen. Auch sonst wusste Charles ja nichts über Melindas Freund. Er würde sich gerne selbst ein Bild machen und zudem Ms. Bolt ein bisschen befragen wollen. Einen ausgebildeten Arzt in der Gruppe zu haben, konnte sicher von Vorteil sein – wahrscheinlich für diesen selbst am wenigsten.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Darnamur am Mo Dez 31 2012, 14:47

Randolph trommelte mit den Fingern auf der zerklüfteten Tischplatte. Tick. Tack. Tick. Tack. Er musterte Norly aus seinen grauen, stechenden Augen. Die Informationen, die er erhalten hatte waren reichlich. Nur wusste er sie noch nicht wirklich zu beurteilen. Eine Mörderfraktion in Scotland Yard? Möglich. Hill als der Drahtzieher hinter den Morden? Eher unwahrscheinlich Randolphs Ansicht nach. Dennoch- er ließ die Option offen. Norly wollte einen Staatsstreich? Ganz sicher. Tote? Ganz sicher. Informationen. Er hatte sie gewollt. Er hatte sie bekommen. Doch ob er allen von ihnen trauen konnte- das wusste er nicht. Norly war seiner Einschätzung nach ein verhältnismäßig ehrlicher Mann. Auch er besaß natürlich Geheimnisse. Sein Blick wanderte Charles Arm hinab zu den Händen. Auch er konnte falsche Schlüsse ziehen. Im Grunde hatte er zwar etwas erfahren, aber nicht genug. Die Akten. Das war wohl das Argument, das am meißten für Norly sprach. Er musste dies alles von jemandem in Scotland Yard wissen und zudem hatte er bei seinem "Besuch" dort sicher etwas erfahren.
Die entscheidende Frage war: Selbst wenn Norly mit allem, was er gesagt hatte Recht hatte: War der Preis nicht zu hoch. Eine Revolution würde erst Recht für Chaos in England sorgen. Randolph konnte das verhindern. Er musste Charles nur freundlich einen längeren Aufenthalt gestatten und da zum Chief Comissionar marschieren. Alan, Melinda und...Johanna auch sie würde ein solcher Verrat treffen. Aber wo gehobelt wird, da fallen Späne... griff er das Zitat Melindas auf. Er gestand sich ein, das er immer noch Gefühle für sie empfand. Vor einiger Zeit hatte er sie noch wie eine Tochter behandelt. Tick. Tack. Tick. Tack. Es mussten erst ein paar Sekunden vergangen sein, aber langsam wurde eine Antwort von ihm erwartet. Randolph wollte sich noch nicht entscheiden, ob er Norly helfen oder verraten sollte, aber in beiden Fällen wäre es nicht falsch ihm und seinen Gefährten Obdach zu gewähren.
""Werter, Mr. Norly", begann er sorgfältig. Seine Augen glitten wieder weg von den schwarzen Handschuhen und sein Blick kreuzte sich mit dem Charles'. "Ich habe ihnen bereits gesagt, das ich mit meinem Leben...sagen wir schon so gut wie...abgeschlossen habe. Es ist bereits zu spät um mich aus der Schlinge zu ziehen, die von ihnen ausgeworfen wurde, als sie mich aufsuchten. Es wird keine Patienten mehr geben in meiner Praxis. Und ich bin natürlich...nicht auf ihr Geld angewiesen. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde...es wäre eine Freude ihnen Unterschlupf in meinem Heim zu gewähren. Allerdings wäre es sinnvoll- für uns alle denke ich. Ich hätte nur gern eine Antwort als Gegenleistung, die mich...interessieren würde. Sie sind ins Herz von Scotland Yard vorgedrungen. Und dort standen sie Hill gegenüber- ihrem erklärten Erzfeinde, wenn ich es so richtig verstanden habe. Was hat Hill zu ihnen gesagt? Was hat er zu ihnen gesagt, als er sie erblickt hatte, die Pistole auf seinen Kopf gerichtet?" Randolph behielt den Blick Norlys im Auge und wartete. Seine Uhr tickte leise.
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Umbra am Fr Jan 04 2013, 19:57

Charles funkelte Dr. Tremaine an. Für einen kurzen Moment verengten sich seine Augen und er erwiderte den musternden Blick des Chirurgen mit leichter Verärgerung und vor allem mit Misstrauen. Hill gerade jetzt zu erwähnen, in dem Moment, in dem es mit Charles‘ Laune wieder etwas bergauf ging, gerade in diesem Zusammenhang…
Er analysiert mich, wurde Charles bewusst. Er will wissen, woran er ist.
Es war ein Spiel, ein Duell zwischen zwei Jägern, die einander umkreisten, bis einer beim anderen eine Schwäche und damit die Gelegenheit fand, die Überhand zu gewinnen. Wieder einmal, so erkannte Charles, hatte er jemanden vor sich, der ihn nicht einschätzen konnte und deswegen versuchte, in seinen Kopf einzudringen, um sich ein Bild machen zu können. Aber Charles war, ohne sich selbst rühmen zu wollen, ein guter Jäger, ein Naturtalent, das über Jahre Erfahrungen sammeln konnte.
„Sie zwei“, sprach er den Schluss aus, auf den er gekommen war, und ließ dabei seine rechte Zeigefinger auf Dr. Tremaine und Alan weisend hin- und herschwenken, wobei er sein geleertes Glas mit den restlichen Fingern der Hand immer noch fest umklammerte, „Sie hecken doch etwas aus, das spüre ich.“
So musste es sein. Die beiden hatten sich entweder abgesprochen oder handelten getrennt voneinander, aber dass der Chirurg gerade auf diese Weise nach Hill fragte, war für Charles ein eindeutiges Zeichen dafür, dass man beabsichtigte, ihn auszufragen.
Ein selbstsicheres Lächeln schlich sich auf Charles‘ Gesicht, das beinahe sofort in ein belustigtes, leises Lachen umschlug.
„Hill interessiert Sie also… Nun, ich wüsste nicht, dass Sie das etwas anginge. Eigentlich. Aber wenn Sie das als Gegenleistung für die Bürde, die Sie sich mit uns aufladen, wünschen, werde ich Ihnen erzählen, was Sie wissen wollen, Doktor. Und ein bisschen mehr“, fügte er hinzu. Der Chirurg wollte ihn ohne Skalpell öffnen – also sollte der Mann genau das bekommen, die ungeschönte Wahrheit, und damit anfangen, was auch immer er damit beabsichtigte.
„Um die Sache verständlicher zu machen, muss ich am Anfang anfangen und Ihnen berichten, wie es überhaupt dazu gekommen ist. Das Gespräch zwischen Chief Commissioner Hill und mir war an dem Punkt, an dem meine Waffe ins Spiel kam, schon etwas fortgeschrittener als Sie denken. Ich habe ihn nicht aufgesucht, um ihn umzubringen. Eigentlich war das nicht meine Intention, das versichere ich Ihnen. Ich wollte gesittet, von Mann zu Mann, mit ihm reden. Aber um ein bisschen vorzugreifen: Er hat mich ausgelacht“, offenbarte Charles im Plauderton.
„Ich war sowieso schon wütend und er…“ Charles gluckste und schüttelte den Kopf.
„Nun, er hätte das nicht tun sollen. Ich mag es ganz und gar nicht, wenn man sich über mich lustig macht.“

Charles räkelte sich etwas auf seinem Stuhl und schlug die Beine übereinander, machte es sich etwas bequemer. Jetzt, da er davon berichtete, stand er etwas über den Dingen und konnte sich von ihnen so weit distanzieren, dass er sie mit Humor sehen konnte, wo eigentlich – besonders aus seiner Sicht – keiner angebracht sein dürfte. Charles fühlte, dass er wieder die Kontrolle über sich hatte, so wie es sein sollte.
„Was mich also am sechsten Januar um die Mittagszeit dazu veranlasste, mich in eine Kutsche zu setzen und mich zum Scotland Yard fahren zu lassen, war der Umstand, dass ich zwei von Hills Schnüfflern zuvor dabei erwischt hatte, wie sie mein Hotelzimmer auf den Kopf stellten. Es war erst mein zweiter Tag in London und schon hielt er es für notwendig, mich auf diese unverschämte und plumpe Weise zu belästigen. Dabei hatte ich meinen Aufenthalt hier ironischerweise eigentlich nur als kurzweiligen Zwischenhalt geplant, der nun etwas länger ausgefallen ist. Wissen Sie, ich bin seit einiger Zeit nicht mehr in der Stadt gewesen und hatte gerade einen äußerst entspannenden Spaziergang hinter mir, den ich unternommen habe, um wieder ein bisschen mit dieser Umgebung warm zu werden. In der Tat musste ich, als ich die Lobby des Hotels betrat, auch buchstäblich wieder warm werden, denn ich war vom Schnee ziemlich durchweicht worden, weswegen ich auch beschloss, erst auf mein Zimmer zu gehen und mich umzuziehen, bevor ich mir vielleicht die Speisekarte des Restaurants ansehen würde. Es muss Schicksal gewesen sein, dass ich die Kerle so auf frischer Tat ertappte. Kaum stieg ich aus dem Lift und klopfte mir noch einige Schneeflocken von den Schultern, da hörte ich die beiden schon, ihrem schändlichen Treiben nachgehend. Mir fiel sofort auf, dass die Tür zu meinem Zimmer nicht geschlossen war, so wie es sein sollte, also tastete ich schon nach meinem Revolver, während ich mich langsam näherte.
So eine Situation war mir leider nicht unbekannt, muss ich sagen, es war mir in diesem Moment wie ein Déjà-vu, als ich durch den Türspalt spähte und mein Gepäck heillos durcheinander im Zimmer verstreut sah. Meine Kleidung, Geschäftsunterlagen, alles, sogar das Bettzeug und aus Schränken gezogene Schubladen…“

Charles verzog vor Missbilligung etwas das Gesicht, aber er setzte seine wohl etwas länger auffallende Anekdote nicht ohne Belustigung in der Stimme fort.
„Als ich die Tür aufstieß, um den Täter zur Rede zu stellen – bisher hatte ich nur den Blick auf einen erhaschen können –, gingen sie sofort auf mich los. Einer von ihnen hat direkt bei der Tür gestanden. In dem Moment, in dem ich ihn bemerkte, fand ich mich schon auf dem Fußboden wieder. Doch ich erwischte den anderen, als sie über mich hinwegsprangen, um zu fliehen. Ich hielt ihn fest und er schlug hin. Leider nützte mir das wenig, denn sein Freund kam ihm zur Hilfe und setzte mich mit einem üblen Tritt in die Magengegend für ausreichende Zeit außer Gefecht. Als ich wieder auf die Beine kam, waren sie schon längst auf der Treppe, doch so leicht gab ich mich nicht geschlagen. Ich verfolgte sie nach unten, als ich jedoch auf die Straße trat, waren sie schon fort, wahrscheinlich um die nächste Ecke verschwunden.“
Charles seufzte.
„Der Liftboy sah ziemlich erschrocken aus, als ich schnaufend und mit blutiger Nase auf ihn zuhumpelte und erneut von der Lobby in die zweite Etage wollte. Der Junge ließ mich in Ruhe, als ich ihn darum bat, aber der Hotelbesitzer und der Bobby, den dieser Mann zusammen mit seinen aufdringlichen Entschuldigungen mitbrachte, waren nicht so leicht abzuspeisen. Verdammt, es ist mir nicht gelungen, diesen Sturkopf von Polizisten davon zu überzeugen, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Raubzug gehandelt hat, den ich in meinem Pech gestört habe. Ich weiß nicht, ob diese Banditen etwas Bestimmtes gesucht haben oder nur Chaos stiften wollten, denn außer dem Bargeld, das ich im Zimmer gelassen hatte, fehlte nichts. Mehr konnte ich dem Bobby neben der Täterbeschreibung auch nicht berichten und ich habe mich auch gehütet, ihm zu sagen, dass es Hills Männer gewesen sind. Er hat mich sowieso schon so angesehen als würde er mich aufgrund meines Erlebnisses für hysterisch und paranoid halten, dieser Wichtigtuer.“
Er schüttelte über das Verhalten dieses jungen Constables, der ihm doch ernsthaft hatte weismachen wollen, dass er wohl einen Schock erlitten habe, und zur Therapie geraten hatte, sich etwas Ruhe und einen guten Schluck zu gönnen, den Kopf.
„Wenn man will, dass man angehört wird, ist man beim London Police Service sicherlich an der falschen Adresse – besonders, wenn man sich über den Chief beschweren will. Da kann ich Ihnen ein Liedchen von singen!“, sagte Charles, ohne das näher auszuführen.
„Es war bestimmt nicht einer meiner glanzvollsten Momente, wie ich dort stand, allein in dem von Eindringlingen geschaffenen Chaos. Wütend wie ich war, beschloss ich also kurzerhand, Hill selbst damit zu konfrontieren. Ich gebe zu, ich hatte schon bessere Ideen, aber ich ahnte, dass es nicht bei diesem Übergriff bleiben würde, wenn ich nicht sofort abreiste und die Stadt verließ – was ich nicht vorhatte. Ich wollte noch eine Woche bleiben, vielleicht auch zwei. Eilig hatte ich es nicht unbedingt und außerdem war ich es leid, ich bin es leid, wohlgemerkt, dass Hill mir jedes verfluchte Mal Ärger macht, wenn ich mich London auch nur nähere.“
Nun merkte er selbst, dass er sich von seiner Erzählung wohl doch nicht wirklich komplett distanzieren konnte. Chief Commissioner Hill war einfach ein Thema, dass ihn effizient grantig stimmte.
„Als hätte ich, oder besser gesagt er, nicht genug andere Probleme!“, schnaubte Charles und setzte seine Geschichte mit mehr Ernsthaftigkeit fort.
„Wissen Sie, hätte ich geahnt, dass jener Tag noch beschissener weitergehen würde als er angefangen hat, hätte ich sofort die Flucht ergriffen. Aber nein, naiv wie ich war, dachte ich, dass Hill vernünftig mit sich verhandeln ließe. Schließlich ist er Politiker und nimmt er auch von anderen, die etwas von ihm wollen, Schmiergelder an. Ich wollte ihm nahelegen, mich endlich in Ruhe zu lassen.
Seit mehr als elf Jahren bedrängt er mich, wann immer er die Gelegenheit dazu findet, stellen Sie sich das vor!
Also fuhr ich, wie gesagt, zum Scotland Yard. Mir war der Gedanke zwar zuwider, ihm zur Belohnung für seine Untaten auch noch Geld in den Rachen zu stopfen, aber es war der Notfallplan, falls Worte ihn nicht überzeugen sollten.
Nun, er kam nicht zum Einsatz“
, erzählte er und schnalzte etwas geknickt mit der Zunge. Wahrscheinlich hätte genau das diese Angelegenheit beendet, bevor sie aus dem Ruder hatte laufen können. Aber Hills Verhalten hatte ihn diese Option im Moment, in dem er sie hätte vorschlagen können, schlichtweg vergessen lassen.

„Ich betrat das Gebäude durch den Haupteingang. Ich bin nicht eingebrochen, wie es in den Zeitungen stand, ich war schließlich für einen Besuch dort und hatte keine böswilligen Absichten. Man ließ mich auch passieren, ohne mir große Beachtung zu schenken. Ich fand Hills Büro, klopfte sogar an und betrat es dann, als er mich charmant ungehobelt hereinbat. Das Gespräch mit ihm verlief, Sie können es sich sicher schon denken, nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie anstrengend dieser Mann ist“, beschwerte Charles sich grimmig und begann zusammenfassend aufzulisten, was er sich hatte anhören müssen.
„Er verspottete mich. Er hat alles geleugnet, was ich ihm vorgeworfen habe. Er besaß die Dreistigkeit, mir mit einem überheblichen Grinsen ins Gesicht zu sagen, dass ich ein dämlicher Nichtsnutz sei, dem sowieso niemand glauben würde, wenn sein Wort dagegen stünde. Ich würde mich lächerlicher machen als ich sowieso schon sei. Und dann, als ich nach weiterem sinnlosen Hin und Her einsah, dass dieser Mistkerl unverbesserlich ist, und ich aufstand, um einfach zu gehen, erwähnte er – als sei ihm ein Menschenleben, mein Leben, betonte Charles entrüstet, „absolut gleichgültig –, dass ich die nächsten Monate im Tower verbringen würde, wo ich darüber nachdenken könnte, wer in London das Sagen hat.“
Unwillkürlich gab er einen knurrenden Laut von sich. Es war so, als würde er die Szene vor seinem inneren Auge noch einmal erleben.
„Ich habe mich der Verhaftung widersetzt, wie man so schön sagt. Doch dass ich meine Waffe zog, hat ihn nur noch mehr amüsiert. Er hatte es entschieden zu weit getrieben und als ich ihn dann packte und er die kühle Mündung meines Revolvers an sein feistes, haariges Kinn gedrückt spürte, da blieb ihm sein Spott wahrlich im Hals stecken. Ich konnte hören, wie er ihn bedauernd herunterschluckte. Ich sah in seinen Augen, dass er wusste, dass ich abdrücken wollte, dass ich es sogar genossen hätte, sein Hirn im Raum zu verteilen. Zum ersten Mal nahm er mich ernst, zumindest so, dass ich es auch bezeugen konnte. Er hatte Angst vor mir und ich fand das Gefühl, sein Leben in meiner Hand zu haben, berauschend“, gab er ehrlicherweise zu.
„Nur ein kleines Zucken mit dem Finger und ich wäre ihn los gewesen. Doch ich wollte lieber, dass dieser Moment nie endete, dass wir auf ewig dort stünden, damit er in Todesangst verweilen und ich mich an seinem Leid weiden kann.“
Sobald er dies ausgesprochen hatte, wich der Zorn aus seinen Zügen und er kniff sich in die Nasenwurzel, um dann resigniert weiterzusprechen:
„Noch nie war ich weniger stolz darauf, ich selbst zu sein, aber das änderte nichts daran, dass ich diese Niederträchtigkeit in mir spürte. Ich hatte und habe allen Grund, ihn zu hassen. Elf lange Jahre – und gerade jetzt, wo ich im Begriff war, Abstand von all den Ärgernissen der letzten Zeit zu nehmen und wieder zu mir selbst zu finden, zwang er mich dazu, mich mit seinen lächerlichen Machtspielchen auseinanderzusetzen.“
Charles atmete durch. Er konnte sich noch genau an dieses Gefühl erinnern. Es hatte ihn selbst erschreckt, dass er zu so einem Gedanken überhaupt fähig war. Der Chief Commissioner hatte tatsächlich Mordlust in ihm geweckt, nur für einen kurzen Augenblick, aber das war nach Charles‘ Geschmack schon ein kurzer Augenblick zu viel.
Er war noch nicht fertig mit seiner Geschichte. Dr. Tremaines Frage war noch nicht komplett beantwortet.
„Einige Sekunden vergingen“, fuhr Charles unvermittelt fort, als hätte er die Erzählung nicht unterbrochen, nun ruhig und gefasst, „in denen nichts geschah. Ich erschoss ihn nicht, alles in mir sträubte sich dagegen. Ich weiß nicht genau, wie lange Hill und ich so dicht gegenüber verharrten, aber er fand zuerst wieder Worte. Seine Stimme war rau, geprägt von der Anspannung, unter der er sich befand, aber er hatte auch den Mut wiedergefunden, herablassend zu sein. Er fragte mich, ob ich fertig damit sei, mich zum Affen zu machen. Er forderte mich auf, zur Vernunft zu kommen und die Waffe sinken zu lassen, dann würde er auch in Erwägung ziehen, mich in ein Tollhaus einzusperren, wenn mir der Tower nicht gefiele. Wenn ich allerdings abdrücken würde, würde ich Scotland Yard nicht lebend verlassen.
Er ließ mir die Wahl zwischen Folter und Tod. Das hat mich nur noch wütender gemacht. Seine Überheblichkeit. Die Erkenntnis, dass er mich in eine Falle gelockt hatte.
Ich war ehrlich geneigt, ihn zu erschießen, und ich gebe zu, dass ich es trotz meines Zögerns vielleicht noch getan hätte, wäre Sorkin nicht ins Zimmer geplatzt. Also wählte ich eine andere Option – eine von vielen, wohlgemerkt, die Hill, der ja seine eigenen Pläne mit mir hatte, alle nicht gefallen hätten. Ich drängte ihn vor mir her und dass er mich den ganzen Weg über verfluchte, war die reinste Genugtuung. Ich nahm nicht den kürzesten Weg nach draußen, sondern schleifte ihn seinen Bobbies vorbei, damit sie ihn und mich auch alle sehen konnten. Sie sollten sehen, dass nicht er Herr über mein Schicksal ist. Das bin ich allein, ich und niemand sonst. Zumindest in jenem Moment war ich davon überzeugt. Da war ich noch nicht ‚Scarface‘.“

Charles spuckte diesen Namen angewidert aus.
„Als ich fortlief und die Rufe und das schrille Trillern der Bobbypfeifen sich allmählich im dichten Schneetreiben verloren, das inzwischen herrschte, spürte ich Bedauern in mir, dass ich die Gelegenheit nicht genutzt und mich von Hill befreit hatte. In dem Moment, als ich mir bewusst wurde, dass ich so empfand, schämte mich dafür, dass ich mich zu solch hässlichen Gedanken habe hinreißen lassen, dass ich es genossen habe, Hill zu demütigen. Aber er hatte es nicht anders verdient. Leute wie er haben mir alles genommen, was mir jemals wichtig war, und er hat mich in die Ecke getrieben und wollte mich auch noch meiner Würde und meiner Freiheit berauben, nur um seine eigene Eitelkeit zu befriedigen.
Doch die Alternative, die ich mir ausgesucht habe, hat ebenfalls nichts mit Freiheit zu tun. Dazu diese vermaledeiten Morde… Noch immer hoffe ich, dass dies alles nur ein Albtraum ist, aus dem ich einfach nicht aufwache. Unglücklicherweise ist das ziemlich unwahrscheinlich.“

Damit hatte Charles eigentlich erzählt, was er hatte erzählen wollen – in gewisser Weise war es befreiend gewesen, sich die Geschichte von der Seele zu reden –, jedoch wandte er sich noch einmal an Dr. Tremaine, um auf eine bestimmte Sache einzugehen, die dieser vor der Frage nach der Begegnung zwischen Hill und ihm geäußert hatte.

Er erinnerte sich daran, dass der Chirurg in der gestrigen Nacht erwähnt hatte, dass dieser den Tod begrüßen würde. Charles konnte nicht behaupten, dass ihm der Mann etwas bedeutete, und eigentlich war es absurd, dass er überhaupt versuchte, Dr. Tremaine etwas aufzubauen.
„Wissen Sie, die Vergangenheit ist wichtig“, begann er nach einer kurzen Pause mit Bedacht, nachdem er seinen Ärger über die Scarface-Angelegenheit wieder im Griff hatte.
„Sie hat uns zu dem gemacht, was wir sind, und sie macht unser Selbst aus, aber manchmal ist es besser, sie loszulassen und nach vorn zu blicken...“
Er stand von seinem Stuhl auf und stellte sein Glas auf dem Tisch ab, bevor er eine der Schnapsflaschen nahm und diese öffnete.
„Hier, Doktor, trinken Sie das aus, das macht es erträglicher“, ermutigte Charles den Mann, während er diesem einfach eine beträchtliche Menge einschenkte und anschließend auch seinem eigenen Glas neuen Inhalt schenkte. Kurz hielt inne, als sein eigenes Augenpaar ihm von der dunklen, unruhigen Oberfläche seines hochprozentigen Getränks entgegenblickte.
Es gefiel ihm nicht, sich selbst zu sehen, und das lag nicht an seiner Narbe. Die mochte er, irgendwie, denn sie gehörte zu ihm. Er befand, dass er allgemein furchtbar aussah, müde und ausgelaugt – der dicke, weiße Verband um seinen Schädel wirkte ebenfalls nicht vorteilhaft – und er ertrug den stummen Vorwurf in seinem eigenen Blick nicht. Er war tief gesunken, sich so gehen zu lassen, dass er sich am helllichten Tag betrank. Und das auch noch vor den Augen anderer.
Doch der Alkohol machte ihm die Situation wirklich erträglicher, für den Moment. Er sollte und wollte diese Art von Entspannung nutzen, solange es ihm möglich war – in gewissen Maßen, natürlich. Er konnte es sich nicht leisten, seine Sinne zu sehr zu benebeln. In einigen Stunden, wenn es wieder dunkel werden würde, wartete Arbeit auf ihn.
„… Manche Dinge wird man nie vergessen, und das ist auch gut so, denn es wäre fatal, wenn wir Fehler nicht als solche erkennen könnten“, sagte er, während er weiterhin sein Spiegelbild anstarrte und verfolgte, wie es sich auf der sich bewegenden Brandyoberfläche kräuselte.
„Aber wir müssen akzeptieren, dass Vergangenes vergangen ist und wir Geschehenes nicht mehr ändern können. Es musste geschehen, damit wir daraus lernen und einen anderen Weg einschlagen können, bevor es zu spät dafür ist. Und für Sie ist es bestimmt noch nicht zu spät.“
Charles stellte die Flasche ab, griff stattdessen wieder nach seinem Glas und blickte davon auf. Er blieb an den Operationstisch gelehnt und dabei fast auf diesem sitzend stehen, während er Dr. Tremaine ein Lächeln schenkte. Im Gegensatz zur gestrigen Nacht, in der er aus Verärgerung heraus und mit der Absicht, zu provozieren, den Chirurgen mit dem Schlitzer, der sich für ihn, Scarface, ausgab, auf eine Stufe gestellt hatte, schlug Charles nun andere Töne an.
„Ich bin davon überzeugt, dass Sie exzellente Arbeit verrichten. Die Menschen hier brauchen jeden Arzt, der verfügbar ist. Sie vollbringen hier in Ihrer Praxis Gutes und das ist bewunderns- und beneidenswert. Werfen Sie Ihr Potenzial nicht achtlos weg. Das wäre wirklich ein Fehler. Sie sind noch zu jung, um so verbittert zu sein, wie Sie klingen. Überlassen Sie das denjenigen, die ihr Leben tatsächlich verwirkt haben.“
Charles nickte Dr. Tremaine prostend zu und sagte schlicht „Cheers“, bevor er trank und sein erneut leeres Glas wegstellte. Er spürte, dass ihm der Alkohol zu Kopf stieg, aber der Rausch war für ihn in diesem Moment ziemlich angenehm. Er umfing ihn warm und ließ Schmerz und Kummer wirklich dumpfer werden.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Druzil am So Jan 06 2013, 12:37

"Meine Güte, Norly", stöhnte Alan erleichtert auf, als dieser seinen biographischen Bericht beendet hatte.
"Ich dachte mit der Zeit würden ihre ausschweifenden Erzählungen, um all diese ach so wichtigen Höhepunkte ihres Lebens, an Länge verlieren. Aber das Gegenteil scheint ja der Fall!"
Alan nahm rasch einen Schluck aus seinem Glas und musste grinsen.
"Und was heisst hier aushecken? Der Doktor und ich kennen uns gerade wenige Momente, wie Sie sehr wohl wissen. Und wer an diesem Tisch der Aushecker ist, steht ja wohl ausser Frage."
Er blinzelte Norly zu. Das Tollhaus, das wäre das richtige für ihn gewesen. Nur für ein paar Monate, um seinen paranoiden und egozentrischen Verstand ordentlich zu waschen.
"Aber legen wir doch nun einmal die Karten auf den Tisch, bevor er noch anfängt uns zu berichten, was es wichtiges bei ihm heute zum Frühstück gab."
Alan deutete mit dem Daumen auf Norly, sein Blick verweilte aber bei der restlichen Gruppe.
"Die Polizei ist uns auf den Fersen. Er will seinen privaten Rachefeldzug gegen Hill und dessen Konsorten, doch es bleibt die Frage offen was wir wollen."
So gut es auch tat Norly in die Rolle einer Randfigur zu schieben, was ihn sicherlich einigermassen fuchsig werden ließ, so sinnlos war dieses Unterfangen in Hinsicht ihrer zukünftigen Pläne. Alan blieb nichts anderes übrig als sich wieder an Norly zu wenden.
"Sie haben uns versammelt. Für was genau?"

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Elli am Di Jan 08 2013, 17:50

Melinda verfolgte die Gesichter der Anwesenden während sie sprachen genau, wenn der Alkohol ihrer Sinne einmal nicht im Griff hatte, war sie eine gute Beobachterin. Dumm nur, dass sie selten ohne Alkohol in ihrer Blutbahn durch die Straßen Londons lief, immerhin hätte sie das sicher vor der ein oder anderen brenzligen Situation in ihrem Leben bewahren können. Sie ließ sich zu einem Schulterzucken verleiten, was würde es ihr schon bringen? Also hörte sie weiter zu und hing an Norlys Lippen. Aus einem ihr immer noch nicht erfindlichen Grund mochte sie diesen seltsamen Menschen. Ein anderes Wort fiel ihr nicht ein. Er kannte niemanden hier und doch gab er so viel preis. Woran das wohl lag? Entweder er war ein ausgezeichneter Geschichtenerzähler oder aber er hörte sich gerne reden. Möglicherweise auch beides zusammen. Es war auch zu Bedenken, dass er sich rechtfertigen wollte. Bevor ihr Kopf zu rauchen began blickte sie gedankenverloren in ihr Glas, als plötzlich Stirling zu sprechen began. Er stellte die Frage die Melinda auch nur zu gerne beantwortet gewusst hätte. Sie nickte und prostete Stirling zu bevor sie sich wieder Norly zuwand.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Darnamur am Do Jan 10 2013, 20:23

Charles proteste ihm zu, sodass sich Randolph gezwungen sah ebenfalls einen Schluck zu nehmen. Er glaubte dem was Norly über Hill erzählt hatte. Tatsächlich schien Charles ein wahrer Ausgebund an Ehrlichkeit zu sein. An seinem Plan würde das Gesagte allerdings nichts ändern. Beide- Norly und Hill waren schon länger Feinde. Das Hill ihm gegenüber seine Macht demonstrieren wollte war bösartig gewesen. Er hätte nicht annehmen dürfen, das sein Erzfeind eine solche Einschränkung seiner Freiheit einfach hinnehmen würde. Die Frage war nur: Stimmte es tatsächlich das er hinter den Morden steckte oder machte er Norly in einer Paranoia dafür verantwortlich? Randolph hatte fürs erste genug Informationen erhalten. Viel mehr würde er von Norly nicht erfahren könnnen. Jetzt war es an der Zeit zu handeln.
Starling ergriff das Wort. Und wer an diesem Tisch hier der Aushecker ist, steht wohl außer Frage... Beinahe hätte Randolph gegrinst. Wenn sich Alan da mal nicht irrte...
Seine Frage an Norly war ein wenig ungünstig gewählt. Warum er seine Mannschaft hier versammelt hatte war klar, die Frage war wie es nun weiter ging, nachdem sie ja jetzt ihren sicheren Unterschlupf gefunden hatten. Randolph war gespannt wie Charles' Antwort ausfallen würde. So wie er ihn bislang kennengelernt hatte, hatte er sicher schon ein paar Pläne parat. Danach hatte Randolph immer noch Zeit sich seinen eigenen zu widmen.
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Umbra am Sa Jan 12 2013, 13:54

Charles war etwas ungehalten, weil Alan ihn als dahinfaselnden Aufmerksamkeitshäscher darstellte – was Charles sich aber weder am Tonfall, noch an der Mimik anmerken ließ. Er runzelte erst die Stirn, als Mr. Stirling ihn nach dem Grund ihrer Zusammenkunft fragte.
„Das sagte ich bereits. Wenn Sie mehr zuhören würden, anstatt sich zu beschweren und sich mit mir streiten zu wollen, könnten wir unser aller Zeit sinnvoller gestalten. Ich habe Sie vier… Sie zwei“, verbesserte er sich in Melindas und Alans Richtung, „zu einem gemeinsamen Gespräch gebeten, weil es nicht verkehrt ist, den eigenen Horizont zu erweitern. Ich möchte Ihnen die Chance geben, an etwas Großem teilzuhaben.“
Dabei ließ er seinen Blick kurz durch die Runde schweifen. Er meinte Sie alle, selbst Dr. Tremaine. Charles spürte, wie eine warme Welle von Aufregung seinen Körper durchflutete. Vielleicht nährte der Alkohol, der seine Adern durchströmte, zusätzlich die Flamme der Entschlossenheit, die in diesem Moment in ihm aufloderte. Er hatte den zweiten Schritt gewagt, nach den Planungen und Vorbereitungen das Treffen mit denjenigen, die ihm sein Gefecht ermöglichen würden. Noch viel war offen, der Sieg noch fern, jedoch war er in sichtbare Nähe gerückt. Ein helles Licht am Rande des Blickfelds.
„Wir werden gemeinsam dafür sorgen, dass das Gesetz wieder dem Schutz des Rechts des Einzelnen dient und nicht dem Schutz der Macht der oberen Schicht dieser Gesellschaft durch die Polizei. Wir werden diejenigen sein, die das System aushebeln, die es unschädlich machen, damit die Unterdrückung und die regelrechte Sklaverei, die in diesem Land im großen Stil, aber besonders hier in London, praktiziert werden, ein Ende haben können. Unsere ganze Gesellschaft ist eine Farce, denn sie schaufelt sich ihr eigenes Grab. Während die Reichen sich bekriegen, kommt immer größeres Leid über den Rest der Bevölkerung. Das wird in noch größerem Leid enden, früher oder später, aber irgendwann bestimmt. Die Art, in der die Regierung gegen mögliche Aufrührer aufrüstet, ist alarmierend, und wenn nicht bald etwas dagegen getan wird, wird es möglicherweise in einem riesigen Blutbad enden. Wir sorgen für eine Veränderung der Machtverhältnisse. Wir werden nicht nur die Symptome bekämpfen, sondern auch die Krankheit an sich. Ich rede von Revolution, aber nicht von solcher, die nicht damit beendet wird, dass Aufrührer abgeschlachtet werden, bevor sich überhaupt etwas ändern kann, sondern von Revolution, die von innen beginnt und diejenigen unschädlich macht, die sich ihr entgegenstellen könnten. Taktik statt Chaos, verstehen Sie? Ich weiß nicht, Sie darüber denken, aber ich kann nicht mehr mit ansehen, wie Abschaum wie der große Chief Commissioner unser Land zugrunde richtet.“
Er zügelte die Leidenschaft, die ihn beim Vortragen seiner eigenen Worte ergriffen hatte, ein wenig. Etwas verlegen räusperte Charles sich, bevor er weitersprach.
„Ich schätze mich und meine Möglichkeiten mit, zugegebenermaßen, kritischem Realismus ein und die Chancen, erfolgreich zu sein, ist mit mehreren einfach größer als allein. Sehen Sie, ich bin in den vergangenen Monaten ganz Scotland Yard ausgewichen – und das verhältnismäßig ohne allzu große Unannehmlichkeiten, wenn man meine missliche Lage betrachtet –, aber um wirklich etwas bewirken zu können, fehlt es mir an Ressourcen, die eine effiziente Vorgehensweise ermöglichen würden. Um es auf den Punkt zu bringen: An der Gesellschaft einiger anderer ehrenwerter Ladies und Gentlemen, die mich bei meinem Vorhaben unterstützen und mir, nun ja, zur Hand gehen können, wie man es so schön sagt.“
In meinem Fall mehr als nur im übertragenen Sinne, weil ich ja tatsächlich nur eine Hand besitze.
„Um Einzelheiten kümmern wir uns zu einem passenderen Zeitpunkt. Wenn es notwendig ist. Dann müssen wir uns nicht allzu lange den Kopf darüber zerbrechen und ich muss mich nicht wiederholen. Das mag ich nicht und deswegen hoffe ich, dass Sie dieses Mal aufmerksam waren.“
Charles lächelte und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich habe persönliche Motive, ja. Rache ist so ein hässliches Wort, obwohl Sie damit den Kern der Sache in der Tat treffen, Alan. Ich habe bereits zugegeben, dass es mir bei meinem Vorhaben in einer Art und Weise um Satisfaktion geht – das sehe ich auch als mein gutes Recht an, nach allem, was passiert ist. Aber keine Sorge, ich werde jetzt in diesem Moment nicht mit weiteren Berichten beglücken, das verschiebe ich auf spätere Gelegenheiten. Sie werden feststellen, dass ich ein sehr gutes Gedächtnis besitze, selbst was kleinere und größere wichtige Höhepunkte meines Lebens betrifft, die schon weit zurückliegen.“
Jetzt huschte ihm sogar ein brandybeflügeltes, selbstsicheres Schmunzeln über sein Gesicht, denn das kleine Machtspielchen, das Alan in der gestrigen Nacht angefangen hatte und nun noch immer weiterzuspielen gedachte, empfand er einmal mehr als erfrischend. Er wägte sich im Besitz des Vorteils.
„Ich könnte Ihnen noch viel erzählen, viel, viel, viel, denn mein Leben war bisher interessanter als Sie es sich auch nur vorstellen könnten, wage ich zu behaupten, doch mein heutiges Frühstück erfreut sich sicherlich relativ geringer Relevanz, zumal es bestimmt weniger gehaltvoll als Ihr kleiner, morgendlicher Aperitif war, Mr. Stirling.“
Zumindest, was die Menge an Alkohol betrifft, will ich meinen.
Charles wusste, dass er sich mit diesem verbalen Gegenschlag bereits aus dem Fenster lehnte, da reichte die Andeutung und er brauchte das Wort „Säufer“ nicht unbedingt in den Mund zu nehmen. An dem Punkt, dass er so wütend war, dass er die Contenance verloren und zu unkaschierten Beleidigungen übergegangen wäre – in diesem Fall wäre es aber eher die unkaschierte Wahrheit gewesen –, war er noch nicht angelangt.
Davon war er weit entfernt. Alans Gehabe belustigte ihn und er hatte diesen, fast schon grinsend und mit einem herausfordernden Glänzen in den Augen, im Blick.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Scáth am Sa Jan 12 2013, 20:18

Angestrengt lauschte Johanna den Worten aller, die sich im Raum befanden. Vermutlich hatte sie in den letzten Stunden schon mehr erlebt als in ihrem ganzen Leben, doch das Vorhaben von Charles war in ihren Augen schon fast zu viel Abenteuer für eine Hausfrau wie sie es doch eigentlich ist. Ihr Kopf schien zu explodieren vor lauter neuen Informationen und angespannten Diskussionen. Da war er wieder, der Gedanke einfach aufzustehen und nach Hause zu laufen. Einfach ihr altes Leben weiter zu leben und die Vorfälle der letzten Stunden zu vergessen. Andererseits merkte sie, das es ihr in den Fingern juckte ein richtiges Abenteuer zu erleben. Doch dieses klang so unmöglich. Wie sollte jemand wie sie dazu beitragen können die Situation Londons zu ändern? Charles hatte sie nicht einmal dafür ausgesucht an diesem Vorhaben teilzunehmen. Sie hatte sich quasi selbst eingeladen. Aber hätte er sie denn nicht schon längst weg geschickt wenn er sie nicht bei sich haben gewollt hätte?
Wenn man mal davon absieht, war es ja nicht ihre einzige Absicht Abenteuer zu erleben. Viel wichtiger war es ihren Vater besser kennen zu lernen, wenn sie schon die Chance dazu hatte. Johanna hoffte das sie bald eine passende Gelegenheit finden würde Charles darauf anzusprechen.
Je länger Johanna über die vermutlich bevorstehende Revolution nachdachte, desto eher stimmte sie Charles zu. Mit allem was er sagte hatte er vollkommen recht. Johanna lebte zwar in guten Verhältnissen und es gab selten etwas über das sie geklagt hatte, doch wenn man mal von seiner eigenen Situation absieht und sich das Leben anderer ansieht, so merkt man Recht deutlich wie sehr London eigentlich Blutet. Und je länger man sowas mit ansieht, desto höher ist das Verlangen etwas dagegen tun zu können. Und genau diese Möglichkeit bot sich ihr jetzt. Johanna wusste nicht ob sie etwas sagen sollte und entschied sich dazu, all diese Informationen erst einmal Sacken zu lassen, bevor sie ihren Senf dazu gab.
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Darnamur am So Jan 13 2013, 17:21

"Ich möchte ihnen die Chance geben an etwas GROßEM teilzunehmen!" Charles Augen waren erfülllt von einem seltsamen Glanz, während er sich lächelnd drehte und auch Randolph anblickte. Es wirkte ein wenig so, als würde er ihn nur oberflächlich anschauen. Sein funkelnder Blick warin die Ferne gerichtet. Ein Gefühl der Unruhe begann in ihm aufzukommen. Charles redete weiter. Der Begriff Revolution fiel. Charles grinste ihn an: "Wir werden nicht nur die Symptome bekämpfen, sondern die Krankheit an sich!" Mit euphorischer Stimme erzählte Charles ihnen von seinem großen Plan. "Taktik statt Chaos, verstehen sie? Randolph wusste nicht, ob er verstand.
Das System aushebeln, es unschädlich machen!, propagierte Charles.
...für eine Veränderung der Machtverhältnisse!, verkündete Charles.
...durch Abschaum wie Chief Comissionar Hill unser Land zugrunde gerichtet wird!, beschwörte Charles.
Taktik statt Chaos, verstehen sie Randolph. Ohja, er verstand. Die Krankheit bekämpfen nicht nur die Symptome! Natürlich!
"Rache ist so ein hässliches Wort, Chief Comissionar! Obwohl sie damit den Kern der Sache treffen!", erklärte Scarface- denn in diesem Moment war es ganz und gar und feuerte Hill eine Kugel heißen Bleis in den Schädel.
Taktik statt Chaos. Alan rannte durch eine verregnete Londoner Straße. Es war Nacht, doch das störte niemanden. Die Häuser um ihn herum brannten lichterloh. Alan lachte. In einer Hand schwenkte er eine Schnapsflasche in der anderen eine Handgranate, die er durch das berstende Fenster einer Villa schleuderte. Laute Schreie waren überall und Alan lachte und soff.
Melinda schlich sich in der Dunkelheit in ein fremdes Zimmer. Dort lag halbnackt ein Mann auf seinem Bett. Bei genauerem Hinsehen nahm er die Form von Sorkin an, Hills rechter Hand sozusagen. Melinda zückte ein Messer und schlitze ihm die Kehle auf.
Und Johanna? Randolph sah sie tot auf dem Straßenpflaster liegen. Ihr nackter Körper blutig geschlagen und von Fliegen befallen.
Das war die Zukunft. Oder auch nicht. Randolph hatte Kopfschmerzen. Er wusste nicht, was er tun sollte. Und das nagte an ihm schlimmer als allen Spott und jede Missachtung, die er in seinem Leben über sich hatte ergehen lassen. Pläne, was sind schon Pläne? Sie funktionieren sowieso nie. Seine Konfrontation mit "Scarface": An deren Ende hatte er vor versammelter Mannschaft beinahe einen Anfall bekommen, er hatte gestanden seinen Vater umgebracht zu haben und hatte Unsinn gequasselt. Alan zum Reden zu bringen? Hatte funktioniert, aber Charles war ihm zuvorgekommen. Wieso Pläne schmieden, Randolph? Du bist so nutzlos wie ein drittes Bein. Seine Finger verkrampften sich und gruben sich fest in die Tischplatte. Sein Zeigefinger begann ein bisschen zu bluten. Das bemerkte er nicht. Randolph, was für ein Schwachsinn. Musst du Entscheidungen treffen, für den Staat, für London oder seine Mitmenschen. Niemals. Ich hasse dich London, dich finsteres, seelenloses Gefängnis, in dem wir alle schmorren. Ich hasse meine Mitmenschen. Charles ist genau so ein Psychopath wie ich selbst einer bin. Alan ist ein stumpfsinniges Geschöpf, das sein Hirn längst ausgesoffen und anschließend feierlich den Flammen vorgeworfen hat. Wie ich es hasse hier zu leben. Zu Leben.
Leben...was ist das schon. Der unweigerliche Verfall eines Körpers. Eines naiven Menschen, der glaubt der Tod ist nicht das Ende. Das Ende- natürlich nicht. Du hast immer noch die Chance das dein schimmelndes Fleisch von Maden und anderen Kriechtieren verzehrt wird und deine Knochen werden vermutlich erhakten bleiben- als der Abfall der sie sind. Gott- was für ein Gott. Der nie hilft, wenn man Hilfe benötigt. Der sich einen Dreck um Menschen schert. Lästige Schmeißfliegen. Ich habe sie erschaffen, doch es sind hässliche, minderwertige, dämliche Kreaturen. Sollen sie doch sterben. Diese Menschen! Bringen sich doch sowieso alle gegenseitig um. Oder Randolph, ist doch so? Nein ist es nicht! Es gibt keinen Gott, kein höheres Wesen, keine Feen und keine Geister! Es gibt nur die Menschen! Die sich alles untertan gemacht haben, was existiert und danach ihresgleichen. Er stand auf. Seine Augen brannten mit dem Feuer der Hölle. Er war krank. Seine Gedanken waren krank. Er war ein jämmerlicher, aber gefährlicher Psychopath. Das hatte er nie sein wollen. Doch dieser Prozess war nicht mehr aufzuhalten. Er hatte im Schlafzimmer seines Vaters begonnen- nein, schon viel früher- mit seiner Geburt und würde erst mit seinem Tod enden. Glücklich sind nur die geistig Armen. Sein Uhrwerk, das tief in seinem Inneren verankert war läutete zum Gottesdienst. Beende-es-Randolph-tick-tack-Beende-es!
Er kramte in seinen Taschen und zog den Schlüssel hervor. Er legte ihn am Tisch ab. Er murmelte etwas, vermutlich verabschiedete er sich. Er musste nur kurz weg. Hätte den Zweitschlüssel dabei. Keine Sorge, er käme bald zurück oder so. Tür auf. Tür zu. Die Welt wurde nicht klarer. Hatte er schon wieder einen Anfall. Tief durchatmen, Randolph.
Er lehnte sich gegen die Wand. Atmete ein und aus. Ein und aus. Ein und aus. Ein und aus. Ein und aus. Er schluckte seinen Speichel herunter. Seine Hände befühlten den nackten, kalten Stein. Randolph wurde ruhig. Langsam und mechanisch setzte sich sein Körper in Gang. Er griff in seine Taschen und fand sein geliebtes Messer. Dann ging er zum Dachboden hinauf. Nahm den schwarzen Kapuzenmantel, den er immer getragen hatte. Damals, um Lynette zu besuchen. Er passte. Er verhüllte ihn. Das gefiel ihm. Er mochte es nicht, wenn Leute ihm ins Gesicht sahen. Und erkannten wer er was. Und erkannten was er war. Er streifte die Kapuze ab. Das war kindisch. Dann zog er sich die schwarzen Handschuhe über. Er wollte etwas tun. Keine langen Pläne. Keine Vorbereitungen mehr. Randolph ist tot. Es lebe Randolph! Hörte sich auch nur halb so größenwahnsinnig, wie Charles Norly an. Also los Randolph, gehe los und handle. Du erbärmlicher Gutmensch. Wenn sie nicht antworten würde, würde er die holde Witwe zusammenschlagen. Er hatte nicht die Konstitution von Alan, aber er war der Mann mit dem Messer. Er kam vom Dachboden herab. Und sein Ziel lag vollkommen klar vor seinen Augen.
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Druzil am Mo Jan 14 2013, 18:42

"Was hat der denn auf einmal?"
Alan sah verwirrt zu dem Doktor, der angespannt den Raum verliess, fast so, als wäre er auf der Flucht. Er nahm noch einen kräftigen Schluck aus seinem Glas und schaute unschlüssig in die Runde. War dieser Kerl ein weiterer kranker Geist, den sie in ihre illustre Gruppe aufgenommen hatten, oder trat ihr Gastgeber gerade die Flucht an? Es würde ihn nicht wundern, nachdem er Opfer eines Norly-Monologs geworden war.
"Na, das haben Sie ja großartig hingekriegt, Norly."
Alan verzog das Gesicht zu einer säuerlichen Miene.
Dann erhob er sich und folgte dem Doktor. Irgendeiner musste ihn ja schliesslich zur Besinnung bringen. Falls dies überhaupt möglich war...

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Elli am Do Jan 17 2013, 11:47

Melinda verfolgte erst den Abgang des Arztes der sie an ein Theaterstück erinnerte, dass sie einst gesehen hatte. Sie war damals mit einem Freier dort gewesen, sicherlich nicht um von dessen Privatloge das Stück selbst zu verfolgen, aber immer so war es dann doch gekommen. sie erinnerte sich wie sie an der Brüstung gestanden hatte, getarnt durch eine Maske auf ihrem Gesicht, er hatte damals gesagt, es seine Maske aus dem Rokoko. Eine mit Federn und auffälligen Ornamenten versehene Gesichtsbedeckung war es gewesen die sie getragen hatte. Sie versuchte sich zu erinnern, wo die Maske wohl hingekommen war, sicherlich befand sie sich noch unter ihren Kleidern. Ihre Gedanken wanderten daran zurück, wie sie den Abgang des Schauspielers auf der Bühne betrachtet hatte. Große Gesten. Ohne Worte. Ein letzter herrischer Blick und dann das große Finale. Sie kehrte mit ihren Gedanken in die Gegenwart zurück, gerade als Alan ebenfalls aufstand und hinausging. Schließlich waren nur noch Johanna und Norly mit ihr in dem Operationssaal. Sie stellte ihre Glas auf den Tisch ab und überschlug die Beine bevor sie ihr Wort an Norly wand. "Revolution. Ich hörte das vor etlicher Zeit eine selbige in Frankreich nicht so ablief wie man sich das wohl gewünscht hätte. Zumindest was die Personen betrifft, deren Köpfe rollten. Ich mag meinen Kopf am liebsten auf den Schultern und nicht in einem Korb ein paar Meter von meinem Körper entfernt. So läuft das doch ab oder? Bisher sah ich nur eine Hinrichtung durch erhängen und einmal durch einen Schuss. Ich hörte Staatsmänner davon sprechen…wie auch immer. Auch England sah schon einige Aufständen oder besser gesagt den Versuch davon...Wie stellen Sie sich diese vor? Einschleusen können wir wohl niemanden von uns, wir sind zu bekannt. Außer unsere Johanna vielleicht…würden Sie da mehr ins Detail gehen?"

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Scáth am Do Jan 17 2013, 22:19

Die Tatsachen die Melinda ansprach waren Johanna erschreckenderweise noch garnicht in den Sinn gekommen. Ihr lief ein kalter Schauder über den Rücken. Wieso dachte sie nicht darüber nach, das viele, insbesondere sie selbst bei dieser Sache ihr Leben verlieren könnten? Und diese Tatsache war nicht unwahrscheinlich. Wieso ging Charles überhaupt so ein Risiko ein? Er riskierte sein eigenes Leben, aber auch das vieler anderen. Außgerechnet Johanna selbst, die in der Planung einer Revolution ungefähr so hilfreich währe wie beim Bau von Häusern, hatte sich freiwillig gemeldet hier mitzuwirken. Es war doch schon fast zu 80% sicher das sie ihr Leben lassen würde, oder zumindest im Gefängnis landete. Wie sollte es auch anders kommen? Dazu bräuchte man einen so ausgefeilten Plan, an dem überhaupt nichts scheitern konnte. Und so einen zu finden, schien in ihren Augen unmöglich zu sein.
Johanna irgendwo einzuschleusen, wie es Melinda ansprach, war wohl die einzige Art, mit der sie selbst irgendwie zu etwas zu gebrauchen sein konnte.
"Ja...mehr Details wären vermutlich garnicht mal so schlecht", stimmte Johanna Melinda zu. Sie wurde zunehmend nervöser, versuchte aber, es sich nicht anmerken zu lassen.
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Umbra am Fr Jan 18 2013, 20:21

Charles war verwundert, als Dr. Tremaine aus heiterem Himmel eine Verabschiedung murmelte, einen Schlüssel bei seinen Gästen ließ und offenbar zu verschwinden gedachte. Er konnte nicht behaupten, dass ihm das behagte. Nein, das gefiel ihm sogar ganz und gar nicht, und Charles legte seine Stirn unwillkürlich erneut in Falten. Er ignorierte das unangenehme Ziehen, das er dabei auf seine Kopfverletzung ausübte, grimmig.
Dass Alan ihm – ausgerechnet ihm! – die Schuld an der regelrechten Flucht des Doktors gab, fand Charles ungerecht. Zumindest in dem Maße, wie Alan es in dessen gewohnt genervter Herablassung zum Ausdruck brachte.
Charles fuhr sich als Reaktion auf Alans Vorwurf mit der Hand an den Nacken und übte etwas Druck aus, um versuchen, die Verspannung zu lösen, die diesen befallen hatte – ohne Erfolg. Erneut verschränkte er die Arme vor dem Körper.
Charles war davon überzeugt, dass er sich nicht falsch verhalten hatte. Der Chirurg war einfach nur allzu leicht aus der Fassung zu bringen. Dass dies leicht war, dessen war Charles in der letzten Nacht Zeuge geworden. Während ihres Streits war Dr. Tremaine vor Ärger rot angelaufen und hatte dabei fast den Ton erreicht, den auch Hills Schädel bei Wut stets annahm.
Aber hätte Alan sich nicht bewegt, um ihrem Gastgeber aus dem Zimmer zu folgen – wahrscheinlich mussten sich beide aus verschiedenen Gründen beruhigen –, hätte Charles sich vermutlich dazu durchgerungen – jedoch nicht aus schlechtem Gewissen!

Alan schritt energisch durch die Tür und ließ Charles in weiblicher Gesellschaft allein – nicht, dass dies Charles störte, im Gegenteil. Er spürte, dass sich seine seltsame Mischung aus bedrückter und euphorischer Angespanntheit etwas verflüchtigte und er sich trotz der Umgebung, die ihm nicht beliebte und der der flüchtige Geruch nach den Mittelchen anhaftete, die hier lagerten, ein wenig wohler fühlte.
Charles verfolgte etwas abwesend Ms. Bolts Bewegungen, auch die ihres wohlgeformten, schlanken Beines, das Sie über das andere schlug. Melindas Röcke raschelten leise. Als sie zu sprechen begann, gerade wegen des einleitenden Stichworts „Revolution“, fokussierte er schnell ihr Gesicht und lauschte aufmerksam.
Wieder die Frage nach Details, aber diesmal direkter als von Alans Seite, sodass Charles nicht darum herumkam, darauf einzugehen. Auch Ms. Stead hakte nach.
„Nein“, antwortete er schlicht und bestimmt, jedoch wich mit dem sanften Lächeln, das er seinen Gesprächspartnerinnen daraufhin schenkte, jedes Fünkchen Strenge aus seinem Gesicht und seiner Stimme.
„Haben Sie etwas Geduld, meine Lieben, ich werde Ihnen mitteilen, was Sie wissen müssen, sobald Sie es wissen müssen. Die Details sind das Kreuz, das vorerst ich tragen werde, also sorgen Sie sich nicht darum. Es ist nicht so, dass ich Ihnen nicht vertrauen würde, aber es wird vielleicht der Zeitpunkt kommen, an dem es für Sie selbst das Beste sein wird, möglichst wenig über einzelne Einzelheiten zu wissen. Erinnern Sie sich daran, Melinda, dass ich Ihnen versprach, Sie zu beschützen, koste es, was es wolle? Ich weiß, dass ich dazu in der Lage bin, zu meinem Wort zu stehen, wenn Sie mich nur lassen. Ich werde es zu verhindern wissen, dass Sie Ihren Kopf einbüßen, Miss. Die Franzosen und unsere tapferen, wenn auch bauernschlauen Landsmänner wussten nicht, worauf Sie sich einließen, als sie auf die Straße gingen oder in Nacht-und-Nebel-Aktionen loszogen, um fremdes Eigentum zu beschädigen und Industrielle zusammenzuschlagen oder zu ermorden. Wir hingegen werden es ganz genau wissen. Wir sind uns der Stärken unseres Gegners bewusst und werden Sie zu seinen Schwächen machen. Damit besiegt man einen Feind, der einem zahlenmäßig überlegen ist. Damit vermeidet man das übliche Blutvergießen, das eine Revolution bedeuten würde.
Ich leugne nicht, dass es mehr als nur ein Risiko gibt, doch diese werde hauptsächlich ich tragen. Mein Gesicht ist bekannt, mich suchen sie und mich wollen alle tot sehen. Wer mich fängt, ist mit dem Kopfgeld aus Hills Privatschatulle ein gemachter Mann. Aber wenn selbst ich unter diesen verschärften Umständen nicht bemerkt werde, warum sollten die Bürger Londons dann Sie verdächtigen, wenn man Sie auf der Straße sieht? Die Stadt ist voller Menschen, die jeden Tag unterwegs zur Arbeit oder zum Einkaufen, im Park oder im Pub wahrscheinlich dutzenden anderen begegnen, die sie noch nie zuvor gesehen haben. Doch sie beachten Sie nicht – ein flüchtiger Blick und schon sind sie vergessen. Wer nimmt sich schon die Zeit, sich Gesichter von Fremden einzuprägen, die man höchstwahrscheinlich nie wiedersehen wird? Sie wissen, wovon ich rede“
, ist er sich sicher. „Ihr Antlitz, Teuerste, sieht man im Gegensatz zu meinem nicht an jeder Straßenecke und dreimal auf der Strecke zwischen zweien. Sie werden das Gesetz zumindest in nächster Zeit nicht fürchten müssen.“
Charles verlagerte sein Gewicht, denn an den Operationstisch gelehnt zu stehen wurde langsam etwas zu unbequem für seinen Geschmack. Kurz, als er seine Hände hinter dem Körper verschränkte und somit aus reiner Angewohnheit eine aufrechte Haltung einnahm, sah Charles an seinem maßgeschneiderten, eleganten Anzug hinab zu seinen passgenauen, schwarzen Lederschuhen. Der Staub Londons haftete an ihnen und bedeckte den Glanz der Politur, für die er sich nach seiner morgendlichen Rasur noch Zeit genommen hatte, mit stumpfer Mattheit.
„Warum sollten Sie auch? Genau genommen, bei dem Ruf, der mir vorauseilt, dürfte man Sie für tot halten.“
Charles‘ Blick schweifte wieder hoch zu Melinda, aber traf dann beide anwesenden, jungen Damen.
„Sie beide. Kann es einen besseren Schutz vor der Polizei geben? Unsere Lage ist nicht ideal, aber ich werde für Sie da sein, wenn es brenzlig wird. Vertrauen Sie mir, ich weiß genau, was ich tue.“
Vertrauen, das war ein gutes Stichwort – und eine Gelegenheit, das Thema zu wechseln. Charles goss sich noch etwas ein und nippte an seinem Glas. Hitze rann ihm die Kehle hinab und breitete sich wie ein Lauffeuer in seiner Brust aus.
„Der Doktor scheint da anderer Meinung zu sein, demnach zu urteilen, wie er gerade dreingeblickt hat“, sagte Charles mit einem müden Lächeln und musterte nun Melindas Augen. Das erste Mal, als er sie gesehen hatte, war ihm aufgefallen, dass sie die Farbe von blassblauem Topas besaßen. An jenem besagten Tag, oder, besser formuliert: An jenem späten Abend vor wenigen Wochen hatte Charles sich in der Ecke des Schankraumes einer Arbeiterspelunke niedergelassen, um sich voller Tatendrang seiner neuen Beschäftigung zu widmen: dem Beobachten. Auch jetzt beobachtete Charles, um mit etwas Glück Melindas Gedanken ergründen zu können, doch damals waren seine nicht die einzigen Augen gewesen, die auf Ms. Bolt geruht hatten. Anmutig wie eine Katze war sie umhergeschritten und hatte die Aufmerksamkeit vieler Männer auf sich gelenkt. Gierige, lüsterne Blicke. Wie Charles diese Schweine verabscheut hatte! Wie hatte dann erst Melinda selbst als Ziel von schmutzigen Gedanken über dieses Pack denken müssen, das sich bestimmt nur zu gerne hier und sofort auf sie gestürzt hätte? Auf ihrem zarten Gesicht war jedoch ein kokettes Lächeln zu bewundern gewesen. Irgendwann, nicht viel später, war Ms. Bolt mit einem fast volltrunkenen Tunichtgut verschwunden, der dumm grinsend sein baldiges Glück kaum hatte fassen könnten. Charles hingegen hatte das Bedürfnis gehabt, noch einen Whisky zu trinken, und hatte sich daraufhin auf den Weg „nach Hause“ gemacht – einem stark nach Pferd und feuchtem Holz müffelnden, deprimierend kalten Schuppen hinter einem Herrenhaus im ländlichen, östlichen Randbezirk Londons.
„Eine überaus interessante Person“, sprach Charles nachdenklich aus, während er nochmals einen winzigen Schluck Brandy nahm, und meinte mit seinen Worten noch immer Dr. Tremaine. Das empfand er wirklich so. Er konnte den Chirurgen nicht durchschauen und das hatte, wenn auch neben vorsichtigem Misstrauen, seine Neugier geweckt. Da der Arzt nun nicht mehr anwesend war und Alan ihn sicher ablenken würde, sah Charles die Chance, etwas mehr Einsicht in den undurchdringlichen und scheinbar andauernd miesepetrigen Verstand dieses Vatermörders zu bekommen.
„Etwas sonderlich – aber wer ist das heutzutage nicht?“ Kurz zeigte sich ein wissendes Grinsen auf Charles‘ Gesicht. „Kaum zu glauben, aber er schien noch blasser um die Nase geworden zu sein, als er zuvor sowieso schon gewesen war, als ich ausgeredet hatte. Ich habe den Eindruck, dass er etwas… zimperlich in Bezug auf Dinge ist, die erfordern, über den eigenen Tellerrand hinaus zu sehen. Nun, Melinda, Sie und unser Gastgeber scheinen sich einigermaßen gut vertraut zu sein. Erzählen Sie mir doch ein bisschen über Dr. Tremaine.“

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Darnamur am So Jan 20 2013, 15:25

Mit Skalpell, Kapuzenmantel und Handschuhen bestückt verließ der Doktor das Haus. Das er dabei ausgerechnet von Alan Stirling verfolgt wurde, ahnte er dabei nicht. Er gab der Tür hinter ihm einen Schubs, das sie ins Schloss krachte. Dann zog er los. Er hatte keine Ahnung, wo er die Adresse der holden Frau finden konnte, aber das sollte nur ein kleines Problem darstellen. Die Bürger Londons hatten sich in ihrer Angst vor dem Mörder mit der Narbe- der wohl nur ein Hirngespinst war sicherlich mit den Morden befasst. Wenn ein solches Attentat in ihrer Nähe stattgefunden hatte, dann würde man ihm sicherlich genaue Daten nennen können. Und wenn er sich gerade an einem vollkommen anderem Ort aufhielt? Randolph schüttelte den Kopf. Das mochte alles sein, doch es würde ihn nicht von seinem Ziel abbringen. Irgendjemand würde es wissen, würde die Witwe oder ihren Mann vielleicht sogar gekannt haben. Nichts würde ihn von seinem Ziel abbringen. Erst auf halber Strecke wurde ihm bewusst, das er den Weg in richtung Themse eingeschlagen hatte. Früher hatte sich Randolph für die Seefahrt begeistert. Als kleiner Junge hatte er immer davon geträumt, irgendwann am Bug seines eigenen Schiffes zu stehen, der Kapitän seiner eigenen Mannschaft zu sein und die Weltmeere zu besegeln. Er wollte das Gefühl der grenzenlosen Freiheit verspüren, wenn er über das ultramarinblaue Wasser segelte. Das war aus seinem Traum geworden- nichts. Auch etwas, das Randolph seinem Vater angelastet hatte, der ihn dazu zwang Chirurg zu werden und in den Eingeweiden von Menschen zu wühlen. Vermutlich war es aber trotzdem seine Schuld. Weil er nicht den Mut gehabt hatte seinen eigenen Weg zu gehen, bis zu dem Tag an dem er Edmund getötet hatte. Und das hatte alles nur noch viel schlimmer gemacht. Aber immerhin konnte Randolph sich nun einiger nautischer Kenntnisse rühmen, während sein Vater ein Bug nicht von einem Heck unterscheiden konnte- übertrieben gesagt. Ob ihm das viel brachte? Keine Ahnung. Jedenfalls hatte er gelernt, das alte Seemänner, Fischhändler und all die anderen Gesellen, die sich dem Wasser zugetan fühlten viel plauderten. Es war dort relativ leicht an Informationen zu kommen.
Auf seinem Weg sah sich Randolph mehrmals um. Das er etwas zu verbergen hatte, nämlich Charles Norly und seine Truppe hatte ihn noch vorsichtiger als sonst gemacht, Stets ließ er seinen Blick misstrauisch über die Passanten schweifen und hoffte, das er dadurch nicht eher mehr Aufmerksamkeit bekam. Aber er konnte es einfach nicht abstellen. Seine Fantasie gaukelte ihm überall getarnte Ermittler von Scotland Yard vor. Seinen wahren Verfolger, der sich weitaus geschickter anstellte, als Randolph es dem Trunkenbold zugetraut hätte entdeckte er allerdings nicht. An seinem Ziel angekommen, begann er mit der Recherche. Und tatsächlich entpuppten sich die Leute als hervorragende Informationsquelle, sofern man dem was sie sagten glauben schenken durfte. Und Randolph wusste bereits, als er den Wohnort von Mrs. Sarah Mauney, der Frau des ermordeten Harrold genannt bekam, das es nicht einfach werden würde: 34 Eccleston Square. Das Haus des Ehepaars lag in Pimlico, einem Stadtteil in Westminster. Eine angesehene und respektable Wohngegend. Zudem erfuhr er durch einen Glückstreffer durch einen Mann, der die Familie kannte nähere Informationen. Er erklärte das die Witwe ein Ehepaar als Angestellte im Haus hatte, ein Butler und eine Haushälterin und das sie derzeit Besuch von ihrer Schwester hatte, die ihr nach dem Tod von Harrold wahrscheinlich seelischen Beistand leisten wollte. Vier. Vier Personen. Das würde verdammt schwierig werden. Es wäre besser, wenn er nicht zum Skalpell greifen müsste, doch wenn er wirklich Informationen aus der Frau herauspressen wollte wäre das nahezu unmöglich. Wenn er die Frau allerdings dazu überreden könnte das haus zu verlassen, würden seine Chancen anders stehen. Oder wenn das Personal nicht anwesend war. Darüber wollte er den Mann aber nicht ausfragen. Er hätte es ohnehin nicht gewusst und er wollte sich nicht unnötig verdächtig machen. Stattdessen fragte er ihn, ob er mit Harrold vertraut gewesen sei und tatsächlich konnte er einiges über seinen Lebenslauf in Erfahrung bringen. Das könnte womöglich noch nützlich sein. Er bedankte sich bei dem Mann für das Gespräch- höflich wie Randolph nun einmal war- und wollte sich auf nach Pimlico machen, um ein genaueres Bild von dem Haus zu bekommen.
Da sah er ihn. Er war gut. Aber nicht gut genug um Randolphs Augen ein weiteres Mal zu täuschen. Also erwartete Randolph ihn. Er bog ab und lehnte sich seitlich an die Hauswand neben ihm. Dann wartete er und tatsächlich wurde er kurz darauf mit dem Anblick von Alan Stirling belohnt, der um die Ecke spähte.
"Es ist schon seltsam Mr. Stirling! Wenn ich nicht einmal mein Haus verlassen kann, ohne das mir Charles oder seine Spießgesselen folgen. Ausgerechnet von dir hätte ich das nicht erwartet! Was ist los? Glaubt ihr etwa, ich renne zu Hill und verrate euch, oder gibt es einen anderen Grund, warum du mir hinterherspionierst, Alan!?"
Vielleicht war es gar nicht schlecht, das Alan ihm gefolgt war. Wenn er ihn für seine "Operation" gewinnen konnte, ständen seine Chancen gleich viel besser. Er hatte den Mann wirklich unterschätzt, das musste er zugeben. Und er glaubte genauso wenig, das Charles ihn geschickt hatte, wie er glaubte das Alan kein Säufer war.
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Elli am So Jan 20 2013, 17:23

Der Blick Norlys der an ihrem, zugegeben nett anzuschauenden Bein verweilte, entging ihr durchaus nicht. Doch bei ihm machte ihr dieser Blick nicht einmal was aus. Im Grunde waren die meisten Männer so veranlagt, Blicke war sie so gewohnt, dass ihr fast etwas fehlte, wenn sie keine zugeworfen bekam. Sie überlegte kurz etwas darauf zu erwidern, entschied sich aber dagegen und ließ ihn sprechen. Das er ihr in die Augen sah, verwunderte sie schon eher. Männer hatten eher einen Blick für andere ihrer Körperstellen, ihre Augen hatte schon lange niemand mehr betrachtet. Ob es wohl jemals einer getan hatte?
Die Ansprache von Norly ließ ein trauriges Grinsen über ihr Gesicht huschen. Sicher es hingen keine Steckbriefe mit ihrem Abblick an den abgetragenen, rauen Mauern der vor dreckstarrenden Stadt, aber das was er sagte stimmte nicht ganz. Vielleicht war nicht ganz Scotland Yard auf der Suche nach ihr, aber einer war es ganz sicher. Bilder gerieten ihr vor die Augen, kamen, verblassten, leuchteten auf, verspotteten sie. Ganz Scotland Yard ließn Norly nicht ruhig schlafen und hatte sein Leben zerstört, bei ihr bedarf es dafür nur einem einzigen Police Officier. Leeland Smithson. Wieder leuchteten die Bilder vor ihr auf. Sein Gesicht so nah vor ihrem, geflüstere Worte, sie konnte ihn riechen, seinen nach Aal und Ale stinkenden Atem, während er sein Versprechen in ihr Ohr hauchte. Eine Gänsehaut jagte über ihren gesamten Körper. Es schauderte sie leicht, nur mit Mühe konnte sie es unterdrücken sich zu schütteln.
Sie überlegte einen Moment was sagen sollte, musste an seinen Blick auf ihrem Bein denken und lehnte sich etwas nach vorne. Sie hatte ihre Reize, dass wusste sie, warum also damit hinterm Berg halten? Sie tat es natürlich so, dass es aussah als ging es lediglich darum eine bequemere Sitzposition zu erreichen. Dieses Spielfeld war das ihre, doch Norly würde sie gerne zu einem Spiel auffordern. "Hmm, lassen sie mich überlegen, was ich erzählen könnte. Ich kenne Randolph schon eine ganze Weile. Ich war gezwungen recht früh meinem heutigen Gewerbe nachzugehen, der Doc war einer der wenigen Ärtze der sich dazu bereit erklärte wie mich zu behandeln. Noch dazu unentgeltlich, wenn es die Mittel nicht anders zuließen. Ich kann mich kaum erinnern, weshalb ich das erste Mal bei ihm war. Ich glaube ich hatte mal wieder Probleme mit meiner Lunge und wäre bei der Arbeit fast erstickt. Meine damalige Zimmergenossin schleppte mich hierher und der Doc verabreichte mir ihr etwas mit einer Spritze was mich wieder atmen ließ. Danach erfuhr ich, dass er soetwas wie ein Leibarzt für unsereins war. Bei ihm musste man keine Angst haben, dass er etwas tat was man nicht wollte, vermutlich können Sie sich vorstellen, dass ein Großteil der Männer davon ausgeht, dass man als Hure, jederzeit bereit sein muss. Randolph war darüber erhaben. Ich hörte nie ein schlechtes Wort von ihm. Manchmal ließen es die Umstände nicht anders zu und er musste zu uns kommen. So muss er Lynette kennen gerlent haben. Ich glaube damals lebte auch sein Vater noch. Er verliebte sich in sie und sie sich in ihn. Doch das Ganze stand nicht unter einem guten Stern. Wie hieß diese Geschichte noch gleich? Ah! Romeo und Julia. Es endete tragisch. Lynette verstarb und somit wohl auch ein Teil des Doc's. Er hat sich sehr verändert, früher scherzte er gerne und lachte, aber ich denke diese Zeiten sind vorbei. Sie haben ihn ja erlebt. Früher war er so anders. Aber so ist es eben. Das Schicksal meint es nicht immer gut. Medizinisch scheint er über jeden Zweifel erhaben. Er kämpfte um jedes Leben, wie auswegslos es auch erschien. Oder wollten Sie etwas bestimmtes wissen?"
Melinda drehte den Kopf etwas zur Neige, als sie einen Schatten an dem Haus vorbeihuschen sah. Sie lehte sich zurück, ihr Blick streifte dabei den Medizinschrank, dann sah sie zu Norly und anschließend zu Johanna. "Eine Sache habe ich noch zu berichten. Der gute Doc hat gerade das Haus verlassen."

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Umbra am Di Jan 22 2013, 17:00

Charles hatte Melinda beobachtet, als er gesprochen hatte, und fragte sich, noch bevor sie antwortete, ob er sie verunsichert hatte oder ob sie es ihm sehr übel nahm, dass er sie in eine missliche Lage gebracht hatte. Oder ob sie es als unangenehm empfand, dass er sie unverwandt ansah und wie er mit ihr sprach. Wirklich wohl schien sie sich nicht zu fühlen und er befürchtete, daran schuld zu sein. Seine Gesellschaft war, im Anbetracht dessen, dass die meisten Leute nicht ihn, sondern Scarface in ihm sahen, vielleicht beunruhigend… wenn nicht sogar beängstigend. Oder war es Ekel, was sie verspürte? Er versuchte, sich nicht verletzt zu fühlen. Vielleicht ließ er sich durch den Alkohol zu falschen Interpretationen hinreißen.
Dann bewegte sie sich auf ihrem Platz. Wie von selbst entglitten Melindas Augen seiner Aufmerksamkeit und sein Blick schlich unwillkürlich in Richtung ihres Dekolletés, das ihm ein Stück näher gekommen war, wo er vielleicht einen Moment zu lange verweilte, um unauffällig zu sein. Charles versuchte, das hastig zu kaschieren, indem er zu dem Glas in seiner Hand hinabsah. Verfluchter Alkohol!
Charles spürte, wie ihm Hitze den Kragen hochkroch und sich in Richtung seiner Ohren und seiner Wangen ausbreitete. Er errötete, ohne dass er etwas dagegen unternehmen konnte. Melinda brachte in tatsächlich in Verlegenheit, besonders indem sie so offen darüber sprach, aus welchem Grund genau sie den Doktor hatte aufsuchen müssen, oder eher, wie es dazu gekommen war. Dass sie aufgrund dessen, dass sie der Profession nachging, der sie nachging, derlei private und intime Dinge nicht mit Diskretion behandelte, war für ihn in gewisser Weise nachvollziehbar, da es für sie wohl zum Alltag gehörte, jedoch waren sie für ihn… privat und intim. Er würde auch niemals auf die Idee kommen, das Wort „Hure“ in den Mund zu nehmen, so wie Melinda es leichthin tat und sich selbst auch so nannte. Es gehörte sich einfach nicht, sich Frauen gegenüber unhöflich zu verhalten, sei es durch respektlose Bezeichnungen dieser Art, selbst wenn sie der Wahrheit entsprachen… oder durch Fluchen oder Trinken in ihrer Anwesenheit. Oder indem man ihren Körper anstarrte, anstatt ihnen ins Gesicht zu blicken.
Er sollte sein Verhalten gründlich überdenken. Er war wahrlich tief gesunken – das Glas in seiner Hand war der beste Beweis dafür – und dass er nun noch seine Erziehung vergaß, war etwas, das er nicht tolerieren konnte. Schließlich war er sich selbst bisher trotz all der widrigen Umstände treu geblieben. Oder hatte er sich da nur selbst etwas vorgemacht? Scheinbar. Doch dass er sich nun selbst darüber ärgerte und sich auch schämte, war das beste Zeichen dafür, dass er noch nicht vom rechten Weg abgekommen war. Er musste sich zukünftig einfach wieder in ursprünglicher Manier benehmen und vor allen Dingen die Finger von diesem unsäglichen Teufelszeug namens Alkohol lassen, denn ein Schlückchen zum Feierabend oder eines, das ihm beim Nachdenken oder Einschlafen half, wenn er einmal wieder von Albträumen geplagt schweißgebadet und zitternd aufgewacht war, war in letzter Zeit einfach zu sehr zur Selbstverständlichkeit geworden. Warum genau hatte er sich mehrmals nachgeschenkt? Er wusste gerade keine eindeutige Antwort darauf, es spielten zu viele Geschehnisse in seinen Gemütszustand ein, sodass es beinahe wie von selbst geschehen war. Wenn man den gestrigen Abend außer Acht ließ, hatte er es schon seit Wochen nicht mehr darauf angelegt, sich wirklich zu betrinken.
Nun spürte er bereits die Auswirkungen des Alkohols auf seinen Körper. Er sorgte dafür, dass er sich leicht und benebelt fühlte. Ihm war warm, das lag nicht allein an Melinda. Charles befand, dass er genug getrunken hatte, also leerte er sein Glas erneut – das letzte Mal für heute, ermahnte er sich stumm noch einmal, denn er konnte nicht wissen, wie sich der Tag noch entwickeln würde.
Melindas Worte über Dr. Tremaine nahm er, während er schnell versuchte, Fassung wiederzufinden und die Röte aus seinem Gesicht zu vertreiben, insgesamt nachdenklich auf. Ein Mord, eine unglückliche Liebe… Das gehörte wahrlich zu dem Stoff, aus dem Tragödien gemacht waren.
„For never was a story of more woe
Than this of Juliet and her Romeo.”

Vielleicht hatte der große Shakespeare mit diesen Versen Recht, aber dramatisch ging es nicht nur auf der Bühne zu. Charles selbst verfiel kurz in düstere Erinnerungen an seine eigene, bedauernswerte Vergangenheit, fing sich aber wieder, als Melinda darauf hinwies, dass Dr. Tremaine nicht mehr im Haus war.
„Alan wird sich darum kümmern“, murmelte er während aufsah und Melindas Blick folgte, „oder auch nicht“, bevor er sich räusperte, weil er merkte, dass seine Stimme etwas belegt klang. Der Chirurg hatte angekündigt, dass er zu gehen gedachte, und Alan war ihm aus dem Zimmer gefolgt, also war das aktuell nicht Charles‘ Problem. Er war hier und unterhielt sich vornehmlich mit Melinda, um nun etwas über ihren Gastgeber zu erfahren, und sollte das, was er erfuhr, ihn im Endeffekt einen Grund zur Beunruhigung geben, konnte er sich immer noch mit Tremaine befassen.
Nun sah Charles wieder Melinda an. Sein Blick huschte nur kurz über ihr Dekolleté, bevor er wieder auf ihren Augen ruhte. Charles lächelte etwas schüchtern, er war sich bewusst, dass seine Wangen immer noch gerötet waren. Er wollte sich nicht wieder und auch sie nicht in Verlegenheit bringen. Aber dafür war es vermutlich zu spät. Besonders, da auch Ms. Stead anwesend war und deswegen diese etwas peinliche Situation als Zuschauerin miterlebte.
„Sie vertrauen ihm also“, lenkte Charles deswegen, mit einem erneuten, wieder etwas sichererem Lächeln ab, das er an Melinda richtete. In der Tat wollte er etwas Bestimmtes wissen.
„Das spricht für ihn, aber ich bitte Sie zu verstehen, dass ich besonders in letzter Zeit etwas zur Vorsicht neige. Ich würde gerne wissen, ob sie denken, dass er ein ehrlicher Mann ist. Das Mordgeständnis spricht dafür, aber genau das hat mich auch hellhörig gemacht. Immerhin hat Dr. Tremaine als Arzt geschworen, sein Wissen nicht zum Schaden anderer anzuwenden und erst recht nicht, um seine Patienten zu töten. Und einen Eid zu brechen, ist eine ernste Sache, Miss. Können wir auf sein Wort zählen, wenn er es uns gibt?“

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Druzil am Mi Jan 23 2013, 18:28

Alan war dem sonderbaren Doktor eine Weile gefolgt, doch hatte sich ihm nicht erschlossen, auf welches Ziel der Mediziner zusteuerte. Vielleicht nur ein Spaziergang, um klare Gedanken zu bekommen und etwas frische Luft zu geniessen, überlegte Alan und schallte sich kuze Zeit später für seine Grübelei. Er hatte ihn aus den Augen verloren!
Unsicher ging Alan weiter und suchte mit seinen Blicken die Umgebung ab.
Plötzlich sprach ihn jemand an. Aus einer kleinen Gasse, die er übersehen hatte, trat der Doktor und verlangte eine Erklärung für Alans Verfolgung.
"Ich bin kein Spießgeselle von Norly", erwiderte er, mit leichter Abscheu über diese Behauptung in der Stimme.
"Und das du zu Hill rennst, habe ich auch nicht vermutet."
Aber was dann? Alan war sich selbst nicht sicher. Er war einem Impuls gefolgt. Der Aufbruch des Doktors war so unerwartet geschehen und hatte durch und durch merkwürdig gewirkt. Er wusste nicht was er sagen sollte und vermutlich sah man ihm dies auch an.
Er entschied sich für ein verständnisvolles Vorgehen.
"Ich verstehe ja, wie das alles wirken muss. Dieser Mann..." Er sah sich kurz um, um sicher zu gehen, dass niemand ihr Gespräch mitverfolgte.
"Er ist ein Verrückter, mit verrückten Plänen, von denen keiner genau weiß, was sie wirklich beinhalten und welche Rolle er jedem einzelnen zugedacht hat."
Er atmete kurz durch.
"Das kann schon sehr erschlagend wirken. Mit dem meistgesuchten Verbrecher Londons an einem Tisch zu sitzen. Ich meine ... Was ich sagen will... Ich kann verstehen, wenn du uns nicht in deinem Haus haben willst. Das ist kein Problem. Wir können bei mir unterkommen."
Alan kratzte sich den Kopf. War es das? Hatte der Doktor kalte Füsse bekommen?
"Oder wir betäuben Norly einfach. Dann haben wir für eine Weile Ruhe", versuchte sich Alan an einem Witz - von dem er nicht genau sagen konnte, ob es wirklch einer war, oder eher eine verlockende Idee - um die Situation zu entspannen.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Darnamur am Mi Jan 23 2013, 20:50

"Wie du bereits mitbekommen hast, Alan, ich habe euch mein Haus zur Verfügung gestellt. Ich hätte das nicht gemacht, wenn ich es nicht gewollt hätte!"
Randolph fragte sich wie weit er gehen konnte, ohne das Alan ihn ebenfalls als Wahnsinnigen abstempelte- womit er ja zum Teil Recht hätte. Aber anscheinend hatte ihm noch niemand erzählt, das er, Doktor Tremaine Mord am eigenem Vater begangen hatte.
"Du hast gesagt, das Charles ein Verrückter ist. Bist du dir dessen wirklich so sicher? Meinesjaachtens ist er ein rechtschaffener Mann. Etwas narzisstisch und größenwahnsinnig vielleicht, würde ich sagen. Was seine Pläne angeht...nun um ehrlich zu sein ist das der Grund warum ich hier bin? Ich bin mir nicht sicher, ob Charles nicht eventuell ein paar grundlegende Fehler begangen hat. Ich habe vor...ein wenig Eigenrecherche zu betreiben. Ich denke ich kann dir vertrauen, Alan! Das was ich vorhabe würde zu zweit viel besser funktionieren. Und da es auch gefährlich werden könnte, wäre ich froh dich an meiner Seite zu haben, damit wir unsere Kräfte bündeln können! Komm, lass uns ein Stück gehen!"
Während er den Weg in Richtung Westminster einschlug, hoffte er das er Alan richtig eingeschätzt hatte- und das seine Worte die erwünschte Wirkung erzielen würden.
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Elli am Do Jan 24 2013, 16:59

Melinda war durchaus bewusst, dass Norly auf das ansprang was sie geplant hatte. Sie wollte ihn reizen und schaffte es auch. Das sie ihm allerdings eine gewisse Röte ins Gesicht trieb, hätte sie nicht vermutet. Ein Grinsen konnte sie sich nicht verkneifen. Er war auf ihr Spiel eingestiegen, wenn auch vielleicht nicht ganz freiwillig. Ein letzter Blick der über ihren Oberkörper huschte nahm sie ebenfalls wahr und zuckte die Augenbraue nach oben. Sie fragte sich wie weit sie ihn reizen konnte. Sie rückte ihr Kleid wie unauffällig zurecht, um einen besseren Blick auf ihr Bein freizugeben. "Ehrlich gesagt ich weiß es nicht. Früher einmal war er das ohne jede Frage, aber ob das heute noch so ist? Tja. Ich denke schon. Er hat uns mit allerlei Utensilien zurück gelassen, scheint uns also halbwegs zu vertrauen, dann sollten wir das auch tun. Ich glaube nicht das er auf dem Weg ist um Scotland Yard darüber aufzuklären, wer unter seinem Dache verweilt. Ich...würde er mir sein Wort geben, ich würde darauf vertrauen." Sie hoffte sich nicht zu weit damit aus dem Fenster zu lehnen.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Umbra am Fr Jan 25 2013, 00:01

„Ich… danke Ihnen für Ihre Einschätzung“, brachte Charles etwas mühselig hervor und räusperte sich erneut. Doch es gelang ihm nicht, dessen war er sich bewusst, seine Verlegenheit hinter seinen Worten oder seiner kurz vorgehaltenen Faust zu verdecken. Sowohl seine Kehle als auch sein Mund blieben weitestgehend trocken. Die Situation wurde für ihn immer prekärer, da Melindas Vorzüge ihn lockten und die Verlegenheit ihm die Luft abschnürte. Charles stellte sein leeres Glas auf den verdeckten Operationstisch und erhaschte dabei im Augenwinkel kurz einen Blick auf ihr Bein, das von noch weniger Stoff bedeckt wurde als er es in Erinnerung hatte. Sein Kragen fühlte sich plötzlich viel enger an, oder – besser ausgedrückt – viel zu eng und Charles erlag dem Bedürfnis, diesen und dann auch seine Krawatte mit dem Zeigefinger etwas zu lockern. Er zwang sich zu seinem Lächeln, das er Ms. Bolt schenkte – nun achtete er penibel darauf, dass seine Augen sich nicht wieder selbstständig machten.
Er schluckte und es gelang ihm irgendwie, dass seine Stimme nicht rau klang, als er weitersprach.
„Das muss uns vorerst genügen“, sagte er nach dieser für ihn bedrückenden Pause, immer noch auf das ursprüngliche Thema bezogen.
Charles war der Ansicht, dass Dr. Tremaine im Moment wohl andere Sorgen haben dürfte als um sein Hab und Gut, das er mit teils Fremden allein gelassen hatte. Viel entscheidender war doch, dass es sich dabei um zwei entführte, junge Damen handelte, in Begleitung ihres „Peinigers“, den alle nur „Scarface“ nannten… und für dessen Ergreifung immerhin eine beträchtliche Summe Geld ausstand. Fünfhundert Pfund waren viel Geld, sehr viel Geld. Viele Bewohner dieser Stadt lebten am Existenzminimum, wenn nicht sogar von Zeit zu Zeit darunter. Sie verdienten in Jahren – ja, vielleicht sogar einem Jahrzehnt! – weniger. Charles, auch wenn er sich nie um Geld hatte sorgen müssen, hatte die Gefahr dieser Verlockung sehr wohl im Blick. Dazu gab es andere Anreize, ihn an die Polizei zu verraten. Ruhm, Ansehen… allein die moralische Genugtuung, einen vermeintlichen, blutrünstigen Serienmörder unschädlich zu machen.
Misstrauen war für Charles so viel einfacher als Vertrauen. Misstrauen hatte ihn bisher beschützt. Vertrauen hatte er in der vergangenen Zeit in London nur Edward Tilling geschenkt. Sein Freund hatte ihm um die alten Zeiten Willen kaum Fragen gestellt und hatte sich als hilfsbereit erwiesen, hatte Charles mehrere Male schnelle und zudem diskrete Mobilität garantiert – nur zuletzt unfreiwillig. Dafür hatten sie beide büßen müssen, beide auf grauenvolle Weise – auch wenn es für Ed wenigstens schnell geendet hatte.
War die Situation nun so viel anders?
Ja, das ist sie, beantwortete er sich selbst. Er hatte gewusst, dass er sich auf Edward hatte verlassen können. Der Doktor hingegen war für Charles noch ein Buch mit sieben Siegeln. Seine persönliche Büchse der Pandora, vielleicht. Dennoch würde er sich die Sache erst einmal auf sich beruhen lassen. Melinda vertraute Dr. Tremaine und glaubte an dessen Ehrlichkeit, also beschloss Charles, ihrem Urteil zu vertrauen. Es musste wirklich vorerst genügen.

Vielmehr war Melinda selbst gerade ein Problem, mit dem Charles nicht wirklich zu händeln wusste. Das Schlimmste und Beschämendste daran war, dass Melinda selbst und auch Ms. Stead Zeuginnen seines äußerst unangebrachten Verhaltens geworden waren – er konnte sich zumindest nicht vorstellen, dass es ihnen entgangen war, wahrscheinlich waren sie nur höflich genug gewesen, nichts zu sagen – und dass es ihm so deutlich und im wahrsten Sinne des Wortes ins Gesicht geschrieben stand, dass er peinlich berührt war. Also wählte er einen schnellen, naheliegenden Ausweg, der es ihm ermöglichte, sich nicht zwangsläufig weiter ins Schlamassel hineinzureiten: Flucht.
„Nun bleibt die Frage offen, was wir nun mit unserer Zeit anfangen, jetzt, da man uns allein gelassen hat, nicht wahr?“, fragte er nervös und lächelte erneut etwas gequält. „Haben Sie vielleicht Hunger? Ich habe unglaublichen Hunger.“ Das war noch nicht einmal eine Ausrede. Sein Frühstück lag schon einige Zeit zurück und sein Körper war offenbar begierig darauf, die Energie wiederzugewinnen, die er mit der nicht unerheblichen Menge Blut verloren hatte.
„Ich werde schnell nachsehen, was die Küche des Hauses zu bieten hat, und mich um das Mittagessen kümmern.“

Charles wartete gar nicht auf Antworten oder Einwände, sondern war schon mit hochrotem Kopf und mit vom Brandy schon leicht schwammigem Gefühl in den Beinen in den Flur hinausgerauscht, bevor er den letzten Satz beendet hatte. Ihm war die ganze Situation unglaublich peinlich. Dass er auf diese Art und Weise die Fassung verloren hatte, war ihm schon sehr lange nicht mehr passiert. Charles gab dem Alkohol die Schuld, aber wusste, dass das nur die halbe Wahrheit war. Das andere Geschlecht ließ ihn nicht kalt – offensichtlich – und dass er Gefallen an Melinda fand, war ihm in diesem Moment intensiver bewusst als jemals zuvor. Er musste das nun wieder vergessen und sich verhalten, wie es der Anstand es verlangte. Er musste sich besinnen, sich konzentrieren und ablenken. Noch im Gehen glitt er aus seinem Jackett und platzierte es mit einer hektischen Bewegung über der Lehne eines Küchenstuhls. Im war heiß vor Aufregung und Scham und ein Schweißausbruch hatte nicht auf sich warten lassen.
Ms. Bolts Kleidung war, zugegebenermaßen, freizügig und aufreizend, jedoch hätte er sich davon nicht so in den Bann ziehen lassen dürfen!
Ungehalten nestelte er mit der Prothese an seinem rechten Handschuh herum, bis er ihn richtig zu fassen bekam und seine nun feuchte Hand wieder etwas atmen konnte. Charles wusste auch nicht, warum er das nicht bereits getan hatte, als er das Haus betreten hatte. Den rechten Handschuh trug er meistens sowieso nur, um zu verschleiern, dass er links fast permanent einen zu tragen pflegte. Seine Prothese war anfällig für Nässe und für Staub und Dreck, die in der Luft herumflogen, und er hatte keine Lust, die ölige Mechanik alle paar Tage reinigen zu müssen. Außerdem waren seine künstlichen Finger von glattem Blech umhüllt, mit dem es quasi unmöglich war, irgendetwas zu greifen. Der Lederhandschuh – übrigens ein Exemplar von mehreren Sonderanfertigungen mit kleinen Verschlussriemen und Schnallen an der Armoberseite, reichend vom Rand bis zum Beginn des Handrückens, die es ermöglichten, mit der starren Prothese das Ding überhaupt an- und auszuziehen – behob dieses Problem weitestgehend und sorgte außerdem dafür, dass Charles nicht unnötige Aufmerksamkeit auf sich zog. Da war er etwas eitel. Er mochte es in der Regel ganz und gar nicht, wenn ihn jemand bemuttern wollte oder nicht ernst nahm, weil er ein Krüppel war. Mit dem Handschuh fiel es den meisten noch nicht einmal auf, dass er gewisse Schwierigkeiten mit der linken Hand hatte – Geschweige denn, dass jemand eine Prothese vermuten würde.
Eine einzigartige Kuriosität besaß er da, hatte man ihm gesagt, einen Quasi-Handersatz. Das sah er genauso: Eine einzigartige und faszinierende und zudem wartungsintensive Karikatur einer Hand! – aber dennoch war die Prothese all den Ärger wert, den Charles wegen ihr gehabt hatte und noch immer laufend hatte. Sie war bei Weitem nicht das Gleiche wie eine Hand aus Fleisch und Blut, die hatte sie nie vollwertig ersetzen können, jedoch war sie ihm der kostbarste Wertbesitz, den er noch sein Eigen nannte. Er erinnerte sich nur ungern an den Verlust seiner Hand und an die Zeit, in der er nur mit einer hatte auskommen müssen. Wie er zu seiner neuen Hand, oder vielmehr seinem neuen Unterarm, gekommen war, war auch nichts, an das er zurückdenken wollte. Diese Erinnerungen ließen ihn nicht los. Noch immer plagten ihn dann und wann deswegen Albträume. Vielleicht auch das nächste Mal, wenn er die Augen schließen würde, da er nun daran gedacht hatte… da er bis vor wenigen Atemzügen in einem Operationsraum gestanden hatte. Womöglich ein Grund, warum er dort so bereitwillig zum Alkohol gegriffen hatte.
Ein Schaudern durchfuhr Charles und er legte den Handschuh, den rechten, vollkommen gewöhnlichen, den er sich gerade von den Fingern gezogen hatte, auf den Tisch und trat an die Küchenschränke heran. Mit dem zweiten Knauf fand er Gläser. Charles nahm sich eins und schenkte sich ein. Er trank in großen Schlucken, Wasser diesmal, um sich abzukühlen, seinen noch immer trockenen Mund zu befeuchten und seinen Durst zu stillen. Dann stellte er das Glas ab und griff erneut zur Wasserkaraffe auf der Arbeitsfläche, um noch etwas zu trinken. Er hatte sich angewöhnt, fast alle Handgriffe lediglich mit seiner verbliebenen Rechten zu machen, soweit dies möglich war, auch wenn er theoretisch gut seine Prothese hätte zur Hilfe nehmen können.
Das Wasser war erfrischend erfrischend. Charles atmete tief ein und aus und versuchte, das ruhig hinter sich zu bringen. Ihm war noch immer warm, wenn nicht sogar heiß, doch das würde sicher in den nächsten Minuten verfliegen. In der Zwischenzeit konnte er sich schon einmal auf die Suche nach Vorräten machen. Dr. Tremaine dürfte sicher nichts dagegen einzuwenden haben.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

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