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Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Elli am Mo Aug 22 2016, 16:42

Melinda hatte Charles hinterher geblickt, als er gegangen war. Doch sie war ihm, wie er gebeten hatte nicht gefolgt.
Zuerst hatte sie zu Maura und Gilbert zurückkehren wollen. Es war wichtig die Gruppe einschätzen zu können. Für Maura war die Einschätzung deutlich getroffen worden von der jungen Hure. Doch auf Gilbert konnte sie sich noch keinen Reim machen. Vermutlich würde er Ärger bedeuten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar. Sie brauchte Ruhe um sich darüber klar zu werden, was sie tun sollte. Sollte Gilbert sich ebenso dazu entschließen die Gruppe zu verlassen, wusste er doch mittlerweile so viel, dass er eine ebenso große Bedrohnung wie Johanna darstellen würde.
Das war in der Tat ungünstig. Doch erst einmal war er ja nicht verschwunden, sondern war mit Oxley und Maura zusammen. Das brachte zumindest etwas Sicherheit.
Doch was sollte sie machen? Sollte sie Gilbert auf ihre Liste setzen? Einen weiteren Mord zu vollführen, würde sie nicht stören.
Natürlich nicht! Du liebst die Scheiße! Wenn sie langsam und sicher sterben, die Augen brechen. Einfach zu schön! Zack, der Herr hat’s gegeben, die Hure hat’s genommen. So sollte das immer laufen…weißt du eigentlich schon das Neuste? Wir bekommen… doch der Rest ihrer Stimme schien in Genuschel unterzugehen. Sollte ihr Recht sein, endlich mal Ruhe vor der Schlampe im Kopf.

Das wirkliche Problem an der Sache war Randy.
Die Situation, dass er wirklich nicht einmal gefragt hatte, sondern sofort davon ausging, dass sie kaltblütig einen Mord begehen würde, hatte ihr Innerstes erschüttert und den letzten Rest von ihrem Herzen in tausend Stücke geschlagen. Sie hatte immer an ihn geglaubt, selbst als er Lynett nicht verkraftete, war er immer noch irgendwie ihr Freund gewesen, ihr Vertrauter, sogar etwas wie ihr Vaterersatz. Als sie es kaum geschafft hatte die Augen aufzuhalten und schon im Kinderheim in das kahle weiße Zimmer geschoben worden war, in dem lediglich ein großes Kreuz an der Wand hing, um dort langsam aber sicher sterben zu können, war er plötzlich da gewesen. Sie erinnerte sich, dass ihre Welt aus Schmerzen bestanden hatte, bis er gekommen war. Er hatte damals nicht nur ihren Körper, sondern auch ein Teil ihrer Seele geheilt.
Wie oft hatte sie sich rausgeschlichen und hatte waghalsige Sachen unternommen, immer mit dem Bewusstsein, trotz ihrer jungen Jahre, dass ihr Leben damit zu Ende sein könnte. Wie oft hatten sie Hände an den Armen zurückgezerrt, wenn sie sich selbst gefragt hatte, wie knapp sie vor der Kutsche loslaufen könnte, bevor sie überrollt werden würde und Frauen und Männer hatten ihr gesagt, dass sie nun Tod sein könnte.
Im Grunde hatte sie immer danach gestrebt.
In der Fabrik in der sie arbeiten musste, hatte sie unzählige Male in die Bottiche geblickt und hatte sich hineinfallen lassen wollen. Ein schmerzhafter Tod mit Sicherheit. Andererseits musste sie dann all die anderen Schlechtigkeiten in ihrem Leben nicht mehr ertragen. Das Waisenhaus, die tägliche Erinnerung daran, dass weder Vater noch Mutter sie hatte haben wollen und sie einfach auf der Treppe abgelegt hatte. Das niemand sie haben wollte. Selbst Gott wollte sie nicht haben. Das wurde ihr einmal an den Kopf geworfen, als sie barfuß auf dem Dach herumspaziert war. Sie hatte sich so lebendig gefühlt. Die Schindel unter ihren Füßen waren nass gewesen und jeder Schritt glich einem Schlittern. Jeder Zentimeter konnte der letzte sein, doch diese Gefühl in der Magengegend, dieses Kribbeln, es war das einzige wofür es sich zu leben lohnte.
Doch dieses eine Mal war sie erwischt worden. Sie erinnerte sich wie heute.
“Melinda Bolt!! Junges Fräulein, du kommst sofort wieder herein und Gnade dir Gott wenn du dir was brichst! Ich bezahle keinen verdammten Arzt, ich schneid‘ dir dann das Bein einfach ab. Komm‘ jetzt sofort her!“
Als junges Mädchen das sie damals gewesen war, hatte sie keine Alternative gesehen, als wieder in das Dachfenster zu klettern. Die Tracht Prügel die sie erwartete, war die Schlimmste ihres Lebens, ohne Frage. Doch die Worte, jedes einzelne von einem Schlag begleitet, brannten sich tiefer in sie hinein, wie die Narben die ihre Haut zierten. “ Niemand will dich haben, du verdrecktes Gör! Die eigene Mutter hat dich abgelegt, wie einen Sack Müll! Denk darüber nach! NIEMAND. WILL. DICH. HABEN. Du hättest gerade sterben können, jeder normale Menschen wäre herunter gefallen, aber das feine Fräulein Bolt natürlich nicht! Nicht einmal Gott will dich bei sich haben, nur deswegen lebst du noch und machst mir das Leben zur Hölle. DRECKSBALG. NIEMAND. WILL. DICH. HABEN.“
Als sie krank wurde, hatte sie endlich das Gefühl, dass alles enden würde. Doch dann war Randy aufgetaucht und hatte ihr die Schmerzen genommen. Er hatte sie geheilt. Und nun doch wieder zerstört.
Sie würde nie seinen Blick vergessen, als er verstand wie sie ihren Lebensunterhalt verdiente. Niemals würde sie es vergessen KÖNNEN.
Heute meinte sie Schmerz in seinem Gesicht gesehen zu haben, doch vermutlich hatte sie sich nur geirrt. Sie hatte ihm oft gedankt, dafür dass er Wunden säuberte, Knochen heilte und selbst bei den aussichtslosesten Verletzungen mit denen Melly vor der Tür gestanden hatte, alles versucht hatte. Nie hatte sie ihm etwas vorzuwerfen gewusst. Er war immer einfach Randy für sie gewesen. Der Fels in der Brandung, der Anker am Schiff, der Zufluchtsort in der dunkelsten und kältesten Nacht.
Das war nun offenbar vorbei. Er hatte einem Fremden sofort geglaubt, dass sie für den Mord verantwortlich war. Kein Wort des Zweifelns.
Als sie ihren Weg als Hure eingeschlagen hatte, hatte ihr auf zynische Art und Weise das Leben plötzlich wieder Freunde bereitet. Zum ersten Mal hatte sie etwas in der Hand – sie hatte viele Männer in der Hand gehabt, konnte sie steuern und manipulieren.
Doch nun, zum ersten Mal, seit sie damals auf dem nassen Dach balanciert war, wünschte sie sich wieder auf eins hinauf. Nur das sie diesmal gerne ausrutschen würde.
NIEMAND. WILL. DICH. HABEN.“ Für Randy galt das nun offenbar auch.
Sie hatte Randolph Termaine verloren und so wenig sie sich das selbst eingestehen wollte, so sehr zerstörte sie es auch. An ihrem Geburtstag.
“Happy Birthday, Melly.” flüsterte sie leise in den Raum hinein.

Sie musste ihre Gedanken sortieren, das war wichtig. Wie sollte sie nun weiter vorgehen? Charles sagte er wolle auch so schnell wie möglich nach London zurück. Das war gut. Doch ob schnell, nun wirklich schnell war? Ständig kam etwas dazwischen, die Gruppe trennte sich und Manchester klebte an Melly wie Hundescheiße an einem Schuh. Vielleicht konnte man es wegwischen, doch der Gestank blieb eine ganze Weile.
Schließlich schwang sie sich auf den Schreibtisch und rieb sich müde durch das Gesicht. Der wenige Schlaf, die körperliche Belastung und der reichliche Alkoholzufluss machten sich bemerkbar. Es fiel ihr schwer sich auf etwas zu konzentrieren. Dabei brauchte sie dringend einen Plan, wie sie weiter vorgehen sollte und wollte.
Erst nach einer Weile des Grübelns wurde ihr bewusste, dass sie schon eine ganze Weile hier so saß. Sie musste nach Charles sehen, der ihr genauso entglitt wie es mit Randy passiert war.
Als rutschte sie vom Tisch herunter und machte sich auf den Weg zu dem Badezimmer, in dem Charles verschwunden war.
“Charles?“ fragte sie leise, nachdem sie angeklopft hatte. Doch niemand antwortete. Allerdings konnte sie auch keine Geräusche hören. Langsam drückte sie den Türgriff herunter und blickte in das leere Zimmer.
Ihr Blick fiel zuerst auf Fenster und dann einen Zettel. Sie griff danach und versuchte die Worte zu entziffern, doch dafür war sie offenbar zu müde. Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen.
“Scheiße.“
Sie fasste den Zettel fest in ihrer Hand und machte sich auf den Weg zu Oxley. Maura und Gilbert sollten vermutlich erst einmal nicht sehen und mitbekommen, was passiert war.
Zu ihrem Glück traf sie diesen im Flur an.
“Oxley, ich weiß ich bitte oft um ihre Hilfe, aber ich bin nicht besonders gut in sowas.“
Sie reichte ihm den Zettel mit der schwungvollen Schrift. “Ich kann es leider nicht lesen, aber so wie es aussieht, hatte Charles keine Lust mehr auf Gesellschaft. Würden Sie…? „



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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Umbra am Mo Aug 22 2016, 19:35

Melinda riss Oxley aus Gedanken, als er gerade den Salon verlassen hatte, um sich selbst auf den Aufbruch vorzubereiten und sein Gepäck zusammenzustellen. Jedoch nahm er sich die Zeit, als sie ihn ansprach und nahm, zunächst das Stück Toilettenpapier skeptisch betrachtend, dieses entgegen, um es sich genauer anzusehen. Er zückte eine Lesebrille aus der Brusttasche seines Fracks und platzierte sie auf seinem faltigen Nasenrücken.
Warten Sie nicht auf mich, las er vor. Eine dringende Familienangelegenheit erfordert meine Aufmerksamkeit und ich brauche Zeit, um in Ruhe über einige Dinge nachzudenken. Ich stoße später wieder zu Ihnen. Sehen Sie sich Lloyds Kampf an. Wir treffen uns dort.
Er ließ die Notiz sinken und richtete seinen Blick wieder auf Melinda, indem eindeutig Sorge lag.
„Mr. Norly hat die Nachricht also nicht gut aufgefasst, wie es aussieht. Ich hoffe nur, er meint damit nicht, dass er gedenkt, sich für die Morde zu rächen. Ich wüsste nicht, was er sonst damit andeuten könnte. Andererseits… Wenn er etwas mit Master Timothy zu klären gedenkt, finden Sie ihn vielleicht auf dem Friedhof. Er ist der letzte der Norlys, der noch übrig ist. Der Rest liegt dort in einer Familiengruft begraben. Ich weiß, dass das nicht konventionell klingt, aber er spricht manchmal zu den Toten, wenn er sie vermisst… oder ihren Rat sucht.“

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Darnamur am Di Aug 23 2016, 12:05

Eine Weile starrte Randolph noch ins Freie hinaus. Auf den Innenhof, der leer und verlassen da lag. Er wusste nicht, wann oder ob Charles und die anderen heute noch hierher zurückkehren würden. Es blieb die Frage, wie er die verbliebene Zeit nutzen wollte.
Ja, er brauchte tatsächlich etwas Ruhe. Eigentlich. Andererseits konnte er das auch auf einen Zeitpunkt verschieben, zu dem er nicht so viele Freiheiten wie im Moment besaß. Im Gegensatz zu Norly hatte er auch nicht die gesamte letzte Nacht durchgemacht. Er würde schon noch eine Weile durchhalten. Der Doktor war daran gewohnt mit wenig Schlaf auszukommen. Seine Augenringe hatte er sich hart erarbeiten müssen.
Was bot sich nun an Optionen für ihn, war die Frage. Er könnte weiter im Notizbuch forschen, versuchen die folgenden Stellen zu dechiffrieren. Es wäre zumindest spannend, ob er das schaffen würde. Norly war nämlich nur bei diesem einen Textabschnitt nach dem Muster vorgegangen, dass Angeline Towers ihm präsentiert hatte. Aber vielleicht hatte er sich eines ähnlichen Konzepts bedient. Dann könnte der Doktor Rückschlüsse ziehen.
Er würde es versuchen. Aber nicht jetzt. Es kam ihm Ewigkeiten vor, die er nun hier herumgesessen hatte und mit brennenden Augen konzentriert versucht hatte, in einem beispiellosen Wirrwarr aus Buchstaben nicht den Überblick zu verlieren. Dafür hatte er nun keinen Nerv mehr. Er brauchte erst einmal eine Pause von dem Buch. Das hieß aber nicht, dass er nicht andernorts etwas herausfinden konnte.
Als er über Norlys Bruder und Vater nachgedacht hatte, war ihm in Erinnerung gerufen worden, wie wenig er eigentlich über Charles‘ Hintergrund wusste. Das eine oder andere war dieser zwar sicher auch bereit, in einem Gespräch preiszugeben, andererseits war Familie gerade wohl ein eher heikles Thema. Wenn er was Norlys Vergangenheit betraf, Licht ins Dunkel bringen wollte, dann gab es für ihn wohl kaum einen besseren Ort, als in seiner Heimatstadt.
Was wusste er bisher? Er hatte sich mit seinem Vater nicht gut vertragen, mit seinem toten Bruder schon eher…nun erinnerte er sich auch wieder an etwas, dass Charles ihm erzählt hatte. Das war, als sie in Maybrick Manor angekommen waren.  Er hatte gemeint hatte mit seinem Bruder Spaß dabei gehabt zu haben, mit Geheimschriften zu experimentieren. Als sie sich gerade Taylors Nachricht besahen.
Sein übriges Wissen war das, was er in Zeitungen mal aufgeschnappt hatte. Seine Familie war gut in der Baumwollindustrie und im Überseehandel tätig gewesen. Erst in den letzten Jahren musste das Unternehmen immer mehr Rückschläge hinnehmen, auch bedingt durch das Sterben von Norlys Vater und Bruder. Er konnte das Ganze zwar noch einige Zeit lang aufrechterhalten, aber ging schließlich Bankrott.
Randolph überlegte noch ein paar Sekunden, aber entschloss sich dann seine Idee umzusetzen. Er würde versuchen im Stadtarchiv Manchesters alte Berichte und Nachrichten über Norly und seine Familie aufzustöbern und untersuchen. Es war ab jetzt nur für ihn wichtig, dass er seine Augen offen hielt. Er wusste, dass Crowne wahrscheinlich versuchen würde, ihn beobachten zu lassen, wenn er sich verdächtig verhielt. Randolph könnte Rosie und Bowen nach einem Hinterausgang fragen, allerdings war er nicht wirklich erpicht auf weitere Gespräche mit den Beiden. Und seine Frage würde auch wieder misstrauenerregend wirken. Der Doktor würde nun einfach versuchen vorsichtig vorzugehen.
Nachdem er die Treppe hinunter gehumpelt war, mühte er sich, so gut es ging, über den Innenhof der Norman Hill, bis er im Straßennetz der Stadt untertauchen konnte und sich eine Kutsche heranwinkte, die ihn zu seinem Ziel befördern sollte.
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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Leo am Di Aug 23 2016, 20:37

Wie schon bei ihrem ersten Besuch in Norlys Heim, fühlte sich Maura unwohl. Der Sessel, in dem sie saß, war weich, sehr weich; der Stuhl, auf dem sie am liebsten saß, stand an ihrem Tisch in der kleinen Bibliothek und war knochenhart. Die Möbel um sie herum sahen teuer aus und waren vermutlich noch teurer gewesen, als sie aussahen. Und – ein Butler?! Sie hatte sich noch nie gern bedienen lassen, hatte lieber immer alles selbst machen wollen. Oxley um sich zu haben war, trotz seiner irgendwie ganz vernünftigen Art, furchtbar aufdringlich. Sie konnte nicht verstehen, wie jemand das über Jahre hinweg … mögen konnte.
Sie rutschte auf ihrem Sessel hin und her, bestrebt, so wenig Sitzfläche wie möglich zu brauchen, die Hände zwischen die Knie geklemmt, die Schultern zusammengezogen. Draußen war es immer noch hell, vermutlich gerade Nachmittag, dabei kam ihr dieser Tag schon jetzt unglaublich lang vor. Als sie heute Morgen aufgestanden war, hatte sie Norly und seine komische Truppe noch nicht einmal gekannt … und jetzt saß sie schon zum zweiten Mal in seinem Haus fest. Wann kam Norly endlich zurück? Sie wollte hier weg. In der Norman Mill hatte sie sich irgendwie … offener gefühlt. Ehrlicher. Dort versteckten sich Probleme und Sorgen nicht gekonnt hinter teuren Polstermöbeln, mühsam kaschiert unter viel zu viel Geld – dort lagen sie offen sichtbar herum. Oder spielten im Hof.
Die Unterschicht war ihr schon immer lieber gewesen.
Oxley hatte den Raum mittlerweile verlassen, doch nun hörte sie ihn mit der jungen Miss Benton reden. Was war das, eine Nachricht? Sie lehnte sich so weit vor, dass sie beinahe vom Sessel gerutscht wäre; schließlich stand sie einfach auf und stellte sich hinter Oxley in den Türrahmen, während dieser den Papierfetzen verlas.
Warten Sie nicht auf mich … also das übliche. Norly war mal wieder davongelaufen, nur war sie dieses Mal nicht rechtzeitig zur Stelle gewesen, um ihn aufzuhalten. Sie hörte sich ruhig an, was Oxley noch zu sagen hatte, schüttelte dann jedoch leicht den Kopf. „Ich bin dagegen, ihn zu suchen. Ich habe Mr. Norly bereits … nun, zur Rede gestellt … aber das hat nichts verbessert, in Gegenteil.“ Stattdessen war der kleine Charles nur bockig geworden. „Dass er Ruhe braucht, kann ich nur bestätigen; wir sollten sie ihm gönnen. Vielleicht ist es tatsächlich das Beste, wenn wir dieses eine Mal auf seine Anweisung hören und ohne ihn zurückkehren. Was meinen Sie, Miss Benton? Ich nehme an, Sie kennen Mr. Norly schon länger.

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Elli am Do Aug 25 2016, 14:49

Rasch versuchte Melinda zu überlegen was sie nun wieder machen sollte. Charles redete also mit Toten. Ein wenig seltsam war das ja schon.
Oh ja! Total! Fast so verrückt wie mich in seinem Kopf wohnen zu haben. Meinst du nicht auch?
Das Maura erschien und sich dafür aussprach Charles in Ruhe zu lassen, gefiel ihr. Dich nicht so wie sie es vorhatte. Sie und Gilbert könnten gerne zurückkehren. Aber nicht mit ihr.
Schnell überschlug sie Möglichkeiten. Sie würde Maura überzeugen müssen, alleine zu der Fabrik zurückzukehren. Sie hatte andere Dinge vor.
"Es ist in der Tat eine gute Idee auf ihn zu hören. Ich lasse allerdings euch beiden den Vortritt." sie schaute an Maura vorbei zu Gilbert.
"Glaubt mir es macht wirklich Sinn, wenn ihr euch schon auf den Weg macht. Ich habe hier noch ein paar Dinge mit Oxley zu erledigen." Sie drängte sich an ihm vorbei und blieb vor der alten Vettel stehen.
"Vielleicht wäre es gut ein Auge auf den Doktor zu werfen. Er wirkte bei meiner Abreise etwas verwirrt."
Schließlich legte sie ihre Hand auf die Schulter und drückte diese leicht aber dennoch nachdrücklich. Das hier war ihr Schachzug, da sollte ihr niemand reinpfuschen.
"Die Gruppe wird offenbar verfolgt. Achtet auf alles was euch seltsam oder aber auch gar nicht seltsam vorkommt."
Dann ließ sie Maura los und nickte Gilbert lediglich zu.
Nun stand Oxley auf ihrem Plan. Sie nickte ihm freundlich zu "Auf ein Wort Oxley?"
Dieser nickte und folgte Melinda in die Küche, nachdem er Maura und Gilbert versichert hatte in wenigen Augenblicken wieder zurückzukehren. Fragend blickte er die junge Frau an, die aussah als würde sie dringend Schlaf und generell einen anderen Lebensstandard brauchen. Doch wie es sich gehörte schwieg er dazu und wartete darauf was sie wohl von ihm wollen würde. Den Zettel von Norly hielt er noch immer in der Hand.
Melinda schritt einige Male von rechts nach links, ihre Gedanken am sortierend. "Oxley, ich weiß das man in solchen Häusern wie diesen nichts wegwirft. Ist hier irgendwo noch etwas von der Garderobe zu finden, als Charles noch ein Kind war?"
Der Butler war recht verwirrt aufgrund der Frage, konnte aber nichts Heimtückisches dahinter erkennen. Langsam legte er den Zettel auf die Anrichte und klopfte leicht mit der flachen Hand darauf. "Jetzt wo sie es so sagen...auf dem Dachboden sollte noch einiges von Mister Charles oder Mister Timothey aufbewahrt sein. Darf ich fragen welchen Zweck die Kleidung erfüllen soll?"
Es war kaum verwunderlich das Oxley nachfragte. Auch wenn es Dinge waren die niemand mehr brauchte, war es immer noch das Eigentum von Charles. Also lächelte sie den Mann offen an und zuckte mit den Schultern. "Sehen Sie, die letzten Unternehmungen der Gruppe wurden verfolgt. Ich möchte ungern, dass mich jemand erkennt, wenn ich mich weiterhin in Manchester aufhalte. Ich habe in der Tat noch einige Dinge zu erledigen, jetzt wo Charles unterwegs ist. Ich möchte nur niemanden in Gefahr bringen."
Ihr Gegenüber schien einen Augenblick zu überlegen, dann nickte er leicht. “Kein Schlechter Gedanke. Folgen sie mir.“
Melinda grinste, als sie erkannte dass ihr Plan aufging und folgte Oxley hinauf auf den Dachstuhl. Selbst hier sah es sauberer aus, als in dem Loch in dem Melly zu leben pflegte während der Butler einige Truhen und Kisten hin und herschob. “Hier sollte einiges zu finden sein. Wenn Sie Hilfe brauchen, rufen sie nach mir. Ich werde derweil nach den anderen Gästen sehen.“
Er verschwand und sie hörte auf seine Schritte, die stetig die Treppe nach unten stiegen.
Wahllos öffnete sie die Truhen und zog Kleidungsstücke hervor, die ihrem Augenmaß nach passen könnte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie schließlich auf dem Boden eine komplette Ausstattung vor sich liegen hatte, die sie mit Argusaugen betrachtet. Die Familie hatte wirklich alles aufgehoben. Selbst Socken hatte sie gefunden.
Sie schlüpfte aus ihrem Kleid und warf es über eine der Kisten in der Nähe.
Zuerst zog sie eine Hose an, die etwas unter dem Knie endete und an den Hosenbeinen seitlich mit drei Knöpfen versehen war. Die Hose schlackerte etwas, an ihren schmalen Hüften wirkten selbst die Jungshosen wie eine zu große Männerhose. Immerhin war auch ein Gürtel zu finden gewesen, der die Hose daran hinderte, ihr von der Hüfte zu rutschen. Dazu zog sie ein Hemd an und streifte zu guter Letzt auch noch einen wirklich scheußlichen Pullunder in Gelb über.
Hättest du gedacht, dass kleine Titten auch mal richtig von Vorteil sein können? Die fallen nicht mal auf unter dem Pullunder!
Ob Charles oder Timothy das wirklich gerne getragen hatten? Ihr kamen die Klamotten eher grausig und unbequem vor.  Die Socken mit Rautenmuster fanden den Weg an ihre Füße, ebenso wie Lederschuhe, für die ein Kind auf der Straße vermutlich einen Mord begehen würde. Stattdessen standen hier sicherlich 11 Paar in verschiedenen Größen, die ein Vermögen wert sein mussten. Keines der Paare passte ihr richtig, doch sie hatte eins gefunden, dass nur minimal zu groß war, so das Laufen vermutlich nicht allzu schwierig sein würde. Als sie auch ein Jackett übergestreift hatte, griff sie zu einer Mütze die sie in den Tiefen einer Truhe gefunden hatte und machte sich auf den Weg nach unten. Ihre Haare würde sie zusammenbinden und unter der Mütze verstecken. Das war ihr Plan bis hierhin.
Sie hatte Randy verloren, mit Charles würde ihr das nicht passieren. Das war ihre Priorität Nummer eins. Sollte sie dafür wieder über Leichen gehen müssen, sei’s drum. Was hatte sie schon zu verlieren? Nichts aus ihren Leben. Also nichts von Bedeutung für irgendjemanden.
Vielleicht waren Maura und Gilbert derweil verschwunden, so dass sie ohne Schwierigkeiten in ihrem neuen Erscheinungsbild das Haus verlassen könnte.

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Leo am Mo Aug 29 2016, 14:27

Maura fühlte sich zwar bestätigt, nachdem sie mit Melinda gesprochen hatte, aber trotzdem wurde sie das seltsame Gefühl nicht los, dass die Frau etwas vor ihr verbarg. In gewisser Weise war das verständlich – sie war ein unerwünschter Neuzugang und hatte bisher keinen Hehl daraus gemacht, dass sie Informationen gerne zu ihrem Vorteil ausspielte. Trotzdem war es ärgerlich, denn es brachte sie in einen Zwiespalt: Gehen, wie Norly es wollte, oder hierbleiben und Benton hinterherspionieren?
Es war wenig überraschend, dass sie nach kurzem Überlegen doch zur vernünftigeren Entscheidung kam – und sich in Richtung Tür aufmachte. Sie musste jetzt vor allem Vertrauen zu den anderen aufbauen, damit sie alle vernünftig zusammenarbeiteten (und sie selbst weiterhin an gute Informationen kam); dazu war es sicher nicht ratsam, anderen ungefragt hinterherzurennen. Hoffentlich würde Benton keinen Unsinn anstellen, den sie nun nicht verhindern konnte.
Gilbert musste ihr Gespräch vernommen haben, er saß schließlich gleich nebenan, deshalb verwendete Maura keinen Gedanken an ihn. Wenn er mitkommen wollte, so konnte er das nun tun, sie würde ihn nicht aufhalten, aber sie würde ihn auch nicht dazu drängen. Obwohl er sich nicht immer so benahm, war er schließlich erwachsen und konnte seine eigenen Entscheidungen treffen. Sie ging ein paar Straßen weiter, dann winkte sie sich die nächste Kutsche heran und spürte, wie ihr schon beim Gedanken an die Fahrt leicht übel wurde. Stell dich nicht so an, Thomson. Jetzt gibt es Wichtigeres! Der Kutscher war ein großgewachsener, schlackiger Kerl mit wirrem Haar; er schöpfte keinen Verdacht, als sie ihn in die Nähe der Norman  Mill schickte. Natürlich nicht. Sie bezweifelte, dass ihr Gesicht schon jetzt offiziell gesucht wurde.
Die Kutschfahrt war bis auf ihren Magen ereignislos. Nachdem Maura den Kutscher bezahlt hatte und zu Fuß bis zum Tor der Norman Mill gegangen war, wurde es aber schnell besser; mit sorgfältigem tiefen Einatmen brachte sie ihren dummen Körper zur Vernunft. Sie blieb noch einen Moment am Tor stehen, eine Hand in den Maschendraht verschränkt, und ließ den Anblick der alten Fabrik auf sich wirken. Nun stand sie schon zum zweiten Mal hier. Sie erinnerte sich so gut an ihre Aufgewühltheit beim ersten Mal, als wäre es vor wenigen Sekunden gewesen. Dieser Tag war einfach in jeder Hinsicht extrem. Und zugleich gefiel er ihr so gut wie kaum ein anderer aus ihrem Leben. Komm doch her, Harold! Verbiete es mir! Schick mich nach Hause an den Herd, du Bastard! Aber kein Harold kam – vielleicht das Beste an diesem ganzen verrückten Tag. Sie tat einfach, was sie wollte, und niemand konnte sie daran hindern. Niemand würde sie aufhalten. Maura Thomson war frei … zum ersten Mal seit 20 Jahren.

Vielleicht war es eine ganze Minute, die sie so stehen blieb und ihren Gedanken nachging, dann schließlich löste sie sich vom Gittertor, fuhr sich über die Rillen in ihrer Hand, die der Draht hinterlassen hatte und betrat die Norman Mill ein zweites Mal. Weder der King (sie fand den Namen schon beim bloßen Denken albern) noch die Frau von vorhin waren zu sehen. Im Hof sprangen nur Kinder herum, die mit einem eingedellten Lederball spielten. Maura verzog das Gesicht. Sie mochte keine Kinder. Mit Erwachsenen konnte man sich einfach besser unterhalten … bei Kindern musste man einfache Worte wählen, und das konnte sie einfach nicht. Oder es klang fürchterlich unecht. Trotzdem … für das, was sie vorhatte, brauchte sie eine der Gören. Sie nahm ihr Notizbuch, schrieb eine der Seiten voll, riss sie heraus und überflog die Zeilen noch einmal. Dann steckte sie das Buch weg und machte sich auf zu einem der Jungen, der etwas abseits stand und an etwas auf der Backsteinmauer herumkratzte. Seine Fingernägel waren unsäglich schmutzig, fettiges Haar hing unter einer zu großen Ledermütze heraus, die so alt aussah, als hätte der Junge sie aus dem Müll gefischt. Was nicht einmal auszuschließen war.
He, du!“ Der Junge drehte sich eher unwillig um, und Maura verfluchte sich im nächsten Moment für ihre Worte. Sie hätte autoritärer auftreten sollen … Der Junge wischte sich über die Nase (Maura versuchte, nicht angeekelt zu wirken), steckte dann beide Daumen in den Gürtel und sah mit gerecktem Kinn zu ihr hoch. „Was willste, alte Schachtel?
Einen Moment lang war Maura sprachlos, dann richtete sie sich demonstrativ zu ihrer vollen Größe auf (die für eine Frau schon beachtlich war). Gut, dann eben anders. Rotzgöre. „Ich habe eine Aufgabe für dich, aber vielleicht ist es –“ Sie tat so, als wolle sie sich zum Gehen wenden.
Sofort nahm der Junge die Daumen wieder hoch. Wie erwartet. „Ey, warten Sie! Ich kann das machen, kein Problem! Was wolln’se denn?
Weißt du, Junge, ich habe hier eine Nachricht …“ Sie hielt das zusammengefaltete Blatt Papier in die Höhe und sah belustigt, wie der Blick den Jungen der Bewegung folgte. Wie ein Hund dem Knochen … das war zwar kein sehr netter Vergleich, dafür aber ein zutreffender. „Dieses Papier muss so schnell wie möglich seinen Empfänger erreichen, aber ich habe leider keine Zeit, es selbst dort abzuliefern …
Der Junge grinste und schob die Mütze, welche ihm bis auf die Augenbrauen hing, ein Stück hoch. „Kein Thema, Alte! Marshall bringt Ihnen alles, wohin se wolln, schneller wie ‘n Falke! Das is bei mir in guten Händen!
Maura hielt die Nachricht noch einen Moment lang in die Höhe, dann griff sie mit der anderen Hand in ihre Manteltasche, holte etwas Geld heraus und drückte es dem Jungen zusammen mit dem Zettel in die schmutzige, ausgestreckte Hand. Sowohl Geld als auch Zettel verschwanden beinahe schneller, als sie gucken konnte. Sie brachte sogar als falsches Lächeln zustande. „Also gut, ‚Marshall‘ … dann verlasse ich mich auf dich. Dieses Papier muss unbedingt in die Victoria Street 31. Und versuch besser, nicht gesehen zu werden … Kriegst du das hin?
Marshall grinste und präsentierte seine schlecht gepflegten Zähne. Er salutierte, wobei ihm seine Mütze wieder in die Stirn rutschte. „Jo, Alte, ist schon unterwegs! Und denken se dran, wenn Sie mal wieder was hab’n – Marshall is ihr Mann!“ Dann flitzte der Junge auch schon durch das Fabriktor. Maura sah ihm noch kurz hinterher, dann schüttelte sie mit hochgezogenen Augenbrauen den Kopf. Hoffentlich ging das gut … es war mehr als wichtig, dass William ihre Nachricht bekam. Sie wollte nicht, dass er sich Sorgen machte oder irgendwie versehentlich in diese Geschehnisse hineingeriet – bei ihr war das schließlich auch bemerkenswert schnell passiert. Und wenn sie nun nach London reisen würde … dann würde sie noch eine ganze Weile fort sein, so viel stand fest.
Sie sah auf, ließ den Blick erneut über den unkrautverhangenen Fabrikhof schweifen. Und nun? Norly hatte etwas von einem Kampf geschrieben … das klang doch vielversprechend. In Ringkampf vielleicht? Oder Boxen? Sie zog ihren Mantel enger um den Körper und machte sich auf den Weg zu einem der Nebengebäude. Das würde sie sich nicht entgehen lassen.

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Umbra am Mi Aug 31 2016, 14:26

Sobald sich Charles aus der Sichtweite des Hauses entfernt hatte, verlangsamte er seine Schrittgeschwindigkeit. Selbst diese kleine Strecke hatte sich als anstrengend genug erwiesen, um nun wieder nach Atem japsen zu müssen.
Sein körperlicher Zustand war ihm höchst zuwider, jedoch war nun nicht der Zeitpunkt gekommen, um dagegen anzugehen. Schlaf war wohl das, wonach jede Faser seines geschundenen Leibs am meisten verlangte; allerdings sprach sich sein Geist deutlich dagegen aus. Zur Ruhe würde er erst dann kommen können, wenn er in seinem Kopf genug Leerraum geschaffen hatte.
Charles brauchte ein wenig Zeit für sich, um sich zu beruhigen und jüngsten Nachrichten und Ereignisse verarbeiten würden zu können. Ob dies ihm dabei helfen würde, auf andere Gedanken zu kommen, wusste er noch nicht. Allerdings hatte das Alleinsein unter diesen Umständen klare Vorzüge. Den anderen konnte er sich immer noch stellen, wenn er wieder Fassung zurückerlangt und Abstand gewonnen hatte. Er wollte nicht, dass man ihn so sah.
Charles humpelte langsam die Straße herunter, zwischen den Herrenhäusern mit gepflegten Gärten hindurch, vorbei an den knorrigen Brombeerbüschen der Howthers, von denen er in seiner Kindheit schon genascht hatte (die aber zu dieser Jahreszeit natürlich keine Früchte trugen), vorbei an der Haustür der alten Witwe Teabing, die immer freundlich zu ihm gewesen war, selbst als alle anderen seiner Nachbarn ihn schon mit Argwohn betrachtet oder sogar bereits verachtet hatten… Es schmerzte Charles, hier zu sein. Aber für diese Art für Melancholie hatte er nun wahrlich keinen Platz mehr übrig.
Zum Glück hatte es angefangen, leicht zu nieseln. Das Wetter war ungemütlich genug, dass sich niemand auf den Straßen aufhalten wollte. Eigentlich auch Charles nicht. Doch er ignorierte den feuchten Sprühnebel. Er hatte ein festes Ziel vor Augen.
Der Friedhof, auf dem seine verstorbenen Familienmitglieder schon seit jeher bestattet wurden, lag nicht allzu weit von seinem Anwesen entfernt. Seit Generationen lebten und starben die Norlys in Manchester… Und zumindest die Erben seiner Vorväter, deren auch das Anwesen vermacht worden war, waren hier bestattet worden… Wenn sie nicht gerade auf Reisen verschollen geblieben oder den Löffel abgegeben hatten.
Charles hatte das Mausoleum seiner Familie gemieden, wenn es ihm möglich gewesen war. Erst nach dem Tod seiner Mutter, nachdem nur noch er als letzter Norly übriggeblieben war, hatte er begonnen, es ab und zu zu besuchen. Hier konnte er in Ruhe nachdenken, trauern. Auch, wenn es skurril war, fühlte er sich hier, umgeben von stummen Steinfächern voll toter Leiber, nicht allein. Näher würde er seiner Familie nie mehr sein können.
Zumindest hatte er das bis vor wenigen Tagen gedacht.
Dann war Johanna in sein Leben getreten.
Verärgert ruckelte Charles an dem Vorhängeschloss, das irgendwer an der Tür des Mausoleums angebracht hatte. Vermutlich hatte Charles das irgendwann selbst verfügt. In Ermangelung eines Schlüssels, suchte er eine andere Möglichkeit, um dieses Hindernis zu überwinden. Er fand in der Nähe eine Schaufel, mit der er auf das Schloss einschlug, bis es nachgab und aufsprang.
Charles warf die Überreste in hohem Bogen fort und ließ die Schaufel einfach auf dem Weg liegen, als er das feuchte Draußen gegen das dunkle, muffige Drinnen tauschte.
Nun waren alle Norlys versammelt. Charles trottete zu dem Fach herüber, das vermutlich schon bald seine ewige Ruhestätte sein würde. Kalt und einsam. Man würde ihn schnell vergessen wollen. Zumindest seinen richtigen Namen würde schon bald niemand mehr kennen.
Scarface.
Würden sie wohl diesen Namen hier einmeißeln? Wann würden sie dieses Mausoleum wohl ganz einebnen?
Charles nahm die abdeckende Steinplatte seines Grabs vorsichtig aus der Halterung – diese war noch nicht festgemörtelt, immerhin war das Fach noch nicht belegt – und stellte sie am Boden ab. Anschließend ertastete seine Hand im Inneren des Fachs das aktuelle Objekt seiner Begierde: eine Flasche des edelsten Scotchs, den man vor einigen Jahren für Geld hatte bekommen können.
Charles ließ sich, mit dem Rücken an der Gräberwand, zu Boden sinken. Mit ausgestreckten Beinen saß er da. Öffnete die Flasche. Nahm ungeniert einen kleinen Schluck direkt daraus und stellte sie neben sich am Boden ab. Zündete sich eine Zigarre an.
Familientreffen waren furchtbar.
Charles spürte, wie ihm das alles dabei half, dass sein Puls eine allmählich wieder unbedenkliche Frequenz annahm.
Einige Minuten saß er schon so da, paffend, als er seine Hand in die Manteltasche gleiten ließ und sie, den Revolver umschlossen, wieder zum Vorschein kam.
Porter hätte jede einzelne Kugel verdient, die Charles daraus hätte abfeuern können, bevor der feige Psychopath leblos zu Boden gesunken wäre.
Wäre Charles‘ Beauty geladen gewesen, wäre es so gekommen.
Es wäre Mord gewesen, das war Charles bewusst. Er hatte geglaubt, seiner Tochter beraubt worden gewesen zu sein. Hätte er Porter mit Blei durchsiebt, hätte er damit leben können.
Möglicherweise war es gut, dass es nicht so gekommen war. Andererseits fühlte Charles sich seiner Rache beraubt. Vielleicht… vielleicht war es ja dazu noch nicht zu spät. Die Kugelkammer des Revolvers schnappte auf und Charles befüllte sie mit Munition. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Die Kammer schnappte wieder zu. Vielleicht… vielleicht musste er einfach nur zurück nach Salford, zurück zu dieser Zelle, und abdrücken. Vielleicht… vielleicht würde Charles sich dieses Mal mehr Zeit nehmen und Porter würde doch noch reden.
Charles spannte den Hahn und spürte den kalten Lauf des Revolvers an seiner Schläfe. Den kalten Lauf seiner Beauty.
„Schön ist sie – und sie schießt schöne Löcher“, hatte der Kerl ihm gesagt, dem er sie für einen Spottpreis abgekauft hatte. Die Qualität war exzellent. Vermutlich Hehlerware.
Charles zögerte. Dann sicherte er den Hahn und warf die Waffe in die Ecke. Es war besser, sie nicht im Blickwinkel zu haben. Das brachte ihn nur auf dumme Ideen.
Er nippte noch einmal am Whisky. Verdammt, war der gut.


Melinda gelang es aus der Hintertüre zu entkommen, zumindest glaubte sie, dass niemand ihr Verschwinden bemerkt haben würde. Und selbst wenn? Wer sollte sie so erkennen? Sie sah aus wie ein Junge aus reichem Hause, nicht wie eine Hure von den Straßen Londons. Den Weg zum Friedhof zu finden war nicht allzu schwierig, wie üblich wurde im Regelfall der nächstgelegene für die letzte Ruhestätte der Verstorbenen genutzt. Das Haus in dem Charles aufgewachsen war, war sicherlich nicht erst seit 10 Jahren in Familienbesitz. Sie orientierte sich an der Spitze eines Kirchturms, in deren Nähe sie Charles vermutete. Tatsächlich war hin und wieder ein Schild zu sehen, auf dem ein Hinweis auf den Friedhof zu finden war. Nur beim ersten machte sie sich die Mühe das Wort mühsam zu entziffern. Bei den übrigen Schildern, vermutete sie nur, dass das Wort gleich aussah, und ging weiter.
Sie wählte diesmal den Weg zu Fuß, übereilte sich aber nicht, damit sie nicht wieder auffiel. Das ärgerte sie noch immer fürchterlich. Das hätte doch alles anders laufen können. Sie war sich sicher, dass niemand gesehen hatte, wie sie in das Haus der Steads eingedrungen war. Würde sie nicht wissen, dass alles so passiert war, würde sie daran glauben, dass sich das jemand aus den Finger gesaugt hatte.
Nach einer Weile Fußmarsch, ungewohnt aufgrund der Tatsache, dass ihre Schuhe keine Absätze hatten, gelangte sie schließlich zu einem gusseisernen Tor, hinter dem etliche Grabsteine zu sehen waren.
Melinda trat durch das Tor, welches leider nicht theatralisch quietschte, wie es sich für ein Friedhofstor geziemte, und wanderte langsam an den steinernen Erinnerungen vorbei. Die Steine waren unterschiedlich alt und erhalten. Hier und da lagen sie gerissen auf dem Boden, an andere Stelle sahen sie aus wie neu gesetzt, obwohl die Daten etwas Anderes verrieten. Je weiter sie sich der Mitte näherte, desto größer wurden die Steine oder auch Denkmäler. Tonnenschwere Engel blickten auf den Boden herab und vergossen stumme Tränen, die Hände nutzlos in Richtung der Grabstelle gestreckt.
Madonnen säumten nun fast jedes Grab, begleitet von allerhand christlichen Insignien und Abbildungen.
Irgendwann fiel ihr Blick auf eine Gruft, sicherlich auch die einer reichen und edlen Familie. Immer mehr der protzigen Ruhestätten fanden sich hier, alles schien hier gepflegter. War die Wiese beim Eingang wild zwischen den Steinen gewuchert, schien es hier, als habe jemand mit einem Maßband die Länge der Halme gemessen und gekürzt, wenn es nötig gewesen war.
Nach einer Weile begann sie die Gruften und Familienruhestätten näher zu begutachten. Mit Mühe entzifferte sie Inschriften, bis sie schließlich stolperte während sie gedankenverloren zwischen den Gräbern umherstreifte.  Sie konnte sich abfangen, blickte jedoch was sie fast zu Fall gebracht hatte. Ein zertrümmertes Vorhängeschloss. Sie verdrehte die Augen, einerseits war ihr bewusst, dass sie Charles sicher sehr nahe war, auf der anderen Seite kotzte sie Manchester wieder einmal an. In London wäre das Schloss sicher unheimlich interessant und mit vielen Zahnrädern versehen gewesen. In Manchester war es wie die Stadt und die Menschen selbst – gewöhnlich. Kein Wunder, dass Johanna hierherkam.
Langsam ging Melinda weiter, bis sie eine Gruft fand, deren Tür nicht geschlossen war. DAS musste es sein. Ja – das Wort Norly konnte selbst sie entziffern. Im Inneren klapperte etwas mechanisch.
Unbemerkt schob sie die Tür auf und erblickte Charles von hinten. Sie verschaffte sich kurz einen Überblick über die Situation.
Alkohol – das gefiel ihr.
Eine Waffe die auf dem Boden lag, vermutlich der Auslöser des Geräusches.
Die Luft roch schal und staubig. Ein herrliches Plätzchen. Welche Leichen man hier hätte verstecken können. Das hatte Melinda nie in Betracht gezogen, hätte sie das vorher gewusst, hätte sie Johanna hierhingebracht. Zu ihrem Daddy Timmy. Wenn er denn ihr Vater gewesen sein sollte. Aber wenn kümmerte das schon? Dieser Zweig der Familie Norly war glücklicherweise nicht mehr im Stande, sich zu vermehren. Alles tot. Melinda grinste.
Sie veränderte ihren Gesichtsausdruck in einen neutralen und räusperte sich leicht. “Keine gute Idee, in deiner Situation die Waffe wegzuwerfen.“


Charles sog sich ungewollt die Lungen voll Tabakqualm, als mit einem Mal Worte die Stille durchbrachen und er, zusammenzuckend, tief durch den Mund einatmete. Keuchend und hustend sowie mit sprunghaft rasendem Puls fuhr er zur Quelle des Ratschlags um, wobei ihm, beim Anblick der Gestalt am Eingang der Gruft, ein weiteres Mal das Herz in die Hose rutschte… Im ersten Moment wähnte er sich der auferstandenen Gestalt seines kindlichen Bruders gegenüber.
Mit tränenden Augen blickte er über seine Hand hinweg, mit der er seine Zigarre vorm herunterfallen bewahrt hatte und in die er nun hineinhustete. Langsam dämmerte es ihm, dass es kein Geist war, der ihn gerade heimsuchte.
„Sie…“, krächzte Charles, etwas atemlos und musste noch einmal husten, „Sie haben mir einen Schreck eingejagt, Miss.“
Das Brennen in seinem Brustkorb schwoll langsam ab, aber der einengende Druck blieb, sodass er immer noch nicht normal sprechen konnte.
„Diese Verkleidung ist wirklich gut. Ich dachte kurz…“
Charles räusperte sich und begann, sich aufzurappeln. Endlich bekam er wieder Luft.
„Nun, mein Bruder hat dieses furchtbare gelbe Ding so vergöttert, dass er es selbst noch anziehen wollte, als er dem längst entwachsen war“, erzählte er und lächelte schwach. Schuldbewusst. Er hatte sich heimlich davongestohlen. Er hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass ihn tatsächlich jemand hier aufsuchen würde. Wem er das zu verdanken hatte, konnte Charles anhand von der Kleidung, die Melinda trug, leicht ablesen: Oxley. Diese sture, alte Nervensäge.
Charles ließ den Rest seiner Zigarre fallen und zertrat die Glut beiläufig. Es gehörte sich nicht, in Anwesenheit einer Dame zu rauchen… selbst nicht, wenn sie gerade nicht wie eine aussah.
„Verzeihen Sie mir, dass ich fortgelaufen bin“, entschuldigte er sich dafür. Sicherlich war das alles andere als höflich gewesen. Er hatte nicht gewollt, dass sie sich Sorgen um ihn machte.
„Ich brauchte einen Moment der Stille. Ich spüre diesen Druck auf mir lasten und den Schmerz.“
Es war kaum in Worte zu fassen, allerdings tat es gut, mit jemandem darüber reden zu können. Bei Melinda hatte Charles nicht das Gefühl, seine wahren Gedanken zurückhalten zu müssen, um eine Fassade aufrechtzuerhalten.
„Ich wünsche mir schon seit Ewigkeiten eine Familie“, murmelte er und schüttelte den Kopf.
„Nicht so, so habe ich mir das nicht gedacht.“
Niemals hätte er sich ausmalen können, dass er dazu fähig war, ein schlechterer Vater zu sein als William Norly es ihm gewesen war. Er hatte Johanna nicht beschützen können. Selbst, wenn sie in Wirklichkeit nicht seine Tochter gewesen war… Für eine kurze Zeit hatte er die Hoffnung gehabt, ihr ein Vater sein zu können. Sie hatte seine Gefühlswelt ins Chaos gestürzt. Man hatte mit ihm gespielt… es war unsagbar grausam.
„Es zerreißt mich und ich weiß nicht, wie ich anders empfinden kann, als enttäuscht zu sein… traurig und wütend.“
Es herrschte nun eine undefinierbare Leere an der Stelle, die zuvor die plötzlich vorhandenen Vatergefühle eingenommen hatten.
„Dieser Doppelmord… ich kann nicht anders, als ihn persönlich zu nehmen. Selbst wenn Johanna nicht meine Tochter war, war mein Schmerz echt, weil ich davon überzeugt gewesen bin. Er ist immer noch echt. Ich fühle mich betrogen. Es ist so demütigend…“
Charles ballte kraftlos die Hände und löste die Fäuste sogleich wieder.
„Ich sehe ein, dass ich naiv war. Sie haben vollkommen Recht damit, dass man mich vernichten will. Aber das lasse ich nicht mehr auf mir sitzen, ohne selbst aktiv zu werden. Ich habe mich bedeckt gehalten, habe Informationen gesucht, doch am Ende muss ich nun aus den Schatten treten und das Versteckspiel hinter mir lassen.“
Charles humpelte zu seinem Revolver herüber und nahm ihn wieder auf, während er weiterredete.
„Ich muss mir überlegen, wie ich diese Feiglinge aus der Reserve locken kann. Wenn Sie sich erst einmal offenbart haben, kann ich den Spieß umdrehen. Ich fühlte mich schon immer wohler in der Rolle des Jägers als in der des Gejagten.“
Er pausierte kurz und blickte den Revolver in seinen Händen an. Dann steckte er ihn allerdings zurück in seine Manteltasche und trat auf Melinda zu.
„Kommen Sie, lassen Sie uns von diesem trostlosen Ort verschwinden. Ich werde ihn früh genug wiedersehen…“, murmelte er und senkte kurz den Blick, „aber ich bin entschlossen, das noch ein wenig hinauszuzögern.“
Charles atmete tief aus und hob auch die Whiskeyflasche vom Boden auf, deren Inhalt er nur unbedeutend dezimiert hatte. Es war zu schade darum, sie hierzulassen.
„Ich schätze, ein wenig Schlaf sollte ich mir gönnen, bevor wir nach London aufbrechen. Sobald es dunkel geworden ist, kann es losgehen.“
Er musste ein Gähnen unterdrücken.
„Oder vielleicht auch ein wenig später.“


Melinda strich über den Pullunder.
"Ich muss sagen die Verkleidung gefällt mir außerordentlich gut. Ich denke sie wird mit nach London nehmen. Da wir ja offenbar beobachtet werden ist das bestimmt nicht die schlechteste Idee."
Sie hörte weiter zu was er zu sagen hatte und dachte über das Gesagte nach.
Der Kerl ist wirklich ein Jammerlappen, selbst jetzt nervt Johanna noch rum!
Sie beobachtete weiter, wie Charles seine Waffe wieder an sich nahm.
Sie dachte gar nicht daran, ihn zu siezen. "In deiner Position solltest du dich nicht erschrecken lassen, schon gar nicht ohne Waffe. Sonst findest du dich vielleicht wirklich schneller hier wieder als dir lieb ist."
Sie ging ein wenig umher und betrachtete die unterschiedlichen Grabeinlassungen und die geschwungenen Worte darüber.
"Charles, auch wenn es dich geschmerzt hat, sie war nicht deine Familie. Johanna war eine Lügnerin, vielleicht, weil sie dazu gemacht wurde. Ich denke es ist an der Zeit das alles hinter zu lassen. Wir sollten nach London zurückkehren und das, was in Manchester geschehen ist, auch in Manchester lassen. Jemanden zur Rechenschaft zu ziehen, das würde nichts besser machen. Du bist kein Rachemensch, die Presse hat dich dazu gemacht. Du bist noch nicht zu alt, um eine Familie zu haben, wenn du allerdings nun an Johanna hängen bleibst, könnte es das gewesen sein. Vergiss sie. Vergiss was mit ihr passiert ist. Einfach vergessen...manchmal hilft das."
Sie nickte, als er davon sprach, dass er schlafen wolle. "Schlafen ist eine gute Idee. Komm'."


Charles war sich nicht sicher, ob Melinda bezüglich der Waffe richtiglag. Denn eigentlich hatte sie ihm bisher nur Ärger eingehandelt und beinahe zu einem Mörder gemacht. Natürlich hätte er den Revolver nicht bei sich, wenn er sich mit ihm nicht sicherer fühlen würde. Doch das bedeutete auch, dass man eher dazu geneigt war, ihn auch einzusetzen.
Allerdings hatte Melinda vermutlich Recht, was seinen Wunsch betraf, sich zu rächen. Johanna zu vergessen, würde ihm schwerfallen. Seine Vatergefühle für sie zu vergessen, war vermutlich das Beste, und das traute er sich auch zu, allerdings vermutete er, dass ihn verfolgen würde, wie man sie ihm genommen hatte. Porter. Rache klang verwerflich, aber war sie in seinem Fall nicht verständlich? Vielleicht würde sie Erlösung bringen. Nicht Rache an Porter, nein, Rache für die ganze Scarface-Geschichte war verlockend. Doch im Grunde wollte Charles nur seine Ruhe. Er wollte erfahren warum. Das war ihm das Wichtigste. „Gerechtigkeit“ war das passendere Wort als „Rache“.
Porter gegenüber hatte Charles in blindem Zorn und Schmerz gehandelt, doch genau dazu wollte man ihn hinreißen. Er durfte nicht mehr den Kopf verlieren.
Melindas Worte trösteten ihn, trotz alledem. Er merkte, dass sich der verkrampfende Klumpen Gefühlschaos in seinem Inneren etwas gelöst hatte.
Charles griff sanft nach Melindas Hand, als sie sich zum Gehen wandte.
„Noch einen Moment, bitte“, bat er sie und lächelte leicht, als sie ihn ansah. Es fiel ihm gerade nicht leicht, zu lächeln, aber bei ihrem Anblick konnte er den Kummer in eine Ecke seines Verstands abdrängen.
„Ich habe ein Geschenk für Sie, Melinda“, offenbarte er ihr. Er war sich unschlüssig, was sie davon halten würde, aber er traute sich nun einfach, die Sache hinter sich zu bringen.
„Es ist nichts Besonderes“, erklärte er bescheiden, „aber da Sie heute Geburtstag haben, dachte ich mir, Ihnen eine kleine Freude zu bereiten…“
Charles begann, in der Innentasche seines Mantels danach zu suchen, und zog schließlich ein kleines Päckchen – eine eingewickelte Schachtel, kaum größer als ein Handteller – hervor.
„Ich wollte es Ihnen eigentlich zu einer anderen Gelegenheit überreichen, und dieser Ort und die Gesamtumstände ist vielleicht etwas unpassend, aber…“, er ließ den Satz ins Leere laufen, und sagte stattdessen einfach „Herzlichen Glückwunsch, meine Liebe“, während er ihr das Geschenk reichte. Er ließ es sich jedoch nicht sofort abnehmen, sondern umfasste, vom schlechten Gewissen geplagt, ihre Hand.
„Bitte verzeihen Sie mir. Ich habe mit Schwierigkeiten gerechnet, jedoch nicht in diesem katastrophal grauenerregenden Ausmaß. Ich wollte Sie nie in Gefahr bringen.“


Melinda stoppte, als Charles sie darum bat einen Augenblick zu warten.
Mehr als verwundert nach sie das Geschenk entgegen, dass er ihr reichte.
"Ich...vielen Dank. Aber keine Sorge, mein Leben war schon immer gefährlich. Für mich hat sich nicht viel nicht geändert."
Bis auf die Sache mit Randolph. Aber was soll es. Du warst ja dein Leben lang alleine. Ändert doch nichts mehr.
Langsam löste sie ihre Hände aus seinen.
Das war das erste Mal, dass sie ihn ihrem Leben etwas zum Geburtstag geschenkt bekam. Vorsichtig löste sie das Papier, bis eine Schachtel zum Vorschein kam. Sie atmete tief durch, bevor sie den Deckel anhob und ich Blick auf eine feine Kette fiel, an der ein Stein baumelte, der das schönste und reinste blau trug, das sie je gesehen hatte.
Sie war sich nicht ganz sicher, ob Charles sie nicht vielleicht verwechselt hatte. Gut, es gab immer mal wieder einen Freier der einer Hure besonders zu getan war und ihr vielleicht mal ein Stück Schokolade schenkte. Aber etwas Derartiges von so hohem Wert mit Sicherheit nicht.
Schlagartig wurde ihr bewusst, dass das das Wertvollste war, was sie jemals besessen hatte.
Es dauert eine Weile bevor sie sich von dem Anblick des Steins lösen konnte, so unendlich erschien ihr das Blau.
"Vielen Dank Charles. Das ist mit Abstand das schönste Geschenk, dass mir jemals gemacht wurde."
Nicht besonders schwer. Viele haste ja noch nicht bekommen.
Sie schüttelte leicht den Kopf und schenkte Charles ein offenes, ehrliches Lächeln. "Danke."
Sie ergriff seine Hand und zog in aus der Gruft hinaus, im Moment schien es ihr der falsche Platz. Draußen angelangt stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn sanft auf die Wange.
Katzen können Mäuse fangen,
haben Krallen wie die Zangen.
Kriechen über Bretter und Dächer
und manchmal auch durch Mauselöcher.
Mäuslein stehlen, naschen Speck,
seh'n die Katz' nicht im Versteck.
Leise, leise kommt die Katze,
fängt die Maus mit einem Satze!

Wer ist nun die Maus? Hm?

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

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