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Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Darnamur am Mo Sep 10 2012, 19:20

"Dann sollst du eine Antwort bekommen, Melinda!", sagte Randolph. Er fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr. Seltsamerweise empfand er es so, als hätte sich die Kontrolle wieder ihm selbst zugewandt, obwohl nun Scarface... Mr. Norly den Revolver wieder in den Händen hielt.
"Ja, vermutlich hätte ich es verdient, auf einem solchen Plakat zu landen! Doch was erwartest du eigentlich von mir, wenn du diesen Mann in mein Haus schleppst, der des zwölffachen Mordes bezichtigt wird? Auch jetzt bin ich mir noch nicht sicher, ob seine Worte wirklich der Wahrheit entsprechen. Du solltest dankbar dafür sein, dass ich euch in soweit getraut habe, nicht sofort zu Scotland Yard zu marschieren! Und um ehrlich zu sein, weiß ich auch nicht mehr, ob ich dir vertrauen kann! Dieses Jahr habe ich dich ein einziges Mal gesehen. Du bist mir fremd geworden, Melinda! Genauso wie diese ganze, verfluchte Stadt!"
Er wandte sich wieder Mr. Norly zu: "Was ich mir von diesem Geständnis erhoffe?" Randolph lachte freudlos: "Rein gar nichts! Im Grunde war mein Plan gewesen, herauszufinden, ob Sie Mr. Norly oder Scarface, der Metzger sind. Doch ich habe nicht das Recht über Leben und Tod zu urteilen. Gerade ich nicht. Zugegeben wäre es nicht unangenehm, wenn Sie meiner erbärmlichen Existenz hier und jetzt ein Ende setzen würden! Sie würden immerhin kein Alibi benötigen!" Randolph verzog hämisch das Gesicht: "Interessant übrigens, dass Sie Verständnis für einen Vatermörder zeigen. Anscheinend bin ich nicht der Einzige hier mit einem Dachschaden! Wir sollten einen Club gründen. "Der Abschaum Londons": Mörder, Huren und anderes Gesindel! Sie bleiben natürlich außen vor, meine reizende Ms. Stead! Es liegt mir fern, Sie zu kränken!"
Randolph besah sich die junge, schüchterne Frau. Seit sie den Raum betreten hatte, hatte sie noch kein Wort gesagt. Er versuchte, sie aus der Reserve zu locken: "Darf man eigentlich erfahren, welche Rolle Sie in diesem Haufen spielen? Natürlich ist es inzwischen nur vernünftig, dass Sie glauben, ich könnte Sie als Dessert verspeisen, aber ich versichere Ihnen, das dem nicht so ist. Und es ist im übrigen auch wirklich so, dass ich meine Tat bereue! Ich bereue den Tod meines Vaters. Er war schmerzlos gewesen. Zumindest das kann ich sagen. Zuerst habe ich ihn mit einem Schlafmittel in seinem Tee lahmgelegt und ihm dann den Inhalt einer tödlichen Ampulle in die Halsschlagader gespritzt!"
Während er redete und redete und redete, soviel, dass Mr. Norly sich vermutlich verzweifelt fragte, wann er wieder zu Wort kommen könnte, dachte Randolph nach, wie es nun weitergehen sollte. Diese Unterhaltung hatte doch eigentlich jeglichen Sinn verloren. Und wie sollte es mit seinem Leben weitergehen? Selbstmord wäre eine Lösung, aber dann müsste Randolph seine Mutter alleine zurücklassen. Er konnte seine triste Tätigkeit als Chirurg fortführen und weiter in die Leiber anderer Menschen sehen. Oder er machte es gleich so wie seine Mutter und wurde ebenfalls Alkoholiker. Ich saufe, bis ich sterbe - dann kann mir niemand vorwerfen, Selbstmord begangen zu haben. Und vielleicht konnte er dann auch einen Teil dessen, was er getan hatte, vergessen. Zumindest für einen kleinen Augenblick. Doch insgeheim wusste Randolph, dass es dazu nicht kommen würde. Er hatte dem Alkohol auf ewig abgeschworen. Nein, sein Leben würde genauso bleiben, wie es war, daran konnte er nicht das Geringste ändern, dazu hatte er zu viele Fehler gemacht und zu viel Zeit war vergangen. Sinnlos verronnen, ohne dass er sie je gelebt hatte. Wenn Randolph Tremaine in den Spiegel starrte, sah er keinen Mann im Alter von 31 Jahren, er sah einen Greis. Seine Augen waren blutunterlaufen, seine Haut ausgezehrt und bleich. Und wenn sein Mund lächelte, verzogen sich die Züge zu einer grausamen Grimasse, die seine Patienten fürchteten wie die Pest.
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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Druzil am Di Sep 11 2012, 07:27

Alan ergriff die funzelnde Öllaterne, auch wenn er wusste, dass er durch ihren Schein selber leichter auszumachen war. Doch wenn er herausfinden wollte, was sich hinter dieser monströsen Maschinerie verbarg, musste er dafür Sorge tragen, sie genauer in Augenschein nehmen zu können. Warum die Halle selber so spärlich beleuchtet war, blieb für Alan ein Rätsel, aber scheinbar konnte die Maschine auch unter diesen stickigen und zwielichtigen Bedingungen bedient werden.
Um sich einen besseren Überblick zu verschaffen und selber nicht als zu schnell entdeckt zu werden, erklomm er die Treppe und begab sich vorsichtigen Schrittes auf die oberste Etage des Treppengerüsts.

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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Umbra am Mi Sep 12 2012, 22:09

Charles war es so leid, Dr. Tremaines Stimme lauschen zu müssen – und vor allem den Worte, die aus dessen Mund hervorsprudelten. Wäre der Arzt ebenfalls in Chief Commissioner Hills Haus gewesen, hätte Charles noch Kraft gehabt, gescheit mit dessen Geständnis umgehen zu können. Aber nun… Es war einfach zu viel für sein dröhnendes, schwächelndes Haupt.
Es hatte ihn nicht wirklich schockiert, überhaupt auf einen Mörder zu treffen, das gestand er sich ein, jedoch rief die fast schon selbstverliebte Art, in der Dr. Tremaine sein Vorgehen schilderte, leichte Abscheu in ihm herauf. Mit dem Tod Anderer sollte man nicht prahlen, selbst wenn man deren Leben gerechtfertigt ein Ende bereitet hatte.
Kann man bereuen und gleichzeitig stolz auf seine Tat sein? Vermutlich schon. Die Welt ist voller Paradoxa. Und dass man sich selbst zuwider, aber gleichzeitig dennoch überzeugt von sich und seiner Sache sein kann, weiß ich selbst nur zu gut.
Dennoch ertrug Charles es einfach nicht mehr, den Chirurgen zu hören, nicht jetzt und heute.
Deswegen wartete er auch nicht ab, ob Ms. Stead dessen Frage antworten würde, obwohl es ihn selbst auch sehr interessierte, warum die junge Frau überhaupt mitgekommen war, und fing einfach an, auf Dr. Tremaine einzuplaudern.
Trotzdem Charles merkte, dass er angeschlagen war: Reden konnte er auch jetzt noch, da brauchte es schon einiges mehr, um ihn seiner Rhetorik zu berauben.

„Nun können Sie auch sagen, dass ich nichts von Ihnen annehmen werde, wenn Sie auf die Idee kommen sollten, mir irgendetwas anzubieten“, griff Charles die Formulierung des Arztes, dass dieser zumindest sagen konnte, dass der Tod dessen Vaters schmerzlos gewesen war, auf.
„Sie können sich also die Mühe und den Atem sparen – und unterlassen Sie es höflicherweise, Ms. Bolt und mich zu sich in den Dreck zu ziehen und uns alle mit den Details Ihres Verbrechens zu belästigen.
Vielleicht sollte ich an dieser Stelle auch erwähnen: Ich kann es absolut nicht leiden, wenn man mich verspottet – und dass man mich ‚Scarface‘ nennt, geht arg in diese Richtung. Nur weil ich so aussehe wie ich aussehe, müssen Sie mich nicht andauernd darauf hinweisen. Das weiß ich längst – schließlich bin selbst daran schuld, dass ich diese Narbe habe, und laufe auch schon seit mehr als nur ein paar Jahren damit herum. Also verschonen Sie mich damit“
, bat er seufzend.
„Es ist immer die gleiche Leier mit Leuten wie Ihnen. Kaum sehen sie jemanden mit entstelltem Gesicht, halten Sie ihn gleich für einen niederträchtigen Halunken. Wissen Sie was?“, fragte Charles, nun sogar wieder mit einem Lächeln auf dem Gesicht, denn beim Reden fühlte er sich einfach in seinem Element.
Selbst das, worüber er gerade sinnierte, betrübte ihn nicht wirklich – damit hatte er sich längst abgefunden.
„Das ist nicht meine einzige Narbe, bei Weitem nicht, und ich habe mindestens eine, die noch übler aussieht. Und wie sich das hier so anfühlt“, schätzte er und wies mit dem Zeigefinger in Richtung seines Kopfverbands, „wird das eine weitere Narbe geben, die mich zieren wird. Immerhin“, lachte er, zwar amüsiert, aber doch nicht ganz ohne Bitterkeit, „werde ich so den berüchtigten Pressenamen für meine Person, die auf meine Vernarbtheit anspielen, gerecht und sehe zum Glück besonders mit meiner tiefen Schramme im Gesicht weniger wie mein Vater aus. Das gefällt mir daran sogar.
Mein Vater“
, wiederholte er etwas langezogen. „Ja da habe ich eine schöne Überleitung geschaffen – nicht wahr?“
Ein selbstzufriedenes Grinsen schlich sich in sein Gesicht.
„In der Tat“, bestätigte er die Worte, die eine gehässige Fratze aus Dr. Tremaines Gesicht geformt hatten.
„Ich habe Verständnis für einen Vatermörder. Ich möchte hier in diesem Moment nicht näher ausführen, warum“, gab er zu, denn vor Allem wollte er nicht vor dem Chirurgen davon reden.
„Es muss reichen zu sagen, dass mein Vater ein absoluter Mistkerl war“, befand er und aus seiner Stimme war nun vielleicht doch ein bisschen Verstimmtheit heraushörbar.
Selbst jetzt, Jahre nach dessen Tod, spürte Charles noch immer unüberwindbaren Groll in sich.
Wenn Charles überhaupt von seinem schwierigen Verhältnis zu seinem Vater erzählen würde, das ihn eigentlich sogar in mehrerer Hinsicht in die aktuelle Situation befördert hatte, wollte er das nicht machen, um sich zu rechtfertigen. Das ging niemanden etwas an. Nicht eine einzige Person, die noch lebte –außer Charles selbst natürlich –, wusste, was genau alles vorgefallen war, das sein Urteil über seinen Vater begründet untermauern würde. Er würde seine Erlebnisse mit niemandem teilen, dem er nicht vertraute – wenn dann überhaupt danach gefragt wurde.
Charles war schon immer sehr redselig gewesen und sprach eigentlich viel von sich selbst, wenn auch eher unbewusst und nicht mit der Absicht, eingebildet zu klingen – was aber viele Gesprächspartner so auffassten und sich darüber ärgerten. Dennoch gab im Grunde wenig Details von dem preis, was ihn wirklich ausmachte.
„Wenn ich den Mumm dazu gefunden hätte, mich von ihm zu befreien“, überlegte er laut, „am besten zu einem frühen Zeitpunkt, wäre ich körperlich unversehrt geblieben, hätte nicht Jahrzehnte meines Lebens verschwendet, würde ganz sicher nicht als Massenmörder verfolgt werden und wäre nun wahrscheinlich sogar glücklich und zufrieden.
Nein“
, lachte Charles mit einem resigniert klingenden Schnauben, „stattdessen ich habe mich einfach von ihm ferngehalten, wenn es ging. Was hat mir das gebracht? Nun bräuchte ich wohl tatsächlich kein Alibi, wenn ich sie umbringen würde, Dr. Tremaine. Ich habe das Gefühl, dass mir sowieso jeder Mord angehängt wird, der in dieser Stadt verübt wird. Ein Opfer mehr oder weniger würde nichts daran ändern, dass ich schon bald baumeln werde.
Natürlich, die Beweislage ist erdrückend“
, spie er beinahe aus. Dieser Satz und die folgenden zwei troffen vor Sarkasmus.
„Nur weil den Opfern das Gesicht aufgeschlitzt wurde, muss das ja auf mich zurückzuführen sein, weil ich mich für meine eigene Narbe rächen will, oder was weiß ich, was noch für Vermutungen kursieren! Die Möglichkeit, dass jeder beliebige Mörder so vorgehen könnte und vielleicht jemand so schlau sein könnte, gerade deswegen zu schlitzen, damit er ungeschoren davonkommt, während ich verurteilt werde, besteht ja überhaupt nicht!“

Charles fuhr sich mit der rechten Hand müde durch sein Gesicht.
„Absolut lächerlich. Aber nicht alle Opfer wurden entstellt“, rief er sich ins Gedächtnis.
Nun sprach er die Gedanken aus, die ihm schon eine gefühlte Ewigkeit keine Ruhe ließen, seine Stimme war plötzlich viel leiser und gefasster, eher ein Murmeln, das ihm unbewusst über die Lippen drang.
„Nicht Harrold Mauney, dieser Reederei-Aktionär. Der Mord an ihm weicht sehr von den anderen ab. Er wurde mit einer Schrotflinte erschossen, nicht mit einer herkömmlichen Feuerwaffe, und hat auch kein Messer zu spüren bekommen – aber dennoch eine unschöne und auch sehr blutige Angelegenheit. Seine Frau stand ja direkt daneben, das war sicherlich keine schöne Erfahrung für sie.
Nur dass ich nicht zugegen war, obwohl sie mich als Täter identifiziert hat… Bei keinem einzigen der Morde war ich anwesend, doch überall, wo es Zeugen gab, will man mich gesehen haben. Was hat das zu bedeuten? Korruption und Zeugenkauf, ganz sicher, doch wer veranlasst das alles? Hill, vielleicht, doch das macht keinen Sinn, nicht wirklich. Zehn Morde, dreizehn Opfer. Nicht zwölf!“
, berichtigte er Dr. Tremaines Worte, die dieser inzwischen bereits vor einiger Zeit an Melinda gerichtet hatte.
„Ist diese Summe denn zu fassen? Warum sollte ich so etwas tun? Warum sollte überhaupt jemand so etwas tun?“

Nun wurde Charles bewusst, dass er die letzten Sätze nicht nur laut gedacht, sondern auch eher vor sich hingebrabbelt als dass er mit den anderen Personen im Raum gesprochen hatte.
Es war ihm etwas peinlich und seine Augen starrten nicht mehr in die Leere, als er sich mit vorgehaltener Faust räusperte und in seiner normalen Stimmlage, nun wieder an Dr. Tremaine gerichtet, weitersprach.
„Verzeihen Sie, ich war wohl gerade nicht wirklich ganz bei der Sache... Warum eigentlich zwölf?“, fragte Charles verwundert, aber nun auch wieder mit leichtem Ärger in der Stimme, da er sich wieder des Spotts des Arztes über ihn bewusst wurde, der ihn nur allzu sehr an die Worte von Alan erinnerte, die dieser in Chief Commissioner Hills Haus an ihn gerichtet hatte.
Dieses Mal – im Gegensatz zu seinem bewusst ärgernden Worten gegenüber Alan – legte Charles es wirklich nicht bewusst darauf an, dass man in ihm einen Irren erkennen mochte.
Er stand einfach neben sich, das nahm er zwar wahr, aber er war zu erschöpft, um wirklich zu merken, dass sein Verstand ihm auf dessen eigene Weise Streiche spielte, indem dieser ihm das Denken erschwerte und dabei auch seine Gefühle durcheinanderwarf.
„Ein Dutzend, das sagte Mr. Stirling auch. Ich wiederhole mich heute Nacht andauernd und höre ständig das Gleiche! Genauso wie dieses Clubgefasel… Vielleicht wollen auch Sie ein Baumhaus als Versteck? Mmh, nein?“, fragte Charles nun schon etwas provokant nach, obwohl Dr. Tremaine und auch Ms. Stead wohl keine Ahnung haben dürften, von wem und von was er überhaupt sprach.
„Umbringen werde ich Sie jedenfalls nicht, Doctor!“, stellte Charles noch einmal mit entschlossener Grimmigkeit klar. „Wenn Sie sich selbst so bemitleiden, dass Sie unbedingt sterben wollen, sollten Sie das schon eigenhändig erledigen! Ich spiele hier keinen guten Samariter, der Ihnen den Gnadenschuss gibt, nur weil Sie denken, dass ich nichts mehr zu verlieren habe!
Eine einzige Sache ist mir geblieben“
, betonte Charles, „und das ist meine Selbstachtung – zumindest der winzige Rest, den man mir noch zugesteht. Den werde ich für Sie nicht auch noch wegwerfen!“
Zumindest diese Wortwahl durfte Ms. Stead bekannt vorkommen, dessen war sich Charles bewusst, denn so ähnlich hatte er es in der Gasse, in die er sie als seine Geisel gebracht hatte, ebenfalls formuliert.
Doch es hatte einen bestimmten Grund, warum er es unter diesen anderen Umständen nochmals erwähnte: Es entsprach, leider Gottes, der Wahrheit, denn es war nichts mehr von dem übrig, was ihm jemals wichtig gewesen war.

Charles hatte keine Lust, weiterzureden – was man ihm sicherlich auch angehört hatte. Er war erschöpft und jetzt auch erneut sichtlich verärgert.
„Wie Sie sehen, bringe ich Ihnen die Erkenntnis, die Sie suchten, Dr. Tremaine: Ich bin sowohl Mr. Norly als auch Scarface, der Schlächter von London! Ungerechtfertigterweise, denn ich habe mir beides nicht ausgesucht! Aber ich kann mir aussuchen, was ich damit anfange.
Und jetzt“
, verkündete er mit einem bedeutungsvollen Ton in der Stimme und einem Nicken, „werde ich gehen.“
Charles hatte seinen Standpunkt nun wohl zur Genüge deutlich gemacht und sah auch keinen Grund, der ihn noch im Haus des Arztes hielt. Nun stand er wieder von der Couch auf, entschlossen, seine Ankündigung in Kürze in die Tat umzusetzen.
Wieder überkam ihn etwas Schwindel, doch er ignorierte dieses lästige Gefühl, zog seine Hosenträger wieder über seine Schultern und steckte den Revolver in seinen Hosenbund zurück. Er versuchte erst gar nicht, sein Hemd zuzuknöpfen – das würde bei seinen eigeschränkten Möglichkeiten nur zu viel Zeit kosten und ihn wieder in Verlegenheit bringen –, sondern griff gleich zu seiner Weste, die er vor dem Schlafengehen ordentlich auf eine Armlehne der Couch gelegt hatte, schlüpfte hinein – auch ohne sich um Knöpfe zu scheren, die allesamt geöffnet blieben – und begann dann, mit verdrießlichen Bewegungen wenigstens seine Krawatte zu binden, damit er sie nicht unterwegs verlor.
Ihm war gleich, was die Damen und erst recht der Chirurg von seinem Aufbruchsplan hielten, denn Charles würde in jedem Fall von hier verschwinden.
Er sehnte sich nach Stille. Nach den letzten Wochen hätte er nicht gedacht, dass er sich diese jemals wieder wünschen könnte, aber er wollte sich einfach nicht über neue Dinge ärgern müssen, die Dr. Tremaine von sich gab.
Außerdem brauchte Charles Schlaf. Den würde er hier ganz sicher nicht finden.

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Der metallene Griff der Öllaterne fühlte sich in Alans Hand klamm und kratzig an. Offenbar hatte sie schon einige Zeit in dieser dunstigen Halle verbracht und war vom Rost stark angefressen – nicht so die Rohre und anderen Maschinenteile. Diese schienen nur angelaufen zu sein und klebten vor öligem, schwarzen Staub.
Alan musste sich zum Glück nicht an ihnen vorbeizwängen, sodass er sich hätte vollschmieren und seine Kleidung hätte ruinieren müssen. Allein seinem Kopf kamen die Leitungen häufig gefährlich nahe. So war es besonders an den nicht seltenen Stellen, an denen zwielichtige Verhältnisse herrschten, stark von Vorteil, immerhin etwas Licht bei sich tragen zu können. Jedoch war jenes, das diese Öllaterne ausstrahlte, enorm spärlich, auch weil das dreckverkrustete, aufgeheizte Glas deutlich weniger des feurigen Scheins hindurchließ als es im Normalfall möglich gewesen wäre.
Alan erklomm Stufe um Stufe des vom Kondenswasser angefeuchteten Treppengerüsts, jedoch verliehen ihm die eingestanzten Löcher, die dem Metall Profil gaben, genügend Sicherheit, sodass er wenigstens nicht allzu leicht ausrutschen konnte.
Innerhalb des Gewirrs von Maschinenteilen war es ziemlich schwer, sich einen Übersicht zu verschaffen, und erst als Alan in der obersten Etage – der dritten Ebene, wenn man den Fußboden mitzählte – angekommen war, änderte sich das. Hätte man eigentlich erwarten können, dass es hier oben besonderes heiß und stickig, wenn nicht sogar nebelig vor Feuchtigkeit, die in der Luft lag, war, war das nicht im Geringsten der Fall.
Alan spürte einen feinen, aber stetigen Luftzug, der hier ging, und ihn sogar, durchgeschwitzt wie er war, etwas frösteln ließ. Der Ursprung dieses ungewöhnlichen Klimas nahe unter der Hallendecke war schnell ausgemacht: Eine Be- und Entlüftungsanlage, die anscheinend eigentlich für das gesamte Gebäude ausgelegt war. Alan erkannte nun Ventilationsschächte, die an den Wänden und der Decke und teilweise auch zwischen den Maschinenteilen entlangliefen. Dennoch schien diese Apparatur nur hier oben eingeschaltet zu sein, während auf den unteren Ebenen Mensch und Maschine unter den Arbeitsbedingungen zu leiden hatten.

Im Moment hatte Alan hier oben praktischerweise ein einigermaßen freies Sichtfeld auf die Umgebung vor und unter sich. Die letztere verschwand mehr und mehr im heißen Nebel, jedoch war auch den Boden noch erkennbar.
Mit ausgestreckter Öllaterne in der einen und mit seinem Stock in der anderen Hand, schritt Alan vorsichtig und aufmerksam die oberste Etage ab und versuchte, sich einen groben Überblick zu verschaffen.
Die Lücken zwischen den mechanischen Bauteilen waren teilweise einigermaßen groß, sodass er auch abseits der Gänge Blicke auf den schmutzigen Boden und Stücke der Wände erhaschen konnte.

Aber der Aufstieg hier hinauf hatte sich aber eigentlich nur für den Blick gelohnt, den Alan von hier auf die Etagen des Treppengerüsts unter sich hatte. Von Angel war nichts zu sehen, doch als er sich mit nun eiligen Schritten vorantastete und dabei immer wieder kurz über das Geländer nach unten spähte, fiel ihm eine andere Person auf: Eine Gestalt, offenbar ein Mann, in einfacher Kleidung, wie sie Fabrikarbeiter zu tragen pflegten, und mit grober, ölbeschmierter Cordjacke um die Hüften gebunden, lag bäuchlings mit leicht angewinkelten Armen und Beinen von sich gestreckt und vor allen Dingen regungslos auf der gestanzten Blechebene direkt unter ihm.

Als Alan nach einem kurzen ersten Schrecken begriff, was er sah, wich er ruckartig vom Geländer zurück, über das er sich gerade noch gelehnt hatte, und sah sich hastig nach einer Treppe um. Er nahm die, die ihm am nächsten war, um dann, eine Etage tiefer, zu dem leblos scheinenden Arbeiter zu eilen.
Mit rasendem Puls kam Alan bei dem Mann zum Stehen und als er sich hinhockte, und seine Laterne auf den Boden stellte, um sich Gewissheit zu verschaffen, ob dieser tot oder lediglich bewusstlos war, bemerkte er ihm Augenwinkel eine Bewegung.
Deutlich aufgescheucht, riss Alan seinen Blick von dem Arbeiter – einem blonden, dürren Mann mit kantigem Gesicht, der in etwa fünfunddreißig Jahre alt sein mochte –, doch dort, wo er glaubte, etwas oder jemanden gesehen zu haben, waren nur seichte Schatten und Dampf.
Wieder eine Bewegung – diesmal rechts von ihm. Doch auch dort war nichts zu erkennen. Vielleicht hatten ihm die rotierenden Zahnräder zusammen mit seinem noch beträchtlichen Alkoholpegel und seiner Angespanntheit einen Streich gespielt.
Das änderte aber nichts daran, dass Alan von Augenblick zu Augenblick etwas nervöser wurde. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, die Halle zu betreten.
Alan hatte das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden, und es war nicht unwahrscheinlich, dass seine Sinne ihn nicht täuschten. Er wusste, dass es ratsam wäre, aufmerksam zu bleiben, denn der Lärm der Maschinen dröhnte hier, inmitten von ihnen, laut und unnachgiebig und würde damit alle anderen Geräusche übertünchen, falls es denn welche geben sollte.
Bevor Alan sich aber wieder dem reglosen Mann zuwandte, änderte sich etwas daran: Beinahe gleichzeitig standen plötzlich alle Kolben, Zahnräder, und anderen Getriebe still.
Er war irritiert, weil das Getöse auf einmal fort war, es aber in seinen Ohren nachhallte und nur noch zischende und pfeifende Kessel und Ventile zu hören waren. Dann, mit einem leichten Anflug von Panik, rappelte sich Alan hastig auf und hatte den Knauf seines Gehstocks wieder fest im Griff, um seine Klinge sofort ziehen zu können, sollte er sie brauchen.
Prüfend sah er sich um, machte einige Schritte in diese und jene Richtung, um in die Gänge zu schauen, die sich in der Nähe seines Aufenthaltsortes vom Hauptweg abzweigten, bis es ihm kalt den Rücken hinunterlief und er herumfuhr, als er hinter sich andere Geräusche vernahm.

Mr. C., dessen Gestalt wie aus dem Nichts aufgetaucht war, kam mit gemächlichen Schritten auf ihn zu und klatschte, träge und offenbar höhnisch, einige Male in seine behandschuhten Hände, während er Alan währenddessen amüsiert anlächelte.
„Dachten Sie wirklich, wir hätten nicht bemerkt, dass Sie uns folgen?“, fragte Mr. C.s tiefe Stimme mit der unglaublichen Gelassenheit, die dieser schon beim letzten Gespräch mit Alan vor nicht allzu langer Zeit an den Tag gelegt hatte.
„Dachten Sie wirklich, ich hätte Sie nicht erkannt, als ich ihn vorhin an ihnen vorbeigegangen bin und Ihnen ein bisschen Trinkgeld gegeben habe? Sie müssen uns – und vor allen Dingen mich – für unglaublich dämlich halten.“
Beiläufig strich er mit der Hand über das angelaufene Messing der Maschinerie neben sich, während er weiterging, und blieb dann direkt neben dem daliegenden Arbeiter stehen, den er keines Blickes würdigte.
„Offenbar bin ich das nicht, denn wie Sie sehen, habe ich Sie erfolgreich in diese Halle gelockt. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, weil Sie sich so viel Zeit gelassen haben“, sagte Mr. C. und nahm, während er weitersprach, für einen kurzen Moment seinen Bowler ab, um sich seine dunklen Haare aus dem blassen Gesicht zu streichen, die durchtränkt von Kondenswasser und Schweiß an diesem klebten.
„Anscheinend“, meinte er, „habe ich Sie etwas falsch, aber am Ende doch richtig eingeschätzt. Sie sind vorsichtig. Zumindest in geringen Maßen, das hätte ich nicht gedacht. Aber Ihre Neugier hat letztendlich gesiegt. Offenkundig.
Das ist genau das, was ich wollte. Ich wollte Ihnen dieses Werk von innen zeigen, da Sie sich schon die Mühe gemacht haben, uns überhaupt hierhin zu geleiten.
Sagen Sie mir: Was halten Sie von dieser atmosphärischen Kulisse, die ich Ihnen hier biete, Mr. Stirling? Es handelt sich um ein erstaunliches Konstrukt, inmitten dessen wir uns befinden, nicht wahr?
Leider“
, wies er mit gespieltem Bedauern darauf hin, „ist etwas Kühlwasser ausgelaufen, als meine Hände versehentlich an einige Hebel gekommen sind, und es hat sich dieser scheußliche Nebel entwickelt – und das Licht hier ist gerade zudem auch etwas spärlich, sonst könnten Sie das alles hier in seiner ganzen Pracht bestaunen.“
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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Druzil am So Sep 16 2012, 14:30

Alan glaubte Mr. C. kein Wort von dessen verselbstherrlichendem Geschwafel. Noch so ein Norly Gockel.
Mr. C. hatte ihn nicht hierher gelockt. Er hatte ihn vermutlich in der Halle entdeckt und versuchte nun aus seiner Not eine Tugend zu machen. Was für ein hilfloser Idiot.
"Wissen Sie, Mr. C., Sie haben eine erstaunliche Ähnlichkeit, mit jenem Mann, den zu beobachten Sie sich zur Aufgabe gemacht haben. Was ich von dieser "atmosphärischen Kulisse" halte? Was soll ich davon halten? Einem Oberklassenschnösel wie Ihnen mag dieser Metallhaufen und der Lärm ja irgendwie abenteuerlich vorkommen, gar absonderlich. Ich habe schon so manche Fabrik von innen gesehen und Maschinen der unterschiedlichsten Arten in Augenschein nehmen können. Ich erkenne in ihnen nichts anderes als das, was sie sind: Aufgehäufte Zahnräder, Schrauben, Rohre, Ventile und Zylinder. Die einen sagen, sie seien der Fortschritt, der dem Menschen diene, die anderen leiden unter diesen Geräten und sehen in ihnen die Zugrunderichtung der ehrlichen Arbeit."
Alan trat etwas dichter an Mr. C. heran und vermied dabei jeden Blick auf den verdrehten Leichnam.
"Nun, habe ich Sie hier also überrumpelt. Ja, ja, ich weiss, es war alles eine Falle und ich bin ihr gefolgt wie ein Freier einer leichtfüssigen Hure. Bleiben Sie meinetwegen bei Ihrer Version der Wahrheit. Doch was, um Ihnen etwas entgegenzukommen, wollen Sie mir denn hier zeigen, das Sie mir nicht vorhin hätten sagen können? Dass sie Besitzer einer Fabrik sind? Dass Sie Kühlwasserventile öffnen können?"

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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Elli am Mi Sep 19 2012, 19:21

"Genau das meine ich, Randolph! Ich habe noch niemals jemanden mit hergebracht, der eine Gefahr für dich dargestellt hätte. Mir eine solch unzulängliche Menschenkenntnis zu unterstellen, dass ich dir einen gesuchten Mörder ins Haus schleppe, und, im Gegensatz zu dir, musste ich mir nicht erst ein Plakat mit seinem Gesicht suchen, sondern wusste auch so, wem ich gegenüberstand, kränkt mich! Gesindel! Das habe ich nicht verdient!
Gesindel! Was soll das überhaupt! Ich mag eine Hure sein, aber noch lange kein Gesindel, genauso wenig wie es Mr. Norly ist. Vor nicht allzu langer Zeit, waren Huren noch kein Gesindel in deinen Augen, nicht wahr?"
In dem Moment, als Melinda den letzten Satz aussprach, wurde ihr bewusst, dass sie vermutlich hätte keinen wunderen Punkt hätte treffen können und biss sich auf die Unterlippe. DAS war wirklich gemein gewesen, aber als Gesindel ließ sie sich nicht beschimpfen! Sie konnte sich auch tolleres vorstellen, als sich für ihr täglich Brot (und Ale) verkaufen zu müssen, aber so war nunmal der Lauf der Dinge. Das Schicksal hatte es nicht gut gemeint mit ihr, aber sie hatte nicht vor, sich davon unterkriegen zu lassen.
"...und wie hier alle über ihre Väter jammern! Ich wünschte, ich würde meinen wenigstens kennen!" Dabei warf sie einen Blick zwischen Mrs. Stead und Mr. Norly hin und her, sprach aber das heikle Thema nicht an. Das sollten die beiden unter sich ausmachen, zumindest war das ihre momentane Einstellung zu dem Stand der Dinge. Vielleicht würde sie ihre Meinung später dazu noch ändern. Gelegenheit ist Gelegenheit hörte sie da wieder ihre eigene belustigte Stimme im Hinterkopf. Als sie einmal einer befreundeten Hure davon erzählt hatte, hatte diese nur abschätzig die Nase gerümpft und von einer Behandlungsmethode erzählt, mit der man solche Verwirrheiten des Kopfes beseitigen konnte. Dabei wurde mit einem Haken im Gehirn herumgestochert. Wie hieß der Eingriff noch gleich? Lebe...? Lare...? Loko...? Lobotomie!, kicherte die Stimme wieder. Wäre doch schade, wenn man uns beide trennen würde. Du bist ich und ich bin du!
Als Norly plötzlich davon sprach zu gehen, rief das Melinda wieder ins hier und jetzt zurück. Ohne groß darüber nachzudenken, fasste sie Norly am Handgelenk. So einfach würde er sich nicht davon machen!
"Gehen? Sie wollen gehen, Norly? Also das jetzt doch der Queen die Krone auf! Wir sind alle erwachsen genug um in Ruhe miteinander zu sprechen und nicht in einer Nacht- und Nebelaktion durch Soho zu laufen! Davon hatten wir heute Nacht wohl genug. Wir alle! Ich habe keine Lust heute noch einmal umherzuwandern und würde gerne einfach nur schlafen. Ich lasse sie mit ihrer Kopfverletzung sicher nicht alleine durch London laufen, stellen sie sich vor, sie verlieren das Bewusstsein und liegen in einer Gosse! Ausgeraubt zu werden, wäre noch das Beste, was ihnen passieren könnte! Ich bin dafür, dass wir uns jetzt alle hinlegen und ausruhen!"
Sie lockerte ihren Griff nicht, sondern hielt das Handgelenk weiterhin fest und warf Norly einen fast herausfordernden Blick zu. Sie hatte genug Action für eine solch kurze Zeitspanne erlebt.
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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Scáth am So Sep 23 2012, 20:22

Langsam wurde die ganze Situation zu viel für Johanna. Die Streitereien und Diskussionen wurden immer persönlicher und Johanna fühlte sich überrumpelt von den vielen Informationen, die sich gerade einen Weg in ihr Hirn bahnten. Worte wie 'Gesindel' und 'Hure' überhörte sie gekonnt und versuchte, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Es wurde geradezu lächerlich, als Charles sich plötzlich aus dem Staub machen wollte. Johanna stieß einen lauten Seufzer aus und schüttelte leicht den Kopf.
"Vielleicht sollten wir uns alle mal etwas beruhigen und eine Nacht über alles schlafen. Hier", sprach Johanna und blickte zu Charles.
"Mir explodiert hier nämlich gleich der Schädel und ich bezweifle, dass ich die Einzige bin, der es so geht."
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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Darnamur am Mo Sep 24 2012, 18:52

Charles erhob sich und bereitete sich für den Aufbruch vor. Randolph entging nicht, dass die Bewegungen des Mannes leicht fahrig und unkonzentriert wirkten. Vielleicht schafft er es ein paar hundert Fuß weit, bevor er zusammenbricht. Vermutlich wäre es noch nicht zu spät Charles aufzuhalten. Randolph war sich nahezu sicher, das es sich der Mann nicht nehmen würde, ihm zu antworten, sollte er weiter mit ihm sprechen. Charles Norly war kein Mann, der Dinge gerne unvollständig ließ.
Randolph hatte keinesfalls versuchen wollen, ihn und Melinda "zu ihm in den Dreck" ziehen zu wollen. Es sollte ein Scherz sein. Ein sehr schlecher Scherz. Er hatte seine Gäste nicht beleidigen wollen und die Beschreibung vom Tod seines Vaters hatte ihm keinesfalls Freude bereitet. Doch das verstanden sie nicht. So etwas konnten sie nicht verstehen. Er erkannte es in dem zornigen Blick von Melinda und der kalten Abneigung, die Charles ihm gegenüber ausstrahlte. Er war beinahe versucht, es ihnen zu erklären, Mr. Norly daran zu hindern in seinem Zustand das Haus zu verlassen, doch er schaffte es nicht. Dieser Mann war er nicht mehr. Diesen Mann hatte er in jenem Moment hinter sich gelassen, als er zum Mörder geworden war. Nein, Charles war älter als er selbst. Er musste in der Lage sein, zu entscheiden, was seinem Körper zumutbar war. Vielleicht würden ihn ja Melinda und Ms. Stead daran hindern oder mit ihm gehen. Ihm war es gleichgültig...
Dann hörte er Melindas Stimme: "Vor nicht allzu langer Zeit, waren Huren noch kein Gesindel in deinen Augen, nicht wahr?"
Randolph zuckte zusammen. Lynette... er biss die Zähne zusammen und nun war er zornig. Wie konnte sie nur? Die Hände des Doktors krallten sich in den Ledersessel, während er Melinda entgeistert anstarrte. Vermutlich wusste sie nicht einmal, was sie angerichtet hatte.

Einmal hatte es ein kleines Mädchen gegeben, das Melinda hieß und das in einem Bordell gelebt hatte. Dort hatte Randolph sie getroffen. Denn er hatte nach Lynette gesucht, der Frau, die er liebte und die eine Hure gewesen war. Sie hatten sich geliebt, zumindest Randolph hatte gemeint, sie würden sich lieben. Vielleicht hatte sie auch einfach nur eine höhere Sprosse in der englischen Gesselschaft aufsteigen wollen, um einen Chirurgen aus der Mittelschicht zu heiraten. Das hatte er sich jahrelang einreden wollen, nachdem die Beziehung geendet hatte. Zwei Wochen nach dem Tod seines Vaters. Er sah sie vor sich stehen. Jung, mit langem, schwarzem Haar, das ihr in Locken über die Schultern fiel. Und ihre blauen Augen, die einem Mann in die Seele schauen konnten. Doch keine Liebe lag in ihrem Blick, nur Entsetzen: "Du hast dich in ein Monster verwandelt, Randolph Tremaine", hatte sie mit geröteten Wangen gesagt und geschluchzt. "Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben! Verlasse dieses Haus! Sofort! Und komme nie wieder zurück!"
Das hatte Randolph das Herz gebrochen und er hatte nie wieder geliebt.

Über sein Gesicht legte sich ein Schatten und er blickte Melinda unverwandt in die Augen. Warum?, schien sein Blick zu fragen. Irgendwo meldete sich Randolphs Gewissen: Das hast du dir selbst eingebrockt! Du hättest sie nicht Gesindel nennen dürfen. Doch davon wollte Randolph nichts hören. Er dachte an Lynette und an die schönen Zeiten, die sie erlebt hatten, und wie sich alles in wenigen Tagen in Schutt und Asche verwandelt hatte. Reicht es nicht, dass ich mir selbst genug Vorwürfe mache? Randolph versuchte, die Gedanken zu verdrängen. Ihm wurde ein wenig schwindelig und Melindas Gesicht teilte sich auf in zwei und beide hatten das Lächeln von Charles Norly. Er versuchte auf die Beine zu kommen, aber sackte sofort wieder zurück. Konzentriere dich, Randolph. Er presste sich die Finger auf seine Nasenwurzel und die Welt wurde wieder klarer. Dieser Aussetzer war nicht der erste gewesen. Wenn es einmal während einer Behandlung dazu kam... Randolph lief ein Schauer über den Rücken.

Er hob den Blick. Melinda starrte ihn immer noch an. Sie erwartete eine Antwort. Ms. Stead sprach gerade mit Norly. "Ja", brachte er mühsam hervor. Sollte sie es deuten, wie sie wollte.
Seine Gedanken schweiften ihn die Ferne. Was für einen Zweck hatte sein Leben schon noch? Alles was er getan hatte, hatte ihn immer näher an den Abgrund geführt. Er hatte seinen Vater ermordet, seine Familie hatte sich von ihm abgewandt, seine Liebe war gestorben, er hasste alles und jeden, und nun hatte er auch Melinda enttäuscht. Er hätte nicht gedacht, dass er noch einen Freund hatte in dieser Welt, doch jetzt hatte er ihn sicherlich verloren. Ich werde auf Charles' Vorschlag hören. Er hat Recht, begriff er. Ich muss meinem Leben selbst ein Ende bereiten, damit mir noch ein winziger Rest Ehre bleibt. Doch es soll nicht unspektakulär geschehen. Er wollte der Nachwelt in Erinnerung bleiben. Und so kam ihm eine schreckliche Idee und sein Mund verzog sich zu einem grässlichen Grinsen, das wohl zu seinem Charakter passte.
Charles hatte von seinen Narben gesprochen und von den angeblichen Untaten, die er verübt hatte. Und das war der Funke, von dem er sich nähren würde. Er rang sich dazu durch, doch noch etwas zu sagen: "Wenn Sie gehen, werde ich Sie nicht daran hindern, Mr. Norly! Auch wenn ich es Ihnen in Ihrem Zustand nicht raten würde - aber bitte: Lassen Sie sich nicht aufhalten! Könnten Sie mir zuvor noch eine letzte Frage beantworten, rein interessehalber? Sie haben vorher von einem gewissen Harrold Mauney gesprochen. Ist es möglich, dass dieser in der New Street lebte?"
Mit etwas Glück fiel Charles auf die Finte herein, wenn nicht, würde sich der Doktor sicherlich schon zu helfen wissen. Sein Weg stand fest und daran würde ihn keiner hindern können. Du wirst mir vielleicht noch sehr dankbar sein, Mr. Norly. Ich habe vor, eine gute Tat zu vollbringen! Er konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.
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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Umbra am Di Sep 25 2012, 22:17

„Ts, ts“, machte Mr. C. mit einem scheinbar belustigten Kopfschütteln und blieb, auch wenn Alan nähergetreten war, ungerührt neben dem dürren Mann stehen, der mit dem Bauch nach unten und mit dem Gesicht Alan abgewandt auf dem metallenen, feuchten Treppengestell lag.
„Nicht so ungeduldig, Mr. Stirling. Lassen Sie mich in Ruhe ausreden.“
Mr. C. hatte den Fremden noch keines Blickes gewürdigt, sondern beobachtete aufmerksam und mit fast ausdruckslosem Gesicht jede von Alans Bewegungen. Allein, als dieser zuvor erwähnt hatte, dass er und Charles Norly sich erstaunlich ähnlich seien, war in seinen Zügen vielleicht kurz eine gewisse Unsicherheit erahnbar gewesen.
„Ich habe in der Tat viel mit Mr. Norly gemein“, bestätigte Mr. C. nun, aber ging nicht auf Alans Anschuldigung, sich die Wahrheit zu seinem Gunsten einfach zurechtzubiegen, ein.
„Dessen bin ich mir bewusst, dennoch könnten wir uns auch nicht unähnlicher sein. Diese Fabrik hier würde ihn faszinieren, er ist der Schnösel, nicht ich, nein“, stellte Mr. C. richtig.
„Er ist ein Schöngeist und Träumer – wenn damit auf seine Weise auch erfolgreich –, aber ich bin ein Mann, der ehrlicher, sinnvoller Arbeit nachgeht.
Mir gehört dieses Werk in keinster Weise. Ich habe für diesen Metallhaufen, wie Sie die Maschinerie hier nennen, ebenfalls nur Verachtung übrig. Auch wenn ich dafür andere Gründe habe als Sie. Die Ausstattung dieser Fabrik ist klobig und ineffizient. Sie ist eine Beleidigung, ein Zeugnis von der Inkompetenz des Konstrukteurs. Fortschritt kann man das in der Tat nicht nennen. Auf den Straßen Londons wimmelt es nur von armen Ingenieuren und Erfindern, die anderen ihre Kinkerlitzchen andrehen wollen, manche sind sogar talentiert; aber anscheinend verdienen nur diejenigen wirklich Geld mit ihren Tüfteleien, die sich bei den Industriellen anbiedern. Und so etwas kommt dabei heraus, es ist wirklich eine Schande. Das tut mir als Mann des Fachs in der Seele weh.
Sehen Sie, Mr. Stirling, für Idealisten ist kein Platz in dieser Welt. Alles dreht sich nur um Geld und Macht. Beides konzentriert sich gemeinsam auf dieselben Personen, denn Macht kann ohne Geld nicht sein; Geld bedeutet Macht und Macht bedeutet noch mehr Geld.
Den Lauf der Dinge ändern zu wollen, ist genauso dumm wie aussichtslos. Man passt sich neuen Verhältnissen an oder geht mit den alten unter, so ist das nun einmal.
Aber ich bin nicht hier, um Ihnen einen Vortrag zu halten, das hätte ich wirklich vorhin erledigen können. Ich rede schon so viel wie Mr. Norly, das ist eigentlich nicht meine Art. Deswegen habe ich Ihnen auch nicht gesagt, dass ich es nicht leiden kann, wenn man mir hinterherschnüffelt. Das hielt ich einfach für offensichtlich. Ich dachte, meine Drohung, dass Sie mich ernst nehmen sollten, sei deutlich gewesen.
Doch nun, da sich die Gelegenheit bietet, werde ich Ihnen demonstrieren, dass ich wenig Skrupel habe, nach Lust und Laune zu tun, woran es mir eben gerade liegt. Sie fragten meine Frau und mich, ob es unser Ziel ist, Chaos und Unfrieden in London zu verbreiten. Ich antwortete Ihnen ‚Nicht primär‘, Sie erinnern sich sicherlich. ‚Nicht primär‘ bedeutet allerdings, dass Chaos und Unfrieden durchaus ihren Reiz für uns haben. Chaos und Unfrieden für die Einen bedeutet Spaß für uns.
Nehmen wir diesen Mann hier“
, sagte Mr. C. und deutete auf die Person zu seinen Füßen, ohne sie anzuschauen. „Ich habe keine Ahnung, wer das ist. Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, dass er nicht hierhergehört. Er ist kein Nachtwächter und arbeitet noch nicht einmal tagsüber hier. Vielleicht ist er ein armer Schlucker aus Whitechapel, aber vielleicht ist auch einer der Lordschaften oder geadelten Industriellen mit Sitz im Parlament.
Einer meiner Angestellten hat ihn ausgesucht“
, erklärte er, „mit der Anweisung, zufällig zu wählen, die ausgewählte Person in Arbeiterkleidung zu stecken, sollte er oder sie nicht schon welche tragen, und hierherzubringen.
Der eigentliche Nachtwächter vergnügt sich gerade bestimmt mit seinem heutigen Bestechungsgeld mit irgendeiner Hure. Ich will nicht, dass es zu Missverständnissen kommt, sollte man eine Leiche im Schutt dieser Fabrik finden.“

Ein Lächeln schlich sich auf Mr. C. grob anmutendes Gesicht und seine Tonlage unterstrich nur die Härte, aber auch das Süffisante in seinem Blick.
‚Um wen könnte es sich handeln?‘, wird man sich fragen. ‚Was hatte er hier zu suchen? Ist es Zufall, dass er hier war, als die Fabrik in die Luft flog?‘
Und schon sind unzählige Leute abgelenkt, beschäftigt und misstrauisch. Sie spinnen sich ihre Verschwörungstheorien, gehen sich gegenseitig an die Gurgel, und lassen Angel und mich so in Ruhe dem nachgehen, was niemanden sonst etwas angeht.
Doch da Sie nun hier sind, Mr. Stirling, will ich mein Vorhaben etwas anders gestalten. Nun könnten es auch zwei oder überhaupt keine Leiche sein, wenn diese Bombe hier“
, sagte Mr. C. und zog dabei ein handliches, etwa buchgroßes Messinggehäuse aus einem Schlitz zwischen zwei Maschinenteilen neben sich, „alle anderen zündet, die ich bereits heute Nachmittag überall in dieser Halle verteilt habe. Denn, ich muss Ihnen gestehen: Ich habe nicht nur eine Schwäche für Sprengkörper, ich baue sie sogar selbst.“
Selbstsicher behielt Mr. C. den Gegenstand, von dem er behauptete, es sei eine Bombe, in der linken Hand, während er weiterredete und dabei nun nur noch mit der rechten Hand gestikulierte.
Alan konnte jedoch erkennen, dass die angebliche Bombe durchaus genau das sein konnte, denn das Gehäuse umschloss den Gegenstand nicht komplett. Zahnräder, Federn, Drähte und etwas, das mit braunem Papier umwickelt war – der Sprengstoff vielleicht? –, lagen teilweise frei.
„Machen wir mit Ihrer Hilfe also ein anderes Spiel daraus, Mr. Stirling“, fuhr Mr. C. fort und begann, an der Krone der in das Bombengehäuse eingelassenen Uhrenblatt zu drehen.
„Sie verschwinden nun von hier, dort unten ist bekanntlich die Tür“, nickte er in Richtung des Zugangs, durch den Alan die Fabrikhalle betreten hatte, „oder Sie verschwinden von hier und nehmen unseren Freund hier mit.
Er ist nicht tot“
, fügte er, darauf hinweisend, hinzu. „Nur etwas sorglos abgelegt.“
Demonstrativ setzte Mr. C. einen Fuß auf den Mann und gab ihn einem Stoß, sodass dieser auf den Rücken rollte und dabei ein Geräusch von sich gab, das sich wie eine Mischung aus einem Brummen und einem geplagten Ächzen anhörte.
Immer noch schlaff lag Mr. C.s Zufallsopfer da und blinzelte nun träge und mit leicht geöffnetem Mund dem Treppengerüst über sich entgegen.
„Sehen Sie, ein bisschen weggetreten, der Gute“, lächelte Mr. C. Alan entgegen. „Es ist mir völlig gleich, wie Sie sich entscheiden, aber diese Fabrik werde ich so oder so dem Erdboden gleichmachen – ob noch wer hier ist oder nicht. Eigentlich wollte ich Ihnen eine halbe Minute zugestehen, um sich zu retten – eine kleine Anspielung auf Ihren Bombenwunsch –, aber da ich kein Unmensch bin, haben Sie auf die Sekunde genau volle zwei Minuten Zeit. Ab… jetzt!“, sagte er gelassen und zog dabei mit einem Ruck einen Metallstift aus seinem Konstrukt.
Es begann, leise zu klicken und zu rattern.
Den Stift warf Mr. C. sofort und betont gleichgültig fort, woraufhin dieser klimpernd auf dem Weg Richtung Boden zwischen den Maschinen verschwand. Die Bombe selbst behielt er in der Hand und trat nur einen großzügigen Schritt zu Seite, um für Alan Platz zu machen.

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„Es ist nicht meine Art, schlecht von Toten zu sprechen, das dürfen Sie nicht denken“, warf Charles kurz ein, als Melinda sich beschwerte, dass Dr. Tremaine und er über ihre Väte jammern würden, „aber ich sehe nicht ein, jemanden nach seinem Tod zu loben, der es sich im Leben nicht verdient hat. Für mich hatte dieser Mann nichts Väterliches an sich.“
Nein, definitiv nicht, war er sich sicher und ruhte mit seinem Blick auf Dr. Tremaine, dessen Gesichtsausdruck er gerade nicht zu deuten vermochte. Der Arzt blickte Melinda auf jeden Fall vorwurfsvoll an.
Doch warum genau?
Nun, Charles wusste nicht, was den Doctor und Melinda verband. Befreundet schienen die beiden zu sein, doch vielleicht fußte dieses Verhältnis auf einem beruflichen Kennenlernen.
Von seiner oder ihrer Seite aus beruflich?, fragte Charles sich.
Da Melinda Dr. Tremaine jedoch darauf hingewiesen hatte, dass dieser einst an Huren nichts auszusetzen gehabt hatte, nahm Charles an, dass der Chirurg wohl einer von Melindas Freiern war oder gewesen war, und ob Charles das missfallen sollte, wusste er nicht recht – Gefallen an dem Gedanken fand er immerhin ganz sicher nicht. Er wollte es sich einfach nicht vorstellen, wenn er sich die beiden ansah.

Dass Melinda ihn am Handgelenk packte und ihn so daran hinderte, weiter mit seiner Krawatte zu hantieren, ließ ihn innehalten. Er wand sich nicht aus ihrem Griff, sondern bewegte sich einfach nicht mehr. Es lag Tadel in ihrer Stimme und in ihrem Blick – und auch Ms. Steads Reaktion entging ihm nicht. Er führte sich lächerlich auf, gaben die beiden ihm zu verstehen, und vielleicht hatten sie damit auch Recht. Ja, zumindest Melinda hatte Recht, was ihn betraf, er würde es sogar sehr wahrscheinlich nicht weit schaffen und zusammenbrechen. Er spürte ja jetzt schon, dass es für ihn schwer war, sich auf den Beinen zu halten. Wie sollte das erst sein, nachdem er das Haus verlassen hatte?
Charles setzte zu einer Antwort an Melinda und Ms. Stead an, als Dr. Tremaine sich nun auch zu Wort meldete und Charles etwas aus dem Konzept brachte.
Die Gebaren des Chirurgen verwirrten ihn, wenn er ehrlich zu sich war, und die Frage nach dem Wohnort von Harrold Mauney machte das nicht besser.
„New Street?...“, fragte Charles zögerlich nach und nahm grübelnd wieder auf der Couch Platz.
„Nein. Nein, ich denke nicht, dann würde mir der Straßenname bekannt vorkommen. Ich glaube…“
Er sah das Gebäude vor sich. Ein Neubau und Reihenhaus, aber durchaus edel. Charles hatte es sich nach dem Mord an Harrold Mauney angesehen, so wie jeden Tatort und jeden Wohnort der Opfer, von außen wie auch von innen.
Es war ein schöner Tag gewesen, daran konnte er sich noch erinnern. Er hatte die Sonne und den Wind in seinem Gesicht genossen, hatte sich Zeit gelassen. In der Nähe des Hauses war es ziemlich grün, denn er wusste noch, dass er frische Luft in seinen Lungen, anstatt den sonst drückenden, unterschiedlich starken Stadtsmog, gehabt hatte.
Doch wo genau das gewesen war? Er hatte die Adresse unzählige Male gelesen, sie selbst niedergeschrieben, wusste sie eigentlich. Aber gerade war sein Kopf wie leergefegt.
Oder, erinnerte er sich gerade an den Besuch von Anthony Fox‘ Haus? Ja, das muss Fox‘ Haus gewesen sein. Das Heim der Mauneys hatte etwas anders ausgesehen. Weniger Fenster, weniger Möglichkeiten, einzusteigen und nach Hinweisen zu suchen, die die Polizei noch übrig gelassen hatte.
„Nein, ich weiß es nicht. Mir will die Adresse im Moment beim besten Willen nicht einfallen, noch nicht einmal ansatzweise. Ich habe furchtbare Kopfschmerzen, entschuldigen Sie, ich kann mich nicht richtig konzentrieren. Ich…
Mein Zustand ist mir egal“
, wechselte er plötzlich das Thema.
Charles lehnte sich nun mit den Rücken an die Couch an und ließ sich, dankbar für die Entlastung, ins Polster sinken. Vermutend, dass er so wohl Gefahr lief, noch während des laufenden Gesprächs einzuschlafen, nahm er aber kurz darauf wieder eine aufrechte Sitzposition ein.
„Ich möchte Sie beide in Sicherheit wissen, Ms. Bolt und Ms. Stead. Sie haben vermutlich Recht, dass ich nicht gehen sollte, aber das ist zweitrangig. Ich fühle mich verpflichtet, Sie zu beschützen. Ich habe es bereits einmal versäumt; und nun ist Mr. Hyde vielleicht tot – und wie es um Mr. Stirling und Mr. Lived bestellt ist, wissen wir auch nicht.
Nichts für Ungut, Doctor“
, bezog er diesen kurz ein, „doch andernorts würde ich mich wohler fühlen.
Aber da Sie beide“
, sprach er wieder seine Begleiterinnen an, „sowieso hier bleiben wollen und Sie, Melinda, mich auch nicht gehen lassen wollen, werde ich mich fügen. Ich werde in Ihrer Nähe bleiben, um Sie verteidigen zu können, sollte es zu irgendwelchen Vorfällen kommen.“
Er hatte die Damen – und wahrscheinlich auch den Chirurgen – in Gefahr gebracht und brachte sie noch immer in Gefahr. Nun war er verantwortlich und dieser Verantwortung würde er sich auch stellen.
Doch dann fiel Charles‘ Blick wieder auf Dr. Tremaine. Ob dieser selbst eine Bedrohung war, konnte er nicht abschätzen, und daher musste er damit rechnen.
Ein Feind dort, wo ich schlafe, ist kein guter Gedanke. Ich muss mich einfach auf Melinda verlassen und ihrer Einschätzung vertrauen.
Dem Arzt würde er jedoch nicht trauen. Dessen Verhalten war zwar situationsbedingt verständlich gewesen, doch dessen Auftreten gefiel Charles ganz und gar nicht.
„Sie allerdings würde ich darum ersuchen, sich zurückzuhalten, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Ich bin zwar dankbar für Ihre Gastfreundschaft und dafür, dass Sie sich um meine Wunde gekümmert haben, und ich kann auch nachvollziehen, warum Sie mich im Schlaf überfallen haben, aber sollte ich Sie dabei erwischen“, stellte Charles mit Nachdruck klar, „wie Sie den Damen oder mir Schaden zufügen wollen, werde ich nicht nachsichtig sein.
Da wir hier bleiben“
, richtete Charles seine Worte nun wieder allgemein in die Runde, „denke ich auch, dass es das Beste ist, nun zu schlafen. Etwas Ruhe zu finden und Kraft zu schöpfen, kann uns allen nicht schaden… Sie können mich aber jederzeit wecken, sollte etwas sein“, bot er mit Blicken zu den jungen Frauen lächelnd und hilfsbereit an.

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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Elli am Mi Sep 26 2012, 18:31

Als Melinda in den Augen des Arztes sah, wie sehr ihre Worte ihn verletzt hatten, blähte sie unruhig ihre Nasenflügel auf. Sie war wütend, aber wohl mal wieder über das Ziel hinausgeschossen. Ihre Worte taten ihr Leid, aber andererseits fand sie, dass Schocktherapie eine durchaus erfolgreiche Sache war. Bei ihr hatte es zumindest geholfen. Man musste den Tatsachen nunmal ins Auge sehen, sei es der Tod eines geliebten Menschen, der Verlust eines Selbigen oder Gewalt. Sie hob ihren Kopf nach oben blickte dem Arzt unverwandt in die Augen. Das Wort Gesindel hatte sie getroffen, dabei wusste sie nicht mal genau, warum, schließlich hatte sie schon wesentlich Schlimmeres an den Kopf geworfen bekommen. Es lag wohl daran, dass ihr der Arzt etwas bedeutete. Er war ein Freund, sie hatte nie seinen Blick vergessen, als sie sich das erste Mal begegnet waren. Dass sie so jung ihrem Beruf nachging, schien ihn zu schockieren, doch er hatte sie wohl nie verurteilt, in dem London dieser Tage musste eben jeder sehen, wo er blieb. Hör auf, dich so anzustellen, Weichei, tönte ihre Stimme im Hintergrund. Ja, auch dieser Tatsache musste sie ins Auge sehen, sie schien mehr und mehr durchzudrehen. Wenigstens war es seit langer Zeit wieder ihre eigene Stimme, es hatte Zeiten gegeben, als sie die eines Polizisten in ihrem Kopf gehört hatte. Doch von Dialogen mit sich selbst hatte sie heute genug und sie wollte nur noch ins Bett. Je müder sie wurde, desto schlimmer wurde es im Regelfall. "Entschuldige Randolph, aber das hättest du wirklich nicht sagen müssen. Gesindel... Wie heißt es noch gleich in der Bibel: 'Jener, der ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein'. Ich glaube, niemand hier im Raum hätte das Recht, besagten Stein zu werfen, außer vielleicht unserer Ms. Stead. Wir sind wohl alle keine Gutmenschen." Du sowieso nicht, GESINDEL. Hihi, das gefällt mir irgendwie. Komm... du weißt schon, den Tatsachen ins Auge sehen, oder wie war das noch gleich? Melinda schüttelte leicht den Kopf. "Nichts für Ungut, Schätzchen", sagte sie in die Richtung der bisher eher schweigsamen jungen Frau.
Norly hatte sich wieder auf die Couch sinken lassen und Melinda hielt sein Handgelenk länger fest als es nötig gewesen wäre. Sehr bedächtig zog sie ihre Hand zurück und schenkte ihm ein Lächeln. Dann richtete sie sich langsam auf, beugte sich ohne groß nachzudenken nach unten und küsste den vermeintlichen Massenmörder auf den dicken Verband, der seinen Kopf zierte. "Danke Mr. Norly. Danke auch Dir Randolph, dass wir hier bleiben dürfen." Dann ging sie barfuß auf Ms. Stead zu. "Wollen wir uns empfehlen, bevor ihr hübscher Kopf platzt?", fragte sie ohne Böshaftigkeit in ihrer Stimme. Ihr ging es sicherlich auch nicht blendend und Melinda wollte keine weiteren Streit produzieren. Mit niemandem und mit der Person, mit der sie das Zimmer teilte, schon mal gar nicht. Sie wandte den Kopf noch einmal um und zwinkerte in den Raum "... und würden die beiden Herren sich bitte nicht an die Gurgel gehen, sich erschießen oder anschreien? Das würde ich sehr begrüßen!"
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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Druzil am Do Sep 27 2012, 12:49

Für Idealisten ist kein Platz in dieser Welt. Ja, da hatte sein Gegenüber wohl recht.
Seit Jahren fragte sich Alan, mal bewusster, mal unbewusster, ob diese Welt einen Platz für ihn hatte und wie dieser wohl aussähe. In Geschäftskreisen galt er als Verstossener, der sich ein schönes Leben in Saus, Braus und Skandalen machte und das mühsam erwirtschaftete Geld seiner Eltern für Suff und Launen verprasste. Natürlich tat er das. Fast kam es Alan so vor als hätte er nie etwas Anderes getan als in den Tag (oder vielmehr die Nacht) hineinzuleben und sich von einer Flasche zur nächsten zu hangeln. Die Nachbarn mieden ihn, schüttelten den Kopf, wenn sie ihn erblickten, oder sahen demonstrativ weg. Sein geerbtes Haus kam einer wilden Müllhalde gleich, der ehemals prachtvolle Garten war verwuchert und eher mit einem Wald zu vergleichen. Vielleicht sollte er den Rasen mal kürzen oder die leeren Flaschen aus der Hecke sammeln...
Doch Mr. C.s Gerede holte ihn zurück in die Realität und Alan straffte sich.
"Das nenne ich ja mal ausgesprochen interessant. Ein Schnüffler und Beobachter, der es nicht mag, wenn man ihm hinterherschnüffelt. Haben Sie das Gleiche denn nicht auch bei mir getan? Sie haben genau gewusst, um welche Uhrzeit Sie mich an der Gasse treffen würden. Und denken Sie ja nicht, ich wüsste nicht, warum Sie mich ausgewählt haben. Sie wissen, dass Norly noch Kontakt zu anderen Personen hat. Aber Ihnen war der heruntergekommene Trinker am liebsten, nicht wahr? Der ist leicht zu beeinflussen. Der hat seinen Ruf bereits verloren und legt eh anarchistische Gebaren an den Tag. So war es doch, Mr. C.? Nennen wir mein Hinterherschleichen einfach das Herstellen einer gewissen Ausgewogenheit in unserer Geschäftsbeziehung."
Alan warf einen Blick in die Halle und die monströse Gerätschaft.
"Was ist das hier für ein Ding? Was stellt die Maschine her? Sie wollen mir doch nicht weissmachen, dass sie diese Halle aus Lust und Laune ausgesucht haben?"
Alans Blick viel auf den Ohnmächtigen am Boden, als dieser ein schwaches Stöhnen von sich gab.
"Sie wollen sein Leben in meine Hände legen? Daraus wird nichts, Mr. C.. Sie werden ihn töten, es sind ihre Bomben. Meine Anwesenheit ist reiner Zufall."
Die Bombe, oder der Mechanismus, begann zu ticken.
"Zwei volle Minuten, sagen Sie? Na, dann besteht wohl für uns beide kein Grund zur Eile. Wie geht es Ihrer Frau, Mr. C.? Wollte sie Ihr kleines Feuerwerk nicht mitverfolgen?"

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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Umbra am Sa Sep 29 2012, 21:18

„Woher soll ich wissen, wie es ihr geht?“, reagierte Mr. C. etwas missgelaunt, blieb aber in seiner ruhigen, tiefen Stimmlage.
„Ich kann schließlich nicht hellsehen! Sie wird es schon nicht verpassen.“
Wahrscheinlich missfiel es ihm, dass Alan nicht auf ihn und sein Spiel einging, aber vielleicht war auch etwas anderes, was seine Frau betraf, und es ihn deswegen reizte, dass Alan sie erwähnte.
„Sie wollte unbedingt mitkommen, also habe ich sie mitgenommen und ihr einen der besten Plätze reserviert. Für meinen Engel immer nur das Beste, schließlich bin ich ein treusorgender Ehemann.
Hören Sie, ich bin nicht hier, um private Plaudereien mit Ihnen zu führen“
, stellte Mr. C. klar.
„Konzentrieren wir uns also auf uns beide, wenn Sie schon Zeit schinden und es spannend machen wollen. Sie denken also, ich habe Sie ausgewählt, weil ich Sie für leicht beeinflussbar halte“, wiederholte er feststellend.
„Interessant. Nein, da hätte ich eher den Schutzgeldeintreiber oder, lieber noch, die Hure angesprochen. Die haben ebenfalls keinen guten Ruf und sind es, im Gegensatz zu Ihnen, gewohnt, zu kuschen und alles für eine entsprechende Gegenleistung zu tun. Ich will Ihnen den Grund verraten, warum ich Sie und nur Sie sprechen wollte: Sie sind genau deshalb für mich interessant“, offenbarte er und zeigte dabei ein leichtes, süffisantes Lächeln, „weil Sie ebenfalls eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Mr. Norly haben – auch wenn Sie sich dessen noch nicht bewusst sein dürften, weil Sie sich bisher nur seine Fassade sehen, mit der er andere manipulieren und irritieren will. Ich bin mir sicher, er hat Sie ausgewählt, weil er sich selbst in Ihnen erkennt. Deswegen wird er vertrauensselig sein und Sie mögen, auch wenn er das nicht zeigen sollte. Sie kommen nahe an ihn heran, gerade in dieser Ausnahmesituation.“
Er räusperte sich und warf dabei einen kurzen Blick auf den Mechanismus in seiner Hand.
„Dürfte ich nun vorschlagen, dass wir uns draußen weiterunterhalten?“, sagte Mr. C. und bewegte die Hand, in der er die Bombe hielt, mit einer verdeutlichenden Geste.
„Das hier war kein Scherz. Noch vierundreißig Sekunden, Mr. Stirling“, wies er darauf hin und trennte sich von dem Gegenstand mit einer kraftvollen Bewegung, als wäre dieser ein Curlingstein, den er über den Boden des Gangs gleiten ließ.
Dem überwältigt daliegenden Mann warf Mr. C. keinen besonders gerührten Blick zu, als er sich einfach von ihm und Alan abwandte und auf die nächste Treppe in Richtung Erdgeschoss zueilte.

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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Scáth am So Sep 30 2012, 14:00

Johanna hatte es bereits aufgegeben die Streitereien zu schlichten und hielt sich nun komplett aus der Disskusion raus. Das ganze ging sie sowieso nichts an. Sollten sich die Anderen doch anschnauzen. Solange niemand Handgreiflich wurde, konnte es Johanna eigentlich auch egal sein. Als Melinda sie ansprach, nickte sie nur kurz als Antwort. Johanna hatte keine Lust mehr zwischen diesen Streithähnen zu stehen und war froh wenn sie ein paar Minuten Ruhe bekommen würde, um sich zu sammeln.
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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Darnamur am So Sep 30 2012, 20:23

"Das ist schade, Mr. Norly!", flüsterte Randolph dunkel. "Wenn sie sich wieder erinnern, scheuen sie sich nicht es mir mitzuteilen". Er erhob sich. "Sie haben alle mein Wort- das Wort eines Mörders- das ich ihnen heute Nacht keinen Schaden mehr zufügen werde".
Dann ging er und hob auf dem Weg zur Tür das Scarface-Plakat auf: "Ich denke, das brauchen wir nicht mehr!" Er schob es sich in den Regenmantel, den er noch immer trug, dann trat er hinaus in den schwarzen Flur und ließ die Tür hinter sich offen. Er trottete in seinen Operationssaal und sperrte ab. Dann sank er auf Stuhl zusammen. Mit ruhigen Fingern zog er das Plakat hervor und betrachtete es. Eine halbe Stunde lang saß er so da und brütete vor sich hin, dann zündete er ein Streichholz und ließ den Papierfetzen in Flammen aufgehen. Anschließend nahm er sich ein Buch über die Geschichte der chinesischen Medizin aus seinem bescheidenem Regal. Unter anderen Umständen, hätte er für diesen Stoff sogar Interesse aufbringen können, doch nun war er einfach nur noch müde. So unendlich müde...er durfte nicht einschlafen...nicht...er war eingeschlafen.
Randolph stand an einem Friedhof, vor dem Grab seines Vaters. Regen prasselte auf ihn nieder, doch er trug keinen Schirm bei sich, sodass die nasse Flut mit unverminderten Wucht auf ihn einschlug. Die kurzen Haare klebten an der bleichen Stirn fest und seine Kleidung war bis in alle Poren von Feuchtigkeit durchdrungen. Zitternd und mit verschränkten Armen stand er also da und biss die klappernden Zähne zusammen. Der Abend dämmerte und das letzte Licht der Sonne zog in roten Schwaden über den Horizont. Da überkam Randolph plötzlich eine finstere Vorahnung und ein Kribbeln durchlief seinen Körper. Irgendetwas stimmte nicht an diesem Ort. Dann wusste er es. Die Raben. Noch zuvor hatten sie lautstark und schrill geschrien, doch jetzt war er still. Totenstill. Randolph geriet in Panik. Das ist alles Unsinn!, versuchte er sich zu beruhigen, doch das Gefühl wich nicht, es war eine kalte, eisige Hand die sich um sein schwarzes, von roten Tränen wund gespültes Herz schloss und immer heftiger zudrückte. Randolph drehte sich um. Doch selbstverständlich war da niemand. Er zog sein Chirurgenmesser, das er aus unerklärlichen Gründen bei sich trug. "Ist da wer?", flüsterte Randolph. Wie schwach seine Stimme klang. Aus einem Instinkt heraus, wandte er sich zum Grab um und sah seinem Vater in die eiskalten Augen. Seine Haut war ausgezehrt und hatte gelbe, grüne und schwarze Farbe. Sein Haar war ausgedünnt und weiß und hing ihm über die Schultern. Er hatte die Zähne zusammengepresst und starrte Randolph an. "Du bist tot", entwich es diesem und er stolperte rückwärts. "Du bist tot" Da wurde er sich des Messers in seiner Hand bewusst und sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Er holte aus und versenkte das Messer im Gesicht seines Vaters: "Du bist tot! Du bist tot! Du bist tot", schrie er, während er das Fleisch von den Knochen schälten. Er ließ die Hand sinken und war unfähig etwas zu tun. Kraftlos und entsetzt sah er seinen Vater an, der mit eiserner Stimme sagte: "Du bist tot!" Dann schloss er die Hände um den Hals seines Sohnes.
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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Umbra am Mi Okt 03 2012, 17:12

„Nein, ich habe zu danken, Miss“, erwiderte Charles Melinda, noch etwas überrascht angesichts ihres Kusses, aber er schenkte ihr besonders dafür ein warmes Lächeln. Er war ihr wirklich sehr dankbar für das, was sie in der kurzen Zeit, in der sie ihn kannte, für ihn getan hatte. Sie hatte ihm geholfen, auf verschiedene Weise, indem sie sich um ihn gesorgt und ihn verteidigt hatte – und das trotz der Entführung und trotz der Gewissheit, dass er sie nur in Schwierigkeiten gebracht hatte und sie wahrscheinlich noch in größere Schwierigkeiten bringen würde.
Charles musste etwas schmunzeln, als Melinda sich beim Verlassen des Raumes noch einmal umdrehte und Dr. Tremaine und ihn ermahnte, in ihrer Abwesenheit nicht erneut zu streiten.
„Natürlich nicht, den Gefallen erweisen wir Ihnen gerne“, versicherte er mit einem kurzen Blick zum Arzt.
„Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Schlaf“, sagte er dann noch, bevor die beiden Damen endgültig das Wohnzimmer verließen.

Als auch Dr. Tremaine gegangen war, raffte sich Charles langsam von der Couch auf und schlurfte müde zur Tür herüber, um sie zu schließen, denn der Chirurg hatte sie beim Verlassen des Raumes unangetastet gelassen. Dabei gab Charles ihr mit der Hand nur einen kleinen Stoß in die richtige Richtung und schob sie schließlich mit dem Rücken ins Schloss. So an die Tür gelehnt, blieb er erst einmal stehen, suchte seufzend auch mit seinem Hinterkopf Stütze am Holz und fuhr sich träge mit den Händen durch sein Gesicht.
Die vergangenen Stunden waren wirklich anstrengend für ihn gewesen und sein Kopf fühlte sich tatsächlich so an, als würde er gleich explodieren. In diesem Moment irrten so viele Rätsel in seinem Kopf herum, auf die er keinen Reim wusste, und gerade die neuen Sorgen, die Gedanken an Ms. Stead, Dr. Tremaines Verhalten und auch Melindas Beziehung zu diesem Sonderling überforderten ihn etwas.
Und dabei sagt man sich schon über mich, ich hätte nicht alle beisammen…
Vielleicht stimmte das sogar, vielleicht war Charles wirklich verrückt oder wurde es allmählich. Zumindest in diesem Moment hatte er das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wer er eigentlich war und welche Ziele er überhaupt verfolgte.
„Vielleicht sehe ich morgen alles klarer“, murmelte er sich beruhigend zu und trottete zu dem Sessel herüber, in dem Dr. Tremaine vorhin gesessen hatte – oder vielmehr zu dem kleinen Tisch neben dem Sitz, auf dem die Öllampe brannte, die der Chirurg angefacht hatte, als dieser ihn zur Rede hatte stellen wollen.
Statt sie zu löschen und sich wieder schlafen zu legen – eigentlich schrie jede Zelle seines Körpers danach –, nahm Charles sie auf. Es war hauptsächlich Neugier, die ihn dazu veranlasste. Er wollte sich noch kurz umsehen, zumindest in den Nachbarräumen, bevor er die sich Ruhe gönnen konnte, die er sich verdient hatte und auch dringend benötigte.
Charles öffnete die andere Tür, die nicht in den Flur führte. Zuvor hatte er aufgrund eines kurzen Blicks in die Dunkelheit des Nachbarraumes geschlossen, dass es sich dabei um das Speisezimmer handeln musste. Jetzt erkannte er, dass er mit dieser Vermutung nicht falsch gelegen hatte. Er achtete darauf, möglichst wenige Geräusche zu machen, aber die verursachte er auf seinen Socken sowieso nicht, als er, ohne aufmerksam auf etwas anderes als seine Füße zu achten, den Raum durchquerte.
Als er die nächste Türschwelle übertrat, fand Charles sich in der Küche wieder. Hier hielt er die Lampe vor sich und schaute sich um. Kurz hatte er die Hoffnung, etwas Essbares zu entdecken, denn sein Kreislauf war aufgrund des Blutverlusts noch immer im Keller, doch er spürte auf Anhieb nichts auf und wollte auch keine Schränke durchwühlen.
Geduld ist eine Tugend. – Eine Tugend, von der er nicht allzu viel in sich hatte, aber nun war er lustlos, sich überhaupt noch zu bewegen. Sein Kreislauf und Magen würden wohl bis morgen warten müssen.
Er war auf dem Rückweg zum Wohnzimmer, als ihm im Augenwinkel auffiel, dass im Esszimmer etwas das Licht seiner Öllampe reflektierte. Auf dem Tisch – einem dickplattigen, schweren Ding aus geöltem, aber angestaubtem Eichenholz – stand eine einzelne, geöffnete Flasche.
Von einem Interesse bewegt, das Charles sich in diesem Moment nicht wirklich erklären konnte, hielt er an, um sich ein genaueres Bild von seiner Entdeckung zu machen. Es handelte sich um eine halbgefüllte Brandyflasche. Die Marke, die auf dem Etikett stand, kannte Charles nicht, aber vermutlich war es billiger Schnaps, den man hier in Soho an jeder Ecke bekam. Der Geruch, der Charles entgegenschlug, als er an den Tisch herantrat, ließ jedenfalls keinen Zweifel, dass sich in der Flasche tatsächlich irgendein Fusel befinden musste, den er eigentlich eher mied.
Doch: Alkohol ist Alkohol.
Charles wollte nach der Flasche greifen, doch gerade als seine Fingerspitzen das kühle Glas berührten, hielt er zögernd inne. Er ermahnte sich innerlich, dass er bei möglichst klarem Verstand bleiben musste. Der Rausch würde ihn sonst nur noch verwundbarer machen und damit auch die beiden Damen in Gefahr bringen, sollte es zu einem Zwischenfall kommen und er unbrauchbar betrunken sein. Noch war die Wirkung seiner letzten Dosis nicht verflogen, dessen war er sich bewusst, auch wenn er sie von seiner allgemeinen Erschöpfung nicht zu unterscheiden vermochte. Er hatte sich heute Nacht dazu hinreißen lassen, mehr zu trinken als er eigentlich gewollt hatte. Bereits während der Entführung seiner Gäste war er nicht vollkommen nüchtern gewesen, doch nun war er zusätzlich verletzt und fühlte sich sehr verbraucht. Nein, es wäre vermutlich keine gute Idee, in seinem Zustand noch Alkohol nachzukippen. Allgemein sollte er sich schonen, ganz so wie Dr. Tremaine es gesagt hatte.
Dennoch umfassten Charles‘ Finger nun die Schnapsflasche und er setzte sie an seine Lippen an, um erst einen und dann auch noch einen zweiten Schluck zu nehmen, wobei dieser zweite schon eher ein tiefer Zug war. Es handelte sich lediglich ein Schlummertrunk, um nichts weiter – doch vielleicht auch noch um ein Mittel gegen seine Kopfschmerzen, das sich wärmend in seinen Körper ausbreitete und auch beinahe sofort das Dröhnen in seinem Schädel in einen sanften Schleier hüllte.
Charles stellte die Flasche mit dem restlichen Brandy wieder auf den Tisch und kehrte bereits im Halbschlaf ins Wohnzimmer zurück, wo er die Wolldecke vom Boden aufhob, die ihm vorhin von der Couch gerutscht war, sich aus seiner Weste schälte und auch seine Krawatte wieder beiseite legte. Dann löschte er die Öllampe, kauerte sich in die Decke gekuschelt auf dem gemütlichen Polster zusammen und sank schon nach wenigen Sekunden in die erholsame Dunkelheit.

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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Druzil am Sa Okt 06 2012, 17:53

"Ha! Die Hure auszuwählen hätte Ihre Angel vermutlich nicht sehr erfreut!", rief Alan Mr. C. hinterher, da sich dieser bereits an den eiligen Abstieg gemacht hatte. Ein kurzes Kichern konnte er sich trotz des Zeitdrucks nicht verkneifen. Dann fiel sein Blick auf den Ohnmächtigen. Verflucht! Noch dreissig Sekunden. Es war unmöglich den Verletzten in dieser kurzen Zeitspanne aus der Halle zu schaffen. In was für einen Scheiss hatte ihn dieser Verrückte hier nur manövriert?
Alan setzte Mr. C. nach und hastete die Treppe hinab, um ins Freie zu fliehen.

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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Elli am Mo Okt 08 2012, 17:59

Melinda folgte Johanna die Stiegen hinauf, darauf bedacht zu achten ob es wohl Stufen gab, die sie durch ein Knarren verraten hätten können. Schließlich wusste man nie genau, ob man nicht doch plötzlich unauffällig verschwinden musste, oder aber nach dem Rechten sehen. Johanna war ohne ein weiteres Wort in dem Gästezimmer verschwunden und hatte die Tür offen gelassen. Leise wartet Melinda am Ende der Treppe, bis sie das Bett von Ms. Stead leise und deren Fliegengewicht knarzen hörte. Auf der Stelle drehte Melinda sich um noch immer in der Hoffnung ein bisschen Laudanum oder zumindest ein bisschen Alkohol zu finden. Ihre Hände zitterten leicht, was wohl an dem aufregenden Tag lag. 'Tz. Als ob es an der Aufregung liegen würde. Wo wir sonst so ein ruhiges Leben führen. Du hast deine tägliche Ration Fusel nicht in dir. Das ist dein Problem.' Am meisten ärgerte sich Melinda über ihre Stimme im Kopf, weil sie immer recht hatte. Genervt schloss sie fest die Augen, bis Sternchen vor ihrem Sichtfeld tanzten und die Stimme nach einem leisen Lachen Ruhe gab. Gerade setzte sie ihrem Fuß auf die oberste Treppenstufe, als sie Randolph aus dem Zimmer treten sah und just in dem Operationssaal verschwinden sah, in dem Melinda ihre ersehnten Drogen vermutete. "Oh nein. Nein. Nein. Komm da wieder raus!" Doch die Tür schloss sich und wie es aussah würde sie so schnell auch nicht wieder geöffnet werden. Unwillig verzog sie das Gesicht, aber erinnerte sich daran, dass es ja vielleicht noch ein Schlückchen abzugreifen galt. Doch dann hörte sie das wohl auch Mr. Norly durch die Gegend streiften. Melinda wollte gerade dennoch die Treppe heruntersteigen, als plötzlich ein markerschütterndes Schnarchen durch das sonst stille Haus schallen. Zu tiefst erschrocken fuhr Melinda zusammen und unterdrückte mit letzter Kraft einen Schrei der sich durch ihre Kehle seinen Weg bahnte. Nachdem sich ihr rasender Herzschlag einigermaßen beruhigt hatte, entschloss sie sich doch lieber ins Bett zu gehen. Leise folgte sie Johanna und legte sich in das schmale verstaubte Bett und fiel, unter leichtem zittern, schnell in einen unruhigen Schlaf.

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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

Beitrag von Umbra am Mi Okt 10 2012, 18:30

Entweder hatte Mr. C. Alans Spott nicht gehört oder er ignorierte ihn einfach, während seine Schritte ihn zielstrebig und schnell nach unten führten, wo er die letzten Stufen hinuntersprang. Gehetzt wie ein Fuchs, der vor einer Hundemeute davonlief, legte Mr. C., unten angekommen, eine Geschwindigkeit ein, die überraschend flink für einen Mann von seiner nicht beeindruckenden Körpergröße war, jedoch Alan nun wirklich schmerzlich bewusst werden ließ, dass Mr. C. ihn nicht an der Nase herumgeführt hatte, sondern hier nun wirklich in wenigen Momenten alles in die Luft fliegen würde.
Alan folgte, so schnell er konnte, und stürmte, wie auch Mr. C. nicht weit vor ihm, den Gang entlang auf die schwere Tür zu.
Mr. C. warf sich dieser förmlich entgegen, die nur noch zwischen ihm und der Freiheit lag, und stolperte dann durch den breiten Spalt, den er dadurch geöffnet hatte, eilig nach draußen.
Alan war ihm inzwischen so dicht auf den Fersen, dass die sich bereits wieder gemächlich schließende Tür überhaupt kein Hindernis für ihn darstellte und er seinen Spurt noch nicht einmal verlangsamen musste. Damit gelang es ihm, in den folgenden Sekunden aufzuholen.
Keuchend vor Aufregung und Anstrengungen, versuchten die beiden Männer, möglichst schnell möglichst viel Abstand zu der hoch aufragenden Fabrikhalle aufzunehmen.
Mr. C. verschwand jedoch plötzlich aus seinem Sichtfeld, denn, ohne Vorwarnung zu geben, schmiss dieser sich Schutz suchend auf den Boden – gerade noch rechtzeitig, denn während die Druckwelle der scheinbar zeitgleich ertönenden, gewaltigen Explosion hinter ihnen über den Bombenleger hinwegfegte, riss sie Alan von den Beinen und schleuderte diesen schmerzvoll auf den mit Granit gepflasterten Weg.
Doch Alan hatte Glück im Unglück. Er hatte einen genügenden Abstand zur Fabrikhalle aufbauen können, bevor Mr. C.s Sprengsätze detoniert waren und so reichte die feurige und todbringende Brandung nicht an ihn heran, die, Hitze, Staub und Ziegelstücke schleudernd, um sich griff. Während der laute Knall noch in Alans Ohren klingelte, bebte die Erde unter den Trümmern der Fabrik, die scheinbar in Zeitlupe mitsamt den bisher hochragenden Schloten der Essen in sich zusammenfiel und dabei noch mehr Staub aufwirbelte, der ihm die Sicht nahm und seine Atemwege reizte.
Blinzend versuchte Alan, etwas zu erkennen. Es kam vermutlich einem Wunder gleich, dass ihn keine Brocken getroffen hatten, die bestimmt Knochen zertrümmert, wenn ihn nicht sogar erschlagen hätten.

Mr. C. stand plötzlich schnaufend über ihm, bedeckt mit ziegelrotem Dreck und mit einigen blutenden Kratzern an Kopf und Händen, die ihm offenbar Steinsplitter beigebracht hatten. Vermutlich war auch Alans Haut übersät mit solchen Spuren, jedoch spürte er diese in diesem Moment nicht, da sein Herz rasend Adrenalin durch seinen Körper pumpte.
Doch noch bevor Alan wirklich zu sich finden und sich aufrappeln konnte, hatte Mr. C. sich schon zu ihm heruntergebeugt und packte ihn unsanft am Kragen.
„Ein Hoch auf Alfred Nobel und sein Dynamit, nicht wahr?“, zischte er Alan eindringlich zu, der das wohl oder übel noch etwas benommen über sich ergehen lassen musste. Jedoch lag trotz des grimmigen Gesichts, das Mr. C. machte, eine gewisse Euphorie in seiner Stimme.
„Lassen Sie sich das eine Lehre sein, Mr. Stirling! Mit mir treibt man keine Spielchen! Ich bekomme meinen Willen, immer – egal, wie! Und vergessen Sie das Buch nicht! Ich werde Sie im Auge behalten!“
Damit ließ Mr. C. Alan los und verschwand in der Staubwolke. Allein ein lautes Husten zeugte davon, dass er sich in Richtung Straße entfernte. Von Angel war noch immer keine Spur.

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Re: Götterblut - Kapitel 1: Ein (un)moralisches Angebot

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