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Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Umbra am Mo Jul 18 2016, 22:09

Melinda fand Rosie im Erdgeschoss der Fabrik, wohin sie nach Charles‘ überstürzter Flucht offenbar zurückgekehrt war. Sie ließ sich gerade von ein paar kleineren der Kinder dabei helfen, Stühle und Tische im Pub neben der Boxarena zurechtzurücken – ein weiteres Kind harkte dort den Sand. Offenbar bereiteten sie alles für den abendlichen Kampf vor, den Bowen zuvor angekündigt hatte.
Rosie wirkte besorgt, als Melinda auf sie zukam, und zuerst auch unschlüssig, als Melinda ihr ihr Anliegen vorbrachte, doch Bowens Geliebte sich dazu breitschlagen, zu antworten.
„Ich habe ihn gesehen“, sagte sie. „So verstört habe ich ihn noch nie erlebt.“
Rosie musterte Melinda, schien aber auch gleichzeitig durch sie hindurch zu schauen, als würde sie sich eher auf ihre eigenen Gedanken konzentrieren.
„Ihr ist etwas zugestoßen, nicht wahr? Seiner Tochter“, ergänzte sie erklärend. „Dieser Doktor sagte mir, dass er mit Charles über sie reden müsse. Er hat mich darüber lachen lassen, dass unser feiner Gentleman ein Kind hat… Oder hatte? Dieses Scheusal.“
Sie schnaubte verächtlich. Schüttelte dann aber bedauernd den Kopf.
„Ich kann nicht sagen, was Charles nun vorhaben könnte. Vielleicht will er nach ihr sehen, den Schuldigen finden, oder allein sein. Vor der Scarface-Sache ist er immer in die Wälder hinaus und jagen gegangen, wenn er sich ablenken wollte. Oder hat sonst irgendeinen exzentrischen Schnöselkram getrieben. Ich weiß höchstens, wohin er hier auf dem Gelände gehen würde. Denn dann verschanzt er sich immer in seinem Büro oder auf dem Fabrikdach. Aber vielleicht kann dir sein Butler weiterhelfen, der kennt Charles besser als irgendwer sonst. Würde mich sogar wenig überraschen, wenn Charles früher oder später bei sich Daheim aufkreuzt, wenn es nicht sogar sein direktes Ziel sein wird. Hat er nicht eben erwähnt, dass er nach dem alten Sturkopf sehen will?“

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Thorgrimm am Di Jul 19 2016, 04:42

Während der Kutschfahrt versuchte Gilbert sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Er wusste schon jetzt: Was auch immer Norly vorhatte, würde sicherlich Probleme bereiten. Vielleicht nur ihm aber wahrscheinlicher war, dass auch Ms. Thomson und er mit hinein gezogen werden würden. Doch vielleicht konnte Gil schlimmeres verhindern. So wirklich glaubte er nicht an diese Möglichkeit aber einen Versuch war es wert. Schließlich konnte er nicht einfach nur dasitzen und abwarten, was der Mann anstellte. Norly hatte noch ein Versprechen einzulösen. Dann hätte Gilbert diese ganze Sache hoffentlich auch endlich hinter sich. Bis dahin hieß es Zähne zusammenbeißen und alles aushalten. Wenn das doch nur so einfach wäre. Die Fahrt zog sich hin und der Maler nutzte die Zeit, um sich wieder etwas zu beruhigen. Niemand schien reden zu wollen - das war ihm aber nur recht. So war er alleine mit seinen Gedanken und Gefühlen. Konnte daran arbeiten, sie wieder unter Kontrolle zu bringen, was sich als nicht besonders einfach herausstellte. Obwohl diese Situation für Norly am schlimmsten war, betraf sie auch Gilbert, der sich an seine eigenen Zusammenbrüche zurückerinnerte. Alleine mit diesen Albträumen, versuchte er die Kutschfahrt zu überstehen.
Ihr Weg führte sie nach Salford und wie sich schnell herausstellte, zu einer Polizeistation. Damit hatte er überhaupt nicht gerechnet. Was hatte Norly nur vor? Wollte er sich stellen? Oder ein Massaker anrichten? Beides schien, wie sich bald herausstellte, recht unwahrscheinlich zu sein. Wenn Norly sie bat Schmiere zu stehen, dann würde er möglichst versuchen keine Aufmerksamkeit zu erregen und das schloss diese beiden Vorgehensweisen aus. Nur was genau wollte er tun? Eigentlich war es Gilbert fast egal, solange es sich nicht um gewalttätige oder selbstschädigende Taten handelte. Wenn die Polizei Norly entdeckte, war das wirklich etwas schlechtes? Gilbert ertappte sich bei dem Gedanken, einfach in die Polizeistation zu spazieren und den Männern und Frauen dort von Scarface zu berichten. Damit hätte dieser ganze Spuck ein Ende. Kein Norly mehr. Kein Scarface. Keine kriminellen Machenschaften und keine Morde mehr. Einen Moment lang war Gil überrascht, dass Norly ihm so vertraute. Doch dann erinnerte er sich daran, dass er selbst gesucht wurde und sich ebenfalls ausliefern würde, wenn er Scarface verriet. Also ließ er es lieber bleiben, auch wenn diese Handlung seinen Namen vielleicht reinwaschen konnte. Stattdessen überlegte er, was Norly vorhatte. Hatte der Mann sich auf der Kutschfahrt wenigstens etwas abgeregt und einen Plan gefasst? Gilbert hoffte es. Als Norly in die Kutsche gestiegen war, schien er noch immer sehr aufgewühlt gewesen zu sein und hatte damit vermutlich planlos und überstürzt gehandelt.
Wie auch Ms. Thomson, wartete Gilbert einfach ab. Er versuchte nicht aufzufallen aber machte sich damit vermutlich nur auffälliger. Er hatte keinerlei Ahnung davon, wie er es anstellen sollte, unscheinbar zu wirken aber machte es dann im Endeffekt seiner Begleiterin nach und lehnte sich an die nächstbeste Hauswand. Gil hielt die Umgebung im Auge und achtete darauf, keinem Polizisten in die Augen zu blicken. Auch wenn er selbst nicht verbotenes tat, fühlte er sich so. Außerdem wurden er und Thomson immer noch gesucht. Es war überhaupt nicht schlau, sich in der Nähe einer Polizeistation aufzuhalten. Gar keine gute Idee. Gilbert brach der kalte Schweiß aus, als er sich bereits Horrorszene über Horrorszene ausmalte. Eine schlimmer als die andere. Er folterte sich damit selbst, konnte aber nichts gegen diese Gedanken tun. Hatte er es vorher noch geschafft, sich selbst unter Kontrolle zu bringen, so brachte ihn diese Situation schon wieder an seine Grenzen. Wieder fühlte er sich so, als würde er etwas schlechtes, etwas kriminelles tun. Im Prinzip tat er das ja auch, denn indem er der Polizei nicht von Norly berichtete, machte er sich wieder einmal zum Mittäter.
Auch Gilbert bemerkte, dass jemand um Hilfe schrie. Was hatte Norly nur angestellt? Es war, als hätte er mit einem Stock in einem Wespennest herumgestochert. Eine völlig hirnlose Handlung. Als er die ganzen Polizisten sah, war er wie gespalten. Zum einen wünschte er sich, dass Norly entkam aber zum anderen hoffte er auch, dass er gefasst wurde. Doch das lag nicht in seiner Hand. Wenn er unbeschadet aus dieser Sache herauskommen wollte, musste er jetzt handeln. Das sie abhauen sollten, musste ihm Thomson nicht sagen. Sofort machte sich der Maler auf den Weg und folgte der Frau. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und hielt sich möglichst bedeckt. Er versuchte nicht so schnell zu laufen, um nicht aufzufallen aber hielt doch mit Thomson schritt. Wohin sie ging, konnte er erst nach einer ganzen Weile sehen - offensichtlich folgte sie Norly. Ob das eine gute Idee war, wusste Gilbert wirklich nicht. Er entschied sich dazu noch etwas Abstand zwischen sich, Norly und Thomson zu bringen. Im Notfall, wenn die Polizei Norly fand, würde er sich einfach abkapseln. Es war vielleicht feige, den Mann so im Stich zu lassen aber Gil hing an seinem Leben. Meistens zumindest.

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Elli am Di Jul 19 2016, 09:57

Melinda blieb einen Augenblick stehen um nachzudenken, die Krokodilstränen, wischte sie sich noch immer leidend dreinschauend mit ihrem Handrücken weg. Was sollte sie nun Rosie sagen? Sollte sie auch gleich hier ihre Unschlud beteuern und untermauern?
Das ist zu auffällig, du Idiotin. Mach dich lieber vom Acker!
Sie schniefte noch einmal dramatisch und nickte dann sehr ernst. "Ja, Johanna ist etwas zugestoßen. Ich schätze Charles ist völlig neben der Spur. Ich werde ihn suchen, danke Rosie."
Dann eilte sie weiter nach draußen, bereits nach einigen Metern machte sich ihre Lunge bemerkbar und fieses Seitenstechen quälte sie. Sie blieb stehen um nachzudenken und vorallem durchzuatmen. Ein Blick zurück auf das Gebäude warf sie jedoch noch. Ihr tat Randy leid, dass er nun alleine da saß, aber daran war er selbst schuld. Hätte er vernünftig mit ihr geredet, es wäre alles anders gekommen, doch andererseits musste sie ihm danken, denn so war sie in der Lage Charles ein gut ausgedachtes Lügenkonstrukt zu unterbreiten und ihre vermeintliche Unschuld zu beteuern.
Nach einigen Augenblicken schritt sie ruhig an die Straße, eine Kutsche erschien als perfekte Lösung. Hier in der Gegend war nicht allzu viel los, doch noch einigen hundert Metern hatte Melinda Glück und erblickte eine stehende Kutsche. Der Kutsche stand gerade mit einer Kippe bei einem Pferd und klopfte ihm aufmunternd auf den Hals.
"Eine Runde noch Charly, dann geht es in den Stall."
Melinda lächelte den Mann an, jegliche Anzeichen, dass sie vorhin noch geweint hatte, waren verschwunden.
"Hallo. Sind sie frei?"
Der Kutscher nickte und schnippte seine Kippe fort. "Wo soll es hingehen?
Melinda nannte ihr Ziel und blickte auf die Pferde, sie verhandelte den Preis höher als er sicher angemessen war, aber der Mann schien seine Tiere gut zu behandeln, dass sah man selten.
Der Kutscher hielt ihr die Tür auf und half ihr in die Kutsche rauf, es war keine geschlossene wie man sie fast ständig sah, sondern eine offene. Sicherlich hatte der Mann eher andere Kundschaft, wie eine Dame - oder wie eine Frau, die gerade aussah wie eine.
Die beiden unterhielten sich ein wenig über die Pferde, bis sie in der Nähe des Hauses von Charles angekommen waren.
Der Kutscher stoppte das Gefährt und drehte sich um. "Was wollen Sie in der Gegend? Sie sind nicht von hier, oder?"
Melinda blickte ihn entzückt an, während sie das Geld aus ihrer Tasche nestelte, welches noch vor kurzem im Besitz von Mama Stead gewesen war "Nein, ich bin in der Tat nicht von hier. Ich besuche meinen Onkel, der hier wohnt."
"Dann wissen Sie sicher gar nicht, wo wir hier sind. Sie kennen doch sicher Scarface oder?"
Melinda legte die Stirn in Falten und schien angestrengt zu überlegen. "Hmm, ich glaube ich habe einmal davon gehört. Meine Eltern halten Politik gerne von mir fern". Sie stellte fest dass sie offenkundig auch ganz gut darin war dümmlich zu grinsen.
"Politik?" Der Kutscher lachte laut auf. "Nein, nein. Scarface ist ein gesuchter Mörder. Er treibt sein Unwesen in London. Sein Haus, oder sagen wir ehemaliges Haus, ist auch hier ganz in der Nähe. Wollen Sie es sehen? Ich würde vorbei fahren, ich berechen auch nicht mehr dafür."
Melinda überlegte kkurz ob sie nicht besser Schauspielern geworden wäre, als sie ihren Gesichtsausdruck nun zu entsetzen änderte. "Ein Mörder? Nein, bitte nicht. Ich möchte das Haus nicht sehen."
"Keine Sorge, Scarface ist schon ewig nicht mehr hier gewesen. Wo kommen Sie eigentlich her?"
"Es tut mir Leid, aber ich muss nun wirklich los. Danke für die Fahrt." Sie suchte noch ein Pfund heraus. "Hier, kaufen sie Charly und seinem Kumpel da vorne ein paar Möhren, mehr."
Der Kutscher schein es zu bedauern, dass sie sich verabschiedete, ergriff dann aber den Schein und sprang vom Kutschbock um Melinda herunter zu helfen. Dann tippte er sich an den Hut und klettere leichtfüßig wieder auf seinen Platz.
Zu ihrer Erleichterung schnalzte er recht schnell mit der Zunge und setzte sein Gefährt wieder in Fahrt.
Als die Kutsche um die Ecke verschwunden war, machte sie sich auf den Weg zu dem Haus von Charles und hoffte, dass der Kutscher sich einfach nicht daran erinnern würde sie hier hin gefahren zu haben. Es wäre bedauerlich wenn ihm in Nachhin etwas zustoßen würde, wo er doch so nett zu seinen Tieren war. Menschen die Tiere gut behandelten waren selten und sie schätze diesen Zug an Menschen sehr. Sie atmete kurz durch bevor sie an die Tür klopfte. "Oxley?"
...und das Drama in drei Akten möge beginnen...

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Darnamur am Do Jul 21 2016, 22:57

Randolph hielt sein freies Blatt bereit, legte die Notiz daneben ab und platzierte zu seiner linken Seite das Tagebuch, welches von dem Wasserglas flankiert wurde. Dazu noch Feder und Tinte. Seine grauen Augen hafteten sich an dem Text fest. Das konnte ja etwas Schönes werden. Schon beim ersten Überblicken war ihm dieser zusammenhangslose Wirrwarr aufgefallen und laut der Notiz würde er mit seinem Dechiffrier-Vorgang dieses Monstrum an aneinander geketteten Buchstaben auf die Hälfte dezimieren müssen. Ihm war immer noch nicht klar, wie Mr. Crownes Assistentin es geschafft hatte, dieses System derart schnell zu durchschauen. Das war beinahe schon beängstigend. Aber er vertraute darauf, dass es so stimmte, wie sie ihm geschrieben hatte. Sonst hätte der zugesteckte Hinweis keinerlei Sinn gehabt. Laut ihrer Theorie wurde in Norlys Code jeder Buchstabe durch zwei andere ersetzt. Dabei wurden nur Buchstaben aus seinem Nachnamen benutzt. Also N, O, R, L und Y. In verschiedenster Form aneinandergefügt. Irgendwie passte es zu dem Bild, das der Doktor von dem Mann hatte, dass er seinen Nachnamen als Basis für seine Geheimsprache nutzte.
Es würde wohl recht langwierig werden, wenn er den schieren Umfang des Texts begutachtete. Allerdings versprach es zumindest auch Spannung nach und nach aufzudecken, was hier niedergeschrieben stand. In der Regel war Randolph recht ausdauernd und konnte seine Nerven ruhig halten, was solche Aufgaben betraf. Als Arzt war man es gewohnt einen wachen, funktionstüchtigen Geist aufrecht zu erhalten. Die gerade erst erfahrenen Neuigkeiten und die Eskalation der Lage trübten allerdings nicht unbedenklich seinen Geist.
Er nahm sich noch einen Schluck Wasser. Aber diese Probleme musste er erstmal aufschieben. Oder besser: Er musste es nicht, aber er würde es tun. Aus dem einfachen Grund, weil er sonst nicht vernünftig arbeiten können würde.
Er wandte sich dem ersten Satz zu- wenn man es Satz nennen konnte. Satzzeichen und Abstände waren hier fehl am Platz. Aber das schreckte Randolph nun auch nicht mehr ab.
ONNNYLNNRNRONRRLRRONOOONNLNNONYLRNLLONLYYLNOOOLYONYLRL
Wortbrocken war vielleicht eine gute Bezeichnung. Also gut. Er schielte zur Tabelle hinüber. Am Besten er nahm gleich mehrere Buchstaben auf einmal. O zu dem N. N zu dem N…das war S, das wusste er sogar noch im Kopf. Und dann Y zu dem L. Mal sehen was dabei heraus kam.
Das ergab dann ESI. Also vermutlich…es ist, riet Randolph ins Blaue. Mal sehen, was es ist…schrecklich? Ungeheuerlich? Eine Schande? Insgesamt hatte das Spekulieren schon seinen Reiz.
Wieder N zu dem N, also S. Sprach für die „Ist“-Theorie. Dann R zu dem N. Eigentlich brauchte er das gar nicht nachschlagen. Die Theorie musste einfach stimmen. Randolph sah trotzdem nach. Und natürlich war sein Gedanke korrekt.
Es ging weiter. R zu dem O. N zu dem R. R zu dem L. R zu dem R. O zu dem N. O zu dem O. Und dann noch einmal O zu dem N. Ergab: L.A.N.G.E. H und nochmal E. Es ist lange her. Randolph übersprang die nächsten beiden Buchstaben. S. E. I. Es ist lange her seit. DE. MI. Seit dem ich. M.E.I.N.
ONRRONLLNRRLLRONRLNRRYNYLLYLONNNONYO
O zu dem N, sprich E. Seit dem ich meine. Immerhin bekam man mit der Zeit einige der Kombinationen automatisch in den Kopf. O zu dem N, oder Y zum L, waren zwei die sich bereits jetzt gut in seinem Gedächtnis verankert hatten. Er übersetzte weiter. Geda…Gedanken. Ein Vorwort also….es ist schon lange her, dass er seine Gedanken irgendwo niedergeschrieben hat. Das hatte Randolph nicht unbedingt gebraucht. Aber er fuhr nun einfach fort, wo er aufgehört hatte. Es ist lange her, seitdem ich meine Gedanken auf diese W…Weise vermutlich. Mit in Falten gelegter Stirn blickte Randolph den Text hinab. Charles neigte wirklich dazu auszuschweifen und sich nicht auf kurze, stichhaltige Informationen zu beschränken. Das konnte eine lange und trockene Lektüre werden…
Randolph nahm sich noch einen Schluck Wasser und machte sich dann weiter an die Arbeit das Schriftstück in verständliche Form zu wandeln.
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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Leo am Sa Jul 23 2016, 22:22

Die Menschenmenge blieb dicht, auch, als sie sich nach und nach vom Polizeirevier entfernten. Maura blieb weiterhin auf Abstand, obwohl sie Norly am liebsten in seinen kleinen knackigen Bourgeoisiearsch getreten hätte. Auf was hatte sie sich da eingelassen?! Dieser Mann war wahnsinnig! Oder vielleicht auch nur wahnsinnig dumm. Wahnsinnig naiv. Wahnsinnig … irgendetwas. Selbstzerstörerisch! Wie kam man nur dazu, derartige Aktionen zu fahren? Sie hörte die weinerliche Stimme noch immer in ihrem Kopf:
Scarface ist hier! Er will mich erschießen!
Vollidioten, alle beide. Vermutlich würde der arme Schreihals nun auch Probleme kriegen, denn ganz offenbar war weit und breit kein Norly mehr zu sehen, jedenfalls nicht für die Polizei. Sie war zwar nicht sicher, was das Problem im Hinterhof gewesen war, aber sicher war sie, dass sie selbst das Problem gänzlich anders gelöst hätte.
Norly drängte sich weiter durch die Menschen, und sie folgte ihm, trotzdem sie sich fragte wo er jetzt wieder hinwollte. Zum Flüchten gab es bessere Wege als zu Fuß. Sie warf einen missmutigen Blick zur Mitte der Straße, wo immer wieder Kutschen vorbeifuhren. Wenn sie hier weg wollten – und das wollten sie ja schließlich! – eindeutig eine bessere Idee. Maura legte einen Zahn zu, bis sie Norly erreicht hatte, ein Blick zurück stellte sicher, dass Wright ihr weiterhin folgte; dann griff sie Norly am Arm und brachte zugleich mit der Linken einen Kutscher dazu, anzuhalten. Es war ein magerer, arglos wirkender junger Mann, der auf dem Kutschbock saß, seine blonden Haare waren ungekämmt, der Bart eher ungepflegt, die Kleidung geflickt. Er sah nicht aus wie jemand, der Verdacht bei Norlys Anblick schöpfen würde. Perfekt. Sie ließ Norly los und wollte gerade ihren Zielort in der Nähe der Norman Mill kundgeben als – Norly ihr dazwischenkam. Und sie nach Wigan schickte.
Wigan?! Was in drei Gottes Namen …? Es dauerte nicht lange, bis der Groschen fiel. Natürlich … sie war heute bereits in Wigan gewesen. Norlys Haus, samt dem verdammten Butler, befanden sich dort. Na großartig.
Sie schenkte Norly einen Blick, der einen tollwütigen Straßenköter lammfromm gemacht hätte, dann stieg sie wortlos und als erste ein. Die Männer folgten ihr, sie hörte, wie der dürre Kutscher irgendetwas murmelte, dann setzte sich das Gefährt mit einem Rucken in Bewegung.
Sie waren jedoch noch nicht lange unterwegs, als Maura sich wieder erhob. Die Kutsche war zu niedrig, sie musste den Kopf leicht einziehen, aber sie machte sich so groß wie möglich, trat vor Norly und fuhr mit dem Zeigefinger vor sein Gesicht, als wäre er ein Messer. „So, und jetzt erzählen Sie uns auf der Stelle was Sie dort hinten wieder angerichtet haben, Norly! Sonst werde ich nämlich wirklich ungemütlich, und glauben Sie mir, das wollen Sie nicht erleben! Also raus damit – wer war dieser Mann?

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Umbra am So Jul 24 2016, 15:39

Nicht weniger aufgewühlt als zuvor, ergab sich Charles Mrs. Thomsons Willen und ließ sich in die Kutsche bugsieren. Lieber wäre er allein gewesen und allein weitergestapft, und wenn er so zu Fuß nach London zurückgekehrt wäre… Alles war besser als Gesellschaft.
Charles fühlte sich schon wieder bedrängt, nur dadurch, dass er sich engen Raum mit zwei Menschen teilen musste, deren Anwesenheit ihn in seinem Zustand bestenfalls belästigte. Es war ihm einfach unangenehm, dass Fremde ihn so belagerten, während er außer Stande war, nach außen hin Fassung zu zeigen.
Umso unangenehmer war es ihm, dass Mrs. Thomson es nicht dabei beließ, ihm wenigstens etwas Privatsphäre zu lassen, sondern sich ihm kurz nach der Abfahrt verbal und durch körperliche Nähe aufdrängte.
Mit eiskaltem Ausdruck lösten sich Charles‘ tränenverschleierten Augen vom mahnenden Finger vor seiner Nase und suchten Blickkontakt zu Mrs. Thomson. Es dauerte einen Moment, bis er etwas sagte.
„Nennen Sie mich in der Öffentlichkeit nicht beim Namen, Madam“, äußerte er, hörbar unbeeindruckt von ihrer Drohung. Ungemütlich war sie ihm ohnehin schon. Und schlimmer konnte es aus seiner Sicht für ihn nicht werden, egal, wie sehr sie toben würde, wenn er ihr nicht gab, was sie wollte. Was hatte Charles noch zu verlieren? Ohnehin kam ihm die ganze Situation surreal vor, wie als wäre er inmitten eines nicht enden wollenden Albtraum, der vor ihm vorbeizog, ohne dass er die Chance hatte, intervenierend einzugreifen.
Johanna war tot. Zum Selbstmord gezwungen. Sofia war tot, aufgeschlitzt. Sie beide hatten ihre letzten Momente wahrscheinlich gegenseitig beobachten müssen. Sie waren tot, genau wie alle anderen. Wie Ed. Wie die Polizisten Goodman und Hazzle, wie James Snow und Laurence Fletcher, wie Lisa Harris, wie Benjamin Collins, wie Anthony Fox, Charles Cook, Jane und William Smith, Harrold Mauney, Deborah Linsby und Eliza Maynard. Wie Sarah Mauney und ihre Angestellten.
Charles war übel. Er wandte seine Aufmerksamkeit der vorbeiziehenden Stadt vor dem Fenster zu.
„Der Mann heißt Porter“, gab er dann mit belegtem Gefühl im Rachen nach. Wenn dies half, endlich seine Ruhe zu haben, sollte Mrs. Thomson erfahren, was sie wissen wollte. Es konnte auch nicht schaden, dass Mr. Wright davon hörte. Wenn dieser Mann nicht doch bereits davon wusste, weil er, anders als Porter behauptet hatte, ein Mitspieler in diesem Komplott war.
Charles kam sich kraftlos und ausgelaugt vor.
„Er hat mir gestern bei unserer Ankunft in Manchester die Polizei auf den Hals gehetzt und sich dann alle Mühe gegeben, eine junge Dame aus meiner Begleitung vom Rest der Gruppe zu trennen, während ich inhaftiert war. Ich musste erfahren, dass er sie anschließend umgebracht hat. Sie und ihre Mutter.“
Charles fiel es schwer, dies neutral zu erzählen… Seine Tochter und seine ehemalige Geliebte. Aber das wollte er nicht so unverhohlen preisgeben. Das war eine Privatangelegenheit. Er hatte Mrs. Thomson bereits gesagt, dass sie diese Sache nichts anging. Mr. Wright war sich den Zusammenhängen hingegen vermutlich bewusst, egal, ob er schuldig war oder nicht.
„Ich wollte ihn zur Rede stellen; wissen, wer ihn auf sie und mich angesetzt hat. Es muss der Gleiche sein, der auch schon sie in mein Umfeld gebracht hat. Das konnte genauso wenig Zufall gewesen sein. Es ist von vorneherein so geplant worden. Porter muss mir schon in London gefolgt sein. Er kannte das Mädchen, war ihr Nachbar. Sie hat ihm vertraut. Und er hat…“
Charles unterbrach sich und schüttelte den Kopf. Er konnte es nicht aussprechen, allein die Bilder, die in seinen Gedanken umherspukten, waren schwierig zu fassen.
„Auf unvorstellbar grausame Art und Weise“, sagte er stattdessen nur.
Der Schmerz in seiner Brust war unerträglich. Ihm war bewusst, dass man in brechen wollte, mit allen Mitteln. Bisher hatte ihn das zwar in Wut und Verzweiflung getrieben, weil es höchstens Bekannte oder mit Ed ein Freund gewesen war, die den Scarface-Morden zum Opfer gefallen waren. Doch den Mord an Johanna und Sofia konnte er nur sehr persönlich nehmen. Dies sprengte das Maß an Grausamkeit, das Charles sich hätte vorstellen können, bei Weitem. Er glaubte nicht, dass Johanna sich dessen bewusst gewesen war, Spielball in einem grausamen Spiel zu sein. Man hatte sie vorsorglich in seine Nähe gebracht, vielleicht zu einem beabsichtigten Zusammentreffen zu einem späteren Zeitpunkt, ohne sie in die Sache einzuweihen. Dann aber hatte der Zufall es gewollt, dass sie sich früher begegnet waren… Sie war neugierig gewesen. Klang das logisch? Es war denkbarer, dass sie doch von der Sache gewusst hatte. Nicht davon, dass man ihren Tod plante, um Charles zu quälen, natürlich… Vielleicht hatte man sie darum gebeten, ihn dazu zu bringen, sich der Polizei zu stellen, um ihr einen Vorwand zu geben, mitzuspielen.
Charles brauchte Zeit für sich und zum Nachdenken.
Porter hatte nicht das bekommen, was er verdient hatte…
„Er hat sich geweigert, mir einen Namen zu nennen“, erzählte Charles, „selbst bei vorgehaltener Waffe.“
Charles bereute, nicht geduldiger gewesen zu sein. Aber die Zeit hatte ihm im Nacken gesessen.
Nun schaute er wieder Maura an, dann aber auch Gilbert.
„Ich bin in Trauer und voller Zorn“, informierte er sie. Wenn das zuvor schon nicht offensichtlich gewesen war, wollte er es ihnen einschärfen.
„Lassen Sie mich also endlich in Frieden, bevor ich wirklich ungemütlich werde und mich vergesse“, betonte er, an Mrs. Thomsons Wortlaut angelehnt.



Es dauerte einige Momente, bis jemand kam, um auf Melindas Klopfen zu reagieren. Sie hörte Schritte auf der anderen Seite der Tür, bevor diese einen Spaltweit geöffnet wurde und ihr das bekannte Gesicht des alten Butlers namens Oxley entgegenblickte. Er wirkte wenig begeistert, sie zu sehen.
„Sie sind es“, stellte er kühl fest, ohne sie hereinzubitten.
„Nun, Miss, ich möchte keinen Ärger haben“, teilte er ihr stattdessen mit.
„Ich nenne dies hier schon seit dreißig Jahren mein Heim und bin nicht geneigt, es für meine restlichen Tage gegen eine feuchte Zelle mit winzigem Gitterfenster zu tauschen. Das habe ich diesem Wright auch schon gesagt, als er meine Gutmütigkeit ausnutzte, und diese bewusstlose Frau herbrachte, statt zu einem Arzt. Zum Dank haben beide mir vorhin trotzdem den Scotland Yard auf den Hals gehetzt.“
Oxley straffte sich, während er fortfuhr: „Glauben Sie also nicht, ich würde mich nochmal für jemanden von ihnen aus dem Fenster lehnen. Was wünschen Sie? Ihr Gepäck?“

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Elli am Di Jul 26 2016, 16:09

Melinda seufzte, sie hatte nicht einmal mit einer anderen Reaktion gerechnet.
Schnell überschlug sie die Möglichkeiten die sie hatte. Lügen, Ehrlichkeit?
Davon lag ihr nur eine Sache. Vielleicht würde eine Kombination aus Beidem helfen.
"Oxley, ich weiß nicht was mit Gilbert und Maura hier gelaufen ist, aber ich muss dringend mit Ihnen sprechen und das nach Möglichkeit nicht vor der Tür. Sehen Sie...ich weiß nicht was passieren wird, aber so wie es aussieht, könnte eine feuchte Zelle bald eine netter Alternative zu dem sein, was sonst noch zur Auswahl steht."
Sie blickte den Butler völlig offen und ehrlich an. Mit Sicherheit waren ihre Worte zu dramatisch, aber vielleicht würden die dennoch ihre Wirkung zeigen.
"ich erwarte nicht, dass sie sich für mich aus dem Fenster lehnen. Aber mit Sicherheit für Charles, oder?" Ihr Blick wurde etwas flehender. Immerhin hatte es bei Rosie auch schon geklappt.
Und einmal die Heulhure bitte!
"Bitte Oxley, es ist wichtig."
Oxley schien einen Augenblick zu überlegen, bevor er zur Seite trat und Melinda mit einem Seufzen einließ.
"Danke Oxley." Sie wartete darauf, dass er die Tür geschlossen hatte. "Ist Charles hier?"
Oxley hob die Augenbrauen und schüttelte den Kopf.
"Charles angebliche Tochter wurde ermordert. Als Charles davon erfahren hat, ist er wie ein Wilder davon gerannt. Er denkt wohl immer noch, dass sie seine Tochter war. Haben Sie eine Ahnung wo ich nach ihm suchen kann?"

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Thorgrimm am Fr Jul 29 2016, 04:25

In gebührendem Abstand folgte Gilbert Ms. Thomson, die ihrerseits Norly verfolgte. Noch immer war sich der Maler nicht sicher, ob er weiter auf den Spuren der beiden bleiben wollte aber auch wenn es gefährlich werden würde, wollte er Gil seine Neugierde befriedigen. Er wollte endlich wissen, was Norly wirklich vorgehabt hatte bzw. noch vorhaben wird. Die Unruhe beim Polizeipräsidium schürte nur sein Interesse an der ganzen Sache. Immer darauf bedacht, nicht zu sehr aufzufallen, lief Gilbert durch die Menschenmenge, dabei immer Ms. Thomson hinterher. Als dann eine Kutsche angehalten wurde, zwängte er sich auch schnell hinein.
Das es jetzt nach Wigan ging, überraschte Gilbert nicht wirklich. Norly hatte davon geredet, nach seinem Butler schauen zu wollen. Anscheinend war die Kurzschlussreaktion mit dem Besuch bei der Polizei auch schon befriedigt worden und damit vorbei. Hoffentlich bedeutete das auch, dass sich der Mann auch endlich etwas beruhigte. Leider war es Thomson, die sich nicht beruhigte. Sie drehte noch einmal richtig auf und - wieder musste er den Mut der Frau bewundern, schließlich handelte es sich bei Norly mit großer Wahrscheinlichkeit um Scarface - verlangte nach Antworten. Die war Norly ihnen auch schuldig - zum Glück schien er mit der Zeit endlich etwas redseliger geworden zu sein.
Was Gilbert allerdings hören musste, konnte er nicht glauben. Zugegeben, die Bekanntschaft mir Porter war nur kurz gewesen und er hatte sich kein wirkliches Bild von dem Mann machen können aber ein Mörder? Nein, Porter war sicherlich kein Mörder. Gil war zwar kein besonders guter Menschenkenner aber soviel konnte er sehen. Der Mann war einfach nicht für einen Mord geschaffen. Er war nicht skrupellos. Trotzdem hörte er sich erst einmal zu Ende an, was Norly zu erzählen hatte. Am Ende sah Gilbert auf den Boden. Offensichtlich hatten ihn die Frau und ihre Mutter viel bedeutet, da war klar, warum er so eine Reaktion gehabt hatte. Der Mann tat Gilbert wirklich Leid, auch wenn er das nicht gerne zugab.
"Es tut mir wirklich Leid. Diese Situation muss schrecklich für sie sein. Ich wollte mich ihnen wirklich nicht aufdrängen, sondern nur sicher gehen, dass sie keinen Fehler in diesem Gemütszustand machen." Er ließ die Worte einen Moment im Raum stehen, damit sein Gesprächspartner auch verstehen konnte, dass es Gilbert wirklich Leid tat. Allerdings musste er noch etwas zu diesem Thema sagen.
"Allerdings muss ich ihnen widersprechen. Ich habe Porter auf unserer Anreise hierher nur kurz kennengelernt, was sicherlich keine gute Grundlage für eine Einschätzung ist aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er sie ermordet hat. Versetzen sie sich in seine Situation. Er kam am Bahnhof an und entdeckte eine Freundin in ihrer Begleitung. Auch meine Reaktion wäre es gewesen, sie irgendwie in Sicherheit zu bringen. In Porters Augen sind sie Scarface - ein gesuchter Serienmörder." Mit Norly in dieser Situation zu reden hatte vermutlich nicht viel Sinn. Trotzdem versuchte Gilbert es. "Und überlegen sie mal. Der Mann hat um sein Leben gebangt. Glauben sie nicht, er hätte ihnen die Wahrheit gesagt, wenn er es gekonnt hätte? Wenn sie auch nur halb so einschüchternd gewirkt haben, wie ich sie mir unter diesen Umständen und diesem Hintergrund vorstelle, dann hätte ich sofort mit den Informationen rausgerückt. Glauben sie mir, Porter hat nichts mit dieser Sache zu tun. Wieso sind sie sich da überhaupt so sicher? Haben sie Beweise gefunden?"

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Umbra am Sa Jul 30 2016, 22:00

Oxley schien noch unschlüssig zu sein, was er von Melindas Besuch halten sollte, als er sie eintreten ließ. Dabei begutachtete er die Umgebung, bevor er schließlich die Tür hinter ihr schloss.
Was auch immer zwischen ihm, Gilbert und Maura vorgefallen war: Er machte, wie bei ihrer ersten Begegnung, äußerlich einen tadellosen Eindruck in seinem weißen Hemd und schwarzen Frack. Für sein Alter war er definitiv noch recht rüstig, auch wenn Melinda ihm leichte Erschöpfung anmerkte. Er war ihm definitiv unangenehm, Gesellschaft zu haben, aber die Sorgenfalten in seinem Gesicht und sein Blick zeugten davon, dass Melinda sich nicht geirrt hatte: Für Charles war er bereit, sich aus dem Fenster zu lehnen.
Oxley war schlussendlich ebenfalls anzumerken, dass Melindas Bericht über die jüngsten Ereignisse ihn erschütterte.
Betroffen schüttelte er den Kopf, als sie ihn fragte, ob er eine Ahnung hätte, wonach sie nach Charles suchen könne.
„Nein, ich…“, widersprach er nachdenklich und runzelte die Stirn.
„Da Mr. Norly nicht hier ist… Vielleicht will er der Sache auf den Grund gehen. Grundgütiger… Oder allein sein. Das muss bei Weitem keine angenehme Nachricht gewesen sein.“
Er verschränkte seine Hände hinter dem Körper.
„Bedauerlicherweise kann ich Ihnen nicht sagen, wohin er sich in solchen Fällen zurückziehen würde, Miss Bolt. Orte, an denen man seine Ruhe vor Störungen hat, pflegt man für gewöhnlich nicht mit anderen zu teilen, damit es so bleibt. Auch nicht mit mir. Von einer Tochter hat er mir ebenfalls nichts erzählt. Aber Sie scheinen ja zu denken, dass er eine Betrügerin aufgesessen ist?“
Oxley dachte noch einmal kurz nach.
„Es ist möglich, dass Mr. Norly irgendwann hierher zurückkommt. Und sei es nur, um sein Werkzeug zu holen. Ohne das würde er nicht dauerhaft das Weite suchen. Ich kann Ihnen anbieten, hier auf ihn zu warten, wenn Sie es wünschen. Möchten Sie vielleicht einen Tee?“



Charles hätte Mr. Wrights Worte hingenommen und wäre in ein tiefes Schweigen verfallen, hätten sie nach der Beileidsbekundung und der unnötigen Betonung, dass er den Eindruck gehabt hatte, auf Charles aufpassen zu müssen, geendet.
Was allerdings darauf folgte, schlug die Kerbe, die Charles in seinem inneren spürte, nur noch tiefer. Die noch frische Wunde brach wieder auf und neuer Zorn quoll hervor.
„Halten Sie den Mund!“, stieß Charles mit zusammengepressten Zähnen und einem tiefen Grollen in der Kehle aus.
„Mit einer Sache“, stimmte er jedoch bissig zu, „haben Sie vollkommen Recht: Sie haben keine gute Grundlage, die Situation oder auch nur Mr. Porter einschätzen zu können. Er ist dreist“, knurrte Charles, „vorlaut“, spuckte er geradezu aus, „und hat mich in meiner Trauer auch noch verspottet.“
Allein der Gedanke daran, reizte ihn ungemein. Charles fixierte Gilbert äußerst angespannt.
„Sie sollten nicht den Fehler begehen, Menschen an Ihren persönlichen Maßstäben zu messen. Gewiss gibt es genügend andere, die selbst im Angesicht des nahenden Todes Rückgrat und Loyalität beweisen. Und nur weil Sie eine Freundin aus…“, er starrte zu seinen Händen hinab und ballte sie auf seinem Schoß zu Fäusten, „meinen Fängen gerettet hätten, bedeutet das nicht, dass Porter das ohne Hintergedanken getan hat. Ohne geplanten Vorsatz, den man ihm aufgetragen hat. Es kann kein Zufall sein. Sie wissen nicht, wie es ist, in meiner Haut zu stecken. Es wurden bereits zu viele Menschen ermordet. Es kann einfach kein Zufall sein. Selbst, wenn Porter es nicht eigenhändig getan hat, hat er zumindest den Weg bereitet. Das ist mir Beweis genug. Er“, urteilte Charles hart, „ist schuldig. Und Sie haben ihm dabei geholfen, Mr. Wright. Also sparen Sie sich Ihre Belehrungen. Sparen Sie sich Ihr Mitleid.“
Charles schnaubte.
„Sie wissen nichts. Und ich will nichts von Ihnen hören.“

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Leo am So Jul 31 2016, 23:00

Also – jetzt reicht es ja wohl endgültig!
Maura hatte sich wieder hingesetzt, als Norly zu reden begann, vorerst befriedigt, dass er nun überhaupt die Zähne auseinanderbekam. Alles was er sagte, wurde sofort in ihrem Gedächtnis notiert – man wusste nie, wann man Informationen einmal brauchen konnte – aber trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, dass Norly ihnen noch etwas verschwieg. Sie und ihre Mutter. Warum die Mutter?
Sie bekam noch mehr zum gedanklichen Notieren, als Wright sich dazugesellte – und für Porter einsprang. Eine Reisebekanntschaft also … sie hatte nicht das Gefühl, dass Wright log, aber ob seine Einschätzung stimmte oder nicht, dazu konnte sie sich wahrlich nicht äußern. Immerhin kannte sie Porter noch nicht einmal so flüchtig wie ihre Begleiter.
Eines war jedoch klar – Norlys Reaktion darauf war völlig überzogen. Maura sprang wieder auf, kaum dass er geendet hatte (obwohl ihr Magen leise dagegen protestierte). Wieder musste sie ihren Kopf einziehen, und sie musste sich zurückhalten, ihren Zorn nicht allzu deutlich zu zeigen. „Sie sollten sich schämen, Norly, solche haltlosen Anschuldigungen zu äußern. Ich kenne diesen bemitleidenswerten Porter nicht, aber es ist mir völlig egal, wie aufgewühlt Sie momentan sind – Mr. Wright eine Beihilfe zum Doppelmord zu unterstellen geht eindeutig zu weit!“ Sie überlegte einen Moment lang, ob sie sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnte, doch dann fuhr sie fort: „Ich mag auch Mr. Wright noch nicht lange kennen, doch aus ihrem Gefolge scheint er mir eindeutig der rechtschaffenste zu sein.“ Sie sah zu dem schnauzbärtigen Mann hinüber, dann ließ sie sich wieder auf ihren Sitz nieder und strich unbewusst ihren Rock glatt. „Und ich weigere mich zu glauben, dass er für eine solch schreckliche Tat mitverantwortlich sein soll. Sie täten gut daran, sich für Ihre Verleumdung zu entschuldigen.
Dann schaute sie wieder zu Norly. Es war schwer, mit dem armen Kerl kein Mitleid zu haben (vorausgesetzt, er hatte nicht doch all diese Menschen auf dem Gewissen). Egal wie – ein schwieriges Leben schien er momentan allemal zu führen. Aber deshalb war sie ja auch hier … um zu helfen. Nicht nur, aber auch. Nur sollte Norly vielleicht damit anfangen, sich selbst zu helfen … und solche hirnrissigen Aktionen zu unterlassen. „Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf – Sie sollten versuchen, Ihr Gemüt wieder etwas abzukühlen, Norly. Mit Ihrer Hitzköpfigkeit ist momentan keinem geholfen. Sie sind ein kluger Mann – als solcher sollten Sie wissen, dass Rache ein schlechtes Prinzip ist, und wenn es tausendmal Auge um Auge geschrieben steht.

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Elli am Mo Aug 01 2016, 10:03

Melinda nahm bedauernd zur Kenntnis, dass Oxley nicht wusste, wo Charles war. Tief in ihrem Inneren hatte sie so etwas vermutet, aber immer noch gehofft.
Hatten wir nicht gelernt, dass das Prinzip Hoffnung nichts für uns ist?!
Sie dachte kurz nach. "Die Tochter von einer gewissen Stead. Wir trafen sie in London und rein zufällig stellte sich plötzlich heraus, dass sie die Tochter von Charles sein sollte. Ich habe ihr das nie geglaubt, zuviele Zufälle auf einmal."
Wieder einen Augenblick Stille. "Die Tochter, Johanna, hat alles gefährdet, fast Charles an den Galgen gebracht, sie war unkontrolliert und ständig in Tränena ausgebrochen ist sie auch. Hier in Manchester traf sie am Bahnhof einen Bekannten und sie wurde zu ihrer Mutter gebracht, die auch hier lebt. Dann bekamen wir die Nachricht, dass sie ermordert worden ist. Wobei man offenbar erst von einem Selbstmord ausging. Was mich nicht wundern würde, selbst im Tod schafft sie es noch alles zu zerstören." Langsam schüttelte sie den Kopf.
"Ich wollte mit Charles sprechen um ihm zu sagen, dass er einer Lüge aufgesessen ist und nun nichts dramatisches tun muss. Immerhin bin ich mir zu 100% sicher, dass sie nicht seine Tochter ist."
Ein tiefes Seufzen entfuhr ihr. "Lassen sie uns gemeinsam einen Tee trinken, ich weiß ohnehin nicht wo ich suchen könnte, hier in diesem verfluchten Manchester. Setzten sie sich. Auch ich kann Tee kochen"
Oxley war vielleicht Charles' Butler, aber nicht ihrer.

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Umbra am Di Aug 02 2016, 22:55

Sie stand schon wieder auf. Keifte. Charles wurde das Gefühl nicht los, dass der enge Raum, in dem sie sich aufhielten, immer enger würde. Jede Faser seines Körpers schrie nach Flucht und Freiheit.
Doch was würde das nützen? Ihm konnte einfach egal sein, was um ihn herum passierte. Er spürte ohnehin nichts als Leere in sich, dort, wo er nicht mit Schmerz und Wut erfüllt war.
Vielleicht starrte er deswegen recht ins Leere, während Mrs. Thomsons Worte auf ihn herabregneten. Dennoch hörte und begriff er jedes einzelne von ihnen. Ihm gelang es nicht, der Realität zu entfliehen. Dazu waren die grausamen Bilder in seinem Kopf zu präsent.
Mrs. Thomson reagierte recht überzogen. Aber Charles erkannte, dass sie es nicht böse meinte. Sie war erfrischend direkt.
„Sie haben nicht ganz Unrecht“, gestand er ihr zu, etwas gefasster als zuvor. Er bleckte nicht mehr die Zähne, sondern redete in mehr oder minder ruhigem Tonfall mit ihr, dem Resignation anzumerken war.
„Für einen Mord scheint er wirklich nicht geschaffen, nein. Gefahr bereitet ihm Unbehagen. Deswegen folgt er mir auch nicht… ich bringe ihn fort von hier und verhelfe ihm, woanders Fuß zu fassen. Ich halte mein Wort, egal, was er mit Porter zu schaffen hatte. Was den Rest betrifft…“
Erst jetzt blickte Charles Maura an.
„Hatten Sie nicht versprochen, kein Wort zu sagen, nicht zu fragen und mich nicht zu stören? Ich weiß es zu schätzen, dass Sie mir Vernunft einbläuen wollen“, sagte er leise und wandte seine verschwommene Aufmerksamkeit wieder dem vorüberziehenden Straßenbetrieb zu, „doch das hilft mir nun nicht.“
Er war so unendlich müde, trotz Allem, was vorgefallen war. Die Lider kamen ihm schwer wie Blei vor; die Gedanken rauschten in seinem Schädel verschleiert und kaum greifbar hin und her.
„Lassen Sie mich trauern, Madam. Schweigen Sie nun einfach. Ich bitte Sie inständig. Sie geben mir gar keine Chance, zur Ruhe zu kommen. Sie beide nicht.“



Oxley lauschte Melindas Ausführung nachdenklich und seine buschigen Augenbrauen rückten immer weiter zusammen. Sein Blick hellte sich aber schließlich auf, als Melinda ihm sagte, sich zu setzen, damit sie den Tee übernehmen konnte.
„Oh… nun gut“, erwiderte der Butler, „das ist sehr freundlich von Ihnen, Miss. Wenn Sie darauf bestehen…“
Allerdings zog er sich nicht sofort in einen Sessel zurück, sondern wollte noch etwas sagen.
„Das alles scheint mir äußerst undurchsichtig zu sein“, urteilte er, wieder nachdenklich.
„Doch dieser Name… Stead… er kommt mir irgendwie bekannt vor. Ja, Stead war der Name dieser Frau“, überlegte er nickend.
„Sie war schon einmal hier, ich erinnere mich daran.“
Der alte Mann suchte Augenkontakt zu Melinda.
„Nur hat sie Master Timothy dringend sprechen wollen, Mr. Norlys Bruder. Er ist inzwischen verstorben, schon vor vielen Jahren… Doch ich weiß noch genau, dass sie behauptete, von ihm ein Kind zu erwarten. Von Timothy, nicht von Charles“, hob er hervor und seine Stirn zog wieder tiefe Falten.
„Das Mädchen war inzwischen erwachsen, nicht? Nicht nur wenig dreist, es nun beim anderen Bruder zu versuchen. Und welch seltsamer Zeitpunkt dafür…“


Zuletzt von Umbra am Fr Aug 05 2016, 14:24 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Elli am Mi Aug 03 2016, 10:20

Die Augen von Melinda weiteten sich, als sie hörte was Oxley ihr erzählte. Diese verdammte Stead hatte so getan, als sei sie die ehrbarste Frau des gesamten Königreiches und nun das?!
"...und mich nennt man Hure..." brachte Melinda schlussendlich amüsiert hervor. Dann wurde sie jedoch schnell wieder ernst.
"Mir war klar, dass Johanna nicht die Tochter von Charles ist, aber das sie die Nichte sein könnte oder generell mit ihm verwandt hätte ich nun nicht erwartet. Setzen Sie sich Oxley, ich werde nur schnell den Tee machen."
Sie ließ den Butler stehen, denn sie brauchte kurz einen Augenblick für sich. Was bedeutete das? Immerhin war es noch immer seine Nichte. Ob das Charles auch den Boden unter den Füßen wegziehen würde?
Was sie wirklich am meisten ärgerte, war jedoch nicht die Sache mit Charles, sondern der Disput mit Randy. Während sie herumwuselte und Teewasser aufstellte, überlegte sie angestrengt wie suspekt das alles war. Mehr Zufälle konnte es ja kaum geben!
Sie war sich sicher gewesen, dass ihr niemand gefolgt war, gesehen worden war sie trotzdem. Natürlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass die anderen sich über den Tod von Johanna freuen würden, so wichtig das auch gewesen war, aber das plötzlich jemand auftauchte und sie beobachtet hatte, der offenbar genug wusste um Randy und Charles damit in Verbindung zu bringen, fand sie geradezu lachhaft. Nun war es eben so. Sie würde jedoch ihre Konsequenzen daraus ziehen.
Die Geister die du riefst...die Geister die du riefst. Beschwer dich nicht. Du hast es dir selbst zuzuschreiben.
Herrgott, wie sehr sie Manchester ankotzte! Mehr als das! Sie wollte am liebsten die ganze Stadt in Schutt und Asche legen.
Hinter hier begann munter der Teekessel zu pfeifen, der Tee war schnell zubereitet und sie eilte zu Oxley zurück.
"Ich finde auch, dass das alles zu große Zufälle sind. Es ist wichtig, dass Charles die Wahrheit erfährt. Ach Oxley, wie halten sie es nur alle die Jahre schon mit ihm aus?" ein stummes Lächeln schaffte es über ihre Lippen.

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Umbra am Mi Aug 03 2016, 23:29

Oxley bedankte sich für den Tee, als Melinda zurückkehrte und ihm eine Tasser reichte. Er hatte es sich bereits im Salon auf einem der Sessel beim Kamin gemütlich gemacht und geduldig auf sie gewartet.
Er schmunzelte leicht, als sie ihn fragte, wie er es nur all die Jahre mit Charles ausgehalten hatte.
„Nach dreißig Jahren in diesem Hause gehöre ich schon fast zur Familie und nicht zum Inventar“, sinnierte Oxley und nippte an seinem Tee.
Dieser Mr. Norly sieht es zumindest so und ich kann nicht anders, als so zu empfinden. Ich habe ihm vom Jungen zum Mann heranwachsen sehen, und darüber hinaus zu dem, was er heute ist. Ich schätze ihn, trotz seiner Allüren…“
Er lächelte noch einmal nachdenklich, bevor sich wieder Sorgen auf seine Miene schlichen.
„Aber jeder Mensch hat seine Eigenheiten. Jeder macht Fehler. Dazu gehören auch Dinge, die man lieber diskret behandelt. Das Problem ist, Miss, dass ich nicht sagen kann, was die Wahrheit ist“, gab Oxley zu bedenken.
„Diese Angelegenheit ist höchstdelikat und ich bin mir deswegen sicher, dass ich eigentlich nicht darüber sprechen sollte, allerdings scheint, da Mr. Norly bisher nicht angenommen hat, dass die junge Miss Stead ihn angelogen hat, durchaus die Möglichkeit bestehen…“
Seine Worte verloren sich kurz, er griff diesen Gedanken jedoch schnell wieder auf:
„Ich meine, ausschließen kann man es dann nicht unbedingt, dass sie tatsächlich seine Tochter ist… war. Er muss es nicht sein, auch Master Timothy muss es nicht gewesen sein. Laut ihm war diese Stead eine Prostituierte, die ihm das Kind des Geldes wegen anhängen wollte und selbst nicht wüsste, wer es gezeugt habe. Er behauptete auch, sie nicht zu kennen. Aber, nun, um ehrlich zu sein bezweifle ich Letzteres, auch wenn man über Verstorbene nicht schlecht sprechen sollte… oder als Butler überhaupt über seine Arbeitgeber.“
Oxley sah mit einem Mal noch unglücklicher aus als zuvor.
„Jede Familie hat Dinge, die sie lieber unter den Teppich kehrt, und solcherlei Geschichten sind äußerst prekär. Ich wahre in dieser Sache nun Ihnen Gegenüber lediglich keine Diskretion, weil ich es so für besser halte“, stellte er klar.
„Ich stimme Ihnen zu, dass Mr. Norly von diesen Gesamtumständen erfahren sollte. Nur bin ich mir nicht sicher, wie er sie aufnehmen wird.“

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Umbra am Fr Aug 05 2016, 20:39

Charles blieb den Rest der Fahrt nach Wigan in sich gekehrt und verfolgte mit abwesendem Blick und verschränkten Armen die Welt außerhalb der Kutsche. Irgendwann blieben seine Augen geschlossen, nachdem er eine Weile gegen das Zufallen seiner Lider angekämpft hatte. Die Erschöpfung schien über die Aufgewühltheit und auch das Schaukeln des Gefährts, das Charles eigentlich nicht ausstehen konnte, gesiegt.
Kurz, bevor sie am Ziel angelangt waren, wachte Charles wieder auf. Der Kutscher musste ein tiefes Schlagloch übersehen haben, so plötzlich und heftig war der Ruck, der Charles mit beschleunigtem Puls und aufmerksamen Bewusstsein zurückließ. Er hasste es, so geweckt zu werden. Das Gefühl, zu fallen, war scheußlich.
Den letzten Teil der Strecke mussten sie zu Fuß zurücklegen. Die Kutsche direkt beim Norly-Anwesen halten zu lassen, wäre zu auffällig gewesen. Ein Sicherheitsabstand zwischen dem Ausstieg und dem genannten Ort schien vernünftiger, bedeutete natürlich aber auch erhöhte Anstrengung. Charles stapfte, leicht humpelnd, voran. Hier kannte er sich aus, also wählte er die Straßen, die ihm am geeignetsten schienen, um nicht allzu große Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Weil jeder hier ihn zumindest einmal persönlich erblickt haben dürfte, musste er besonders vorsichtig sein. Und das war Charles auch. Er wollte nun keinen Ärger haben. Wenn er jemandem nicht trauen konnte, dann seinen Nachbarn. Nein… besonders denen nicht.
So schleppte Charles sich durch Schleichwege und kletterte schließlich an einer geschützten Stelle über seine eigene Mauer, um sich auf dem heimlichsten Weg, den er kannte, dem Haus mitten auf dem Grundstück zu nähern. Das bewaldete Gelände (man konnte es aufgrund der Größe tatsächlich als bewaldet bezeichnen) ließ das auf einigermaßen bequeme Weise zu. Nur der letzte Abschnitt war ohne Deckung, das ließ sich nicht vermeiden. Charles huschte, so schnell es seine protestierenden Glieder zuließen, zur Vordertür, sperrte auf, schlüpfte hinein und ließ die Tür für seine Anhängsel geöffnet zurück.
Mit innerer Unruhe erfüllt, wartete Charles nicht auf Mrs. Thomson und Mr. Wright, sondern begab sich auf die Suche nach Oxley – die nur knapp zwei Sekunden dauerte.
Zu Charles‘ Verwunderung, saß sein Butler mit Melinda, schon hinter der nächsten Tür, im Salon beim Tee.
Dieser widerwärtige Geruch von aufgebrühter Schande… Charles würde davon keinen Schluck hinunterbekommen. Er selbst ließ Oxley stets Kaffee für sich bereiten. Mit viel Zucker und Milch, natürlich, sonst war auch Kaffee viel zu bitter.
Aber daran dachte Charles in diesem Moment nicht einmal im Entferntesten. Er war immer noch zu traurig und wütend… und übermüdet. Allerdings mischte sich darunter nun auch enorme Erleichterung. Oxley schien wohlauf zu sein.
Außer Atem stand Charles in der Tür.
„Melinda?“
Es tat so gut, sie zu sehen. Und auch sie war wohlauf. Sie hatte wohl nach ihm gesucht. Sie hatte sich in Gefahr gebracht. Er hätte sich nie verziehen, wenn ihr dabei etwas zugestoßen wäre. Jeder der Menschen, die ihm wichtig waren, könnte zum Opfer werden.
Doch Charles konnte in diesem Moment tatsächlich nicht anders, als zu lächeln. Die Erleichterung war so überwältigend, dass Charles kurzerhand auf Oxley zustapfte und den alten Mann, der sich aus seinem Sessel erhob, fest an sich drückte. Ihm war es egal, dass der Butler steif stehen blieb und sich das nur verdattert gefallen ließ, statt die Umarmung zu erwidern.

„Gut“, murmelte Charles. Eine erdrückende, Panik verursachende Sorge war gerade von ihm abgefallen. Oxley war am Leben.
„Gut, es geht Ihnen gut.“
Charles löste sich von seinem Butler, seine Hände blieben jedoch zunächst an dessen Schultern, während Charles Oxley tief in die Augen sah.
„Packen Sie Ihre Sachen, Ox“, erklärte er ihm ernst. „Wir müssen fort, hier ist es nicht sicher.“
Dann rauschte er auch schon wieder zurück in Richtung Tür.
„Sir?“ Oxley schien irritiert zu zögern – was Charles in seinem Rücken nicht sah, aber aus dem Tonfall ableitete.
Die nur die anderen anwesenden merkten, dass er nicht nur Charles stirnrunzelnd hinterherblickte, sondern auch, dass sein Oxleys Blick äußerst kalt an Mrs. Thomson und Mr. Wright hängen blieb.
„Vertrauen Sie mir!“, rief Charles, ohne sich noch einmal umzudrehen. ZU viele Gedanken schwirrten in seinem müden Schädel umher. Es gab noch so viel zu tun… So viel zu bedenken. Zu trauern… Fassung wiederzufinden. Ebenfalls zu packen, war ein guter Anfang.

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Thorgrimm am Mo Aug 08 2016, 01:59

Während der Kutschfahrt zurück nach Wigan schwieg Gilbert. Was sollte er auch sonst tun? Zum einen war er es einfach müde und leid, sich mit Norly zu unterhalten und zum anderen würde es in dem Zustand, in dem sich der Mann befand, auch überhaupt keinen Sinn machen. Zusätzlich brachten ihn die Worte des Mannes selbst in einen Zustand, aus dem er selbst am Ende der Kutschfahrt nicht erwachte. Es hatte sich sehr eindrucksvoll gezeigt, wie Norly auf seine Worte reagiert hatte. Zwar hatte Gil nicht damit gerechnet, Verständnis für seine Worte ernten zu können aber einen solch wuterfüllten und völlig den Tatsachen und Argumenten ignorierenden Ausbruch hatte er auch nicht erwartet. Es war noch nicht einmal der Hauch eines Beweises, den Norly anbrachte oder die Tatsache, dass er sich mit seinen Worten selbst als Scarface bezeichnete, sondern vor allen Dingen die Beschuldigung, Porter bei dem Mord geholfen zu haben, die Gilbert wirklich traf. Dabei war es nicht das stechende Gefühl, dass der Maler dabei empfand, dass ihn wirklich fertig machte, sondern die Tatsache, dass man ihn tatsächlich für einen Mörder halten konnte.
Nur einen Wimpernschlag lang, fühlte sich Gilbert in die Vergangenheit zurückversetzt. An den Tag, an dem er erfuhr, dass sein Vater bei einer Explosion in einem seiner Fabriken ums Leben gekommen war. Hervorgerufen durch die Bombe, für deren Montage er einen Mann aus dem Hafenbezirk angeheuert hatte. Es war der Tag gewesen, an dem er erkannt hatte, dass er ein Mörder war. Jahrelang hatte Gilbert mit dieser Erkenntnis leben müssen. Hatte versucht, nicht damit zu leben und einen Tod mit dem anderen zu bezahlen. Lange Zeit war er der Ansicht, dass dies die einzige Möglichkeit gewesen wäre, für seine Taten zu büßen. Bis seine Mutter ihm die wundersamen Medikamente gebracht hatte, die diesen Schmerz und die Erinnerung daran verscheuchten.
Innerlich zerbrach Gilbert ein wenig. Sein über die Jahre aufgebautes Gerüst, auf dass er sich hatte stützen können, bekam Risse und knickte ein. Waren die letzten Stunden nicht schon hart genug gewesen, dass er jetzt wieder mit so etwas konfrontiert wurde? Es war bereits das zweite Mal, dass er das Gefühl hatte, sich bei einem Mord zum Mittäter gemacht zu haben. Wie würde er nur damit leben können, für zwei weitere Tote verantwortlich zu sein? Gilbert war viel zu aufgewühlt, um den Worten Norlys zu widersprechen oder sie anzuzweifeln. Er war sowieso schon angeschlagen und empfänglich dafür, sich bei solchen Themen die Schuld aufzuladen. So war es jetzt nicht anders. Die Last drückte den Maler auf den Boden. Nicht nur psychisch, sondern auch physisch. Er sackte ein Stück in sich zusammen, sah auf den Kutschboden und ließ die Arme hängen.
Selbst Thomsons gut gemeinte Worte und Verteidigung konnten ihn nicht aufmuntern. Zwar registrierte er ihre kleine Standpauke und hörte auch ihren Inhalt aber konnte diesen nicht wirklich verarbeiten. Dabei hätten ihn die Worte, er sei der rechtschaffenste in der Gruppe, tatsächlich in einer anderen Situation sehr erfreut. Er hielt eigentlich viel davon und war stolz auf seine pazifistische Grundeinstellung. Schon von klein auf hatte er Gewalt hassen gelernt und dazu war er sowieso ein viel zu großer Feigling, um überhaupt selbst groß Gewalt auszuüben. Obwohl sich das in der Nähe von Norly leider schon geändert hatte. Eine Entschuldigung Norlys hätte Gilbert vielleicht wirklich wieder aufgeweckt aber da diese nicht erfolgte - oder zumindest nur sehr, sehr wage - vergrub er sich weiter in seinen Gedanken und Selbstmitleid.
So bekam Norly wenigstens noch seinen Wunsch nach Ruhe, denn bis zum Haus schwieg Gilbert weiter. Stoisch folgte er Norly durch die Straßen, Abkürzungen und Geheimgänge, bis er wieder das Haus erreichte. Recht teilnahmslos, nahm er zur Kenntnis, dass auch Ms. Benton hier war. Ob sie sich auf die Suche nach Norly gemacht hatte? Oder war sie aus einem ganz anderen Grund hier? So wirklich interessierte Gilbert der Grund ihrer Anwesenheit nicht. Genauso wenig interessierte ihn der Grund, warum Oxley ihn so eisig anstarrte. Eigentlich war er es gewesen, der ihn und Thomson im Stich gelassen hatte aber auch das war Gilbert jetzt Schnuppe. Er wollte nur noch weg. Wenigstens an diese Abmachung wurde sich gehalten. Statt also irgendeine Reaktion auf Oxleys Blick oder Ms. Bentons Anwesenheit zu zeigen, blieb Gilbert einfach verloren in der Gegend stehen und starrte auf den Boden. Noch immer schwirrten Norlys Worte und ihre Bedeutung in seinem Kopf herum.

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Elli am Mo Aug 08 2016, 16:26

Melinda fielen ein paar Steine vom Herzen, als Charles nach einer Weile das Haus betrat. Sie hatte noch ein bisschen mit Oxley gesprochen und wollte ihn gerade etwas näher zu der Familie und der Jugend von Charles befragen, als dieser plötzlich in der Tür stand und seinem Butler gerade zu um den Hals fiel.
Einen bitteren Beigeschmack hatte die Anwesenheit von Maura und auch Gilbert, aber wer wusste schon, ob sie Charles nicht von Dummheiten hatten abbringen können. Oder ihn dazu ermuntert hatten...
"Maura...Gilbert...schön euch zu sehen. Es ist noch Tee da." sagte sie kühl. Wieder etwas was ihr nicht in den Kram passte.
Also Charles sich dann in Richtung Tür begab, sah die Hure ihre Chance und eilte ihm hinterher. Erst nachdem sie auch die Tür hinter sich gelassen hatten, rief sie Charles.
"Charles, können wir bitte miteinander sprechen, ich muss etwas wichtiges loswerden. Wirklich."
Was sie jedoch erfreute war die Aufforderung das Ox packen sollen, das könnte nur bedeuten, dass es nach London zurück ging. Dann musste sie sich vielleicht doch keine Gedanken machen, alleine zu reisen.
Endlich weg aus diesem Scheiß-Manchester! Hier gibt es nichts als Ärger. Überhaupt ist Manchester nicht einmal ansatzweise so weit wie London. Welche dampfbetriebenen Gerätschaften wir dort alle haben...und hier? Nichts. Lachhaft. London. Wir kommen nach Hause.
Doch erstmal gab es Wichtigeres zu erledigen.
Zum Glück blieb Charles stehen. Melinda tat sich schwer damit seinen Gesichtsausdruck zu deuten. Er schien noch immer traurig, aufgebracht und aufgewühlt zu sein. Er nickte und sie folgte ihm in einen Raum, der wohl früher einmal sein Arbeitszimmer gewesen sein mochte. Zumindest ließ der große, mächtige Schreibtisch darauf schließen, sowie die Regale an den Wänden die sicher einst mit Büchern gefüllt gewesen waren. Nur zu gerne hätte Melinda sich die Bücher angeschaut, in dem Bewusstsein sie nie lesen zu können. Dennoch hatten diese beschriebenen Seiten einen ganz eigenen Charme an sich...und erst der Geruch. Doch selbst wenn sie Zeit gehabt hätte, so schaute sie doch nur in leere Regale.
Charles wirkte wie unruhiges Tier, das nicht so recht wusste wohin mit sich, dass er sich dennoch die Zeit nahm mit ihr zu sprechen, freute sie. Nun musste sie nur noch die richtigen Worte finden.
"Charles, bitte hör mir gut zu. Es geht um die Geschichte mit Johanna." Sie wartet einen Augenblick, um ihm Zeit zu geben sich zu sammeln.
"Ich habe auch schon mit Oxley darüber gesprochen, Johanna war nicht deine Tochter. Zum einen wären das einfach zu viele Zufälle auf einmal. Zum anderen sagte Oxley mir vorhin, dass sie deinen Bruder als Johannas Vater ausgeben wollte. Doch auch hier stehen Zweifel im Raum, dass er es war. Man munkelte, dass Ms. Stead es trieb wie eine Hure." Fast schon musste sie lachen. Sie trieb es wie ich.
"Die Sache läuft völlig aus dem Ruder, irgendjemand will dich vernichten und uns alle anderen noch dabei. So wie es aussieht, will man die Gruppe spalten. Randolph ist von der Geschichte völlig verwirrt und denkt ICH hätte Johanna auf dem Gewissen. Charles, dass stimmt nicht, du musst mir glauben. Ich habe ihr nicht die Schlinge um den Hals gelegt!"
Das stimmt sogar, immerhin hatte Johanna sie sich selbst um den Hals gelegt. Melinda hoffte ihrerseits, ihren Kopf damit aus der Schlinge ziehen zu können.
Ihr traten leichte Tränen in die Auge. "Wirklich. Jemand muss uns gefolgt sein, der uns auch schon in London beschattet hat. Vielleicht waren wir zu unvorsichtig, ich kann mir das auch nicht erklären, dass macht gar keinen Sinn..."
Schließlich ging sie nah an ihn heran und legte ihre Hand auf seine Wange. "Du musst mir glauben. Sie war nicht deine Tochter. Bitte, Charles..." sie hoffte dass klappen würde.

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Darnamur am Di Aug 09 2016, 19:41

Es kam dem Doktor Ewigkeiten vor, seit er begonnen hatte, das Tagebuch zu übersetzen. Hätte er nicht irgendwann die Buchstabenkombinationen heraus gehabt, hätte es auch durchaus Ewigkeiten dauern können. Nahezu ohne Unterbrechung war er an dem von Papieren überhäuften Schreibtisch gesessen, nur um sich hin und wieder einen Schluck Wasser zu genehmigen. Sein Glas war leer, schon seit einiger Zeit. Und nun konnte er endlich auch den Federkiel zur Seite legen. Mit geröteten Augen, die er während der gesamten Prozedur kaum von dem unstrukturiert aneinandergeketteten Text hatte lösen können, warf er einen müden Blick aus dem Fenster.
Es war mittlerweile Nachmittag geworden. Die Sonne schielte durch eine dichte Masse aus Wolkenschwaden. Der Innenhof selbst lag nun staubig und verlassen da. Er sah keine kleinen Kinder herumtollen und von Norly, Melinda, Mrs. Thomson und Mr. Wright fehlte jede Spur.
Er hoffte, dass Ihnen nichts zugestoßen war. Mit seinem kaputten Bein hätte er Norly und den anderen gar nicht erst hinterher humpeln können. Abgesehen davon, glaubte er, dass es gar nicht so schlecht war, wenn man Charles nun in seiner Trauer ein wenig alleine ließ. Er würde diesen Prozess so oder so durchmachen müssen. Ihn dabei zu stören, mochte nicht die beste Idee sein.
Er hatte seine Zeit stattdessen anders genutzt. Sein Kiefer presste sich zusammen, als er wieder auf den dechiffrierten Text starrte. Es war nur ein Teil des Tagebuchs gewesen, der auf diese Weise verschlüsselt worden war. Andere Bereiche besaßen ihren eigenen Code. Aber um die konnte er sich zu einem anderen Zeitpunkt kümmern. Oder später, wenn er dann noch genügend Zeit besaß. Wobei sein Schädel bereits einigermaßen schmerzte und es nun wohl eher das Beste für ihn wäre, sich ein wenig zur Ruhe zu legen.
Beim Übersetzen waren ihm bereits einige Dinge ins Auge gesprungen, die interessant waren. Dennoch beschloss der Doktor sich nun, da alles aus Papier gebracht war, den gesamten Text, dessen Tinte am unteren Ende noch feucht glänzte, noch einmal in Ruhe durchzulesen. Danach würde er versuchen seine Schlüsse zu ziehen.
Mit einer Sache hatte Angeline Towers jedenfalls recht gehabt. Ihr Selbstbekenntnis, wie sie es nannte, war ihm auf jeden Fall eine Hilfe gewesen.

Es ist lange her, seitdem ich meine Gedanken auf diese Weise festgehalten habe. Viel Zeit ist vergangen, seitdem ich dir das letzte Mal geschrieben habe. Und vielleicht zeigt dir allein diese Tatsache, dass ich mich verändert habe. Da mir dieses leere Notizbuch zugefallen ist, habe ich mich nun allerdings überwunden und nehme mir Zeit für dich.
Ich habe dir von Manchester erzählt, von Sheffield. Ein Himmel, der vom Qualm und Rauch der Hochofen erfüllt, sein Blau verloren hat. Das weckt heimatliche Gefühle in uns. Und diesen Gefühlen habe ich versucht zu entfliehen. Als ich vor einiger Zeit nach London zurückkehrte, die Stadt, an die ich mein Herz verloren habe. Ich brauchte einfach Abstand zum tristen Alltag und erst recht von Vaters Haus und der elenden Fabrik, deren alleinige Existenz mich mit Schuld belädt. Ich hätte sie abreissen lassen, oder es mit eigenen Händen tun sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte.
London ist nach wie vor ein Drecksloch, ein Sündenpfuhl. Die Stadt hat mich verändert, genauso wie sie sich selbst verändert hat. Wenn du miterleben könntest, was hier geschieht, würdest du ebenfalls zum Zyniker werden. Diebstahl, Ausbeutung, Unterdrückung, Prostitution, Korruption, Mord. Mir kommt es fast so vor, als hätte sich aller Abschaum der Welt hier zusammen gefunden. In der Wiege eines neuen nun verabscheuungswürdigen Zeitalters. Mehr als dreieinhalb Millionen Menschen, eine Zahl, deren Höhe einen geradezu erschlägt. Aber noch viel erschreckender ist: All die Dinge, die dahinter stehen.
Du hast viel Leid gesehen, ebenso wie ich. Doch London ist bei Weitem blutgetränkter, als es jedes Schlachtfeld sein könnte. Du musst wissen, dass London längst nicht mehr von denen regiert wird, die dazu bestimmt sind. Das ganze Land hat sich verwandelt, seitdem sich die Queen zurückgezogen hat. Es herrscht Anarchie und auch wenn es der Bevölkerung nur in Maßen bewusst zu sein scheint, ist die Situation in der Hauptstadt dieses Weltreichs völlig außer Kontrolle geraten. Nicht einer der Politiker hat die Fäden in der Hand, sondern Chief Comissioner Sir Wilkes Hill.
Dieser Mann ist die Wurzel allen Übels. Ein Gesetzeshüter, der mit allen Mitteln seine eigenen Regeln durchsetzt. Die Bürger dieses Schandflecks von einer Stadt respektieren ihn, jubeln ihm zu, wenn er redet. Selbst Diejenigen, die unter ihm und seiner Bande von Bobbies und Tingloves zu leiden haben. Sie erkennen nicht, dass er es ist, der die Gesetze diktiert. Ich kann es nicht verstehen und ich könnte es nicht hinnehmen, vor allem nicht, dass er mich schon wieder schikanierte, kaum dass ich einen Fuß in diese Stadt gesetzt hatte.
Ich bin seit fast zwei Monaten hier in London, seit letztem Mittwoch in diesem Haus. Eine kurze Zeit, magst du sagen, doch es gibt wohl kaum ein Kind in dieser Stadt, dass mein Gesicht nicht kennt. Du selbst hast mir einmal gesagt, ich hätte eine starke Neigung dazu mir Ärger einzuhandeln und auch dieses Mal muss ich dir Recht geben.
Scarface nennen sie mich hier. Es war ein Fehler Hill mit meiner Rückkehr zu provozieren, genauso wie es ein Fehler war mich von ihm provozieren zu lassen. Aber ich wollte ihn wissen lassen, dass er mich nicht einschüchtern kann. Genauso wie er die Bewohner der Slums unter Kontrolle behalten kann, wenn sie erst einmal begreifen, was er vorhat. Nun bin ich der meistgesuchte Mann der Stadt. Sie haben aus mir einen Attentäter gemacht.
Bei meiner Flucht vom Scotland Yard verfolgten mich zwei Polizisten. Sie starben Beide. Einer an einem Kopfschuss, der andere an einer Stichverletzung, die nur knapp sein Herz verfehlt hatte. Ich kenne die Wahrheit: Hill ließ sie von ihren eigenen Kameraden hinrichten. Er wollte, dass ich entkam, da bin ich mir sicher.
Nun bin ich sein Sündenbock. In den letzten Wochen wurden zehn weitere Personen ermordet. Einflussreiche, gleichermaßen, wie Arme aus dem East End. Frauen und Männer, grausam aus dem Leben gerissen. Die Öffentlichkeit sieht einen kranken Irren, mich. Der auf offener Straße zufällig ausgewählte Passanten hinschlachtet. Nur ich weiß, dass Hill seine Bluthunde auf seine Gegner und Unruhestifter loslässt. Und sich selbst und seine Tingloves als Helden darstellt.
Überall in der Stadt hängen Suchplakate mit meinem Gesicht. Sie haben mich ziemlich gut getroffen, muss ich sagen. Fünfhundert Pfund Belohnung sind inzwischen auf meinen Kopf ausgesetzt. Dazu kommt noch eine beträchtliche Summe von  den Familien der Opfer.  Ein wirkliches Vermögen.  Auch wenn es mich etwas ärgert, dass ich mich nicht mehr frei in der Stadt bewegen kann, ohne fürchten zu müssen, dass sich von allen Seiten Leuten wie die Geier auf mich stürzen, ist diese Art von Aufmerksamkeit, doch schmeichelhaft.
Dennoch ist es mehr Aufmerksamkeit, als mir lieb ist.  Ich weiß, dass hier weitere Kräfte ihre Finger im Spiel haben. Ich werde beobachtet. Klingt das paranoid? Vielleicht.  Doch meine Situation erlaubt mir nicht, nachlässig zu sein.  Es kann kein Zufall sein, dass Leute mit denen ich geredet habe und die ich von früher kenne zu den Opfern gehören, die man mir zuschreibt.
Ich muss herausfinden, was genau hinter dieser ganzen Farce steckt, bevor Hill mich findet. Das wird früher oder später geschehen. Und auch wenn vermutlich keiner der Polizisten vermuten würde, dass ich gerade bei einem Glas Wein im Kaminzimmer ihres Chief Comissioners sitze, meine regennassen Sachen trocknen lasse und dir diese Zeilen hier schreibe, bin ich auch hier nicht sicher. Mir ist bewusst, dass ich diese Jagd auf Dauer verliere, wenn ich niemanden habe, der mich unterstützt. Und du ahnst sicher, dass ich auf freiwillige Hilfe größtenteils verzichten muss.  Sie alle haben Familien, aber ich habe bereits passenden Ersatz gefunden.
Sie alle dürften persönliches Interesse daran haben mir in meiner Sache zur Seite zu stehen. Eine von Ihnen steht sogar auf der persönlichen Beobachtungsliste des Chief Comissionars. Welch‘ Ironie nun hier zu sein und mich an seinem Kamin zu wärmen. Er kommt nicht oft hierher. Seine Familie lebt zu dieser Jahreszeit in einem hübschen Anwesen außerhalb der Stadt. Er selbst scheint sich im Scotland Yard eingenistet zu haben, um zu jeder Zeit das Geschehen lenken zu können. Hills Haushälterin, Mrs. Newcomb ist eine nette alte Dame. Sie hielt mich für einen Tinglove, als ich hier läutete. Verdenken kann ich es ihr nicht, das war sogar meine Absicht.
Sie freute sich sehr, als ich ihr etwas Geld zusammen mit einer gefälschten Nachricht übermittelte, die ihr erlaubte Urlaub zu nehmen, um ihre Tochter zu besuchen. Ich kam wieder, als sie fort war. Eigentlich wollte ich mich hier nur umsehen, doch es scheint mir nach wie vor ein gutes Versteck zu sein, das mir zumindest noch in den nächsten Tagen gute Dienste leisten sollte.


Damit endete dieses Kapitel.
Randolphs Finger trommelten leise auf der Tischplatte. Dann begann er die verschiedenen Schriftstücke wieder ordentlich zu sortieren. Das Notizbuch deponierte er wieder in seinem Arztkoffer, Angelines Notiz in seinem Mantel. Seine Übersetzung behielt er vorerst bei sich.
Der Text warf eine ganze Menge an Fragen auf. Die Offensichtlichste war, mit wem Norly da überhaupt schrieb. Er hatte beim Lesen den Eindruck bekommen, dass es sich um einen toten, aber langjährigen Vertrauten von Norly handeln musste. Wenn der Mensch, mit dem er schrieb, nämlich am Leben war, warum schrieb er ihm dann nicht einfach einen Brief? Bisher war Norly ihm als ein recht religiöser Mensch erschienen. Bestimmt glaubte er an ein Jenseits und hoffte, dass seine niedergeschriebenen Worte, die Person erreichten. Oder es tat ihm einfach gut, seine Gedanken auf Papier festzuhalten.
Randolph überlegte, ob er jemanden wusste, der in Frage kam. Die Person musste schon vor Beginn der Mordserie dahingeschieden sein. Er erinnerte sich wieder ein wenig zurück, was er alles über Norlys Familie erfahren hatte. Sein Vater war verstorben, allerdings hatte Charles ihm gegenüber angedeutet, dass ihr Verhältnis nicht das Beste gewesen war.
Ich bin mir sicher, Sie hatten gute Gründe, diese Grenze zu überschreiten, und gerade in Bezug auf meinen eigenen Vater kann ich Hass und Mordgelüste sehr gut nachempfinden.
Abgesehen davon würde er in einer Nachricht für seinen Vater, im Text nicht von Vaters Haus sprechen. Das würde keinen Sinn ergeben.
Vaters Haus…sein Bruder vielleicht? Randolph meinte gehört oder gelesen zu haben, dass Charles einen verstorbenen Bruder besaß. Er schien ums Leben gekommen zu sein, während Charles gerade mal wieder im Ausland unterwegs war. Ja, das könnte es sein. Festlegen, wollte sich Randolph nicht, aber wenn er sich den Text noch einmal mit diesem Hintergedanken besah, passte es gut ins Bild. Das weckt heimatliche Gefühle in uns.
Nun gut, wer auch immer es war, er lebte vermutlich nicht mehr. Diese Botschaft vermeinte Randolph dem Text zu entnehmen. In seinem Schreiben ließ Norly die vergangenen Wochen Revue passieren. Wenn er ehrlich zu sich selbst war und davon ging Randolph aus, Charles hatte bestimmt nicht vorgehabt, das Buch in fremde Hände geraten zu lassen, gab das Schriftstück sehr detailliert und verständlich seine Gedanken zur Lage in London und seiner persönlichen Situation wieder.
Charles düstere Weltanschauung war nicht unbedingt überraschend, aber sie glich der des Doktors. Er hatte in seiner langen Zeit, seinem gesamten Leben, dass er in London verbracht hatte viel gesehen, sehr viel. Andere mochten vielleicht die Augen vor dem vorherrschenden Elend und Grauen verschließen, doch als Arzt war er Tag für Tag damit konfrontiert worden, bis seine Sinne gegenüber Grauen und Gewalt abstumpften. Und dabei war er größtenteils nur ein Zeuge, wie die Menschen im Dreck lebten, sich von Dreck nährten, dreckige Luft atmeten und ihre Körper zu Tode schindeten. Anders als jemand wie Melinda, die die schwarze Seite der Stadt am eigenen Leib durchleben musste.
Der Chief Comissioner hatte Macht. Das war unbestreitbar. Aber konnte es wirklich sein, dass die Polizisten alle blind seinen Befehlen folgten? Nach wie vor konnte sich der Doktor das nur schwer vorstellen. Dass Bobbies ohne weiteres die eigenen Kameraden hinrichteten und nichts davon nach außen drang. Polizisten waren keine seelenlosen Maschinen, es waren auch nur Menschen. Es würde natürlich die Geschehnisse bei den Mauneys erklären. Wieder sah er die Szenen vor sich. Im Treppenhaus, die Rufe von oben, Alans Schuss, die Schläge, sein Schädel, den er vorwärts rammte, das Hämmern an der Tür, Alan, der etwas von einer Bombe rief, die Flucht, in der Gasse, das durchschossene Fenster, Alan, wie er davon rannte, die Polizisten hintendrein, der Tinglove mit seinem blonden Schnauzer in Zivilkleidung, der Schuss seines Revolvers, Polizisten, die sich um ihn kümmerten.
Das konnte doch nicht sein. Randolph wollte es nicht wahrhaben. Waren die Polizisten einfach in den Raum gestürmt und hatten die verbliebene Familie erschossen? Die Leute, die eigentlich dazu ausgebildet werden sollten Menschenleben zu beschützen?
Wie war die Mauney-Familie gestorben? Und warum hatten sie sterben müssen? Sie hatten Ihnen nichts verraten. Randolph ballte die knochige Faust. Er war dafür mitverantwortlich, das war unbestreitbar. Auch wenn nicht er es gewesen war, der den Abzug betätigte. Er hatte den Mann mit der Waffe zu der Witwe geführt. Ob es ein Polizist gewesen war oder jemand anderes. Der sie beobachtet hatte.
Angelines Hinweis beinhaltete definitiv auch eine gewisse Warnung. Sie würde nicht umsonst hinter dem Rücken ihres Chefs agieren. Er musste vorsichtiger sein, was Crowne anging. Dieser Text Norlys stärkte noch weiter das Misstrauen, dass in ihm nach dem Lesen der Nachricht aufgekeimt war. Ihm war es scheinbar nicht entgangen, dass er beobachtet worden war. Und zwar scheinbar schon äußerst lange. Bevor er überhaupt angefangen hatte, sich um seine Helfer zu kümmern. Bevor die Mordserie begann? Fraglich. Man war ihm überallhin gefolgt. Zu Norlys Haus, zu seiner Praxis, später ins Waisenhaus, dann nach Manchester. Man hatte Stirling irgendwann abgefangen und versucht ihn zu beeinflussen. Wie einfach wäre es erst gewesen, wenn Ihnen jemand von der Praxis zum Haus der Mauneys gefolgt wäre?
Das war natürlich nur eine von vielen Theorien, aber etwas anderes, am Ende des Texts gab ihm noch mehr zu denken. Agatha Newcomb, Hills Haushälterin. Sie war tot im Haus gefunden worden. Wie konnte das sein, wenn er sie in den Urlaub geschickt hatte? Sie dürfte nie abgereist sein. Aber warum hatte man sie getötet? Und wenn man wusste, dass sich Norly in dem Haus befand, warum hatte man ihn nicht festgenommen und seiner Strafe unterzogen? Crowne hatte das Haus sicher im Blick gehabt und beobachten lassen. Als Norly dort vorsprach und der Haushälterin ihr Geld vorbei brachte. Er war Derjenige, der am Einfachsten an sie hätte herankommen können.
Crowne hatte selbst zugegeben Norly zu beobachten. Wie wahrscheinlich war es, dass noch jemand von dieser Aktion mitbekommen hatte? Randolph sah nur einen Grund, warum man die Haushälterin töten wollte. Weil man wollte, dass sie schwieg.  Sich nicht noch bei Hill und seiner Familie für Urlaub und Geld bedankte. Um die Option auszumerzen, dass sie sich verplaudern konnte. Norly könnte das gemacht haben. Aber das würde gegen alles sprechen, was er niedergeschrieben hatte, gegen den Menschen, den Randolph kennengelernt hatte. Er war sich nahezu absolut sicher, dass Norly, zumindest was die Morde anging, ein Opfer war und kein blutrünstiges Monster.
Norly hatte sie nicht getötet, aber wem könnte ihr Schweigen noch wichtig gewesen sein?
Lassen Sie es mich so ausdrücken: Hätten wir gewollt, dass er inhaftiert wird, hätten wir schon am Tag mit der treibenden Auseinandersetzung mit Chief Commissioner Hill dafür gesorgt. Bisher haben wir dem allerdings sogar entgegengewirkt, wenn es in unserer Macht stand, ohne Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Er verhält sich nicht besonders geschickt, wenn es darum geht, sich verdeckt zu halten – dies hat man heute wieder einmal gesehen.
Crowne hatte damit schon indirekt gesagt, dass er weitere Morde zulassen würde. Weil es ihm wichtiger war Charles bei seinem Handeln zu beobachten, an seine Auftraggeber zu kommen: Das war sein Argument gewesen. Vom Zulassen von brutalen Tötungen, zum Begehen ebensolcher, einfach nur um seine Ziele zu erreichen, war es nicht so weit.
Randolph musste sich in Hut nehmen. Sein nächstes Gespräch mit dem Mann konnte gut auch sein letztes werden, wenn er sich dumm anstellte. Natürlich hatte er von Anfang an gewusst, dass er ihm nicht trauen durfte. Aber ihm gegenüber hatte sich Crowne bisher nichts zu schulden kommen lassen. Er hatte ihm die Wahrheit über Johannas Tod vermittelt, ein weiterer Beweis dafür, wie gut er Bescheid wusste.
Randolph atmete leise ein und aus und starrte dabei aus dem Fenster. War dort unten wirklich niemand? Oder beobachtete vielleicht einer von Crownes Gehilfen gerade die Fabrik?
Der Doktor hatte ein flaues Gefühl im Magen. Sein Verdacht, dass Crowne etwas mit Agatha Newcombs Tod zu tun haben könnte, schien ihm immer mehr Sinn zu ergeben. Aber er durfte nicht vergessen, dass ihm Crowne auch geholfen hatte. Ihm die Wahrheit erzählt hatte. Und dass er Melindas Mord deckte. Er hätte die Möglichkeiten dazu gehabt, alles an die Öffentlichkeit zu bringen. Stattdessen unterbreitete er ihm die Chance, den armen Mr. Porter vor dem Galgen zu retten.
Scheiße. Die Lage verkomplizierte sich, je weiter er mit seinen Ermittlungen voranschritt. Er wollte zwei Puzzleteile zusammenfügen und stieß auf ein Dutzend Neue. Aber er musste weiterforschen, musste herausfinden, was geschehen war und was geschehen würde.
Es gab zahlreiche Stationen dafür. Taylor. Wie war seine Verbindung zu Norly wirklich? Was wusste er? Angeline Towers. Wie weit war sie in Crownes Pläne involviert? Konnte er über sie mehr über die Pläne dieses Mannes erfahren? Sergeant Thomas Davies. Seinen Namen hatte er von Drake, während des Verhörs erfahren. Er war der Kerl, der das Kommando über die Polizisten hatte, die beim Haus der Mauneys aufgetaucht waren. Wusste er, wer der oder die Täter waren? Was konnte Randolph über die Strukturen der Polizei herausfinden? Es gab massenweise Spuren, denen man nachgehen konnte.
Der Doktor befürchtete, dass sich ihre Situation noch weiter zuspitzen würde, wenn sie nach London zurückkehrten. Aber dort gab es auch die meisten Informationen zu holen. Eines stand fest: Wenn sie wieder dort waren und Randolph Nachforschungen anstellen wollte, musste er darauf achten, unerkannt zu bleiben. Und Crowne schien wirklich gut darin zu sein Leute zu beobachten. Er würde geschickt vorgehen müssen.
Randolph nahm sich seinen geschriebenen Text und ließ ihn in eine Innentasche seines Mantels wandern. Es blieb noch eine finale Frage für ihn.
Melinda.

Melinda war in einem Waisenhaus aufgewachsen, weitestgehend isoliert. Als sie noch ein junges Mädchen war, hatte man sie zur Fabrikarbeit eingeteilt. Es war grauenhaft. Ihr junger Körper war nicht im Ansatz auf das vorbereitet, was ihr bevorstand. Stundenlang hatte sie schuften müssen. Ständig dem Dampf giftiger Chemikalien ausgesetzt, die ihre Lunge verpesteten. Sie begann Hustkrämpfe zu bekommen, war nur noch krank, konnte nicht mehr arbeiten. Er hatte sich damals um sie gekümmert, als es schlimm, um sie stand. Er hatte die Befürchtung gehabt, dass die Krämpfe nie wieder verschwinden würden. Ein ganzes Jahr lang blieb sie ans Bett gefesselt.
Schon im Alter von 8 Jahren war ihr Körper zerschunden. In dieser Zeit, in der Melinda häufig mit ihm zu tun hatte, hatten sie sich kennengelernt und angefreundet. Er arbeitete noch unter den wachsamen Augen seines Vaters, aber immer mehr selbstständig. Sie war noch ein kleines Mädchen, aber in ihrem kurzen Leben war ihr schon so viel Leid widerfahren, das es für ein Leben reichte.
Er hatte nicht rechtzeitig die richtigen Entscheidungen getroffen. Eine verpasste Gelegenheit, doch nun unumkehrlich. Er konnte nicht zurück in die Vergangenheit.
Melinda genas nach einiger Zeit wieder. Ihr Lungenleiden sollte bleiben, doch trat es schwächer und viel seltener ein. Als sie sich wieder einigermaßen erholt hatte, wollte man sie zurück schicken. In die Fabrik. Welche Wahl war ihr da schon geblieben? Sie war geflohen, in die Prostitution eingestiegen. Als Randolph sie das nächste Mal traf, hatte sie bereits ihre Jungfräulichkeit an irgendeinen Bastard verloren.
Was Melinda Johanna angetan hatte, war grausam. Das stand außer Frage. Aber es war auch nicht verwunderlich, dass ihre Psyche angeschlagen war, nach allem, was sie hatte durchmachen müssen. Melinda war von der Geburt an von der Welt eingehämmert worden, dass sie wertlos war. Sie schuftete für Leute aus der Oberschicht in Fabriken, wo ihr Körper malträtiert wurde. Sie diente als Hure für Männer mit sexuellen Problemen und Gelüsten, die ihr Teil in sie steckten. All dies ließ sie über sich ergehen, um zu überleben. Sie ließ es über sich ergehen, dass sie vom Großteil der Welt behandelt wurde wie Scheiße.
Vielleicht hatte sie auch deswegen Gefallen an Norly gefunden. Weil er sich für sie interessierte, weil er sie anders behandelte. Für Norly besaß sie einen Wert, war nicht nur eine austauschbare Nummer. Deswegen ließ sie sich auf ihn und seinen Plan ein.
Melinda hatte in Johanna eine Bedrohung gesehen. Ob für die Gruppe war fraglich, aber ganz sicher für ihre Beziehung zu Charles. Wenn man in der Gosse lebte entwickelte man früher oder später von Natur aus die Mentalität, dass an erster Stelle die eigenen Interessen standen. Und so war es auch hier. Sie hatte verhindern müssen, dass man ihr Charles wegnahm.
So verstand Randolph die Situation. Er konnte nachvollziehen, wie Melinda an diesen Punkt gelangt war. Aber das rechtfertigte nicht ihr Handeln. Es war ein Mord und ein kaltblütiger und brutaler noch dazu.
Er konnte nichts mehr daran ändern. Es war so geschehen.
Ich weiß nun, worauf ich zu achten habe.
Mit düsterer Miene stierte er ins Freie hinaus. Ich kann es schaffen. Ich weiß es.
Er würde Melinda beschützen. Aber er musste dafür sorgen, dass sich ein solches Grauen nicht wiederholte. Er war dafür verantwortlich. Er konnte nicht zulassen, dass sie zu einem nächsten Scarface wurde und jeden eliminierte, der ihr in die Quere kam.
Er musste es um jeden Preis verhindern. Denn wenn er es nicht schaffte, hatte er keine andere Wahl mehr. Wenn Melinda nicht mehr zu kontrollieren war und sie Menschen abschlachtete, musste er die Konsequenz ziehen.
Er liebte Melinda, doch ihre Psyche war schwer beschädigt. Wenn er sie anderweitig nicht aufhalten konnte, musste er ihr Leben beenden.
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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Umbra am Sa Aug 13 2016, 15:41

Charles lauschte Melindas Worten fast wie betäubt; nur seine Augen bewegten sich am Boden entlang, während er das verarbeitete, was er zu hören bekam. Alles rauschte vorüber, und doch blieb jede einzelne Silbe hängen. Jede einzelne. Und jede einzelne wühlte in sein Inneres mehr und mehr auf. Dieses Chaos der Gefühle zerriss ihn, das manifestierte sich sogar als körperlicher Schmerz in seiner Brust.
Erst als sich Melinda in sein Sichtfeld schob, weil sie an ihn herantrat und ihm ihre Hand auf die Wange legte, sah er auf und suchte Blickkontakt. Tränen lagen in ihren Augen. Er konnte es nicht ertragen, sie so verzweifelt zu sehen. Doch auch er selbst war zu aufgewühlt, um seine Emotionen zurückzuhalten: Als er blinzelte, spürte er erneut heiß-brennende Tränen auf seinem Gesicht. Er legte seine Arme um Melinda und zog sie an sich heran. Er wollte ihre Nähe spüren. Nichts in der Welt hätte nun tröstlicher sein können als das.
Natürlich war es absurd, was der Doktor ihr da unterstellte. Nicht eine Sekunde hatte Charles sie verdächtigt und auch nun regten sich keine Zweifel in ihm. Allerdings verunsicherte ihn, was sie darüber hinaus noch erzählt hatte, stark.
„Es ergibt alles einen Sinn… gleichzeitig auch wieder nicht“, murmelte er aufgebracht, während er seine vernarbte Wange in ihren Haaren vergrub.
„Es war dieser Porter“, erzählte er ihr. „Er hat es getan, ich weiß es. Die Polizei weiß es auch. Er ist uns aus London gefolgt und hat dafür gesorgt, dass er sich in Ruhe mit Jo…“ …hanna befassen konnte.
Charles sprach es nicht aus. Es war zu grausam… zu kaltblütig. Diese unfassbar niederträchtige Vorgehensweise war schwer zu begreifen.
Charles schnaubte.
„Er wollte nur nicht reden!“, entfuhr es ihm in einem Anflug von hervorbrodelnder Wut. Doch diese war sofort wieder verschwunden. Charles schloss die Augen und atmete Melindas Duft ein, bevor er sie wieder losließ und mit erneut gesenktem Blick den Kopf schüttelte.
„Warum tut man mir das an, Melinda?“
Das fragte er sich schon seit dem ersten Tag. Aber mit jeder Grausamkeit, die man ihm antat, umso mehr.
„Warum bringen die nicht einfach mich um und setzen dem Ganzen so ein Ende? Warum diese grausamen Spielchen? Hill hat den Anfang dieser Farce inszeniert… doch nun… Ich bin mir sicher, dass nun andere Kräfte den Scarface-Fall weiter aufbauschen. Irgendjemand, der in meiner Vergangenheit herumschnüffelt.“
Das war weitaus mehr als eine unangenehme Verletzung seiner Privatsphäre. „Ich weiß nicht, warum, aber werde es herausfinden“, war er entschlossen.
Nun war man eindeutig zu weit gegangen! Ihm Johanna vor die Nase zu setzen, ihm Hoffnung auf eine Familie zu geben (vielleicht nicht ganz so, wie er es sich immer gewünscht hatte, aber Familie war Familie), und ihm das wieder zu entreißen, war das Furchtbarste, was er sich hätte vorstellen können. Melinda hatte vollkommen Recht damit, dass die Sache vollkommen aus dem Ruder lief. Dass ihn jemand vernichten wollte, in jedweder Hinsicht und mit allen Mitteln… daran Bestand kein Zweifel mehr.
Selbst, wenn Johanna schlussendlich nun doch nicht seine Tochter war. Das war nun die nächste Nachricht, die Charles aus der Bahn warf. Er fühlte sich betrogen und verraten. Und gleichzeitig war er höchstverwirrt.
„Mein Bruder…“
Charles wusste nicht, ob er das glauben konnte.
„Warum hätte Sofia…?“
Er schüttelte abermals den Kopf. Wenn Oxley von der Sache wusste und gesagt hatte, dass sie behauptet hätte, das Kind sei von Timothy, bedeutete das, dass sein Bruder…
„Nein. Er hätte nie…“
Allerdings, wenn er ehrlich zu sich war: „Doch, hätte er. Er kannte sie.“
Dennoch ergab es für Charles wenig Sinn.
„Aber sie hat mich geliebt… ich…“
Er war all die Jahre so überzeugt davon gewesen. Er hatte keinen Moment daran gezweifelt, dass Johanna ihm die wahren Begebenheiten geschildert hatte. Vermutlich war das Mädchen selbst Opfer dieser Intrige geworden. Sie war eine schlechte Lügnerin gewesen. Sie musste überzeugt davon gewesen sein, wirklich seine, Charles‘, Tochter gewesen zu sein.
Sofia Stead war eine Krankenschwester gewesen. Charles erinnerte sich noch genau an ihre erste Begegnung. Timothy… Timothy war dabei gewesen. Gut möglich, dass das alles schon damals begonnen hatte. Gut möglich, dass Sofia sie beide belogen und betrogen hatte. Allerdings… vielleicht war Charles einfach nur naiv gewesen.
Das war alles so demütigend.
Charles ballte die Fäuste.
„Ich werde mich nicht länger verstecken und das auf mir sitzen lassen“, verkündete er zähneknirschend.
Dann wandte er sich wieder Melinda zu und legte seine Hände sanft an ihre Schultern.
„Doch erst müssen wir nach London zurück; noch heute. Sobald es dunkel ist… Wir brauchen Dunkelheit. Versprechen Sie mir, nicht allein umherzuwandern. Es ist nicht sicher“, er fixierte sie eindringlich, bevor sein Blick wieder betroffen den Boden suchte.
„Ich würde es mir nie verzeihen, wenn Ihnen etwas zustoßen würde.“
So aufgewühlt, wie er war, verschleierten ihm schon wieder Tränen die Augen.
„Bitte… bitte entschuldigen Sie mich“, murmelte er nun und suchte das Weite, während er sich die Augen mit seinem Hemdsärmel trocknete – wobei das Weite in diesem Fall nur die Abgeschiedenheit war, die das Badezimmer ihm bot.
Charles rauschte durch den Flur Richtung Hinterausgang, bog jedoch davon ins Bad ab und verriegelte die Tür hinter sich.

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Leo am Mo Aug 15 2016, 00:46

Den Rest der Kutschfahrt verbrachte auch Maura schweigend. Es konnte nicht klug sein, Norly noch mehr zu reizen, und dieses Gespräch schien ihn ziemlich aufzuregen, auch wenn sie nicht wusste, warum. Aber es passierte gerade eh nichts mehr, abgesehen von beharrlichem Schweigen, also wozu neue Wellen schlagen? Das konnte sie später immer noch tun. Wenn nötig. So hatte sie genug Zeit, ihren eigenen Gedanken hinterherzuhängen … und nicht so sehr an ihren schaukelnden Magen zu denken. Dieses verfluchte Straßenpflaster …
Sie schwieg auch noch, als Norly sie durch seinen Heimatort lotste, und sie kletterte anstandslos über die Mauer, obwohl sie darauf achtete, als letzte zu gehen (das fehlte gerade noch, dass man ihr unter den Rock guckte!) und sich Mühe gab, nicht allzu ungelenk auszusehen. Was sogar klappte. Vielleicht war sie ja doch noch nicht ganz so alt. Zwei Klettertouren an einem Tag … man konnte über diesen seltsamen Trip ja sagen, was man wollte, aber er blieb ohne Frage interessant, etwas zu interessant womöglich.
Erst bei ‚Melinda?‘ schaute Maura auf – und verfinsterte ihre Mimik unmerklich. Melinda … Melinda Benton. Sie hatte die Frau auf den ersten Blick nicht gemocht, und bisher hatte sie ihr auch keinen Anlass gegeben, diese Meinung zu ändern. Bei ihrem letzten Zusammentreffen hatte sie ihr Absinth angeboten … was allein schon schlimm genug war. Maura blieb im Zimmereingang stehen, sie merkte, dass sich ihre Arme wie von selbst verschränkten. Eng verschränkten. Der Butler, Oxley, war auch da; sie beobachtete, wie Charles ihn stürmisch begrüßte, was aber in ihr nichts bewegte. Das einzige, was sie wirklich verwunderte, war, dass Oxleys Gesicht scheinbar doch unversehrt war. Hatte Norlys Freund nicht …? Nun, scheinbar nicht. Dann jedoch fragte sie sich ernstlich, warum der Butler noch nicht in Haft auf einem Scotland Yard-Revier saß. Nicht, dass sie es ihm gegönnt hätte. Sowas gönnte man keinem.
Maura war klar, dass sie in ihrer finsteren Haltung nicht gerade einladend wirken musste, aber sie hatte nicht den kleinsten Funken Lust, daran etwas zu ändern. Norly war schon verschwunden, und Melinda Benton mit ihm, für die beiden musste sie sich also schon einmal nicht verstellen; blieben nur noch Oxley, den sie ohnehin kaum kannte, und Wright. Wright … armer Kerl. Er wirkte von Mal zu Mal, das sie ihn betrachtete, verstörter. Vielleicht war all das hier einfach zu viel für ihn, auf jeden Fall schien er die Erlebnisse nicht so gut wegzustecken wie sie selbst. Sie parierte Oxleys Eisblick gedanklich mit einem mimischen Wintereinbruch, riss sich dann aber doch zusammen und setzte eine etwas freundlichere Miene auf, während sie einen Schritt in den Raum hineinmachte; die Hände senkte sie und vergrub sie undamenhaft in ihren Manteltaschen. Es ist noch Tee da … Sie mochte keinen Tee, sie trank höchstens einmal pechschwarzen Kaffee, und wer hatte diesem Weibsbild eigentlich erlaubt, sie zu duzen? Egal. Zusammenreißen, Thomson. Mach auf harmlos. Für wen eigentlich noch?
Auch egal. Sie hielt standhaft ihr angedeutetes Lächeln aufrecht. „Mr. Oxley … eine Freude, Sie unversehrt zu sehen. Es freut mich, dass auch Sie den Scherereien mit dem Yard entgangen sind. Ich hoffe, unter den gegebenen Umständen können wir unsere kleine … Kontroverse von vorhin nun vergessen?“ Und wehe, wenn nicht. Du willst mich nicht als Feind, alter Mann.

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Umbra am Mo Aug 15 2016, 17:47

Oxleys Miene verlor schlussendlich etwas an Härte, als Maura ihm mehr oder minder ein Friedensangebot unterbreitete.
„Ich schätze, wir sind, trotz der Umstände, alle mit einem blauen Auge davongekommen...“, entgegnete der Butler.
„Es tut mir leid, dass ich gegen Sie aussagen musste, doch ich sah keine andere Möglichkeit, die Polizei ohne Ihre Hilfe loswerden, nachdem Sie schon gesehen worden waren. Ich hatte Mr. Wright vorgewarnt, dass das hier mein Heim ist und ich nicht beabsichtige, es gegen eine Zelle einzutauschen.“
Hier pausierte er kurz. Statt eisiger Kälte prägte inzwischen Kummer sein Gesicht.
„Im Endeffekt war die ganze Sache allerdings nur von kurzem Nutzen für mich, wie es aussieht. Mr. Norlys Sorge, dass ich hier nicht sicher bin, scheint mir, angesichts der jüngsten Ereignisse, nicht unbegründet zu sein. Auch wenn ich darüber nicht freudig jubilieren kann, werde ich Mr. Norlys Wunsch folgen und Sie begleiten. Ich stehe ihm bei…“, meinte er ernst und nickte, „und auch Ihnen, wenn Sie sich zukünftig auf eine Zusammenarbeit einlassen. Ich nehme an, das vorhin war nur ein Missverständnis.“
Oxley lächelte nun leicht und wies mit einer anbietenden Geste in Richtung der Polstergruppe vor dem Kamin, in der er zuvor mit Melinda gesessen hatte.
„Nehmen Sie ruhig Platz. Wünschen Sie nun Tee, während Sie warten?“

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Thorgrimm am Do Aug 18 2016, 02:45

Auf Ms. Bentons Begrüßung und Teeangebot entgegnete Gilbert nichts. Er regte sich kein bisschen und gab der Frau so auch keinen Hinweis darauf, ob er sie überhaupt gehört und verstanden hatte. Taub war der Maler in den letzten Minuten allerdings nicht geworden, auch wenn er langsam den Anschein machte. Gil hatte die Worte registriert, lediglich noch nicht verarbeitet. Ihm fiel es momentan schwer, sich überhaupt viel mit seiner Umgebung zu beschäftigen und nicht nur mit seinen Gedanken. So bekam er auch kaum mit, dass sich sowohl Norly, als auch Benton zurückzogen und er alleine mit Thomson und dem alten Mann zurückblieb.
Erst als Oxley darauf angesprochen wurde, dass er dem Yard unversehrt entkommen war, fingen einige Synapsen in Gilberts Gehirn zögerlich wieder mit der Arbeit an, vergangene Ereignisse miteinander zu verknüpfen und Erinnerungen heraufzubeschwören. Dabei war es gar nicht mal so lange her, dass er und Thomson aus diesem Haus geflüchtet waren. Eine Zeit lang hatte er sich noch Gedanken darüber gemacht, was mit Oxley und Norlys Freund geschehen war aber zum Glück war zumindest dem alten Mann nichts passiert. Auch wenn er ihn und Thomson ihrem eigenen Schicksal überlassen hatte, wünschte Gilbert ihm keinen Schaden.
Auch dann nicht, als er erfuhr, dass Oxley gegen sie ausgesagt hatte. Was hatte der Mann auch tun sollen, um sich zu schützen? Gilbert hätte vermutlich ähnlich gehandelt. Der Butler schuldete ihnen nichts. Schließlich war er es gewesen, der Thomson einfach hierher gebracht und damit den alten Mann in Gefahr gebracht hatte. Im Endeffekt hatte das überhaupt nichts gebracht. Thomson war freiwillig wieder zu Norly zurückgegangen und dabei waren sie beide dem Yard aufgefallen. Viel schlimmer konnte es jetzt nicht mehr werden.
Aber das war Gilbert egal. Er hatte sich sowieso schon dafür entschieden, das Land zu verlassen. Wenn der Yard nach ihm suchte, bestärkte ihn das nur in seiner Entscheidung. Es gab keine andere Möglichkeit mehr. Er würde kein Leben im Schatten und auf der Flucht führen können und wollen.
Schließlich, nach einer langen Zeit des Schweigens, reagierte Gilbert endlich wieder, indem er sich räusperte.
"Es tut mir Leid, dass ich sie in Gefahr gebracht habe. Das war nicht meine Absicht gewesen. Ich hatte nur den Wunsch, Ms. Thomson in Sicherheit zu bringen. Wissen sie, ich bin ein einfacher Maler. Für solche Aktionen und ihre Folgen habe ich einfach kein Gefühl." Es war eine schwache Entschuldigung und Entschädigung für das, was er dem Mann angetan hatte.
"Ich habe mir nicht gewünscht, mit Mr. Norly zusammenzuarbeiten. Ich habe mir auch nicht gewünscht, zu einem Mittäter bei einem Mord zu werden oder eine Kutsche zu stehlen. Diese ganze Situation wächst mir über den Kopf." gab er schließlich, niedergeschlagen, zu. Ob man ihm zuhören wollte oder nicht, er musste seine Gedanken endlich loswerden.
"Ich habe gesehen zu was Mr. Norly und seine Freunde fähig sind. Als ich Ms. Thomson bewusstlos in der Kutsche liegen sah, wusste ich nicht, was er, oder einer der anderen, mit ihr vorhat. Ich habe einfach die Gelegenheit ergriffen und nicht genug nachgedacht. Das tut mir leid." Gilbert seufzte und steuerte einen der Polstersessel am Kamin an. Er ließ sich darin nieder bevor er fortfuhr.
"Jetzt bin ich dazu gezwungen, das Land zu verlassen. Vor allem nachdem sie gegen mich ausgesagt haben." Er machte eine Pause und verbesserte sich schnell. "Das soll nicht heißen, dass ich ihnen einen Vorwurf mache. Ich hätte das gleiche an ihrer Stelle getan. Was ich damit sagen will..." er stockte. "... ach ich weiß auch nicht. Darf ich wohl so unverschämt sein und sie um einen Schluck Alkohol bitten?" Tee würde ihm jetzt überhaupt nicht weiterhelfen.

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Leo am Do Aug 18 2016, 17:25

Maura Laune stieg, während sie Oxley zuhörte. Vielleicht war der Butler ja doch nicht so ein Idiot, wie sie gedacht hatte. Jetzt, nüchtern betrachtet, wirkte er sogar wie ein recht vernünftiger Kerl. „Selbstverständlich, nur ein Missverständnis … Schön, dass wir einer Meinung sind.“ Sie hob die Hände wieder aus den Manteltaschen, während sie sich setzte, dann jedoch gleich hinzufügte: „Ich danke Ihnen, aber ich bin keine Teeliebhaberin. Ich bezweifle ohnehin, dass unser Aufenthalt hier von langer Dauer sein wird; so, wie ich Mr. Norly einschätze, wird er schon bald zum Aufbruch drängen.“ Und das würde wahrscheinlich auch das Beste sein. Der Yard war schon einmal hier gewesen – wer wusste schon, wann er noch einmal aufkreuzen würde? Und wenn man sie nun für eine Verbrecherin oder was auch immer hielt …
Hauptsache, sie zogen William nicht mit hinein. Aber Maura konnte sich nicht vorstellen, dass Oxley ihren Namen gesagt hatte. Kannte er den überhaupt? Vielleicht war es besser, damit noch zu warten. William … sie erinnerte sich, wie Charles von London gesprochen hatte. Ihrer alten Heimat … eine furchtbare Stadt, doch mit ihrem ganz eigenen Charme, gründlich versteckt unter schmutzigen Dächern und noch schmutzigeren Menschen. Wenn es wirklich nach London gehen sollte, musste sie ihm unbedingt noch eine Nachricht zukommen lassen. Irgendeine gut gemeinte Lüge … sie würde einige Tage fort sein, er solle sich keine Sorgen machen und so weiter …
Mr. Wright sprach nun ebenfalls, doch Maura hörte gar nicht richtig hin; in Gedanken war sie einmal mehr bei ihrem Sohn und hatte nur ein halbes Ohr für die Situation. Dass Wright, diese Memme, mal wieder jammerte und sein Schicksal schlimmer beklagte als ein antiker Tragödienheld, war auch so gut zu hören. Hätte sie genauer zugehört, hätte sie bestimmt nur die Augen verdreht. Sophokles vom Feinsten. Sie horchte erst auf, als sie ihren Namen hörte, bis sie den Zusammenhang begriff. Ja, sie hatte bewusstlos in der Kutsche gelegen, betäubt von Norly, diesem Entführer … eigentlich überraschend, dass sie ihm das so schnell vergeben hatte. Was natürlich nicht bedeutete, dass sie nicht trotzdem schlecht auf ihn zu sprechen war, doch das hatte mittlerweile genügend andere Gründe. Eines musste man Charles Norly lassen: Im Schlechte-Pläne-Schmieden war er grandios.
Hoffentlich war der London-Plan nicht genauso mies durchdacht.

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Umbra am Fr Aug 19 2016, 15:21

Oxley nickte, als Maura zustimmend auf seine Worte reagierte und akzeptierte auch so, dass sie den angebotenen Tee ablehnte.
Gilberte Worte nahm der Butler allerdings offenbar mit gemischten Gefühlen auf. Sein Gesichtsausdruck zeugte zum Schluss von skeptischer Unzufriedenheit.
„Wenn Ihre Misere wirklich so ernst ist“, antwortete Mr. Oxley, als Gilbert sich selbstmitleidig in einen Sessel hatte sinken lassen und nach Alkohol fragte, „wie Sie sie sich gerade ausmalen, erst recht umgeben von Mr. Norly und seinen skrupellosen Freunden“, fügte er, an diesser Stelle leicht missgestimmt klingend ein, „ist es bestimmt ratsamer, bei klarem Verstand zu bleiben, Sir.“
Er machte keine Anstalten, Gilbert das Gewünschte zu bringen.
„Reißen Sie sich zusammen, junger Mann“, forderte er den Maler stattdessen auf.
„So wie mir es geschildert wurde, war es unvermeidbar, diesen verrückten Iren unschädlich zu machen, bevor er großes Unheil angerichtet hätte. Ich kenne den ‚Mörder‘, wie Sie ihn nennen, gut genug, um fest überzeugt zu sein, dass er besten Gewissens gehandelt und nur seine Pflicht getan hat. Sie sollten dankbar sein, dass jemand dazu bereit ist, Ihnen den Rücken freizuhalten, wenn Sie einmal wieder nicht genug nachdenken. Anstatt vor allem zu fliehen und sich lauthals über Unannehmlichkeiten zu beklagen, könnten Sie sich konstruktiv mit Ihrer Situation auseinandersetzen“, schlug Oxley vor.
„Selbstmitleid wird Ihnen nicht weiterhelfen, genauso wenig, wie sich vor den Konsequenzen Ihrer Fehler zu verstecken. Es reicht schon, dass Mr. Norly gerade neben sich steht, aber er hat, weiß Gott, weitaus bessere Gründe dafür als Sie.“

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

Beitrag von Umbra am So Aug 21 2016, 15:29

Charles ließ das Wasser einen Moment lang laufen und beobachtete, wie in Trance, den Strudel, der um den Abfluss kreiste und schlussendlich von diesem verschluckt wurde. Endlich hatte er einen Moment für sich. Allein mit seinen Gedanken.

Seine Gefühlswelt hatte sich seit seinem fluchtartigen Aufbruch verändert. Wut und Schmerz hatten sich in andere Wut und anderen Schmerz verwandelt. Nun war es nicht mehr so, als hätte jemand ihm das Herz aus der Brust gerissen, sondern als würde ein verzehrender Flächenbrand in ihm toben. Was Melinda ihm erzählt hatte, verwirrte ihn und schuf paradoxerweise gleichermaßen Klarheit. Verrat und Betrug, damit hatte er es zu tun, auch wenn das die Grausamkeit, die dahinterstand, nicht minderte – im Gegenteil. Sie schien nun nur noch perfider zu sein.
Melindas Worte hallten in seinem Schädel nach: „Die Sache läuft völlig aus dem Ruder, irgendjemand will dich vernichten und uns alle anderen noch dabei. So wie es aussieht, will man die Gruppe spalten.“
Sie hatte Recht, das wusste er. Nicht nur er war noch Ziel des Scarface-Spiels, sondern auch diejenigen, die er selbst mit in die Sache einbezogen hatte.
Irgendjemand hatte in seiner Vergangenheit herumgeschnüffelt und war auf Sofia Stead gestoßen. Dieser jemand hatte sie ihm als seine Tochter vorgestellt, nur um sie ihm anschließend wieder kaltblütig zu entreißen. Es war unvorstellbar abartig. Selbst, wenn das Mädchen nicht seins war, so hatte er, bis vor wenigen Augenblicken, nicht daran gezweifelt. Sein Schmerz und sein Kummer waren echt gewesen. Man hatte ihn betrogen, ihm seine Unzulänglichkeit vorgehalten; eine Sünde seiner Vergangenheit, und eine mögliche Konsequenz: Das zerstörte Leben einer jungen Frau und ein Kind, das ebenso darunter gelitten hatte, ohne intakte Familie aufgewachsen worden zu sein.
Es musste so sein, dass man ihm brechen wollte, nachdem die bisherigen Morde vielleicht nicht den erwarteten Zweck erfüllt hatten. Doch Charles war entschlossen, nicht aufzugeben. Jetzt erst recht nicht…
Jedoch konnte er nicht abstreiten, dass die Vorfälle ihn trotzdem stark mitgenommen hatten. Die Nachricht von Johannas und Sofias blutrünstigem Ableben… die Erlebnisse in Salford… die Rache an Porter, diesem verschwiegenen Schweinehund, die Charles sich fast genommen hätte… und nun die demütigende Erkenntnis, dass er nicht nur von Johannas Mördern hinters Licht geführt worden war, sondern auch von Sofia und sogar Timothy vor so vielen Jahren. Wenn er ehrlich zu sich war, überraschte ihn Timothys Rolle bei der ganzen Sache nicht. Aber dass Sofia ihm etwas vorgemacht hatte… Charles ärgerte sich, so naiv gewesen zu sein.
Es war wohl Ironie des Schicksals, dass sie sich den falschen der Norly-Brüder als den Vater für ihr Kind ausgesucht hatte. Während Timothy sie und seine Vaterschaft verleugnet hatte, hätte Charles alles darangesetzt, für Sofia zu sorgen. Und für Johanna. Er hätte sie geheiratet. Vielleicht war es an dieser Stelle auch Glück für Charles selbst, dass es anders gekommen war. Wobei sein Leben sicher anders verlaufen wäre und bestimmt nicht in seiner jetzigen Situation geendet hätte. Johanna und Sofia hatten beide den Tod nicht verdient. Und auch Timothy nicht. Charles hätte nun gern jemanden gehabt, den er anschreien konnte. Sein Bruder wäre eine exzellente Wahl gewesen. Auch mit Porter war Charles eigentlich noch nicht fertig…

Charles löste sich aus seiner Starre und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Sich mit der nassen Hand durchs Gesicht zu fahren, war eine angenehme Erfrischung. Das tat genauso gut, wie sich nicht mehr von vorwurfsvollen Blicken beobachtet und von aufdringlichen Menschen gestört zu fühlen. Er hatte in letzter Zeit verschiedene Extreme kennengelernt: das wochenlangen Verstecken und Meiden von Gesellschaft, und Personen, die sich dreist und ungefragt in sein Leben einmischten. Mit beiden würde er sich wohl wenig anfreunden können.
Gerade war er dankbar für die Abgeschiedenheit… Auch wenn sie nicht so aussah, wie er sich das vorgestellt hatte.
Charles trocknete Hand und Gesicht in einem flauschig weichen Handtuch. Die Stimmen der anderen murmelten irgendwo im Haus, und das trug dazu bei, dass seine Anspannung nicht verschwand oder sich zumindest verringerte. Er hatte das Bedürfnis nach Stille. Dieser Umstand reichte aus, um sich immer noch in die Ecke gedrängt zu fühlen. Er griff nach seinem Notizbuch… um erneut festzustellen, dass es sich nicht dort befand, wo es sein sollte. Genervt davon, und allgemein von allem, verspürte er den Impuls, auf irgendetwas einzuschlagen. Doch stattdessen griff er unwirsch nach einem Blatt Toilettenpapier und zückte seinen Füllfederhalter. Die Notiz, die er auf dem groben, saugenden Fetzen hinterließ, verlief ein wenig, jedoch blieb lesbar. Er platzierte sie, gut sichtbar, neben dem Waschbecken, bevor er leise die Badezimmertür wieder entriegelte, damit sie von der anderen Seite wieder zugänglich war und nicht aufgebrochen werden musste.
Charles selbst wählte jedoch den Weg aus dem Fenster.

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Re: Götterblut - Kapitel 4: Jäger und Gejagte

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