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Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Scáth am Fr Feb 22 2013, 17:12

Johanna betrachtete lange den alten Einband des kleinen Buches. Sie strich ein paar mal sanft über das Leder. Irgendwie hatte dieses kleine Ding etwas geheimnisvolles, etwas mysteriöses, dass es ausstrahlte. Johanna mochte das Gefühl, das, wenn man dachte, man hätte einen geheimen Schatz gefunden. Wieder etwas, dass sie mit ihrer Kindheit verband. Es waren die Tage, an denen sie bis spät Abends, fast bis kurz vor Einbruch der Dämmerung draußen spielte, und viele Dinge fand, die sie als Schätze bezeichnete. Meist waren es Steine, die Johanna schön fand, manchmal hob sie sogar Scherben auf, die glänzten, oder alte Münzen, die andere verloren hatten.
Langsam öffnete Johanna das Buch. Die Seiten waren an den Rändern schon ziemlich braun, und im inneren des Buches, sah man noch besser, dass es sehr alt war.
'Edmure Tremaine'
, las Johanna auf der ersten Seite. Das musste wohl der Vater von Randolph sein, vielleicht sogar der Großvater. Johanna war sich nicht sicher, verschwendete aber auch keinen weiteren Gedanken daran und blätterte weiter. Was sie in dem Buch lesen konnte, würde vermutlich nicht jeden interessieren, doch Johanna war fasziniert. Es schien eine Art Tagebuch zu sein, Erlebnisse wurden dort gesammelt, zusammen mit kleinen, aber detailreichen Zeichnungen, von ganzen Körpern, manchmal aber auch nur einzelnen Körperteilen. Teilweise wurde sogar erklärt, wie man bestimmte Verletzungen behandelte, wenn auch auf die ein oder andere bizarre Weise. Johanna betrachtete Bilder, in denen scheinbar Schrauben in Knochen von Beinen geschraubt wurden, Arme auf irgendeine seltsame Weise fast krumm gewachsen waren und andere kleine Skizzen, die sie allerdings nicht genau zuordnen konnte. Darunter fand sie einige Erklärungen. Vielleicht mochten diese Behandlungsmethoden schon alt sein, doch Johanna kannte sich so wenig mit Medizin aus, dass selbst das für sie sehr neu war. Sie sah aber davon ab, persönliches aus dem Buch zu lesen, denn es ging sie nichts an. Sehr paradox, wie sie fand, denn schließlich hatte sie schon Dinge geklaut, die sie nichts angingen, ihr nicht gehörten, doch diesen kleinen Funken Anstand schien sie noch bei sich zu tragen.
Johanna sollte Randolph das Buch zeigen. Zumindest dann, wenn ein geeigneter Zeitpunkt dafür auftauchte. Aus der Küche klang immernoch leises Gemurmel. Johanna kümmerte sich nicht weiter darum und blätterte einige Seiten weiter. Doch von einem Moment auf den anderen endete das, was geschrieben wurde, und das mitten im Satz. Es folgten viele leere Seiten. Verwirrt blätterte Johanna das Buch noch einmal durch, doch auch das brachte nichts. Es hörte auf, von einen Moment auf den Anderen, doch erklären konnte sich das Johanna nicht.
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Darnamur am So Feb 24 2013, 17:57

Ruhig aber zielstrebig begann Randolph das Haus von allen Seiten unter die Lupe zu nehmen. Eins jedenfalls stand fest: In dem Aufzug, in dem er hier herum lief, würde er niemals als alter Geschäftspartner von Mr. Mauney durchkommen. Alan hingegen hatte zwar offensichtlich schon bessere Tage gesehen, aber es war doch zu erkennen das er sich Besseres leisten könnte. Reiche Leute konnten auch geizig sein. Alan würde eventuell damit durchkommen ein Geschäftspartner Harrolds zu sein. Allerdings wäre es offenkundig das Beste, wenn sie sich beide umkleiden würden. Bei der Untersuchung des Hauses stellte Randolph fest, das es über einen Hinterausgang verfügte. Das könnte unter Umständen noch eine entscheidende Funktion sein. Er berichtete Alan davon.
"Okay. Ich habe hier genug gesehen. Ich würde vorschlagen, das wir als Nächstes zu dir gehen. Dann können wir noch einmal genau besprechen, wie wir vorgehen werden und ich werde dich in die Einzelheiten einweihen, die ich erfahren habe. Kannst du mich hinführen?"
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Umbra am So Feb 24 2013, 20:42

„Oh“, brachte Charles etwas verwundert hervor und er spürte, wie schon wieder Hitze an seinem Kragen hochkroch. Bot sich Melinda ihm gerade an? Fast klang es so, auch wenn er aufgrund ihres Hintergrunds vielleicht auch etwas zu viel in ihre Wortwahl hineininterpretierte. Dann setzte er zu einer Antwort an, denn sie erwarte sicherlich eine, und versuchte dabei nicht so irritiert zu klingen wie er war.
„Keine Sorge, Miss, ich versichere Ihnen, dass Sie mir in keinster Weise zu nahe getreten sind“, sagte Charles mit einem Lächeln und schluckte, um seine Kehle zu befeuchten.
„Es ist reizend von Ihnen, dass Sie mich aufmuntern wollen, doch Sie müssen sich wirklich nicht dazu verpflichtet fühlen.“
Vermutlich war es so unverfänglich genug formuliert und er nahm es ihr bestimmt nicht übel, dass sie den möglichen blutigen Ausgang beim unbedachten Umgang mit dieser Schneidemaschine erwähnt hatte. Er war nicht… überempfindlich, was den Verlust seiner eigenen Hand betraf.
Normalerweise rieb er es niemandem unter die Nase, dass er ein Krüppel war. Nicht einmal seine Mutter hatte er das anvertraut – die hatte sich ohnehin schon genug Sorgen um ihn gemacht. Tatsächlich wussten aktuell nicht viele davon, dass seine linke Hand nicht seine ursprüngliche war, und hätte Charles seine Prothese nicht reparieren müssen, hätte auch sicher keiner seiner Gäste sie zu Gesicht bekommen. Er hasste es wirklich, wenn man ihm deswegen ständig Arbeit abnehmen wollte als wäre er so hilfsbedürftig wie ein Kleinkind oder ein klappriger Greis. Lästige Überfürsorglichkeit machte ihm stets nur noch mehr bewusst, was ihm alles genommen worden war. Es war tatsächlich schwer, nur eine Hand zu haben, auch wenn das für Charles heute nach all den Jahren wirklich nicht mehr ganz so belastend war wie zu Beginn. Der Verlust ebendieser hatte sein damaliges Leben völlig aus den Bahnen geworfen und darüber war er erst, nachdem ihm das Schicksal ihm diese Prothese beschert hatte, etwas hinweggekommen. In der Tat hatte ihm das Ereignis mehr zu schaffen gemacht als die Behinderung an sich – besonders wieder in letzter Zeit verfolgten ihn die Erinnerungen daran, da er nur selten die Augen schließen konnte, ohne dass ihn Albträume heimsuchten.
„Ich lebe damit schon… ach, eine kleine Ewigkeit“, winkte Charles, nun im Plauderton, ab. „Man gewöhnt sich mit der Zeit daran und, nun ja“, er lachte kurz, „wie Sie sehen, komme ich inzwischen besser zurecht als so manch anderer in meiner Lage… Was natürlich nichts daran ändert, dass, nur eine Hand zu haben, mühselig bleibt“, beeilte er sich, den Leidenden zu spielen, denn ablehnend wollte er sich gegenüber Melinda gewiss nicht zeigen.
Charles hatte spontan Mut gefasst und beschlossen, etwas Initiative zu zeigen. Vielleicht hatte der Alkohol seine Finger mit im Spiel.
„Und dieses Ding hier ist“, beschwerte er sich mit einem schelmischen Grinsen und hob zur Verdeutlichung die Prothese an, „wenn auch ungemein praktisch“, räumte er ein, „ein Ärgernis an sich.“
Das sah er in Wirklichkeit so, denn seinen Handersatz „aufwandintensiv“ zu nennen, war beinahe noch beschönigend.
„Rein aus Neugier: Wie könnte dieser potenzielle, wieder gutmachende Weg wohl aussehen?“
Als Charles gesagt hatte, dass er Melinda nicht habe belästigen wollen und dass er kein Stück Vieh in ihr sah, hatte er das absolut ernst gemeint. Das änderte allerdings nichts daran, dass er nicht abgeneigt war, sollte ihr Angebot das sein, was er vermutete. Er genoss Melindas Gesellschaft wirklich sehr und ihr Anblick machte ihn tatsächlich etwas nervös, gerade heute, aber er wollte nicht den Eindruck erwecken, als würde er solcherlei Gefälligkeiten von ihr erwarten oder verlangen. Es wäre ihm sicher nie in den Sinn gekommen, sie zu bedrängen. Allgemein hatte er in den letzten Wochen bisher nicht daran gedacht, Trost in den Armen einer Frau zu suchen, aber nun, da er diese Idee in Betracht zog, war sie natürlich verführerisch. Nicht, dass das irgendetwas an seiner Situation ändern würde... Aber wie könnte er Melinda einen Wunsch wie diesen verwehren? Wenn es denn wirklich das war, was sie gemeint hatte. Er konnte sich immerhin irren. Aber er hatte ihr ja die Möglichkeit gelassen, ein eventuelles Missverständnis zu klären.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Druzil am Mo Feb 25 2013, 22:02

"Was?", fragte Alan und sein Gesicht zeigte Entgeisterung.
Ihm wurde der Doktor immer sonderbarer und, wie er gestehen musste, auch ein gutes Stück unheimlicher. Ihm behagte der Gedanke nicht, ihn in sein Heim zu lassen. Auch trotz der Tatsache, dass er in Randolphs Haus nächtigte.
Er hatte ja nicht den blassen Schimmer einer Ahnung, was Randolph eigentlich plante! War es möglich, dass er der trauernden Witwe etwas antun wollte? Durchaus. Alan begann zu schwitzen. Er hatte zwar schon einige Sachen in seinem Haus angestellt. Dinge, über die er nicht sprechen würde. Aber eine Gewalttat gegen eine wehrlose Frau?! Eine Leiche in seinem Haus?
Alan schwindelte. Nein, so etwas durfte nicht passieren. Auf gar keinen Fall. Sie mussten die Situation anders lösen und Randolph musste einen alternativen Plan haben. Immerhin war er alleine aufgebrochen. Es musste eine Möglichekeit geben die Sache jenseits von Alans Grund und Boden durchzuziehen.
"Ach papperlapp. Wir sind jetzt hier, wir gehen rein. Das wird schon. Ich vertraue da ganz auf dich."
Alan klopft Randolph aufmunternd auf die Schulter und schritt entschieden durch das Tor im Zaun.
"Na komm schon. Wenn alle Stricke reissen, machst du der Alten einfach schöne Augen."
Alan klopfte kräftig an die Haustür und warf Randolph einen letzten Blick zu.
"Du hättest Blumen mitnehmen sollen, Randolph."

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Elli am Di Feb 26 2013, 12:28

Erleichtern nahm Melinda wahr, dass Norly keineswegs verstimmt so sein schien. Sie wartete einen Augenblick bevor sie auf das Gesagte einging. "Man merkt es eigentlich kaum, dass es nicht ihre echte Hand ist. Das ist mir nur aufgrund der Vorkommnisse bewusst müssen sie wissen."
Das er allerdings auf ihr Spiel einging, verwunderte sie. Sie hätte nicht damit gerechnet, Gentleman, der er war, andererseite freute es sie auch. Immerhin sollte man sich gerade in solch tristen Zeiten, dass Leben versüßen. Sie versuchte abzuwägen, wie weit sie gehen konnte und entschloss sich schließlich, alles auf eine Karte zu setzen. Was hatte sie zu verlieren. Also gut, das Katz und Mausspiel ging in die finale Runde. Aber Melinda wollte sich ihre Position als Katze nicht so leicht nehmen lassen. Sie stellte sich so nah vor ihr das zwischen ihren Körper kaum noch ein Inch Platz war und griff mit ihrer rechten Hand in seinen Nacken. Die warf einen Blick auf seinen Kehlkopf der leicht nervös zuckte. Dann zog sie seinen Kopf zu sich herunter und sprach ihm leise ins Ohr. "Das, mein lieber Charles, liegt ganz an Ihnen." Sie hauchte ihm einen leichten Kuss auf die Seite, bevor sie sich wegbewegte und den Abstand zwischen den beiden wieder vergößerte "Allerdings, sollten wir nicht vergessen, dass wir nicht alleine hier sind. Immerhin wartet ihre," verschreckt stellte Melinda fest, dass sie fast verraten hätte, dass Johanna seine Tochter war, schnell korrigierte sich sich,"ich meine....ihr Mitbringsel Johanna im Nebenraum. Wir wollten dem armen Mädchen doch keine unangenehme Situation verursachen." Sie zwinkerte ihm zu.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Darnamur am Di Feb 26 2013, 17:19

"Alan, war..!"
Randolph gefror das Blut in den Adern. Entgeistert starrte er diesen Vollidioten an, der gerade an der Haustür geklopft hatte. War der Kerl vollkommen hirnverbrannt? Entsetzt stand er da, während das Gerüst seiner Pläne, das er sorgfältig in den letzten Stunden konstruiert hatte mit einem gläsernem Klirren zerbarst. Ein Schwindelgefühl erfasste den Doktor und er spürte plötzlich den kalten Wind der seinen dunklen, schäbigen Kapuzenumhang aufbauschte. Verzweifelt irrten seine Augen mit geweiteten Pupillen hin und her. Natürlich gab es keinen Ausweg aus der Situation. Wenn er weglief, hätte er eine einmalige Chance verpasst. Alan, du dämlicher Hornochse! Wie hatte er nur glauben können, das ihm dieser Mann eine Hilfe sein würde. Mit mulmigem Gefühl ging er zu seinem "Partner" hinüber und schluckte seinen Speichel herunter. "Gut gemacht!", bekundete der Doktor mit fröhlicher Stimme und tätschelte Alan die Schulter. "Ich hoffe du weißt, was zu tun ist!"
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Umbra am Di Feb 26 2013, 20:02

Alan blieb keine Gelegenheit, auf dieses sicherlich nicht ernst gemeinte Lob zu reagieren, denn schon öffnete sich die Haustür – lediglich einen Spalt breit, sodass gerade einmal der Blick auf den Mann frei wurde, der gekommen war, um den unverhofften Besuch zu empfangen.
Es war ein älterer Herr, bestimmt schon Mitte Sechzig, wenn nicht schon an die Siebzig, mit faltigem, aber glattrasiertem Gesicht und schütterem, ergrauten Haar, das einst einen hellen Braunton gehabt haben mochte. Sein Blick war jedoch klar und wach und auch sonst ließ nichts an ihm darauf schließen, dass ihm das Alter bereits körperlich oder geistig zu schaffen machte. Der passgenaue, schwarze Frack, den er trug, ließen neben den anderen Umständen wohl kaum einen Zweifel daran übrig, dass es sich bei ihm und den Butler der Mauneys – oder inzwischen nur noch der Witwe Mauney – handeln musste. Er strahlte eine stille, zurückhaltende Würde aus… neben geringfügiger Verwunderung darüber, wen er vor sich stehen sah: einen etwas schlaksig wirkenden Hünen und seinen dürren Begleiter, dessen dunkle Kleidung im Kontrast zu der blassen Haut nur noch mehr betonte, dass er so wirkte als wäre er gerade von den Toten auferstanden.
„Sie wünschen, Gentlemen?“, erkundigte sich der Butler mit einem kühlen Lächeln, das auf geschickte Weise höflich war, aber auch gleichzeitig ablehnende Geringschätzung zum Ausdruck brachte. Dennoch war etwas wie ehrliche Neugier in den grünen Augen des Mannes zu erkennen, mit denen er Randolph und Alan prüfend musterte – als versuche er, aus dem Anblick, der sich ihm bot, schlau zu werden und sich allein dadurch eine Antwort auf seine Frage zurechtzureimen.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Darnamur am Di Feb 26 2013, 20:43

Randolphs Lächeln war so kalt wie die Gebeine seines Vaters. "Mehr Geld, als ich je ausgeben könnte. Die Flügel eines Adlers. Die Krone von England!" Seine Stimme hatte den Klang von Eisen angenommen, das über eine Schiefertafel kratzte. Dann wurde sein Lächeln ein wenig milder. "Zunächsten wären Mr. Smythe und ich aber schon damit zufrieden mit Mrs. Mauney reden zu können. Ihr Mann war langjährig einer unserer besten...Geschäftspartner"

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Druzil am Mi Feb 27 2013, 20:41

Ein erster Zweifel stieg in Alan auf, ob der Doktor tatsächlich einen Plan ausgeklügelt hatte, der diesen Namen auch verdient hatte. Aber für weiteres Nachdenken oder gar Nachfragen blieb keine Zeit, denn die Haustür hatte sich bereits geöffnet.
Alan war froh darüber, bedeutete es doch, dass der Doktor keine Witwe zum Verstümmeln in sein Haus zerren würde. Er atmete durch, als Randolph mit seinem seltsamen Humor versuchte Einlass für sie zu erschleichen. Herrje!
"Verzeihen Sie die Späßchen, meines Partners."
Alan blickte über den Greis hinweg. Er hatte sehr wohl gelernt sich in gehobeneren Kreisen zu bewegen. Ein wenig Freundlichkeit war nicht verkehrt, wenn man keine Glasssplitter in seinem Wein finden wollte, aber ansonsten behandelte man Bedienstete als das, was sie waren. Schmalzfliegen. Nützliche, aber bedeutungslose Schmalzfliegen.
Alan legte die Hand an die Tür und drückte kräftig dagegen. Seine Stimme blieb ruhig.
"Wir haben ein Anliegen mit Mrs. Mauney zu besprechen. Wir sind erst in den frühen Morgenstunden von einer langen Geschäftsreise zurückgekehrt und erfuhren von der schrecklichen Nachricht. Unterrichten Sie Mrs Mauney von unserer Anwesenheit. Wir warten bei einem Tee. Schwarz, mit Rum, und für meinen Partner mit einer Prise Zucker."

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Umbra am Do Feb 28 2013, 00:36

Der Blick des Butlers hatte sich nach Randolphs Erwiderung etwas verfinstert, denn es hatte wohl niemand gern, einen Scherz auf die eigenen Kosten zu hören – auch wenn Randolphs Tonfall offenbar eher eine beklemmende statt erheiternde Atmosphäre geschaffen hatte. Alan hatte gut daran getan, schnell einzulenken, und vorsorglich zu verhindern, dass der Butler ohne weiteres die Tür einfach wieder zuschlagen konnte. Vielleicht war es letztendlich Alans bestimmte, aber ruhige Art, die die Situation rettete und den Butler überzeugte, dass er keine Hausierer oder anderweitig zwielichtige Personen vor sich hatte, die lediglich seine Zeit verschwenden wollten.
„Natürlich, Sir“, antwortete der Mann Alan nach einem weiteren kurzen Augenblick des Schweigens und des Musterns. „Finstere Zeiten, heutzutage.“
Nun öffnete er die Tür vollends und bat die beiden Gäste mit einer einladenden Geste, einzutreten. Der Butler schloss London wieder aus, nachdem Randolph und Alan die Schwelle über- und den Eingangsraum der Mauney-Residenz betreten hatten. Sie fanden sich in einem Haus mit hohen Decken, teuren Tapeten und Teppichen und aufwendig gearbeiteten Möbeln wieder. Mr. Mauney hatte sich, wie die Wohngegend und das Äußere des Hauses schon hatten erahnen lassen, nicht lumpen lassen. Zumindest in diesem Punkt nicht.
Der Butler nahm den Gästen Mäntel und Hüte ab und führte sie dann über das benachbarte Treppenhaus in den ersten Stock, wo er sie bat, in einem Empfangsraum auf den Tee und Mrs. Mauney zu warten. Beim Verlassen des Zimmers murmelte er irgendetwas, das das Wort „Rum“ enthielt – aber in welchem Zusammenhang, war, außer dass es etwas mürrisch klang, nicht wirklich verständlich.
Der Empfangsraum an sich war behaglich und bestimmt nicht ungewollt auch etwas protzig eingerichtet. Eine Sitzgruppe aus einer Couch und zwei Sesseln umgab einen edlen Couchtisch vor dem Kamin, zwei weitere Sessel standen zusammen mit einem Beistelltisch in der Ecke des Raumes, die gegenüber der Tür lag, durch die Randolph und Alan gekommen waren. Schränke und eine Kommode und eine Wand mit Bücherregalen rundeten zusammen mit Landschaftsbildern, Fenstern mit Blick auf den Park und herumstehendem Zierrat das Bild eines typischen Zimmers im Haus von betuchteren Londonern ab. Eigentlich ähnelte dieser Raum sogar dem in Hills Haus, in dem Alan aufgewacht war.

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Es war schwer für Charles, Fassung zu bewahren, wenn eine Frau wie Melinda ihn in Versuchung führte. Angesichts der Umstände war es vielleicht nicht unbedingt falsch, seinem Verlangen nachzugeben. Diese Tür hatte Melinda immerhin ihm geöffnet und nicht umgekehrt. Gerade noch hatte er beteuert, dass sie es verdiene, mit Anstand behandelt zu werden – jetzt im nächsten Moment war er kurz davor, sich lüstern auf sie zu stürzen. Aber er konnte zu seiner Schande nicht widerstehen. Er fand sie anziehend und er gestand sich ein, dass er sie mit Vergnügen ausziehen, ihr einfach das Kleid vom Leib reißen würde…
Doch sie hatte Recht: Ms. Stead war… im Weg. Er konnte geduldig sein, wenn es darauf ankam – zumindest geduldiger als in Jugendjahren und, zugegebenermaßen, ein gutes Stück Zeit darüber hinaus. Und, wenn man es genau betrachtete, konnte Charles froh sein, dass es nach all dem, was geschehen war, überhaupt irgendeine Frau wagte, ihm derart nahe zu kommen. Melinda schien ihn trotz der vielen grauenhaften, von Mund zu Mund weitergegebenen Geschichten und Gerüchte, die über Scarface im Umlauf waren, nicht zu fürchten. Gut.
Charles hatte im Moment, in dem Melinda den Einwand, dass sie Ms. Steads Anwesenheit nicht vergessen durften, ausgesprochen hatte, mit dem Gedanken gespielt, vorzuschlagen, sich nach einem ungestörteren und bequemeren Plätzchen als der Küche umzusehen. Doch die Worte kamen ihm nicht über die Lippen. Es war unvernünftig, an so etwas auch nur zu denken.
Selbst wenn Melinda und er leise sein würden, würde das nichts daran ändern, dass sie nicht allein im Haus waren. Ms. Stead nahm an, dass sie kochten, und spätestens, wenn sich das Mädchen fragen würde, warum das so lange dauerte, würden sie erwischt werden… Einmal davon abgesehen, dass es unklar war, wann genau der Hausherr und Alan zurückkehren würden.
Der junge Charles hätte vielleicht genau diesen Nervenkitzel reizvoll gefunden, doch Charles‘ heutiges Ich schätzte seine Privatsphäre. Der junge Charles hätte wahrscheinlich Melindas Einwand in den Wind geschlagen und nicht gegen den inneren Drang angekämpft, ihr einfach nachzusetzen und sich hier und sofort der fleischlichen Lust hinzugeben, doch Charles‘ heutiges Ich wusste sich im Zaum zu halten. Zumindest, wenn er selbst es wollte.
„Nein, natürlich nicht“, antwortete Charles schließlich, denn auch er wollte Ms. Stead eigentlich nur ungern in eine derart missliche Lage bringen. Junge Unschuld, die sie war, wäre es mit Sicherheit ziemlich beklemmend, Melinda und ihn beim Liebesspiel aufzufinden… Aber das wäre vermutlich für jeden Unbeteiligten unangenehm. Und für die Beteiligten dann auch.
Dennoch schlich sich ein Schmunzeln auf sein Gesicht. Er konnte wirklich nicht widerstehen.
„Aber uns bleibt bestimmt trotzdem ein bisschen Zeit, meinen Sie nicht?“
Das Stückchen, das Melinda sich von ihm wegbewegt hatte, brachte er mit einem selbstbewussten Schritt hinter sich und hatte auch schon die Arme um sie geschlungen, um sie zu küssen. Zuerst behutsam und sanft, doch nachdem er den Revolver zwischen ihnen hervorgezogen und die Waffe, ohne sich wirklich davon ablenken zu lassen, beiseite auf die Anrichte gelegt hatte, damit sie nicht störte, zog Charles Melinda noch dichter an sich heran und sein Kuss wurde verlangender. Es war ein überwältigendes Gefühl, wieder die Wärme einer Frau zu spüren, sich einfach entspannen und den Augenblick genießen zu können. Sie schmeckte nach Alkohol, doch das störte Charles nicht, schließlich war er selbst angeheitert. Er spürte ihren Puls und hörte den eigenen, während ihr langes Haar seine Finger kitzelten und er Melindas Duft in sich aufsog.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Elli am Sa März 02 2013, 14:00

'Schnapp'. Die Falle hatte zugeschlagen. Die Maus saß darin und hatte sich ihres Schicksales ergeben. Kurzzeitig musste sich Melinda jedoch eingestehen, dass sie nicht sicher war, wer nun genau die Katze und wer die Maus war. Normalerweise war die Sache für sie klar, sie heizte ihren Kunden ein, diese gingen darauf ein und fertig. Doch dieser Fall war ein ganz anderer. Denn Charles war kein Kunde und er sollte auch keiner sein. Sie mochte ihn und war von dem was er gerade tat, mehr als angetan. Sie erwiderte den Kuss und genoss es. Die wenigstens ihrer Freier hielten sich mit Nebensächlichkeiten wie Küssen auf, und ihr wurde klar, dass das was er gesagt hatte, wohl der Wahrheit entsprach. Sie machte sich etwas atemlos von ihm los und grinste ihn an. "Ich muss gestehen, dass Sie nicht nur etwas von Pastete verstehen. Dennoch sollten wir das Ganze vielleicht ein wenig...vertagen...nicht das die Pastete anbrennt...oder gar Ms. Stead in die Küche kommt. Außerdem ist Vorfreude bekanntlich eine der schönsten Freuden." Sie blickte zum Essen. "Ich bekomme langsam wirklich Hunger." Fragt sich nur worauf. Hihihihihi. doch diesmal störte sie die Stimme nicht mal.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Darnamur am So März 03 2013, 14:56

Alan hatte sie gerettet. Langsam ließ Randolph sich in einen Sessel sinken. In seinem Zorn und seiner Frustration den Butler zu verhöhnen hätte beinahe ein frühzeitiges Ende ihrer Operation sein können. Und ausgerechnet Alan- der Mann, den er noch kurz zuvor in die Hölle verdammen wollte hatte sie aus der misslichen Lage befreit. Randolph hatte sich gehen lassen. Das durfte ihm nicht noch einmal passieren. Es hieß Ruhe zu bewahren und höflich zu sein. Natürlich bis zu einem gewissen Zeitpunkt, an dem er damit nicht mehr weiterkam und tiefer würde bohren müssen. Doch bis dahin war noch Zeit. Allerdings war nicht mehr Zeit, um mit Alan sorgfältig Pläne zu besprechen. Der Butler hatte das Zimmer verlassen. Sie hatten noch ein wenig Zeit. Aber nicht mehr viel.
Er räusperte sich: "Danke, Alan. Ich habe wohl etwas überreagiert gehabt. Allerdings war es etwas unerwartet, dass du einfach zur Haustür stürmst und anklopfst. Jetzt haben wir natürlich nicht mehr die Zeit alles zu besprechen. Folgendes kann ich dir über Harrold sagen: Er war geizig, gnadenlos und ein sehr guter Geschäftsmann. Die beiden hatten keine Kinder. Wahrscheinlich ist einer von ihnen unfruchtbar. Vermeide dieses Thema. Wir werden zunächst über die Vergangenheit sprechen und so tun, als würden wir Harrold schon sehr lange kennen. Dann, wenn wir ihr Vertrauen gewonnen haben, werden wir auf seinen Tod zu sprechen kommen. Sollte es notwendig sein, werden wir danach zu den Waffen greifen. Ich hoffe du bist dann bereit und ich kann auf dich vertrauen. Du musst immer im Gedächtnis behalten, das sie ihren Mann verraten hat und als Augenzeugin gegen Norly ausgesagt hat. Wir müssen herausfinden, was wirklich geschehen ist!"
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Umbra am So März 03 2013, 22:27

Auch Charles war leicht außer Atem, als Melinda den Kuss, der seiner Ansicht nach ruhig noch länger hätte sein können, beendete. Er spürte sein Herz in seiner Brust hämmern und grinste zurück. Dies war einer der Momente, in denen er sich wirklich lebendig fühlte. Dass Melinda mir seinem Kuss zufrieden war, stimmte ihn froh, und er nahm ihr Kompliment nicht ohne Stolz auf. Nur leider hielt sie ihn an, zu warten, und der Fortsetzung vorfreudig entgegenzusehnen.
Allerdings gibt es noch schönere Freuden als Vorfreude, lag Charles auf der Zunge, denn am liebsten hätte er mit dem „Ganzen“, wie Melinda es genannt hatte, hier und sofort weitergemacht – und wenn es sich dabei auch nur um nichts weiter gehandelt hätte als den Kuss wieder aufzunehmen. „Vertagen“ hörte sich nach grausam viel Wartezeit dafür an, dass er sich gerade erst hatte gehen und sich von dem Verlangen nach Nähe und Zärtlichkeit hatte übermannen lassen. Der Kuss war berauschend gewesen und er begehrte mehr davon. Er könnte nun an ihrem Hals ansetzen, kurz unter ihrem Kiefer, und sich genüsslich nach unten arbeiten… so auch mit seiner Hand, die bisher noch sittlich auf ihrem Rücken geruht hatte.
Doch Charles wollte Melinda nach wie vor nicht bedrängen. Sie hatte Recht, nun war nicht die Zeit dafür, denn Ms. Stead verkörperte ein zu großes Störrisiko und außerdem würden Alan und der Doktor bestimmt nicht ewig fortbleiben. Obwohl Charles hätte enttäuscht sein können, weil der Moment so schnell und abrupt geendet hatte, war er das keineswegs. Diese Entwicklung hatte er sich wahrlich kaum erhoffen können und gerade, nachdem die gestrige Nacht in einer kompletten Katastrophe geendet hatte und für ihn der heutige Vormittag eine reine Abhetzerei mit sehr unliebsamen Neuigkeiten gewesen war, war Melinda wie die Sonne, die nach verregneten Stunden durch die Wolkendecke brach. Aufgemuntert fühlte er sich nun garantiert, wenn nicht sogar beschwingt, und davon und von der Vorfreude, denn die verspürte er tatsächlich, würde er garantiert zehren können. Vielleicht musste Charles sich ja nur gedulden bis die anderen alle schliefen.
Andererseits wäre es bestimmt auch nicht verkehrt, sich dafür von der Meute zu lösen, um wirklich ungestört zu sein. Es war viel Zeit vergangen, seitdem er das letzte Mal eine Frau ausgeführt hatte, aber sicher würde ihm etwas einfallen, das ihm als gesuchtem Mann zusammen mit seinem angeblichen Mordopfer möglich war. London war groß und voller Möglichkeiten, wenn man wusste, wo man suchen musste.
Charles schenkte Melinda ein Lächeln.
„Wie es Ihnen beliebt, meine Teuerste“, antwortete er ihr. „Dann sollten wir das Essen nicht noch länger hinauszögern.“
Ihm selbst knurrte der Magen. Da er das eine Gelüst wieder ins Unterbewusstsein zwang, wo es ihn nicht mehr daran hinderte, klar zu denken, trat sein Hunger wieder deutlicher hervor. Das Hantieren mit den Zutaten hatte die Sache nur noch schlimmer gemacht.
Allerdings waren die Vorbereitungen noch nicht beendet und das Kochen würde noch einige Handgriffe und einige Augenblicke in Anspruch nehmen.

Melinda und Charles teilten sich die Arbeit, wie auch vor der vergnüglichen Unterbrechung, und dadurch verging die restliche Zeit wie im Flug, ohne dass viele Worte gewechselt wurden. Schließlich war die Pastete soweit, dass man sie aus dem Ofen holen konnte, und auch die Kartoffeln waren rechtzeitig gar geworden, sodass Johanna eine passend zum bereits gedeckten Tisch eine deftige Mahlzeit erwartete, als Melinda sie schließlich zum Essen rief. Charles freute sich nicht nur auf einen Moment der Zweisamkeit mit Melinda, sondern auch darauf, sich nun richtig den Bauch vollschlagen zu können. Vielleicht wäre das gemeinsame Essen auch eine gute Gelegenheit, sich mit Ms. Stead etwas auszutauschen. Immerhin hatte er sie nicht vernachlässigen wollen. Sie hatte gestern gesagt, dass sie mehr über ihn erfahren wollte, und diesen Gefallen wollte er ihr gerne erweisen – aber im Gegenzug auch Fragen stellen.
Erst einmal begrüßte Charles sie jedoch mit einem erstaunlich unbeschwerten Lächeln und lud sie, wie auch Melinda, ein, sich zu setzen. Höflich rückte er die Stühle der beiden Damen zurecht, als dies Platz nahmen, und tische dann das Essen auf, sodass sich alle so viel nehmen konnten, wie sie wollten. Genug, um satt zu werden, war auf jeden Fall da. Dann griff er zur Wasserkaraffe und goss den Frauen und danach sich etwas ein.
Bevor Charles sich selbst auf seinen Stuhl sinken ließ und auch erleichtert war, seine müden Glieder nach der relativ langen Stehzeit etwas entlasten zu können, schnitt er noch mit einem langen Messer die Pastete an. Allein der Anblick ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sie roch so gut, wie sie aussah – und es stellte sich heraus, dass sie auch wunderbar schmeckte. Melinda hatte die Füllung wirklich ausgezeichnet hinbekommen.
Charles füllte sich großzügig und begann einfach mit dem Essen. Mit einem Tischgebet hielt er sich nicht auf und er hoffte, das würde man ihm nachsehen. Gerade in diesem Moment hatte er zwar einiges, wofür er hätte danken können, doch im Großen und Ganzen, wenn man seine Gesamtsituation betrachtete, wäre es witzlos gewesen... Dennoch war seine Trübsinnigkeit für den Augenblick eindeutig in den Hintergrund gerückt. Er spürte, dass es ihm guttat, etwas Ablenkung zu haben. Die einzige Gesellschaft, die er in letzter Zeit gehabt hatte, hatte aus kurzen Begegnungen mit äußerst spärlichen Wortwechseln bestanden... Einmal ganz abgesehen von den Zusammentreffen mit der Polizei, die eigentlich immer in Verfolgungsjagden geendet hatten – an sich unterhaltsam, aber nur kurzweilig zufriedenstellend. Gemütlich unter dem Tisch die Beine langmachen, die Aufmerksamkeit zweier junger Frauen genießen zu können und dabei die körperlichen Schmerzen durch Alkohol gedämpft zu wissen, war hingegen wie ein Segen. Umgemein erleichternd war zudem, dass die Prothese ihm im Umgang mit dem Besteck inzwischen keinerlei Probleme mehr bereitete, sodass er nicht in Verlegenheit kam, umständlich damit Herumhantieren zu müssen.
Nachdem Charles die größte Gier nach Nahrung mit einigen Bissen gestillt hatte, nahm Charles einen Schluck Wasser. Er wollte nicht mit vollem Mund sprechen.
„Nun“, begann er lächelnd und blickte zwischen Melinda und Ms. Stead hin und her. „Es ist schon kurios – nicht wahr?–, dass wir nun hier beisammensitzen. Ich gebe zu, dass ich das so nie geplant habe, aber das bedeutet in keinster Weise etwas Negatives.“
Sein Blick ruhte kurz auf Melinda und ihren schwungvollen, zum Küssen gemachten Lippen.
„Ich freue mich, dass es sich so entwickelt hat, und ich hoffe Sie sind nicht nachtragend, weil ich Sie in so viel Aufregung gestürzt habe.“
Dann sah Charles in Johannas braune Augen – Augen, die ihn einmal mehr beobachteten. Eigentlich mochte er es nicht, angestarrt zu werden, doch wie auch stets zuvor erwiderte er Ms. Steads Neugier lächelnd. Er selbst war neugierig, was sie betraf.
„Ich will noch einmal betonen, dass es nicht in meiner Absicht lag, Sie mit meiner... etwas unsanften Landung“, beschönigte er mit einem belustigten, leisen Lachen, „zu erschrecken. Oder mit den etwas unglücklichen Ereignissen, die danach geschehen sind. Es war nicht sehr anständig von mir, Sie zu bedrohen, und da sich bisher nicht die Gelegenheit bot, das wieder gutzumachen, scheint mir nun der passende Moment zu sein, unser gestriges Gespräch fortzuführen. Ich wollte Ihnen nicht den Eindruck geben, Sie vergessen zu haben. Ich erinnere mich, dass Sie mehr über mich erfahren wollten. Nur keine Scheu, fragen Sie mich, was Sie interessiert“, bot er offen an, „schließlich haben sie ein Anrecht darauf zu wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Sie natürlich auch, Melinda. Es wäre mir eine Freude und ich habe kaum etwas zu verbergen“, sagte Charles mit einem scherzhaften Zwinkern und aß weiter – schließlich war er immer noch hungrig wie ein Bär und wollte nichts kalt werden lassen.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Druzil am Sa März 09 2013, 19:04

"Unfruchtbar? Zu den Waffen greifen?"
In was für einen Irrsinn hatte ihn der Doktor nur geführt? Alans Gedanken rasten, doch er konnte sich kaum auf das Folgende vorbereiten. Eine grobe Idee nahm Gestalt in seinem Kopf an. Wenn alle Stricke reissen würde... Nein, wenn alle Stricke reissen würden, wüsste er nicht wissen was zu tun war. Er musste verhindern, dass dieses geschah und der Doktor zum Mörder wurde.
"Vielleicht hat man sie unter Druck gesetzt. Sie zu der Aussage genötigt. Es könnte aber auch sein..." Alan atmete durch.
"Das ihre Angaben richtig waren und der Wahrheit entsprachen."
Noch war Alan nicht vollends bereit Norly von den Morden freizusprechen.
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Scáth am Sa März 09 2013, 20:24

Kurz bevor man Johanna zum Essen gerufen hatte, hatte sie das kleine Buch noch in ihrer gefundenen Tasche verstaut. Sie war überrascht, was Melinda und Charles in der Küche gezaubert hatten. Wenn sie ehrlich war, hatte sie nicht erwartet etwas so köstliches auf den Tisch gestellt zu bekommen. Die ersten paar Minuten am Esstisch wurden mit einem unangenehmen Schweigen begleitet. Johanna spähte immer wieder von ihrem Teller hinauf, blickte Charles an, danach Melinda. Es war nicht auszuschließen, dass etwas zwischen den Beiden passiert war, es war sogar relativ wahrscheinlich. Johannas Hand schloss sich fester um das Besteck. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Gute Miene zum bösen Spiel. Einfach Lächeln, und sich nichts anmerken lassen. Sie konnte sich vermutlich nicht leisten das nun irgendeine Art streit entstand. Vermutlich müsste sie schneller wieder zurrück, als sie "Nach Hause" Buchstabieren konnte, und das wollte sie nicht. Es sollte nicht alles umsonst gewesen sein.
Johannas Blick wanderte wieder zu Melinda. Die beiden konnten Geschwister sein, wenn nicht sogar Zwillinge. Vom Alter her würde es passen, das Aussehen spielte für Johanna im Moment jedoch keine Rolle. Für sie war es schon fast abartig, dass eine Art Beziehung zwischen Charles und Melinda entstehen konnte. Sie war so jung, viel zu jung für ihn. Und obwohl es Melindas Beruf war, ging es Johanna mehr als nur gehörig gegen den Strich, wenn sie irgendetwas mit ihrem Vater anfangen sollte. Es wäre frech, es wäre gemein und unglaublich hinterlistig, denn Melinda wusste bereits, dass Charles kein Fremder Johanna gegenüber war. Johanna merkte erst jetzt, dass sie Melinda die ganze Zeit relativ wütend angesehen hatte. 'Gute Miene zum bösen Spiel..., dachte sie und zwang sich zu einem kurzen Lächeln.
Das Charles anbot Fragen zu stellen, kam Johanna gerade recht. "Zuerst einmal...Ich denke, wir werden noch eine Weile miteinander zu tun haben. Da würde ich es ganz nett finden, wenn Sie mich mit 'du' ansprechen würden. Natürlich nur wenn Sie nichts dagegen haben. Aber diese..höfliche Anrede...nunja..irritiert mich manchmal einfach".
Kaum hatte Johanna angefangen mit Charles zu sprechen, kam ihr ihre Mutter in den Sinn. Sie hatte noch nicht wirklich daran gedacht, mit wem sie es gerade zu tun hatte. Denn Charles war nicht einfach nur ihr Vater. Johanna hatte völlig verdrängt, das er es war, der sie und ihre Mutter Jahrelang allein gelassen hatte. Es war wohl an der Zeit, ihn damit zu konfrontieren. Johanna war gespannt, wie er das erklären wollte. Mehr als nur gespannt darauf.
"Sagen Sie, Mr.Norly...haben sie eigentlich Familie?"
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Elli am Mi März 13 2013, 15:51

Melinda hatte sich neben Charles niedergelassen und beobachtet Johanna, als sie in die Küche kam. Den Blick den das Mädchen ihr zuwarf, war mehr als deutlich, es passte ihr ganz und gar nicht, das Melinda mit Charles anbandelte. Aber, wie es nun mal in ihrer Natur lag, war Melinda Egoist und sie würde sich ihre Maus nicht so einfach streitig machen lassen. Noch besah sie das Ganze recht entspannt, denn noch wusste Charles nichts von dem Umstand, dass seine Tochter ihm gegenüber saß. Selbst wenn, Melinda sah sich ehrlich gesagt nicht gefährdet. Immerhin wusste sie, was sie zu bieten hatte und eine verschollene Tochter, die plötzlich im Alter von 18 auftauchte, war nicht ihre größte Sorge gerade. Sie lächelte, als sie sah, dass Johanna sich zu einem Lächeln zwang. ...und schon ertönte ihre Stimme im Kopf wieder, der sie jedoch diesmal voll und ganz zustimmte Fordere mich nicht heraus, Mädchen!, sie musste wieder daran denken, wie sie an den Vergleich der Katze und Maus gedacht hatte und musste erneut lächeln, als sie an eine geschmeidige Katze dachte, die ihre Krallen schärft. Genau in diesem Augenblick zog Johanna, ihren Familienjoker, Melinda spießte eine Karotte auf und schob sie sich genüsslich in den Mund, sie beugte sich vor und blickte Johanna, nicht Charles, direkt an. "Nun wird es interessant."
Sie hoffte insgeheim auf einen bestimmten Gesprächsablauf, denn ihr lag ein Kommentar auf der Zunge, der dort mehr brannte, als billiger Fusel es vermocht hätte.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Darnamur am Mi März 13 2013, 16:32

"Beruhige dich Alan!", sagte Randolph nüchtern. Er fragte sich, was mit dem Kerl los war. Er musste doch gewusst haben, worauf er sich einließ. Oder...nein, natürlich nicht. Charles hatte ihm nichts erzählt. Alan wusste nicht WAS er war. Sonst hätte er sich nicht mit ihm wie mit einem normalem Menschen unterhalten. Er hatte gedacht, der Kerl wäre mit allen Wassern gewaschen, aber wenn er schon glaubte das Charles ein Mörder war, obwohl er ihn und seine Wesenszüge kennengelernt hatte, dann würde er ihm einem patricida so weit wie möglich aus dem Weg gehen. Doch es wäre wohl alles andere als optimal seinem Begleiter nun davon zu erzählen. Aber trotz allem, er hatte Alan erzählt, was er vorhatte. Sie konnten jetzt nicht einfach kneifen. Er ging behutsam vor:
"Ich habe nicht vor irgendjemanden umzubringen. Und wenn Mrs. Mauney erpresst wurde, dann werden wir es herausfinden, okay?" Er schenkte Alan ein falsches, sanftes Lächeln.
"Und das ausgerechnet Charles ein Mörder sein soll, halte ich für mehr als unwahrscheinlich. Wenn der jemals einen Menschen ermordet hat, dann höchstwahrscheinlich mit seinem selbstverherrlichendem Gerede"
Er hoffte, das er Alan damit ein wenig beruhigt hat. Es war von höchster Priorität, dass er sich in dieser Angelegenheit auf seinen "Partner" verlassen konnte.
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Umbra am Sa März 16 2013, 10:04

Mrs. Mauney ließ einige Minuten auf sich warten – wie auch der Butler, der sich offenbar nicht mit übermäßigem Eifer um die Bestellung kümmerte. Jedoch war der bereits etwas betagte Bedienstete der Witwe pflichtbewusst genug, vor seiner Herrin zurückzukehren, um den beiden Gästen frisch aufgebrühten Tee nach ihren – Alans – Wünschen (und frei von Glassplittern) zu kredenzen, wobei der Rumgehalt in Alans Tasse sicherlich geringer ausfiel als bei seinem Morgentee. Der Butler stellte die Kanne auf dem Couchtisch ab, zusammen mit einem Teller süßem Teegebäck, einem Kännchen Milch und einer Zuckerdose, deckte dann für zwei weitere Personen und verschwand so schweigend, wie er gekommen war.
Mrs. Mauney schien in ihren Mittdreißigern zu sein. Strähnen ihres aschblonden Haars, das sie ihn einer schlichten Hochsteckfrisur trug, umrandeten ihr leicht rundliches, aber von Müdigkeit geprägtes Gesicht. Für ihre Gäste setzte sie eine freundliche und gefasste Miene auf, als sie den Empfangsraum betrat, begleitet von einer zweiten Frau, die etwas größer und schlanker war als die Gastgeberin, aber das gleiche aschblonde Haar und die gleichen grau-blauen Augen besaß. Sie lächelten beide, wenn auch Mrs. Mauneys Lächeln nicht von Herzen kam; das sah man ihr an, als sie würdevoll und in das Schwarz einer trauernden Witwe gehüllt durch die Tür schwebte und es, als sie vor Alan und Randolph trat, scheinbar nicht lassen konnte, leicht gedankenverloren an dem goldenen Ehering an ihrer linken Hand herumzunesteln – einem übrig gebliebenen Zeugnis eines Versprechens, das ein Leben lang währte. Ein Leben lang, bis zum Tod und nicht weiter.
Nunmehr zwei Wochen waren vergangen, seitdem ihr seliger Gatte, der ehrenwerte Mr. Harrold Mauney, ermordet worden war. Vermutlich war dieser Ring nicht das einzige, was es seiner zurückgebliebenen Ehefrau nicht leichter machte, über ihren Verlust hinwegzukommen und zu versuchen, nach vorn zu blicken. Etliche Besucher waren gekommen und gegangen, so wie es bei einem Todesfall stets üblich war, hatten ihr Beileid bekundet und ihr Gespräche aufgezwungen, um die sie nie gebeten hatte. Sicherlich war auch der ein oder andere Polizist unter diesen Besuchern gewesen. Es konnte sein, dass viele von ihnen Mrs. Mauney dazu gezwungen hatten, sich die Bilder des Mordes wieder und wieder durch den Kopf gehen zu lassen und die Abläufe dieser Freveltat immer wieder aufs Neue zu durchleben. Es war kaum verwunderlich, dass kein Fünkchen ehrlicher Freude in ihren Augen zu erkennen war, mit denen sie die beiden fremden Herren begutachtete, die ihr ihre Aufwartung machten – aber dennoch hatte sie ihren Butler nicht angewiesen, Randolph und Alan wieder fortzuschicken. Das gehörte sich einfach nicht.
„Entschuldigen Sie, Gentlemen, dass Sie sich etwas gedulden mussten. Wie ich sehe, hat Paul Sie schon mit Tee versorgt. Ich glaube, wir kennen uns noch nicht. Ich bin Mrs. Mauney, wie Sie vielleicht schon erraten haben, und dies“, wies Sie mit einer förmlichen, vorstellenden Geste auf ihre Begleiterin, „ist meine Schwester, Mrs. Sutton. Seien Sie uns willkommen, Mr. …?“, wandte sie sich zuerst an Randolph und bot ihm ihre Hand an.

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Charles nickte und schenkte Johanna ein warmes Lächeln, als sie ihm das Du anbot, zustimmend, denn er kam nicht zu einer ausführlichen Antwort und einer Erwiderung des Angebotes, weil sie schon ihre erste Frage stellte. Eine, für ihn, sehr persönliche Frage. Er zuckte nicht zusammen, als Ms. Stead das Wort ‚Familie‘ in den Mund nahm, aber ihre eigentliche harmlose Neugier reichte aus, um jedwede Fröhlichkeit aus seinem Gesicht zu vertreiben. Sie hatte damit einen wunden Punkt getroffen, das stand fest, und es verlangte Charles stets größte Selbstbeherrschung ab, wenn er den Anschein erwecken wollte, als würde ihm dieses Thema nichts ausmachen. Er entschied immer – immer – selbst, wann und mit wem er über seine Familie sprechen wollte. Dass er es wollte, war selten der Fall, und es kam noch seltener vor, dass im geeigneten Moment auch der geeignete Gesprächspartner anwesend war. Es kam zwar häufiger vor, dass Charles hier und dort ein Mitglied seiner Familie erwähnte, aber immer nur dann, wenn er in Stimmung dazu war, und er redete auch nur über das und in dem Umfang, wie er es für richtig hielt. Nun wollte er es nicht. Nicht einmal ansatzweise. Doch er rang sich nach einem Moment des Zögerns dazu durch.
„Ich fürchte, da muss ich Sie enttäuschen“, bezog Charles sich erst auf Melindas Ankündigung, dass es nun interessant werden würde, „denn sofern Sie sich nicht für Gräber und tote Knochen interessieren, habe ich nicht viel zu berichten.“
Er zwang sich zu einem Lächeln.
Am besten kurz und schmerzlos, nahm Charles sich vor, doch er wusste, dass dies wohl kaum über die Bühne gehen würde, ohne dass Kummer und innere Wut ihn befielen. In ihm kochten die Gefühle schnell über und wechselten auch so leicht und plötzlich wie der Wind seine Richtung ändern konnte. Besonders in letzter Zeit. In ihm staute sich einfach zu viel Frust.
„Ich habe keine Familie“, begann Charles noch ruhig und beherrscht, mied aber Augenkontakt. Augen verrieten nur zu leicht, was man dachte, und dass die Tischplatte zurückglotzte, war für erträglicher als Johannas Gesicht. Nicht, dass es nicht ansehnlich war, doch manchmal, wenn er sich sowieso bedrückt fühlte, fand er wirklich lästig, Aufmerksamkeit zu bekommen.
„Und meine Verwandtschaft habe ich überlebt, jeden einzelnen…“, gelang es Charles, in einen Plauderton zu verfallen, „… bis auf einen Cousin, vielleicht, von dem ich nicht weiß, ob er in Übersee Fuß gefasst oder der Atlantik ihn verschluckt hat. Jedenfalls hat er mit seinem Anhang England den Rücken gekehrt und sich seitdem nichts mehr von sich hören lassen.“
Das war bestimmt schon fünf – oder schon sechs? – Jahre her.
„Schade eigentlich, er war früher immer für ein gutes Gespräch oder ein kleines Späßchen zu haben…“
Kurz schlich ihm dann doch ein Schmunzeln über das Gesicht. Die meisten dieser Späßchen hatten zufälligerweise Hill betroffen. Doch dann runzelte er nachdenklich die Stirn – nur soweit es der Verband um seinen Schädel und das Ziehen an seiner vernähten Wunde zuließ. Er verschaffte seiner Überlegung Ausdruck.
„Vielleicht hätte ich damals Nachforschungen anstellen sollen, aber wir waren uns zum Schluss sowieso nicht mehr sonderlich nahe“, meinte Charles schulterzuckend und fügte an: „Wie das so ist, man lebt sich auseinander, wenn man sich kaum sieht.“
Dann seufzte er und begann, mit der Gabel in der Pastete auf seinem Teller herumzustochern.
„Aber wäre ich an seiner Stelle gewesen, hätte ich es, gebe ich zu, vielleicht genauso gemacht. So traurig es auch ist, sowohl Manchester als auch diese Stadt hier sind nicht gerade der beste Orte, um Kinder großzuziehen – da sind Yankees beinahe schon ein besserer Umgang“, erlaubte er sich mit dem Anflug eines Lächelns einen Versuch eines Scherzes, der aufgrund seines Tonfalls, der nicht so melancholisch und resigniert klingen sollte wie er es tat, aber wohl misslang.
„Ich will ehrlich sein: Wenn es anders wäre und ich Frau und Kinder besäße, würde ich jetzt in diesem Moment wohl bei ihnen sein und mich um andere, angenehmere Dinge scheren als um die, die mich gerade umtreiben. Ich würde im Grünen leben, unten an der Südküste vielleicht, fernab von London, Lärm und Lästigkeiten wie Chief Commissionern. Dort, wo man selbst entscheidet, ob man Rauch einatmen möchte oder nicht, und den Blick auf das Meer in Ruhe und Frieden genießen kann.“
Das mochte langweilig klingen, gerade im Vergleich zu dem, was das Schicksal ihm stattdessen beschert hatte, aber er wusste, dass ihm das gefallen würde – nein, gefallen hätte. Er hätte so ein Leben führen können, als liebender Ehemann und Vater – und er wäre seinen Kindern ein so viel besserer Vater gewesen als der seine ihm. Doch er hatte jede Gelegenheit verpasst, er hatte die eine Chance auf das große Glück eigenhändig vernichtet, weil scheinbar alles, was ihm wirklich etwas bedeutete, in sich zusammenfiel, wenn er die Finger danach austreckte – und nun wartete nur noch der Strick auf ihn.
Charles Hals schnürte sich zusammen und ihm war plötzlich zum Heulen zumute, aber die Tränen kamen nicht. Stattdessen starrte er seinen Teller mit mürrisch zusammengezogenen Augenbrauen an, als wäre dieser Schuld an seinem Dilemma, und aß schweigend weiter. Das letzte Stück Kartoffel auf seinem Teller musste dran glauben. Er schob es sich in den Mund und kaute mechanisch darauf herum.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Scáth am Mi März 20 2013, 21:28

Würde er Frau und Kinder besitzen, würde er bei ihnen sein. Und wo ist er gewesen? All die Jahre war er nicht da, obwohl er Frau und Kinder hatte. Johanna wusste nicht was sie von den Worten halten sollte. Sie wusste nicht ob sie ernst gemeint, oder leer und bedeutungslos wären. Sie wusste nur, das sie gerade unglaublich wütend war, doch das bekam gerade nur ihr Essen zu spüren, welches mittlerweile nicht mehr in ihrem Magen landete, sondern ununterbrochen von der Gabel aufgespießt wurde, als würde man einen Speer durch einen Menschen bohren.
Johanna überkamen plötzlich Zweifel. Auf einmal war ihr nicht mehr klar, ob sie wirklich sagen sollte das sie Charles Tochter ist. Sie wusste nicht einmal ob sie sauer auf ihn war. Sollte sie es denn sein? Ihrer Mutter wegen? Weil sie allein gelassen wurden? Johannas Kopf schien zu platzen. Sie war enttäuscht, vielleicht sogar mehr als das. Doch war es überhaupt fair das zu sein? Sie kannte Charles nicht. Vorurteile zu haben ist nicht fair. Und die hatte sie, denn sie wusste nicht ob er die Wahrheit sprach, sondern nahm gerade nur stark an, dass er es nicht tut.
Johanna störte es, wie Melinda sie ansah. Ihr Blick war so durchdringend, dass es ihr Gänsehaut verursachte. Sie wusste nicht was in Melindas Kopf vorging, doch sie ahnte es. Genauso wie sie ahnte was zwischen ihr und ihrem Vater läuft, oder gelaufen war. Mittlerweile hatte Johanna ihre Gabel so fest umklammert, das ihre Handfläche von dem Metall schmerzte, das sich in ihre Haut drückte. Doch sie ließ nicht nach, und spießte angespannt eine Karotte auf. Diesmal war die Wucht jedoch zu groß. Die Gabel rutschte schmerzhaft aus ihrer Hand und landete klirrend auf dem Boden.
"Entschuldigen Sie.", stammelte Johanna nervös. Es war ihr unangenehm, denn normalerweise war sie nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Sie versteckte ihre zitternden Hände unter dem Tisch. In was hatte sie sich hier nur hineingeritten?
"Ich...es tut mir leid, falls ich Ihnen zu nahe getreten bin., fügte sie hinzu.
'Verdammt was machst du denn da?! Du bist jetzt nicht hierher gekommen um einen Rückzieher zu machen!", herrschte sie sich in Gedanken an.
"Diese Frage habe ich nicht grundlos gestellt. Verzeihung, ich bin wohl nicht ganz bei mir...es hat wohl nicht zufällig einer von Ihnen eine Zigarette bei sich?"
Johanna beschloss, nicht gleich mit der Wahrheit herauszuplatzen. Vielleicht wäre es besser sich dabei unter Kontrolle zu haben.
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Elli am Do März 21 2013, 10:49

Melinda überraschte es, dass Johanna nun doch nicht mit der Sprache rausrückte. Sie bemerkte die Wut die ihr Gegenüber versuchte zu verstecken. Das Gespräch war bisher nicht so verlaufen, wie sie es sich gewünscht hätte, aber das änderte nichts. Als die Gabel der jungen Frau schließlich sogar aus der Hand fiel und klirrend auf dem Boden aufschlug, fragte sich Melinda ob sie sich wohl zu harsch geäußert hatte. Immerhin konnte Johanna vermutlich nichts dafür, ihren Vater nun erst kennen zu lernen. Sie war sich durchaus bewusst, dass sie ein aufbrausendes Temperament hatte und oft über die Stränge schlug, sie versuchte die Gespräche die sie mit Johanna geführt hatte Revue passieren zu lassen. Schließlich zuckte sie, wenn auch nur innerlich, mit den Schultern und lehnte sich etwas zurück. Was hatte sie erwartet? Das Johanna auf den Schoss von Charles sprang und ihn in Beschlag nahm? Sicherlich nicht. Johanna hatte sicherlich das Recht dazu, Charles mit seiner unverhofften Elternrolle zu konfrontieren, aber wirklich in den Kram passte es Melinda nicht. Sie war es zwar gewöhnt, dass man ihr versuchte den Mann streitig zu machen, aber das auf einer anderen Ebene. Vielleicht wäre es gar nicht verkehrt gewesen in der Truppe jemanden zu haben, dem man sich anvertrauen könnte, aber der Zug war wohl abgefahren. Sie würde wohl Einzelkämpferin bleiben, aber das kannte sie nicht anders. Interessiert hatte sich nie jemandem für sie, warum sollte sich das nun ändern. Melinda versuchte Johanna dennoch ein Lächeln zu schenken. „Die Karotte ist übrigens bereits tot. Eine weitere Hinrichtung wäre gerade zu grausam.“ Dabei dachte sie an die Schneidmaschine die in der Küche stand und fragte sich was man wohl damit alles anstellen könnte. Dafür brauchte man jedoch etwas Fingerfertigkeit, die sie nicht besaß. Herzchen, du hast keine…zumindest was Mechanik betrifft….hihi…aber deine neuste Errungenschaft hat sie wohl. Man denke daran, wie er seine Hand wieder zurecht geflickt hat. Wohlmöglich hat Alan ja recht…und er kann…auch Schlösser knacken. Von Medizinschränken beispielsweise. Gnihihihi. Melinda warf Charles nach diesen Gedanken einen Seitenblick zu. Natürlich…daran hatte sie nicht gedacht. Sie überlegte fieberhaft, wie sie ihn dazu bringen könnte, sie endlich in den Besitz ihres heiß ersehnten Laudanum zu bringen. Doch dann fragte Johanna nach einer Zigarette. "Tut mir leid, da muss ich passen. Tatsächlich habe ich nur bei mir, was ich gerade sichtbar an mir trage." Das stimmte zwar so nicht ganz, aber sie musste weder Johanna noch Charles auf die Nase binden, dass sie Waffen bei sich trug. "Ich werde wohl auch noch einmal meine Wohnung aufsuchen müssen. Zumindest meinen Mantel sollte ich bei mir tragen und noch die ein oder andere Kleinigkeit." Fast entschuldigend zuckte sie mit ihren Schultern in Johannas Richtung. Sie selbst verzichtete eher auf Tabak, dass griff ihre Atmung nur noch mehr an. Sie griff lieber zu Alkohol um sich zu beruhigen.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Darnamur am Do März 21 2013, 21:05

"...Henderson", vervollständigte Randolph und griff geistesgegenwärtig die Hand der Witwe und beugte seinen Nacken vor um sie zu küssen. Anschließend tat er dasselbe bei Mrs. Sutton. "Und dies ist mein Partner Mr. Smythe." Er wartete ab, bis sich Alan mit den Damen vertraut gemacht hatte. Er setzte eine ernste, von Trauer gezeichnete Miene auf. "Bitte entschuldigen sie unser...ungebührliches Auftreten. Aber als wir die schreckliche Nachricht vernommen haben, wollten wir sie sofort aufsuchen. Wir beide hatten eine langjährige Bekanntschaft mit ihrem Mann." Im Folgenden begann er mit Mrs.Mauney und ihrer Schwester ein Gespräch, wobei ihm vor allem Alan eine große Hilfe war, der sich weitaus besser in dieser Gesellschaftsschicht auskannte, als der Doktor. Er selbst nahm sich zusammen und versuchte höflich und mitfühlend zu wirken.
Schließlich versuchte er auf den eigentlichen Grund ihres Besuches zu sprechen zu kommen. "Es ist wirklich eine Schande, das dieser Mörder noch ungestraft herum läuft. Scotland Yard ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Weiß man denn schon...genaueres darüber wer er war und...warum er es getan hat. Ich will kein Salz in ihre Wunden streuen, Madam, aber der Gedanke an diesen Kerl lässt mir keine Ruhe."
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Umbra am So März 24 2013, 19:35

„Mir ebenfalls nicht, Mr. Henderson“, antwortete Mrs. Mauney leise über den Rand ihrer Teetasse hinweg. Es war deutlich zu erkennen, dass das Thema, das Randolph angeschlagen hatte, bitter für sie sein musste. Aber es war mehr als nur Schmerz, der in ihren Augen aufflammte. Womöglich handelte es sich um Wut, doch wem genau sie galt, konnte man nur erahnen. Dem Mörder, der sie um ihren Ehemann gebracht hatte? Randolph, der im Grunde ein Heuchler war wie alle anderen, die trotz der Beteuerung, ihr kein Salz in ihre Wunden streuen zu wollen, es nicht lassen konnten, ihr Fragen zu stellen? Der Polizei, die ihr vermutlich das Versprechen gegeben hatte, die Sache schnell aufzuklären, aber sich mehr durch Unfähigkeit hervorgetan hatte als durch ehrliche Hilfsbereitschaft? Oder am Ende ihrem Mann, der sie in dieser grausamen, selbstsüchtigen Welt allein gelassen hatte?
Die Witwe nippte an ihrem Tee, in den sie zu Beginn des Gesprächs einen Schluck Milch und etwas Zucker gerührt hatte. Sie saß auf der Couch, Alan und Randolph gegenüber und neben ihrer Schwester. Mrs. Sutton schien ihre Funktion als moralische Stütze pflichtbewusst erfüllen zu wollen, indem sie der Witwe nicht nur physisch, sondern auch im Gespräch zur Seite stand, während sie dann und wann für ihre Schwester das Wort übernahm, wenn ein unangenehmer Moment des Schweigens entstand. Aktuell knabberte sie allerdings damenhaft an einem Stück Gebäck herum und bemerkte den hilfesuchenden Seitenblick nicht, mit dem Mrs. Mauney sie bedachte.
„Sie müssen wirklich längere Zeit unterwegs gewesen sein, Gentlemen“, sagte die Witwe, als sie erkannte, dass sie zurzeit auf sich allein gestellt war.
„Seit Wochen vergeht kaum ein Tag, an dem nichts über ihn in den Zeitungen zu lesen ist. Man nennt ihn… ‚Scarface‘.“ Mrs. Mauney zögerte, bevor sie diesen Namen aussprach, und als sie sich dazu durchrang, schwang unüberhörbares Grauen in ihrer Stimme mit.
Mrs. Sutton hatte inzwischen bemerkt, dass die Witwe den Tränen nahe war, und ergriff das Wort, um dieser die Möglichkeit zu geben, ihren Kummer herunterzuschlucken.
„Oder ‚den Schlächter‘“, ergänzte Mrs. Mauneys Schwester, der es gelang, die Distanz zu den schrecklichen Ereignissen zu wahren, während die Witwe zu wimmern begann, sich entschuldigte und ein Taschentuch aus dem Ärmel ihres Kleids zog, um damit ihre Tränen zu trocknen, die nun unweigerlich flossen.
„‚Scarred Charlie‘ habe ich auch schon gehört“, fuhr Mrs. Sutton scheinbar unbeirrt fort, legte ihrer Schwester allerdings tröstend die Hand an den Arm.
„Wie Mrs. Mauney schon erwähnte, berichten die Zeitungen laufend über diesen Mann. Wir interessieren uns nicht für Klatsch, Gentlemen“, stellte Mrs. Sutton in ernstem Tonfall klar, „jedoch bleibt uns nicht viel anderes übrig, als Ihnen das zu berichten, was man sich in der Stadt erzählt. Die Beamten des Scotland Yard, die kamen, um Fragen zu stellen“ – die Witwe schluchzte leise in ihr Taschentuch – „waren selbst sehr verschwiegen, als meine Schwester um Antworten bat. Der Mörder heißt eigentlich Charles Norly, müssen Sie wissen – wohl irgendein gescheiterter Fabrikant aus Manchester. Seine Beinamen verdankt er einerseits der Narbe, die sein Gesicht entstellt, und andererseits der Grausamkeit, mit der er vorgehen soll. Ich nehme an, Sie wissen, dass mein Schwager nicht das erste und auch nicht das letzte Opfer dieses Verbrechers –“
„Ein Irrer ist er!“, unterbrach Mrs. Mauney, die sich offenbar wieder gefangen hatte, auch wenn ihre Stimme zitterte und noch etwas weinerlich klang.
„Er hat Mr. Mauney und mir aufgelauert, stand plötzlich mit diesem Gewehr direkt vor uns und hat meinen Gatten, ohne auch nur zu zögern, ermordet. Mich hat er verschont, um sich an meiner Verzweiflung zu erfreuen und mich zu verspotten. Wer zu so etwas Abscheulichem fähig ist, kann nur wahnsinnig sein!“ Nun war es wieder Zorn, der in ihrem Blick lag und sich in ihrem geröteten Gesicht abzeichnete.
Mrs. Sutton lächelte den beiden Gästen etwas unsicher zu, als wolle sie diese um Verständnis für ihre Schwester bitten, die ihren Gefühlen freien Lauf ließ, anstatt würdevolle Zurückhaltung zu zeigen.
„Es stimmt, was man sich sagt“, fuhr die Witwe in bemüht festem Tonfall fort. „Dass er ein widerlicher Sadist ist“, ergänzte sie erklärend.
„Ich sah es ihm an, dass er es genoss, Mr. Mauney fallen zu sehen, und dass der Anblick ihn erregte, ihn daliegen zu sehen… über und über mit Blut.“ Sie unterdrückte ein Schluchzen und griff nach ihrer Teetasse, die sich mit bebenden Fingern umklammerte, einen Schluck daraus nahm und sie schnell wieder abstellte, um nichts zu verschütten. Die Witwe war aber dazu bereit, weiterzusprechen.
„Sie müssen sich diese Situation vorstellen, meine Herren“, sagte sie erschüttert und blinzelte Tränen fort, die sich erneut androhten. „ Mein Gatte ist bereits tot und ich erwarte voll Schrecken, dass dieser... dieser Mann noch einmal abdrückt oder sein Messer zieht, um… um damit fortzufahren und meinen Gatten und mich zu schänden, so wie er es mit den anderen armen Seelen gemacht hat, aber er… er verharrte einfach auf der Stelle und grinste überheblich. Aber fast noch schlimmer, dass er sich nicht bewegte, war dieser unerträglich klare Blick, in dem wahrlich Belustigung aufblitzte und mit dem er mich förmlich verschlang und mein Leid trank als sei er der Leibhaftige höchstpersönlich... Dieses Ungeheuer wusste genau, was es tat und was es für mich bedeutete… und das befriedigte ihn nur zu offensichtlich. Keine Sekunde vergeht, in der ich diese Fratze nicht vor mir sehe!“ Nun vergrub Mrs. Mauney ihr Gesicht wieder in ihrem Taschentuch und weinte bitterlich.
Mrs. Sutton wirkte einen Moment lang unschlüssig, was sie nun tun sollte, entschied sich aber augenscheinlich dazu, die Witwe der Trauer zu überlassen, und Randolph und Alan nicht in die Verlegenheit zu bringen, untätig dasitzen und ihr bei den Bemühungen zusehen zu müssen, Mrs. Mauney zu beruhigen. Vielleicht wären diese sowieso vergeblich gewesen
„Entschuldigen Sie meine Schwester“, bat Mrs. Sutton ihre Gesprächspartner und rückte das raumausfüllende Wehklagen derselben etwas in den Hintergrund.
„Der Gedanke an diese Untat ist nach so kurzer Zeit noch immer sehr aufwühlend für sie. Es ist inakzeptabel, dass die Polizei uns völlig im Unklaren darüber lässt, wie der derzeitige Stand der Ermittlungen aussieht, aber wir sind gezwungen, uns zu gedulden. Der Chief Commissioner persönlich hat Mrs. Mauney besucht, um im Namen seiner Organisation sein Beileid auszusprechen, aber sogar er ist nicht dazu bereit gewesen, etwas Handfestes zu berichten, das uns das Gefühl gibt, dass die Polizei diesen Mann bald an den Galgen bringt, so wie es sich gehören würde. Man sagte uns, die Herausgabe von Informationen würde die Bearbeitung des Falls behindern, aber es ist mehr als offensichtlich, dass die Anstrengungen des Scotland Yards nicht ausreichend sind. Unfähigkeit, allein deswegen sind diesem Scarface bisher dreizehn Menschen zum Opfer gefallen“, war sie sich sicher, „wenn nicht sogar noch mehr, wenn man dem Klatsch Glauben schenkt.“ Ihrer Stimme war die Erschütterung anzuhören – und dass sie durchaus nicht überrascht wäre, wenn der Mörder bereits mehr Menschen auf dem Gewissen hätte als diejenigen, von denen offiziell die Rede war. Dann warf Mrs. Sutton einen besorgten Seitenblick zu ihrer Schwester.
„Nun, ich möchte nicht unhöflich wirken, Gentlemen, doch vielleicht wäre es besser, wenn Sie nun gehen würden“, formulierte sie die Aufforderung dazu auf höfliche Weise und schien zu erwarten, dass Randolph und Alan den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden und diesem nachkamen.
„Mrs. Mauney ist derzeit nicht recht in der Verfassung für ein Gespräch und Sie sind bestimmt erschöpft von Ihrer Reise. Sie müssen sich wirklich nicht dazu verpflichtet fühlen, uns Gesellschaft zu leisten.“

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Charles war zu abgelenkt, um die Anspannung im Raum bewusst wahrzunehmen. Das Klirren der Gabel, die auf den Boden aufprallte, riss ihn jedoch aus seinen Gedanken. Als er aufmerksam aufstand, um diese für Ms. Stead aufzuheben, machte sich der Alkohol in seinem Kreislauf wieder bemerkbar. Er war bei Weitem noch nicht so weit, dass er derart schwankte wie ein Bergmann nach dem Feierabendtrunk, jedoch spürte er schon die eigentlich nicht unangenehme Mattheit in seinen Gliedern.
„Es gibt nichts, was es zu verzeihen gäbe“, antwortete Charles auf Johannas Entschuldigung. Sie war ihm zu nahe getreten, doch schließlich hatte sie das nicht beabsichtigt. Woher hätte sie auch wissen können, dass es ihn mitnahm, an seine Familie erinnert zu werden – auch an den Teil davon, den er nie gehabt hatte?
„Ich hätte einfach offen sagen sollen, dass ich nicht darüber sprechen möchte, anstatt mich in Gedanken zu verlieren und die Stimmung zu drücken. Ich bin der letzte Norly, der noch übrig ist, habe meine Zeit nicht genutzt, als ich sie noch hatte, und nun bin ich… ungebunden – was angesichts meiner aktuellen Lage vermutlich das Beste ist. Es nützt mir nichts, deswegen Trübsal zu blasen. Vergangenes ist vergangen. Das ist der Lauf der Dinge“, sagte er schulterzuckend.
„Das Schicksal wollte es so.“ Es war ihm ganz und gar nicht gleich, dass es so gekommen war, jedoch war es wirklich sinnlos, sich jetzt noch darüber aufzuregen. Er wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Wenn er versuchte, optimistisch zu sein, würde er sich noch ein, zwei Monate geben. Was ihm noch bevorstand, würde sicherlich mit seinem Tod enden. Und das eher früher als später. Kugel oder Galgen. Oder Knüppel, Tritte und Steine, wenn das Glück ihn verließ und der Mob Selbstjustiz übte.
„Mir wäre es lieb, wenn wir es dabei belassen könnten. “
Charles hatte Johannas Gabel in die Spüle gelegt und ihr eine saubere aus der Besteckschublade geholt. Nun ließ er sich wieder auf seinem Platz neben Melinda nieder. Eigentlich war es schade, dass sie ihm nicht gegenüber saß. So hätte er ihr ab und zu Blicke zuwerfen können, ohne dass es zu auffällig gewesen wäre.
Charles nahm einen Schluck Wasser und widmete sich dann wieder seinem Teller. Er dachte an den Kuss und die Belohnung, die Melinda ihm in Aussicht gestellt hatte, wenn er sich nur geduldete. Das spendete ihm Trost und es ging ihm wieder etwas besser. Auch wenn er für sich ein sehr ungeduldiger Mensch war, gestand er sich ein, dass Melinda Recht hatte: Vorfreude war eine der schönsten Freuden. Diese hier versüßte ihm, zusammen mit dem warmen Lächeln, das sie ihm geschenkt hatte, den Tag. Ihr Anblick war stets der Lichtblick der Tage gewesen, an denen er sie beobachtet hatte – auch wenn dieser ihn zuvor gleichzeitig etwas frustriert hatte, wenn er ehrlich zu sich war.
Ms. Stead riss ihn mit ihrer Frage nach einer Zigarette erneut aus den Gedanken. Es war nicht zu übersehen, dass über Charles‘ Gesicht Belustigung huschte, als er von seinem Teller aufblickte.
„Eine Zigarette?“, gluckste er beinahe. „Ich fürchte damit kann ich ebenfalls nicht dienen“, schloss er sich Melinda an.
Charles rauchte eher selten, aber wenn, dann Zigarren. Kubanische, denn die aus ebenfalls geläufigem (und billigerem) Yankeetabak befand er als Anschlag auf die Lungen und seinen englischen Stolz. Die zwei, die sich noch in der Innentasche seines Jacketts befanden, waren der Rest von Hills Vorrat, den er in dessen Haus gefunden hatte. Was Charles jedoch in diesem Moment amüsierte, war, dass Ms. Stead zu rauchen schien. Er selbst war so erzogen worden, nicht zu rauchen, wenn er sich in Gesellschaft von Damen aufhielt. Das bedeutete auch, seine Zigarre zu löschen, wenn eine Frau den Raum betrat – eine ungeschriebene Regel des Anstands und der Höflichkeit, die er auch befolgte. Dass Johanna rauchte, hätte er ihr nicht zugetraut. So etwas… gehörte sich für eine junge Frau eigentlich nicht. Gewiss war sie nicht die erste, die er kennenlernte, die sich nicht darum scherte. Es war, gerade weil es von Männern und Anstandsdamen verlacht, beziehungsweise auch gar nicht geduldet war, jedoch nicht üblich, diese Gewohnheit offen zu praktizieren. Charles hätte es von der brav scheinenden Johanna nicht erwartet, doch er fand, dass sie das sympathisch machte. Es schien so als stecke ein kleiner Rebell in ihr – so wie in allen, die er in letzter Zeit kennengelernt oder sich zu Bekannten gemacht hatte. Es war die perfekte Voraussetzung für das, was ihnen wohl noch bevorstehen würde.
Melinda erwähnte, dass sie einige Dinge aus ihrer Wohnung benötigen würde.
„Selbstverständlich werde ich Sie dorthin geleiten“, versicherte Charles sofort. „Ich gebe zu, dass meine überstürzte Art der Einladung unangenehme Seiten an sich hat. Ich wollte Sie nicht in eine missliche Lage bringen, aber erlauben Sie mir, das so bald wie möglich zu korrigieren. Wie wäre es, wenn wir aufbrechen, sobald es dunkel wird? Gerade ist nicht die ideale Tageszeit für mich, um mich draußen aufzuhalten – und ich würde mich auch, offen gesagt, wohler fühlen, wenn ich etwas nüchterner zu werde, bevor ich einen Fuß vor die Tür setze“, fügte er kichernd hinzu. „Natürlich nur, wenn es Ihnen so recht ist. Wir können aber auch sofort nach dem Essen aufbrechen, wenn Sie belieben… obwohl wir zumindest auf die Rückkehr der zwei verschollenen Helden warten sollten.“
Ihm war es lieber, allein mit Melinda zu gehen – aus rein strategischen Gründen, natürlich. Jedoch wollte er Ms. Stead aufgrund des Anschlags auf Mr. Hyde nicht allein lassen. Auch wenn Charles nicht wusste, ob er sie Dr. Tremaine anvertrauen konnte, war er sich zumindest sicher, dass Alan dieser Aufgabe gewachsen sein würde. Würde er diesen Querkopf als komplett unfähig einschätzen, hätte er Mr. Rumfreund mit Sicherheit nicht bei sich haben wollen.
Charles hatte seinen Teller inzwischen geleert. Da jedoch noch genug Essen vorhanden war, ließ er es sich nicht nehmen, sich noch einmal großzügig aufzufüllen. Sein Interesse galt nun Ms. Stead.
„Ich habe mich über die Bewohner der Nachbarschaft etwas erkundigt, bevor ich unter Hills Dach eingezogen bin“, erzählte er. Eine bessere und zutreffendere Formulierung wäre es gewesen, dass er sich dort ohne dessen Wissen (und mit besonderer Freude über gerade diesen Umstand) eingenistet hatte.
Da Ms. Stead ihn gebeten hatte, sie zu duzen, kam er dem auch nach.
„David Bakersfield hat keine Tochter in deinem Alter und da du seinen Namen nicht trägst, habe ich bereits das Naheliegendste geäußert, nämlich dass du für ihn arbeitest – nicht wahr? “ Johanna war nicht darauf eingegangen, als er dies schon einmal nebenbei angesprochen hatte. Sie hatte ihm aber auch nicht widersprochen, also war er sich ziemlich sicher, dass er mit seinem Schluss richtig lag.
„Bisher weiß ich nur das und dass du offenbar abenteuerlustiger bist als du aussiehst. Reden wir doch über deine Familie“, schlug Charles vor und wartete aufmerksam auf das, was sie jetzt wohl erzählen würde, während er weiterhin Pastete aß. In seinem Magen war viel Platz, wenn Charles denn Hunger hatte. Bisher hatte das Gespräch ihm, auch wenn es beim Thema Familie durchaus dazu hätte kommen können, seinen gesunden Appetit nicht verdorben.

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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Scáth am Mo März 25 2013, 20:35

Johanna seufzte enttäuscht, nachdem Melinda und nun auch Charles ihr mitteilten das sie keine Zigarette für sie hatten. Dieser Tag würde vermutlich nicht ihr Glückstag werden. Sie versteckte ihre beiden Hände unter dem Tisch. Sie wollte nicht, das man ihr ansah wie aufgebracht sie gerade war.
'Oh natürlich willst du sie begleiten! Aber ganz sicher nicht um sie zu beschützen. Und das wäre dann auch sicher nicht der Grund warum sie dich bei sich haben will! Alleine wollt ihr sein, mehr nicht. Zu dumm, wenn man versucht etwas zu verheimlichen. Ich mag jung sein, aber selbst ich bin in der Lage eins und eins zusammen zu zählen!. Johanna fluchte innerlich. Wie gerne würde sie den beiden jetzt all das an den Kopf knallen. Und um den Worten noch Ausdruck zu verleihen würde sie mit Geschirr nach ihnen werfen. Unaufhörlich. Splitter würden wie Regen auf den Boden prasseln und noch weiter zerbrechen und vielleicht sogar die ein oder anderen Schnitte verursachen, wenn auch an ihrer eigenen Haut. Es war schon Jahre her das sie sich mit ihren eigenen Gefühlen so sehr auseinander setzen musste. Täglich war sie nur ihren Hausarbeiten nachgegangen, nichts hat es gegeben das ihr wirklich sorgen bereitet hatte und auch wenn sie viel Arbeiten musste gab es nichts über das sie sich beschweren konnte. Doch nun, binnen wenigen Stunden hatte alles eine so drastische Wendung genommen, das sie garnicht mehr wusste, an was sie eigentlich denken sollte. Daran das sie gerade ihr eigenes Leben aufs Spiel setzte? Daran das sie mit einem angeblichen Mörder zusammen an einem Tisch saß? Daran das genau dieser ihr Vater war, der sie und ihre Mutter hat sitzen lassen? Oder vielleicht doch daran das genau dieser gerade bei einer Frau anpendelt, die seine Tochter sein könnte? Das Johanna noch nicht knallrot angelaufen war, und ihr sämtliche Adern vor lauter anspannung geplatzt waren, war eigentlich ein Wunder.
Johanna war neu, sie hatte wahrscheinlich noch nicht viel zu melden, doch sie war nicht einer der Sorte, die sich alles gefallen lassen.
"Meine Familie?", wiederholte Johanna, nachdem Charles gefragt hatte. "Da gibt es kaum etwas zu sagen. Sie haben recht damit, dass ich bei den Bakersfields Arbeite. Aufgewachsen bin ich allerdings bei meiner Mutter Sofia. Naja, sie kanne die Bakersfields, das hat mir damals den Vorteil gebracht, dass ich dort arbeiten konnte. Lustigerweise gibt es nichts großartiges mehr zu erzählen. Ein recht langweiliges Leben, so wie es klingt. Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Er hat meine Mutter verlassen noch bevor ich auf die Welt kam. Ich kenne ihn nicht., Johanna stoppte kurz und blickte Charles direkt an. "Sie kennen ihn allerdings, Charles. Sehr gut sogar, nehme ich an.". Sollte er in der Lage sein, eins und eins zusammen zu zählen, dann war es jetzt raus und Charles wusste nun, das er eine Tochter hatte.
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Druzil am Mo März 25 2013, 21:06

Die Beschreibung passt perfekt auf Norly! Alan musste sich zusammenreissen es nicht laut herauszuschreien. Dieser Sohn einer Schlange! Was für ein abgekatertes Spiel trieb er hier eigentlich mit ihnen? Oh, Akan konnte es sich gut vorstellen. Norly mit seinem dämlichen, überheblichen Grinsen in der Narbenvisage. Das Gewehr auf eine wehrlose Frau gerichtet. Dieser verfluchte irre Hurensohn!
Alan bemühte sich seinen Puls zu beruhigen. Aber vermutlich war es für die Situation gar nicht so hinderlich, dass er offen aufgewühlt von dem Bericht war. Er lauschte weiter und verstand schlussendlich. Die Damen waren dabei sie hinauszukomplimentieren. Entweder war der Doctor halbwegs auf Zack und täuschte einen Ohnmachtsanfall vor, oder...
Sie mussten sich einfach noch etwas mehr Zeit verschaffen, mehr Informationen besorgen, ohne aufdringlich zu wirken, oder gar zu werden. Wenn Norly ein kranker Mörder war, musste es Alan hier und jetzt erfahren. Auch wenn Norly es nicht wahr.
"Es tut uns aufrichtig Leid Ihre Zeit gestohlen zu haben", erwiderte Alan höflich.
"Auch das es uns nicht möglich ist Ihre Wunden zu heilen. Unsere sind selber noch zu frisch..."
Er atmete einmal tief durch und hoffte, seine Anteilnahme würde glaubwürdig wirken.
"Es bliebe nur noch eine letzte Frage. Ihr Mann war doch auch stets ein politischer Mensch gewesen." Alan hoffte aufs richtige Pferd gesetzt zu haben. War der Kerl ermordet worden, weil er aufwieglerische Gedanken geäussert hatte? Konnte die ganze Mordserie eine Art frühzeitige Konterrevolution sein, um einen Aufruhr im Keim zu ersticken?
"Wir hatten einige Korrespondenzen diesbezüglich. Ach, er war ein brillanter Geist, der die Freiheit liebte! Viele seiner Worte und Ideen haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen, wie ich ihm bereits im letzten Winter in einem längeren Brief geschrieben hatte. Nun hatte es sich ergeben, dass er mir ein Manuskript zukommen lassen wollte... Eine Skizzierung seiner Ideen..."
Alan schauten die beiden Damen hoffnungsvoll an.
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Re: Götterblut - Kapitel 2: Gut geplant ist halb gewonnen

Beitrag von Umbra am Di März 26 2013, 16:14

Mrs. Sutton erkannte, dass die beiden Besucher sich nicht mit so schnell abwimmeln ließen wie sie es sich scheinbar erhofft hatte und verzog kaum merkbar den Mund. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, schaffte Mrs. Mauney es, sich von ihrem durchnässten Taschentuch zu lösen, und blickte Alan mit ihren verschwollenen Augen etwas verwirrt an.
„Ich weiß leider nicht, wovon Sie reden, Sir“, gab die Witwe mit aufgewühltem Beben in ihrer Stimme zu und wischte sich erneut die Tränen aus ihrem Gesicht.
„Mr. Mauney war Geschäftsmann durch und durch, konservativ eingestellt, das schon, aber in keinster Weise in der Politik aktiv.“
„Er hatte Freunde und Bekannte im Parlament, soweit ich weiß“, warf Mrs. Sutton ein. „Viele waren an seinem Grab, um meiner Schwester Beileid zu bekunden.“
Diese nickte zustimmend. „Von Manuskripten und Ideen hat er mir jedoch nie erzählt. Es tut mir leid, Mr. Smythe, was das Geschäftliche betraf, war mein Gatte ohnehin nicht sehr gesprächig. Mit Details wolle er mich nicht belasten, pflegte er immer zu sagen, obwohl... obwohl er doch gerne erfolgreiche Abschlüsse mit mir feierte.“
Die Schwester der Witwe lächelte Alan entschuldigend an, doch ihr Blick war funkelnd. „Ich wüsste auch nicht, wie wir Ihnen in dem Punkt weiterhelfen könnten. Scotland Yard hat die Unterlagen meines Schwagers für die Ermittlungen beschlagnahmt. Wenn Ihr Anliegen dringend ist, wäre es aber vielleicht möglich, eine Einsicht zu beantragen.“
„Ich fürchte, da werden Sie keinen Erfolg haben“, widersprach die Witwe niedergeschlagen. „Man verweigert ja sogar mir jegliche Informationen.“
Mrs. Sutton streichelte beruhigend die Schulter ihrer Schwester.
„Wenn wir Ihnen sonst nicht weiterhelfen können, Gentlemen, möchte ich Sie nun wirklich bitten, zu gehen.“ Dieses Mal war ihre Formulierung direkter und, trotz noch vorhandener Höflichkeit in ihrer Stimme, eindringlicher. Offenbar gefiel es ihr nicht, dass Alan den Aufbruch hinausgezögert und ihrer Schwester weitere Beschäftigung mit dem Thema Mord an ihrem Ehemann zugemutet hatte. Auch, die Gunst der Stunde zu nutzen und aus dem Tod Mr. Mauneys noch Vorteil zu ziehen, indem versucht wurde, sich unberechtigterweise irgendwelche Skizzierungen von Ideen anzueignen, kam sicherlich auch nicht gut an. Mrs. Suttons vorwurfsvoller Blick verriet, dass sie glaubte, genau diese Absicht hinter „Mr. Smythes“ Nachfrage entdeckt zu haben.

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Johanna schien etwas gereizt zu sein. Vermutlich lag dies daran, dass sie ebenfalls nicht gerne über ihre Familie sprach. Doch wer fragte, musste nun einmal damit rechnen, dass Gegenfragen gestellt wurden. Vom Vater verlassen, als uneheliches Kind dem gesellschaftlichen Ruin preisgegeben, auch wenn sie das Glück gehabt hatte, eine Anstellung bei einem respektablen Unternehmer gefunden zu haben. Ein trauriges Schicksal.
Dennoch kam Charles nicht umhin, sich vorzustellen, wie sein Leben wohl ohne seinen Vater gewesen wäre. Er hatte das Glück gehabt, als Abkömmling einer in Manchester alteingesessenen, wohlhabenden Familie geboren worden zu sein, und hatte eigentlich alles gehabt, wovon East End-Kinder träumten, wenn sie abends nach einem langen Arbeitstag hungrig ins Bett gingen, das sie sich mit mehreren Familienmitgliedern teilen mussten. Rückblickend konnte Charles sagen, dass er nicht nur Glück gehabt, sondern auch glücklich gewesen war, im Großen und Ganzen, mit den Bediensteten, der Privatschule und der Chance, eine unbeschwerte Kindheit haben zu dürfen.
Das alles wäre ohne seinen Vater nicht möglich gewesen.
Dessen Art wäre für einen Außenstehenden da wohl ein geringes Übel gewesen. Ein Außenstehender hätte Charles wohl als „undankbar“ bezeichnet, genauso wie es sein Vater getan hatte – und das war noch sicherlich eins der harmlosen Sachen, die Charles sich hatte anhören müssen. Aber mit dem Vorwurf, undankbar zu sein, hatte Charles getrost leben können… Denn sein Vater hatte im Gegenzug stets keinen Hehl daraus gemacht, was er von seinem jüngeren Sprössling gehalten hatte, selbst auf dem Totenbett nicht, und das hatte Charles ihm nie verziehen.
Er hatte es ernst gemeint, als er für Dr. Tremaines Vatermord Verständnis zeigte. Wegen seines Vaters war sein Leben erst so verlaufen, wie es verlaufen war, mit all den Desastern und unglücklichen Wendungen… Für die meisten gab Charles seinem Vater direkt oder indirekt die Schuld.
„Du wolltest doch immer, dass der Name Norly in aller Munde sind!“, stellte Charles sich vor, seinem Vater ins Gesicht zu lachen. „Jawohl, Sir, mir ist gelungen, was du nie geschafft hast! Sieh ihn dir an, deinen Sohn, Scarface den Schlächter!“
Darauf war er eigentlich nicht stolz, schließlich war das nicht sein Verdienst, schließlich war es nur das, was andere über ihn dachten, aber zu Ruhm war er letztendlich gekommen – auch wenn er sich das so nie gewünscht hatte – und die Ironie hätte er seinem alten Herrn gerne unter die Nase gerieben.
Die obersten Werte seines Vaters, Erfolg, Geld und Ansehen, hatte Charles verabscheut, seitdem er erwachsen genug gewesen war, um zu erkennen, dass es sich bei William J. Norly um einen arroganten, herrischen Mistkerl gehandelt hatte, der es nicht verdient gehabt hatte, dass seine Söhne sprangen, wenn er rief. Natürlich hatte Charles die Vorzüge, die das Leben eines Fabrikantensohnes mit sich gebracht hatte, genossen und trotzdem doch meist getan, was sein Vater von ihm verlangt hatte – denn so weit, ein Leben am oberen Ende der Gesellschaft abzulehnen, hatte seine Abscheu dann schlussendlich nicht gereicht.
Insgesamt konnte Charles sagen: Sein Leben wäre anders verlaufen, wenn sein Vater seine Mutter verlassen hätte. Bescheidener vielleicht, nicht einfach, aber bestimmt nicht schlechter. Immerhin hätte er kein Leben in Saus und Braus gekannt, das er hätte vermissen können. Und bestimmt wäre er dann auch nicht als alleinstehender, polizeilich gesuchter, in die Ecke getriebener Krüppel geendet – warum sich selbst belügen? –, sondern hätte das strebsame Leben eines unbescholtenen Arbeiters und Familienvaters geführt.
Selbstmitleid befand Charles als durchaus angebracht. Aber er hatte sich mit all diesen Dingen schon längst angefunden, genauso wie mit der Scarface-Sache und seinen drohenden Galgentod. Darüber konnte er lachen, wenn er wollte und ihn der Gedanke daran nicht im falschen Zeitpunkt ereilte.

Nun stellte ihn Johanna allerdings vor ein Rätsel. Charles hatte keine Ahnung, wer ihr Vater sein sollte, den er angeblich gut kannte. Er wusste nicht, wie sie sich das vorstellte, aber man sprach unter Männern nicht unbedingt über jede Frauengeschichte, selbst dann nicht, wenn man gut befreundet war.
Jemanden, den er sehr gut kannte… Charles musterte Johanna konzentriert und nachdenklich, während er auf seiner Pastete herumkaute, herunterschluckte und sich noch eine Gabel in den Mund schob. Innerlich glich er Gesichter mit ihrem ab und versuchte, Ähnlichkeiten zu finden, die auf eine Vaterschaft zu ihr hindeuten könnten. Mehrere könnten passen, die ihm auf Anhieb einfielen, aber Charles hatte viele Bekannte, und manche waren sicherlich zu jung, um eine Tochter in Johannas Alter zu haben – selbst eine uneheliche – und andere waren so treue Seelen, dass sie andere Frauen als ihre Gattinnen noch nicht einmal attraktiv finden würden. In der Grauzone dazwischen tummelten sich einfach zu viele potenzielle Väter.
Was, wenn es Hill war? Charles‘ Augen verengten sich bei dieser Vorstellung misstrauisch. Oh, welch böser Gedanke! Aber wenn, nein, falls Johanna Hills Tochter war, hatte sie dann das große Glück gehabt, weder seine kantige Nase, noch seine Ohren oder die ewig grimmige Fassade geerbt zu haben. Auch sonst war sie dieser Witzfigur von einem Polizisten nicht ähnlich.
Schließlich, nachdem Charles sich sicher war, überhaupt keine Ahnung zu haben, zuckte er seufzend mit den Schultern.
„Gut möglich, dass dein Vater ein Freund von mir ist… oder einst war. Ich bin viel herumgekommen. Aber wenn du ihm nie begegnet bist“, fragte er schmunzelnd, um den Misserfolg seiner Überlegungen schlagfertig, wenn auch spät, zu überdecken, „wie kannst du dann so sicher sein, dass ich ihn kenne?“
Vielleicht, trotz allem, eine berechtigte Frage. Der Vater war doch keins der Mordopfer, oder? Kurz schlich sich unsicheres Unbehagen in Charles‘ Gesicht. Im Bereich des Möglichen lagen Snow, Fletcher, Cook, Mauney… und Ed.

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