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Götterblut - Kapitel 3: Scarface

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Darnamur am Di Okt 01 2013, 22:53

Seufzend lehnte sich der Doktor in seinem Stuhl zurück. Es standen so viele Rätsel im Raum und er hatte einfach keinen Durchblick. Seine sonstige Scharfsichtigkeit hatte sich verflüchtigt und er tastete blind im Nebel umher. Er hatte die Kontrolle über die Situation verloren und das war nicht gut. Wer waren diese Menschen, mit denen er sich umgab? Was hatte er mit kranken Geistern wie Alan zu schaffen? Er war ein Arzt, ein Chirurg. Wie kam es dazu, dass er sich in die Politik einmischte. Er hatte keine Stellung zu beziehen, sondern sollte möglichst neutral seiner Tätigkeit nachgehen.
Aber das befriedigte ihn nicht länger. Vorgestern hätte er das noch tun können, doch jetzt war es ihm unmöglich. Er hatte einen Ausbruch aus diesem Leben gefunden, der chaotisch und blutig gewesen war, doch der vielleicht notwendig gewesen war. Als er seinen Vater ermordet hatte, hatte er nach Freiheit gestrebt. Doch dann war er nicht dazu fähig gewesen, sie auszuleben. Natürlich, Lynette, seine Mutter sie hatten das Ganze noch schlimmer gemacht, doch die Hauptursache war er selbst. Er hatte sich selbst blockiert. Jetzt hatte er die Chance sein Schicksal noch einmal zu ändern. Bis jetzt, habe ich es geschafft mich selbst zu verkrüppeln. Wie soll ich jetzt noch irgendetwas ausrichten?

Doch der Doktor wusste, dass er dazu in der Lage war. Schon lange hatte sich Unzufriedenheit in ihm angestaut. Er verdammte die Gesselschaft, in der sie alle lebten. Was für ein Leben, war das, in dem jeden Tage dutzende von Männern, Frauen und Kindern erschlagen werden und an einer Suche krepieren. Wie viele blutige Leichen musste er noch aus einer Praxis geschleppt werden? So konnte es nicht weitergehen. Charles war radikal. Eine Revolution könnte die ganze Situation nur noch schlimmer machen. Das war durchaus wahrscheinlich. Aber eine Veränderung war auf jeden Fall vonnöten, sonst würde diese Stadt bald nicht mehr sein als ein einziger Höllenkessel.

Aus dem Streit von Charles und Alan hielt er sich heraus. Er hatte das Gefühl, dieser Konflikt würde irgendwann kein gutes Ende nehmen. Er starrte ungläubig zu Stirling hinüber, als Charles über sein erstes Gespräch mit diesem zu sprechen kam. Was für ein kranker Bastard, war dieser Kerl eigentlich? Was hatte er hier zu suchen? Randolphs Meinung nach, hätte Stirling schon längst aus dieser Gruppe entfernt werden müssen. Er war eine wandelnde Bombe. Und irgendwann, würde diese Bombe hochgehen und sie alle ins Grab schicken.“Hier, Vater- dein Kaffee!“.
Als er auf Scarfaces Opfer zu sprechen kam und ein Medium, dass er aufsuchen wollte, wurde es richtig grotesk. Das war…interessant. Alan hatte Ehrfurcht vor dem Übernatürlichen. Bislang hatte Randolph angenommen, dass dieser Mann vor nichts und niemandem Achtung hatte. Doch das änderte die Situation.
Johanna wirkte verunsichert, als ihr Vater den Raum verließ. Sie machte wahrscheinlich eine schwere Zeit durch. Er wusste nicht, wie er ihr helfen konnte. Sein Geist war im Laufe der Zeit so abgestumpft, dass ihn fast nichts mehr schocken konnte. Er hatte verlernt wirklich mitfühlend zu sein. Das war der Tod eines jeden Chirurgen. In seinem Beruf konnte man kein Mitgefühl zeigen oder man landete in Bedlam.

Jetzt wäre eigentlich eine gute Gelegenheit, um mit Stirling ein paar Dinge zu besprechen. Er wollte nicht, dass ihre Operation in einem Desaster endete und vielleicht wäre es ihm möglich, mit Alan darüber zu reden. Er muss doch zumindest, ein winziges bisschen Verstand besitzen. Es kann doch nicht sein, dass ein Mensch wirklich komplett geisteskrank ist! Er würde Stirling um fair zu sein noch diese eine Chance geben. Doch da er Johanna erstmal auch nicht stören wollte, wartete er mit dem, was er zu sagen vorhatte.
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Elli am Mi Okt 02 2013, 16:32

Das Wasser wurde ein wenig kälter, der Kessel im Keller musste fast leer sein und nacharbeiten. Seufzend schaltete Melinda das Wasser kurzerhand ab und stieg aus der Dusche. Die beiden Handtücher die sie hatte finden können, waren vergilbt und zerschlissen, aber besser als nichts. Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, hörte sie Schritte auf dem Flur. Sie konnte Menschen recht schnell an ihrer Schrittart erkennen und zweifelslos befand sich Charles gerade auf dem Weg in sein Zimmer. Ohne sich zu bewegen, lauschte sie. Einige Geräusche ertönten, die Melinda verschiedenen Tätigkeiten zuordnen kannte. Sie fragte sich allerdings warum sie diese so laut und deutlich hörte, sie zog verwundert die Augenbrauen in die Höhe.
Katzen hören eben gut!
Auch wenn sie sich bisher nie über ihre Sinne hatte beschweren können, war sie doch unsicher, ob ihre Ohren zu einer solchen Höchstleistung in der Lage waren. Bevor sie weiter grübeln konnte, fuhr ein weiteres Zittern über ihren Körper, ihr war noch immer kalt. Sie ging wieder in ihr Zimmer zurück und blickte auf das kalte Bett, auf dem eine dünne Decke lag.
Ein Kamin wäre jetzt was Feines. Du könntest auch das Bett anzünden, in den Flammen siehst du bestimmt die alte Mitchell tanzen.
Noch immer den, nicht immer zuordenbaren, Geräuschen lauschend, öffnete sie ihre Tür und warf einen Blick auf den Flur. Still und verlassen lag er vor ihr. Melinda riegelte ihre Tür ab, bevor sie zaghaft an die von Charles klopfte.
Das letzte Mal in dieser Situation hattest du das gleiche Outfit an. Thihihi. Aber deine Haare hingen nicht so nass herum.
Doch damit hatte sie kein Problem, sie mochte es wie ihre nassen Haare aussahen, die Nässe verlieh ihnen leichte Wellen.
Nach einem Augenblick ertönte das typische Geräusch, als die Tür entriegelt wurde. Charles öffnete die Türe und lies sie ohne große Worte ein.
“Wissen Sie was? Für März ist es scheiße kalt. Aber Körperwärme hilft wunderbar dagegen.“ Sie grinste ihn an.
Sie schloss die Tür hinter sich ab.

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Druzil am Mi Okt 02 2013, 20:23

Alan kochte vor Wut. Norlys Worte waren ein Stachel, der sich in sein Fleisch bohrte. Eine ungeheuerliche Unterstellung. Natürlich wusste er warum Norly zum Angriff übergegangen war. Angst. Er hatte Angst vor der Wahrheit, die bereits am morgigen Tag ans Licht kommen würde. Diese erbärmliche Kreatur!
Johanna riss ihn aus seinen brodelnden Gedanken.
"Nein. Ja. Ich hatte absichtlich daneben geschossen und Folter heiße ich keinesfalls gut. Aber ... es war kurz nachdem uns Norly entführt hatte. Ich meine, wirklich entführt. Mit Betäubung und allem drum und dran. Ich stand ihm gegenüber und musste davon ausgehen, dass er tatsächlich Scarface war. Der Mörder, der Schlächter. Ja, da habe ich solche Sachen gesagt. Und wenn du mich ganz ehrlich fragen würdest, ob ich Mitleid mit dem wahren Scarface hätte, wer immer das auch sein mag, wenn ihm etwas zustossen würde, dann würde ich nein sagen. Er hatte auch kein Mitleid mit seinen Opfern und deren Familien. Sicher, meine Formulierung war drastisch, wenn auch nicht so dramatisch, wie dein Vater es gerade gesagt hat. Und die Sache mit der toten Frau war ein Versehen. Es schmerzt mich und tut mir leid."
Er warf dem Doc einen Seitenblick zu und hoffte, dass dieser ihn nicht mit irgendwelchem hirnkranken Unsinn unterbrach.
Müde rieb er sich die Schläfe, doch die wurmende Anschuldigung von Norly wollte nicht verhallen. Nichtsdestotrotz erhob er sich, wünschte der Runde eine gute Nacht und begab sich nach oben, wo irgendwo sein Zimmer sein musste.
Just in diesem Moment huschte auf einmal die Hure über den Flur. Er selbst stand am Anfang des Gangs und sie hatte ihn vermutlich nicht gesehen. Sollte er sich entschuldigen? Er wollte ihr schon etwas zurufen, als sie an der Tür klopfte. Das ist nicht ihr Zimmer, schoss es ihm durch den Kopf. Melinda verschwand. Die Tür schloss sich. Norly, du widerlicher, heuchlerischer Hurenbock!
Entschlossen stapfte er auf das Zimmer zu, bereit dem Anstandsherren ordentlich die Leviten zu lesen. Doch als er die Tür erreicht hatte, entschied er sich um. Das würde nur zu weiteren bösen Worten führen und möglicherweise zu einer Eskalation, die keiner von ihnen gebrauchen konnte. Stattdessen klopfte er ein paar mal kräftig gegen die Tür und rief: "Verzeihung für meine "Anmassung" und "Unverschämtheit" eben, Miss Bold und Mr. Norly! Wird nicht wieder vorkommen, mit den "haltlosen Vorwürfen"!"
Lachend und glücklich schlenderte er davon.
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Scáth am Mi Okt 02 2013, 20:44

Gleich nachdem Alan zur Tür hinaus ging stand auch Johanna auf ohne irgendeine Reaktion auf seine Worte zu zeigen.
"Ich werde mich wohl noch einmal hinlegen. Ich hoffe es ist nicht allzu schlimm dass ich Sie nun alleine lasse. Gute Nacht!", sprach sie den Beiden letzten Männern in der Küche zu und nahm schnellen Schrittes die Treppe nach oben. Nun steckte Johanna wahrlich in einer Zwickmühle. Wer sprach die Wahrheit? Charles? Alan?
Gerade als sie sich das selbst fragte hörte sie Alan rufen und wild an einer Tür klopfen. Seine Worte waren an Melinda und Charles gerichtet, doch warum rief er sie durch die Tür?
Für diese Frage hätte sich Johanna am liebsten selbst eine Ohrfeige verpasst, denn in Wirklichkeit wusste sie genau warum, vor Allem dann, als sie sah das Alan an Charles Tür klopfte. Die Beiden waren keine 20 Minuten verschwunden und dann das...
Johanna blieb wie erstarrt im Flur stehen und sah wie Alan weiter den Gang hinunter schlenderte. Alan hatte recht mit dem was er sagte. Seine Worte schienen ehrlich, und vor allen Dingen hatte Alan Johanna nie verletzt, schon gar nicht wiederholt, so wie Charles das nun tat.
Ein Entführer, das war ihr Vater. Und wenn er schon dazu fähig war, dann war er auch dazu fähig Menschen zu töten. Verletzen konnte er sie wunderbar, sogar seine Tochter. Das Alan mit einer solchen Wortwahl Charles gegenüber reagiert hatte war für Johanna nun verständlich und aus irgendeinem Grund glaubte Johanna Alan auch, dass ihm der Mord an der Frau leid tat. Alan war nicht verrückt, obwohl das alle dachten. Er war vielleicht einfach wie eine art Spiegel. Er behandelt sein Gegenüber so, wie dieses ihn behandelt. Doch Charles behandelte Menschen ganz und gar nicht wie man es sollte.
Johanna schüttelte den Kopf und setzte den Weg in ihr Zimmer fort. An Charles Zimmertür angekommen ließ sie es sich nicht nehmen selbst zu klopfen.
"Gute Nacht.", rief sie. Nicht freundlich, nicht wütend. Kalt und gefühllos. Sie wollte nur das Charles wusste dass sie anwesend war...dass sie mitbekommen hatte.
In ihrem eigenen Zimmer angekommen legte sich Johanna in ihr Bett. Sie starrte an die Decke. Erst jetzt kam ihr der Gedanke dass sie David hätte helfen sollen Randolph in sein Zimmer zu bringen, doch der Antrieb noch einmal aufzustehen, noch einmal an Charles Zimmer vorbei zu laufen war nicht mehr vorhanden.
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Darnamur am Mi Okt 02 2013, 21:26

Dann eben ein anderes Mal. Randolph blieb alleine sitzen und summte leise ein altes Seemannslied vor sich hin:
“ There were three brothers in merry Scotland,
In merry Scotland there were three…“

Er hatte nicht die geringste Lust, sich wieder auf den schmerzhaften Rückweg über die Treppe und den endlos langen Flur zu machen. Also ließ er es sein.
Er schloss die Augen und diesesmal war seine Furcht vor der Finsternis nicht mehr ganz so groß.
“All her merry men drowned in the sea…“, murmelte er und schlief ein.
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Druzil am Do Okt 03 2013, 21:33

Montag, 9. März 1868
(später)

Gegen Mittag erwachten die Bewohner des Hauses. Eine sonderbare Stille lag über dem kurzen Frühstück. Anspannung, vielleicht rachsüchtige Gedanken an die vorherige Nacht. Alan klärte die Anwesenden kurz über das bevorstehende Ritual auf und ignorierte dabei skeptische Seitenblicke. Die Sache war denkbar einfach. Sie würden das Haus der Madame betreten und die Klappe halten. Besonders Norly wies er deutlich darauf hin. Während der Seance galt es kein Wort zu sprechen, solange kein Kontakt zu dem Toten hergestellt worden war. Eine einfache Regel und Alan hoffte, das sie von allen beherzigt würde.
Nach dem letzten Tee, Alan hatte für sich entscheiden die Reste der angebrochenen Weinflasche zu frühstücken, führte er sie in das Strassengewirr Londons.

Sie gingen stets mit einem gewissen Abstand zueinander. Alan voran. Die Straßen wurden zusehends schlechter, die Häuser baufälliger. Bald gelangten sie in eine Gegend, die man im Abenddunkel wohl besser nicht aufsuchte. Bruchbuden standen windschief um dreckige Pfade. Müllhaufen stapelten sich auf den Wegen. Ratten huschten ungeachtet ihrer Anwesenheit umher. Einmal sahen sie zwei dürre Kindergesichter durch ein Fenster schielen. Aus der Wohnung wehte ihnen der Gestank von Schimmel entgegen.
Sie bogen in eine kleine Gasse ein. Dem aufmerksamen Beobachter mochten hier vielleicht einige sonderbare Zeichen aufgefallen sein, die an die grauen Hauswände geritzt waren. Pentagramme, fremdartige Worte. Sie hielten vor einem Wohnhaus mit zwei Etagen. Alan erklärte, dass Ziel ihrer Reise sei erreicht und Norly stünde nun vor seinem unwiderruflichen Richterspruch. Die Vorfreude war ihm deutlich anzusehen.
Über eine knarrende Treppe gelangten sie in den ersten Stock und Alan klopfte vorsichtig siebenmal an eine farblose Tür. Ihnen öffnete ein kleines Mädchen, vielleicht acht Jahre alt. Alan stellte sich vor. Das Mädchen nickte, bat sie herein. Sie betraten einen engen Flur, durch den seit Jahren keine frische Luft mehr geweht sein musste. Staub herrschte hier. Unzählige Dingen hingen an Fäden und Ketten von der Decke. Ein dichtes Meer aus Tierknochen, Kräuterbündeln, Talismanen und Gegenständen, die kaum genauer zu erkennen waren. Rechts vom Flur zweigte ein winziges Zimmer ab, das von einem fleckigen Vorhang verhüllt wurde. Vermutlich die Küche.
Das Mädchen führte sie freundlich lächelnd in den linken Raum. Dort saß die Madame.

Ein großer Holztisch dominierte den Raum. Verschiedene Symbole waren auf ihn gezeichnet. Doch das Eindrucksvollste war ein Pentagramm mit acht Spitzen. Jede zeigte auf einen Stuhl. Das Mädchen bedeutete ihnen Platz zu nehmen und verschwand still aus dem Zimmer.
Die Madame war alt, sehr alt sogar. Tiefe Falten durchzogen ihr Gesicht. Die grauen Haare waren zu einem langen, dürren Zopf geflochten. Ihre Augen waren trübe. Kein Zweifel, sie musste erblindet sein.
Alan hatte am Mittag darauf hingewiesen, dass es nicht nötig war sich an den Händen zu fassen oder die Augen zu schliessen. "Alles Humbug", hatte er erklärt.
Die Madame musterte ihre Kunden. Ihr Kopf wanderte von Person zu Person. Lange "blickte" sie auf den Doc, ebenso auf Alan. Bei Norly schien sie unentschlossen zu sein. Bei Melinda zeigte sie ein Lächeln, bei dem nicht eindeutig war, ob es freundlich gemeint war. Bei Johanna lächelte sie verständnisvoll. Als sie geendet hatte nickte sie Alan zu. Er sammelte sich, holte tief Luft und erklärte ihr Anliegen.
"Wir erbitten Kontakt zu dem Verstorbenen James Snow. Uns ist daran gelegen seinen Tod aufzuklären und Gerechtigkeit walten zu lassen. Wir erbitten zu wissen, wer sein Leben auf dem Gewissen hat."
Er warf Norly einen bedeutsamen Seitenblick zu.
"Wir erbitten zu wissen, ob sich sein Mörder in diesem Raum befindet."
Die Alte nickte und begann in ein seltsames Gemurmel zu verfallen, das kaum verständlich war. Ihr Kopf pendelte hin und her. Ihre Augen schlossen sich, öffneten sich wieder, verdrehten sich, kullerten in den Höhlen herum, bis nur reines, trübes Weiß zu sehen war. Plötzlich begann sie zu sprechen und ihre Stimmeklang verändert. Wie ein Echo aus einem anderen Raum, tiefer, weit weg, fremd.

Es begann.
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Elli am Fr Okt 04 2013, 15:44

Die ansatzweise gute Laune die Melinda empfunden hatte, hatte sich innerhalb von Sekunden verflüchtigt. Nach Alans Geklopfte, war sie nur angespannt gewesen, aber als Johanna meinte ihn kopieren zu müssen und ebenfalls an die Tür schlug, war es ganz vorbei. Der Gesichtsausdruck von Charles sprach Bände und der Abend war gelaufen, zumindest verlief er nicht nach dem Plan den sie sich selbst zurecht gelegt hatte. Sie hasste es wenn so etwas geschah, vor allem dann wenn  ihr jemand auf solche plumpe und unangemessene Weise ein Strich durch die Rechnung gemacht wurde. Sie schaffte es, allerdings ihre Wut und Enttäuschung zu unterdrücken, zumindest äußerlich. Es fielen nicht mehr viele Worte und Melinda fasste den Entschluss demnächst ein Gespräch zu suchen. Vorerst mit Alan – ob sie sich das mit Johanna antun wollte, entschied sie noch nicht, vermutlich war es doch nur vergeudete Lebensmühe.
Doch auch der Gedanke einfach dem ganzen Unterfangen den Rücken zu kehren war wieder in ihrem Kopf präsent. Sie konnte einfach ihre sieben Sachen, oder besser gesagt drei Sachen, packen und gehen. Einfach weg.
Ach komm schon, ich bitte dich! Weglaufen, wie sonst immer? Vergiss nicht, dass du Randy in diese Situation gebracht hast. Nur dank dir, befindet sich nun ein Loch in seinem Bein! Abgesehen davon, willst du mir wirklich erzählen, dass du deinen Muschelpuschel Charles alleine lassen willst? In DIESER Gesellschaft?
Als sie am nächsten Morgen erwachte, verabschiedete sie sich mit einem kurzen Kuss auf Charles‘ Wange und schlüpfte aus dem Zimmer. Diesmal achtete sie gar nicht darauf, ob jemand auf dem Flur war, dass hatte sie ja bereits gestern Abend erfolgreich vermasselt.
Ohja! Du hättest wirklich mal die Augen aufmachen sollen.
In ihrem Zimmer ging sie ins Badezimmer und erschrak, als sie sah, dass ein Spalt neben dem Waschbecken zu sehen war. Genau dort hatte sie hinter einem losen Brett ihr Laudanum versteckt. Hatte sich jemand in ihr Zimmer geschlichen? Schnell ging sie auf die Knie und suchte nach den Flaschen, diese befanden sich noch an der gleichen Stelle, wenn sie auch umgefallen waren. Sie warf einen verwirrten Blick auf den Spalt der etwa handbreit war und blickte hindurch. Das sie ein Badezimmer sah, verwirrte sie. Ein Badezimmer hinter einen Badezimmer. Doch dann hörte sie Geräusche und sah das Badezimmer genauer an und gab dem Brett einen Schubs. Ein metallisches Knirschen ertönte als das Holz sich in die Wand schob. Plötzlich ergab alles Sinn. Das Geräusch, als sie die Nonnentracht an die Lampe gehangen hatte und das sie Charles so übernatürlich laut gehört hatte – sie blickte nämlich gerade in dessen Badezimmer. Zügig ging sie zu dem Halter an der Wand und drückte den nach vorne gekippten Arm nach hinten, wieder ertönte das metallische Geräusch. Sie warf einen Blick in ihr Badezimmer, der Durchgang war verschwunden. Sie lächelte als sie ihr Kleid wieder anzog, diese Entdeckung könnte noch sehr nützlich sein.
Sie ging zum Frühstück herunter, nickte jedoch nur zur Begrüßung und sprach auch generell wenig. Nur mit Randolph sprach sie über ein paar belanglose Dinge.
Alan nahm schließlich irgendwann das Wort an sich und erklärte was später zu tun sein würde.
Als sie ihren Weg durch London nahmen, hatte sie noch ihren klammen Mantel übergeworfen und die Kapuze tief in ihr Gesicht gezogen. Charles hatte ihr erzählt um was es ging, noch bevor Alan davon angefangen hatte zu sprechen. Sie belächelte die Aktion insgeheim. Sie hielt nichts von Geistern und Unternehmungen dieser Art.
Schließlich bei der Hexe angekommen waren, lehnte sich Melinda gegen den Türrahmen, als die Alte ihr einen Blick zuwarf und ein Lächeln zu erahnen war, reagierte sie nicht im Geringsten. Ihr Gesicht blieb ausdruckslos  - sie verstand sich darauf ihre Regungen und Gefühle für sich zu behalten. In ihrem Inneren brodelte es noch immer wegen der Aktion von Alan und besonders  Johanna. So leicht würde sie die Beiden dafür nicht davon kommen lassen.
Yay, Baby, fahr die Krallen aus…und nun schauen wir uns das Theater hier mal an. Hast du was zu knabbern oder noch besser – was zu trinken?
Die Alte begann ihren Kopf hin und her zu werfen und die Stimme seltsam zu verstellen, was sie brabbelte vermochte sie nicht zu verstehen. Melinda verdrehte die Augen, blieb jedoch stumm.

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Umbra am Di Okt 08 2013, 21:14

Unrasiert, da Eile angebracht gewesen war, aber dafür gewaschen, akribisch ordentlich angezogen und bewaffnet, erschien Charles zum späten Frühstück. Das Lächeln, mit dem er sich stumm bei Melinda bedankt hatte, bevor sie sein Zimmer verlassen hatte, würde wahrscheinlich das einzige bleiben, das sich in den nächsten Stunden auf sein Gesicht schleichen würde.
Charles lehnte Tee grummelnd verzichtend ab, denn er verabscheute dieses Getränk aus verschiedenen Gründen abgrundtief(der Geschmack gehörte nicht unbedingt dazu), und hielt sich stattdessen an Kaffee, den er mit einem kleinen Schluck Milch und so viel Zucker versah, dass dieser sich nicht komplett auflösen konnte, sondern einen krümeligen Satz am Tassenboden bildete. Ihm fehlte sogar der Antrieb dazu, den Umstand, dass Alan zum Frühstück Wein trank, abgeneigt zu kommentieren. Im Grunde war Charles diese Sauferei ein Dorn im Auge, aber er zwang sich lieber mit kaum Appetit, etwas zu essen und nebenbei zwei Tassen überzuckerten Kaffee zu trinken, als Alans Alkoholkonsum zu kritisieren so wie am gestrigen Morgen.
Allgemein schenkte Charles am Tisch niemandem sonderliches Interesse und verlor nicht viele Worte, selbst dann nicht, wenn er angesprochen wurde, was wohl einen klaren Indikator für die schlechte Laune und Niedergeschlagenheit darstellte, die sich in ihm angestaut hatte. Entsprechend reagierte er auf Alans stichelnde Ermahnung, während der Séance still zu sein, etwas gereizt. Er würde sich vor diesem Unsinn zwar nicht drücken, aber dennoch hatte er, bereits bevor sie aufbrachen, wenig Lust dazu.
Im generellen Schweigen, das herrschte, lag – seinem Empfinden nach – peinliche Berührtheit, weswegen er dies für sich nicht noch schlimmer machen wollte, indem er ein Gespräch begann. Besonders dem Blickkontakt zu Johanna wich er aus, da er weder ihre Augen ablesen wollte, was sie wohl von ihm denken mochte, noch beabsichtigte, möglicherweise einen Streit zu provozieren.

Weil er, im Vergleich zu den vergangenen Nächten, in Melindas Umarmung gut geschlafen und ihn weder Albträume noch Doktoren mit Revolvern und Fahndungsplakaten geweckt hatten, war Charles frische Luft und Bewegung auf dem Weg zum Treffen mit Alans gepriesenem Medium recht angenehm. Es strengte ihn bei Weitem nicht so an, wachsam zu bleiben wie es noch bei Melindas nächtlicher Verfolgung oder der Eskortierung der beiden jungen Damen zu ihren Habseligkeiten und zu David der Fall gewesen war. Charles bildete den Schluss ihrer kleinen Prozession und auch wenn er nicht immer alle im Blick hatte, so achtete er jedoch darauf, möglichst stets Sichtkontakt zu Johanna und Dr. Tremaine zu haben. Charles hatte seine Tochter gebeten, dem Chirurgen aufgrund dessen Verletzung zur Seite zu stehen. Auch zogen die beiden Seite an Seite nicht sonderliche Aufmerksamkeit auf sich – was der Fall gewesen wäre, hätten Alan, Melinda oder gar Charles selbst sich unterstützend eingebracht. Charles beobachtete Tremaine dennoch mit einer Spur von väterlichem Misstrauen, schließlich ging es um seine Tochter, der dieser Mann nahe war.
Vielleicht wäre es allein aufgrund des Doktors eine bessere Idee gewesen, sich von David befördern zu lassen, zumindest einen Teil der Strecke – allerdings hatte Charles auch eine andere sinnvolle Beschäftigung für den Burschen gefunden: Er hatte diesem aufgetragen, sich in ihrer Abwesenheit neben weiteren Besorgungen auch mit der Polizei zu befassen, die sich terminlich bei Dr. Tremaine angekündigt hatte – natürlich weiterhin in der Rolle des Schwagers in Spe, der den Doktor vertrat, um keinen Verdacht zu erregen. Charles war sich sicher, dass er sich auf den jungen Kutscher verlassen konnte. David war ein talentierter Schauspieler, das war er schon als Kind gewesen, und würde den Yard beschäftigen und abwimmeln können. Nebenbei bot sich die Gelegenheit für einen kleinen Raubzug im Haus Tremaines – selbstverständlich im übertragenen Sinn, schließlich würde dem Doktor so seine Kleidung und Arbeitsutensilien überführt werden, ohne dass dieser selbst zu seinem Haus würde zurückkehren zu müssen. Dies wäre, bis sich etwas Gras über die Angelegenheit gelegt hatte, vermutlich kein guter Einfall, denn die Lage war folgende:
Charles hatte, genau genommen, ein Alibi für die Tatzeit des Massakers am verbliebenen Mauney-Haushalt: Zwischen Melindas ehemaligem Zimmer in Whitechapel und Pimlico, also dem Haus der Mauneys, lag eine zu große Strecke als dass Charles sie hätte in kürzester Zeit bewältigen und auch noch an der Tötung von Leeland Smithson beteiligt hätte sein können. Hierfür gab es eine Zeugin, Melindas Mitbewohnerin. Selbst wenn diese nicht aussagen würde, hatte Dr. Tremaine Alan und sich selbst mit der falschen Schuldzuweisung in ernste Schwierigkeiten gebracht. Man könnte meinen, dass es eigentlich unauffälliger und unverdächtiger wäre, wenn Dr. Tremaine Daheim bleiben würde, doch Charles wusste, dass der Scotland Yard früher oder später zuschlagen würde – der Arzt war im alten Herrenhaus und damit flüchtig vor der Polizei sicherer, als vom Yard traktiert und schließend vor Gericht gezerrt zu werden. Nun war es ohnehin zu spät, den Unschuldigen zu spielen. Auch für Alan. Bestimmt wäre dieser nicht mehr so guter Dinge, wenn erst einmal die ersten Plakate, bedruckt mit seinem Gesicht, an den Straßenecken hängen würden.

Dieser Gedanke gab Charles wenigstens ein wenig Genugtuung. Allmählich gingen sie auf Straßen, in denen Charles eher aufgrund seiner eleganten, maßgeschneiderten Kleidung aufmerksame Blicke auf sich ziehen würde als aufgrund seines Gesichts. London war voller Hungerleider und normalerweise würde sich wohl niemand, der nicht gerade suizidale oder zumindest selbstzerstörerische Ambitionen hatte, allein und mit so einer Aufmachung in ein Armenviertel wagen. Gerade, wenn man dies des Nachts in Erwägung zog, konnte man auch gleich dem nächsten Gauner alle Wertsachen, die man bei sich trug, in die Hand drücken (wozu auch Kleidung und Schuhe gehörten) und sich zudem freiwillig verprügeln lassen. Aber vielleicht würde man auf diese opferbereite Weise den Taschendieben und Schlägerbanden ja auch den gewissen Spaß verderben, den es bringen mochte, neben der finanziellen Bereicherung ein wenig Frust abzubauen und an der Gesellschaft – oder insbesondere am nächstbesten, unbedachten Schnösel – Rache für die Missstände zu üben, denen sie tagtäglich ausgeliefert waren.
Charles sorgte sich nicht darum, überfallen zu werden. Allein in der vergangenen Woche war es ihm zweimal passiert, dass ihn während seiner nächtlichen Streifzüge Jugendliche für einen Betrunkenen gehalten hatten, der sich in seinem Rausch verirrt hatte. Allerdings hatte ihnen allein die Erkenntnis gereicht, dass sie Scarface gegenüberstanden, – zusammen mit dem Anblick seines Revolvers –, um auf seine Brieftasche zu verzichten und schleunigst anderswo ihr Glück zu versuchen.
Sein Ruf brachte nicht nur Nachteile mit sich. Es mochten verzweifelte Zeiten sein und die Belohnung, die für seine Ergreifung ausgesetzt war, war lächerlich hoch – Charles hatte kaum Zweifel, dass man sich hierfür an seinem eigenen Privatvermögen vergriffen hatte –, aber es waren wohl eher die Idealisten und Polizisten, die Jagd auf einen Serienmörder machten, als die Bevölkerung. Man hielt aus Angst um die eigene Haut meist Abstand und rief auch nicht um Hilfe, wenn man ihn erkannte. Charles war zu einer urbanen Legende geworden, wie Spring Heeled Jack, und damit hatten ihm Hill und die ganzen Klatschweiber, wenn auch unbeabsichtigt, in die Hände gespielt.

Insgeheim schmeichelte es Charles, dass die ganze Stadt seinetwegen auf Trab war, andererseits (und das war ein ganz großes „andererseits“) waren ihm die ganzen über ihn kursierenden Lügengeschichten zuwider – und dass nicht alles nach Plan lief, sowieso. Dazu gehörte der Mord am Kutscher Edward Tilling und Hills niedergebranntes Haus genauso wie Alans weitere Eskapaden, zu denen ohne Frage auch die aktuelle Unternehmung gehörte. Charles hatte zwar behauptet, dass es ihm egal war, ob die Mitglieder der Gruppe ihm glaubten, dass er kein Mörder war, oder nicht – allerdings galt das nur, solange sie ihm keine Knüppel zwischen die Beine warfen. Was auch immer Alan sich von der Befragung des Mediums erhoffte – wirklich Klarheit oder lediglich das Schaffen weiterer Unruhe: Charles hielt nach wie vor wenig davon. Es war Zeitverschwendung und würde ihm nichts weiter als Ärger bringen, das war vorherzusehen. Was auch immer diese Madame Mortuaire sagen würde, würde zumindest Alan glauben, ohne es zu hinterfragen – oder der ehrenwerte Mr. Stirling hatte bereits Absprache mit dem Medium gehalten, damit dieses das von ihm Gewünschte äußerte. Charles‘ Geduld mit Leuten, die Lügen über ihn verbreiteten, war äußerst begrenzt, besonders wenn es ihm zum Nachteil gereichte. Er glaubte nicht an das Übernatürliche wie Verstorbene, die nach ihrem Tod Kontakt mit den Lebenden aufnahmen und sogar ihren Mörder nennen konnten.

Eigentlich hatte Charles damit gerechnet, dass Alan sie zu einer Wohnwagen- und Zeltsiedlung des fahrenden Volks auf irgendeinem Platz oder Hinterhof oder in ein Hinterzimmer eines Herrenclubs führen würde – übliche Orte, an denen angebliche Wahrsager und Hexenweiber zu finden waren –, deswegen gefiel ihm die dreckige Seitengasse, in der sie endeten, weniger. Dieser Ort bot wenig Fluchtmöglichkeiten und, für die Gegenseite, die ideale Umgebung für einen Hinterhalt. Charles war so aufmerksam wie er misstrauisch war, zeigte äußerlich allerdings abwertende Gleichgültigkeit beim Analysieren der Gegebenheiten und weiterhin gelassenen Missmut.
Man mochte es ihm nicht ansehen, aber er war den Anblick von verfallenen Häusern, Armut, Schmutz und Leid gewohnt. Er schreckte nicht davor zurück, sich in die verrufensten Winkel Londons zu wagen und sich ihnen auszusetzen.
Doch um Johanna war Charles besorgt. Sie hatte bereits mit dem Tod des Bobbys namens Smithson zu viel Unheil gesehen. Für ihn war sie wie ein zartes Pflänzchen: Einfach nicht geschaffen für das Dunkel, das dieser Stadt innewohnte. Gewissermaßen bereute er es, seiner Tochter erlaubt zu haben, bei ihm zu bleiben. Bei ihm war sie in Gefahr. Sein Leben war nicht das, das ein junges Mädchen führen sollte. Allerdings verlangte es ihm, nun, da er von ihrer Existenz wusste, danach, ihr ein Vater zu sein. Er wollte sie kennenlernen und ihr all das bieten, was sie verdiente. Aus Unwissenheit hatte er in ihrem bisherigen Leben nicht für sie da sein können, doch das wollte er nun nachholen. Johanna gab ihm Hoffnung – sowie die Familie, von der er in seiner jetzigen Situation nie zu träumen gewagt hätte. Er konnte sie beschützen, wenn sie in seiner Nähe war, und das würde er, unerbittlich, selbst dann, wenn sich ihre Beziehung zueinander noch weiter verschlechtern würde. Dabei wünschte Charles sich von Herzen, dass das Gegenteil der Fall sein würde.
Die Geschehnisse des vergangenen Tages, besonders auch, was das Verhalten seiner Tochter ihm gegenüber betraf, schmerzten ihn. Er gab sein Bestes, doch sie war scheinbar nicht bereit, ihm entgegenzukommen und auch etwas Verständnis für seine Situation zu zeigen. Charles hätte nicht gedacht, dass sie es ihm so schwer machen würde, und er fragte sich, was er wohl tun könnte, um ihr eine Freude zu machen. Er würde sie gerne wieder lächeln sehen, anstatt einem kühlen, gar verachtendem Blick zu begegnen, wenn er sie anschaute.
Wie sagt man noch? „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr.“
Wie er solche Binsenweisheiten hasste, aber das machte sie nicht weniger wahr.

Erst einmal tat sich jedoch das Problem auf, das Charles direkt bevorstand: Alan hielt vor einem Haus an, offenbar dem Ziel ihrer Reise, denn Mr. Stirling verkündete genau das zusammen damit, dass er, Charles, nun vor seinem unwiderruflichen Richterspruch stünde.
„Ich zittere“, erwiderte Charles trocken und hörbar unbeeindruckt von Alans sichtlicher Vorfreude. Er fand die Angelegenheit keineswegs amüsant. Sie verdarb ihm erst recht den Tag. Der Hokuspokus war schon auf der Straße zu sehen. Pentagramme und Schriftzeichen, die nur mystisch aussehen, dabei allerdings keine Bedeutung haben mochten, allerdings in Charles Augen vielleicht doch mehr als nur Gekrakel waren, da sie Ähnlichkeiten zu kyrillischen Schriftzeichen aufwiesen. Vielleicht hatte er so etwas aber auch in Afrika schon einmal gesehen…
Noch während Charles darüber nachdachte und versuchte, das Gesehene einzusortieren, betraten sie unter Führung von Alan das Haus und erklommen die knarzende Treppe in den ersten Stock, wobei besonders Dr. Tremaine seine Schwierigkeiten hatte. Auch Charles war noch nicht ganz auf dem Damm, was seine Beweglichkeit betraf, doch einige schmerzhafte Prellungen waren im Vergleich zu einem Loch im Bein nicht gerade beklagenswert.
Oben angekommen wartete, neben einem Mädchen, das ihnen die Tür öffnete, noch mehr okkulter und angeblich magischer Ramsch auf sie. Was zu erwarten gewesen war.
Alan schien ganz in seinem Element zu sein. In seinen Augen lag der gleiche Glanz wie in denen eines kleinen Jungen, hinter dessen Ohr jemand gerade eine Münze „hervorgezaubert“ hatte, wie Charles bemerkte. Schön, dass wenigstens einer von ihnen seinen Spaß hatte – unschön allerdings, dass es sich dabei nicht um Charles selbst handelte.
Allerdings beschloss er, mitzuspielen, ohne zu murren. Zugegebenermaßen war das nicht das erste Mal, dass er sich auf so etwas in der Art einließ, wenn es auch die erste Séance im eigentlichen Sinne war, der er beiwohnen würde. Skeptisch war er berechtigterweise, immerhin ging es hierbei um ihn, doch auf den letzten Metern versuchte Charles, es positiv zu sehen: In Kürze würde es sicherlich… interessant werden. Und interessant war, in welcher Form auch immer, eine gute Sache. Er hasste Langeweile.

Charles nahm seinen Zylinder ab, als sie den Raum betraten, in dem Madame Mortuaire sich befand, und rückte Johanna und Melinda ihre Stühle zurecht, sich so benehmend wie es sich für einen Gentleman gehörte, bevor er selbst Platz nahm, so wie man ihnen geheißen hatte. Auch ertrug er den „Blick“ der anscheinend blinden, alten Frau, die ihnen gegenübersaß, ohne mit der Wimper zu zucken. Er konnte nicht sagen, dass ihn so etwas je nervös gemacht hätte.
Auch strahlte er allgemein große Gelassenheit aus. Seine Skepsis war nicht verschwunden und das würde sie auch nicht. Dennoch überwog gerade seine Neugier. Er war gespannt darauf, was diese angebliche Wunderfrau zu sagen hatte und wie die Reaktionen ausfallen würden.
Alan trug der Madame vor, was sie von ihr wollten, Charles tat dabei so als hätte er dessen Seitenblick nicht bemerkt, und das Schauspiel (denn nichts anderes als ein Schauspiel im wörtlichen Sinn war dies hier für Charles) konnte beginnen.
Das vorangehende Gehampel, Gemurmel und Verdrehen der Augen war schon einmal optisch nicht schlecht – so etwas erwartete der eingeschworene Okkultist von einem Medium. Dann ergriff Madame Mortuaire das Wort, ihre Stimme war überraschend tief, wenn auch geprägt vom hohen Alter der Frau, und sie klang beinahe so als wäre sie in Trance:
„Der Schleier zwischen dem Diesseits und dem Jenseits ist gebrochen. Die Seele, die früher einmal den Namen James Snow trug, die Seele des Mannes, den Sie meinen, ist in diesem Moment hier bei mir!“, verkündete sie in bedeutsamen Tonfall. Ihr Kopf stand nun still, pendelte nicht mehr hin und her, und sie legte ihre faltigen, von Altersflecken übersäten Hände an ihre Schläfen. Ihre Nägel waren lang und gelb und an beiden Handgelenken klimperten und rasselten Reife aus Metall, Leder und Holz mit okkulten, wahrscheinlichen beinernen Anhängern.
„Ich spüre Verwirrung und Zorn“, fuhr sie nach einer dramatischen Pause fort, „doch er will Ihnen beschreiben, was geschehen ist, damit Sie seinen Tod und den seines Freundes namens Larry rächen. Er erinnert sich daran, kurz vor seinem Tod von einem Mann in Uniform angesprochen worden zu sein.“
Sie atmete tief ein, ihre Lungen rasselten dabei.
„Ich sehe ihn, ein Bobby war es, in der Dunkelheit der Nacht...“
Wieder pausierte sie kurz, die Falten auf ihrer Stirn wurden tiefer.
„Sowohl Mr. Snow als auch Larry… beide erschraken sich, denn sie hatten den Mann zuvor nicht gesehen. Der Polizist fragte freundlich nach Feuer, also war Mr. Snow im Gegenzug so freundlich, ihm sein Feuerzeug zu leihen. Der Bobby zündete sich eine Zigarette an. Mr. Snow erschrak erneut, als die kleine Flamme Licht auf das Gesicht des Fremden warf. Ich spüre die Unruhe und Unsicherheit, die er plötzlich empfand. Eine böse Vorahnung!“
Die Alte ließ ihre Fingerpitzen kurz an ihren Schläfen kreisen, während sie fortfuhr:
„Mr. Snow verlangte mit einer auffordernden Geste sein Eigentum zurück, doch anstatt dem nachzukommen, warf der Bobby es fort. Er zog eine Waffe!“, rief Madame Mortuaire mit Theatralik aus und ihre Stimme senkte sich abrupt, als sie weitersprach:
„Er zwang sie, niederzuknien, ignorierte ihr Betteln und ihr Flehen. Dann trat er hinter sie. Ohne weiteres Wort schoss er zuerst auf Larry, in den Kopf, und anschließend starb auch Mr. Snow, nachdem er seinen Freund hat zu Boden sinken sehen.“
Sie atmete erneut tief und rasselnd ein.
„Zwar schied er in Unwissenheit darüber, warum man Larry und ihm das Leben nahm, allerdings fühlt er sich in der Lage, den Mörder zu identifizieren. Er befindet sich bei uns“, bestätigte sie nickend, ihr Schmuck klimperte.
„Scarface!“
Noch als das letzte Wort ihre Lippen verließ, sprang Charles, wie von einer Spinne gebissen, auf und übertönte sie mit zornig donnernder Stimme, während seine flachen Hände laut auf den Tisch knallten und er sich der Madame angespannt entgegenbeugte: „Das ist eine Lüge!“
Dass Alan ihn aufgefordert hatte, während der Séance nicht zu sprechen, war ihm in diesem Moment vollkommen egal, wahrscheinlicher hatte er es vor überschäumender Wut über die Anschuldigung und die Nennung des Spotttitels, den man ihm gegeben hatte, aber einfach vergessen.
Das alte Medium schreckte zusammenzuckend aus seinem angeblichen Zweigespräch mit dem Jenseits auf und als sie die Lider danach öffnete, konnte man wieder ihre trüben Pupillen, umrandet von Iriden, statt reinem Weiß in den Augenhöhlen sehen.
Sie starrte Charles an und er durchbohrte sie, schnaubend vor Ärger, mit seinem Blick. Dabei war er kurz nachdem er aus der Haut gefahren war, selbst überrascht über seinen heftigen, lauten Ausbruch.

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Elli am Fr Okt 11 2013, 09:44

Mit einer gehörigen Portion Skepsis verfolgte Melinda die einhergehende Zeremonie. Der Hokuspokus, der sich hier abspielte war nicht unbedingte ihre liebste Freizeitbeschäftigung. Auch wenn sie gestehen musste, dass die Alte ihre Rolle gut spielte.
Sie betrachtete die Szene, doch ihr Hauptaugenmerk lag auf ihren Mitstreitern. Sie warf immer wieder unauffällige Blicke zu den einzelnen Personen. Schließlich blieb ihr Blick aber an Alan hängen, denn mit diesem hatte sie ganz eindeutig noch ein Hühnchen zu rupfen.
Sie spielte unterschiedliche Szenarien durch, während sie auf Mr. Stirlings Hinterkopf starrte. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sich langsam aber sicher diverse Ideen in ihren Gedanken manifestierten. Sie musste mit Alan dringend einen Wein trinken. Bald. Er hatte schlussendlich das Wort an das Medium gerichtet und fragte, ob ein Mörder unter ihnen sei.
“Einer? Hahahahahaha, dass ich nicht lache! Wer ist denn keiner hier? Man könnte sogar Johanna Beihilfe zum Mord unterstellen. Aber du allen voran. Nicht wahr. Wie viele waren es noch?
Sie lauschte den Worten der Hexe nur bedingt und erschrak sich entsprechend bei dem Ausbruch von Charles. Im Gegensatz zu ihm hätte sie die Behauptung der Frau, Charles habe Snow getötet, nicht aus der Ruhe bringen können. Immerhin hatte sie es mit Scarface zu tun – was sie mit Sicherheit erkannt hatte – und es bestand eine 50/50 Chance, dass es sich bei Charles um den Mörder handelte. Eine solche prominente Persönlichkeit in ihren Räumen zu haben musste den Herzschlag der Alten ins Unermessliche treiben.
Mit anderen Worten: Melinda hatte damit gerechnet, dass die Alte sagen würde, Charles sei der Mörder.
Wer sagt dir dass er es nicht auch wirklich war? Der Mutter die Nase abgebissen…einen Tiger mit bloßen Händen getötet. Deine Maus könnte eine Bestie sein. Kaltblütig.
Doch der Gedanke versetzte sie nicht in Angst und Schrecken. Wohlmöglich hatte Charles Snow getötet, aber da es nicht Melinda selbst betraf, war ihr der Tod des Unbekannten ziemlich egal. Die Geschichte, dass Charles seiner Mutter die Nase abgebissen haben sollte, hatte sie ohnehin von Anfang an, als Gerücht abgetan und ihm keinen Glauben geschenkt. Allerdings war sein Körper von Narben überseht, sie nahm sich vor ihn bei Gelegenheit danach zu fragen.
Dennoch ärgerte sie der Umstand, was nun geschah. Abgesehen davon, dass sie unübersehbare Sympathien für Norly hegte, war es hauptsächlich ihr Unmut gegenüber Alan der sie dazu brachte in den Weiten ihres Umhanges die Fäuste zu ballen. Da Charles nun die Stille unterbrochen hatte, sah sie es nicht ein, ebenfalls dem gezwungenen Schweigen beizuwohnen. Sie ging einen Schritt nach vorne und legte ihm ihre Hand auf den Arm, sie hoffte ihn damit etwas beruhigen zu können, damit er nicht über den Tisch sprang und der Hexe etwas antat.
Vielleicht die Nase abbeißen? Hihihihihi
Sie hatte viele Menschen erlebt die im Augenblick der Wut nicht sie selbst waren und Dinge taten, die sie unter normalen Umständen nie getan hätten.
“Wundert es sie wirklich, dass das Medium Sie als Mörder anprangert. Ein gefundenes Fressen, würde ich behaupten.“
Sie blickte zu der Hexe herüber, die Charles anstarrte.
Überleg dir das nur mal. Ein kleines Skint und die Klingen aus dem Fächer bohren sich in den Hals der Alten. Das wäre ein Fest. Dann hättest du ein Problem weniger.
"Sagen Sie bloß, sie können uns auch das heutige Datum nennen? Ich wäre von Ihren Fähigkeiten begeistert!"

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Darnamur am So Okt 13 2013, 17:05

Randolph hatte die gesamte Aktion bereits von Anfang an, als unsinnig abgestempelt. Wie vermutlich der Großteil von ihnen. Das hatte es ihm also gebracht, dass er durch unwegige Straßen gehumpelt und seinen Körper geschunden hatte. Ohne Johanna, die ihm zur Seite gestanden hatte, hätte er es vermutlich nicht geschafft. Das Medium selbst war abscheulich hässlich. Er bemühte sich um ein höfliches Lächeln, als sie ihn tief aus ihren toten Fischsaugen anstarrte- wahrscheinlich wirkte es aber eher wie ein Haifischlächeln.
Er hörte sich den ganzen Unsinn an und verzichtete auf Alan rücksichtnehmend drauf gehässige Bemerkungen von sich zu geben. Charles dagegen schien weniger besonnen zu sein, als er auf die alte Frau einschrie. Das würde wieder zu einem Desaster werden. Melinda schloss sich ihm an und eigentlich musste Randolph dem was sie sagten auch zustimmen. Das ganze war ein einziger Schwachsinn. Er fragte sich ohnehin, warum Norly überhaupt hergekommen war. Das Viertel Londons in dem sie sich gerade aufhielten, war nicht unbedingt das Sicherste. Vermutlich würden einige der Mütter ihre eigenen Kinder für etwas Geld verkaufen, dass sie dann in Alkohol und Opium investieren konnten. Mit Sicherheit waren sie jemandem aufgefallen und mit etwas Pech würden sie auf dem Rückweg von der Polizei aufgeschnappt werden. Der heißblütige Drake würde sich wahrscheinlich auf jeden Köder stürzen, den er nur finden konnte. Vielleicht würden sie auch heil aus der Sache herauskommen. Aber mit jedem dieser „Ausflüge“ erhöhte sich das Risiko. Und auf einen derartig sinnlosen, wie diesen konnte man sicher gut verzichten.
Randolph humpelte zu Norly hinüber und packte ihn mit der Hand an der Schulter. „Lass uns vor hier verschwinden. Das hat keinen Sinn.“, zischte er.
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Scáth am Di Okt 15 2013, 20:00

Johanna hatte sich in den letzten Stunden nicht anmerken lassen wie aufgewühlt sie eigentlich war. Sie war tatsächlich eher von sich selbst überrascht, denn sie hatte nicht erwartet alles so gut überspielen zu können. Der Ort, an dem sich die Gruppe nun befand jagte Johanna in kurzen Abständen eine Gänsehaut über den Körper. Sie fühlte sich alles andere als wohl und nach dem Lächeln, das diese ebenfalls gruselige Frau an sie gerichtet hatte, hätte Johanna am liebsten den Raum verlassen. Es war beunruhigend, denn es machte den Anschein als wüsste sie über alles bescheid. Auch wenn das Lächeln Johanna in gewisser Weise bestätigte, wünschte sich das Hausmädchen dass sie diese seltsame Dame niemals angesehen hätte.
Charles plötzlicher Wutanfall ließ Johanna in sich zusammen fahren. Sie wollte aufstehen und zu Charles laufen um ihn zu beruhigen, ebenfalls ein Reflex den man nach einigen Jahren als Hausmädchen entwickelte. Johanna bekam allerdings nicht die Chance dazu. Melinda kam ihr zuvor und fasste Charles Hand. Johanna selbst wandte keine Sekunde später schon den Blick von den Beiden ab und beobachtete die seltsame Frau nun genauer.
Sie war sich nicht im geringsten Sicher ob man ihr trauen konnte. Johannas Bild von Charles war nicht gerade gut und dieser Mord würde es vermutlich noch runder machen, doch blind der Meinung einer Fremden zu folgen war nicht ihre Art. Zumal sie bislang noch nie an Geister geglaubt hatte. Sie hoffte Charles würde auf Randolph hören, denn auch Johanna wollte von hier schleunigst verschwinden.
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Druzil am Di Okt 15 2013, 21:25

"Das ist überhaupt keine Lüge!"
Alan war beherrschungslos aufgesprungen und deutete anklagend auf Norly. Sein Blick zuckte wütend zwischen den anderen hin und her.
"Ihr bleibt hier sitzen. Alle. Was heißt hier gefundenes Fressen? Der Tote hat eindeutig gesprochen und den Mörder genannt. Jedes Geständnis von Norly wäre überflüssig. Seht ihr nicht mit wem ihr es zu tun habt?"
Er war ausser sich. Nicht weil Norly lügte, oh nein. Sondern aufgrund der Blindheit der anderen. Norly hatte sie zu seinen willigen Dienern gemacht. Hirnlose Marionetten, die glaubten noch Herren ihrer eingelullten Sinne zu sein. Diese ewigen, verfluchten Monologe. Sie mussten es gewesen sein. Sie hatten den Verstand stumpf und durchlässig gemacht. Nun glaubten sie ihm jedes Wort, so albern es auch sein mochte. Alan sah, dass es keine Mehrheit für ihn gab. Johanna schien zu zweifeln, aber sie schwieg. Verflucht!
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Darnamur am Di Okt 15 2013, 22:01

"Wir sollten das Ganze aber doch nicht in Gegenwart des Mediums diskutieren, Alan?", wandte sich Randolph ihm "empört" zu. "Erinnerst du dich denn nicht mehr, was du uns zuvor gesagt hattest? Lass uns die Aufmerksamkeit dieser weisen Frau nicht noch länger in Anspruch nehmen und die Ruhe der Toten stören!" Natürlich hatte es dazu kommen müssen, dass Alan durchdrehte. Das hätte Randolph vermutlich besser vorhersagen können, als das Medium selbst. Sie sollten auf jeden Fall von hier verschwinden. Er hatte keine Lust darauf von dem Medium verflucht zu werden und dann von einem Haufen Kultisten als Blutopfer verwendet zu werden. Sie wussten nicht, wie viele Personen außer dem Mädchen und der Alten sich hier drinnen noch aufhielten. Außerdem konnte man außerhalb dieser Stätte vielleicht auch vernünftiger mit Alan reden, der völlig außer sich war und mit den Händen herumfuchtelte. Er hoffte mit seinen Worten, den Kerl überzeugen zu können. Er schien auf jeden Fall Respekt vor den Geistern der Toten und dieser Hexe zu haben. Er nickte dem immer noch auf Charles stierendem Medium zu "Vielen Dank, werte Dame. Sie haben uns sehr weitergeholfen." Er hinkte zu Johanna hinüber: "Komm, es ist besser wir gehen" Damit wandte er sich dem Ausgang zu.
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Umbra am Sa Okt 19 2013, 16:20

Als Dr. Tremaine Charles an der Schulter packte und ihn aufforderte, zu gehen, machte er sich ungehalten mit einer abwehrenden Armbewegung los. Von dem Chirurgen, aber auch von Melinda. Selbstverständlich hatte diese Unternehmung keinen Sinn. Sie war eine Farce – und Charles in diesem Spiel die Witzfigur. Er war nicht in Stimmung, Berührungen zuzulassen, selbst wenn sie nett gemeint sein sollten. Er konnte es nicht leiden, unerlaubt angefasst zu werden, besonders nicht, wenn er sich in einem Gemütszustand wie dem jetzigen befand.
Doch Alan schlug dem Fass den Boden aus. Charles hatte damit gerechnet, dass Mr. Stirling es von Anfang an auf Streit angelegt hatte und darauf bestehen würde, dass das Medium die Wahrheit sagte, aber es war Alans Formulierung, die ihn sehr reizte, sodass Charles es sich nicht nehmen ließ, sofort darauf zu reagieren – vollkommen gleich, dass Dr. Tremaine dies lieber an einem anderen Ort und zu einem anderen Zeitspunkt besprechen wollte und wahrscheinlich sogar Recht damit hatte.
„Jedes Geständnis wäre überflüssig?“, wiederholte Charles hitzig, nachdem er sich einen Moment mühsam zurückgehalten hatte, um den Doktor ausreden zu lassen. „Begreifen Sie eigentlich selbst, was Sie von sich geben, Mr. Stirling? Oh nein, Melinda, mich wundert es nicht, dass ich hier als Mörder angeprangert werde.“
Charles machte einen Schritt auf Alan zu. Es war eine grimmige, Zähne zeigende Grimasse, die sich auf sein durch die lange Narbe verzerrtes Gesicht schlich. Er war wütend und der Schuldige stand vor ihm.
„Das ist wirklich eine nette, kleine Vorführung, die Sie sich ausgedacht haben – mit diesem“, er gestikulierte, „Bimbam und Hokuspokus. Ich weiß ganz genau, wie so etwas hier von Statten geht: Jemand wie Sie schiebt jemandem wie der Madame einige Münzen zu und schon werden in einer netten, kleinen Séance die Dinge erzählt, die Sie in Auftrag gegeben haben. Sehr raffiniert, mein Lieber, würde auch nur einer oder eine der Anwesenden diesen Unsinn hier für voll nehmen. Werden Sie erwachsen, Alan!“, blaffte Charles. Dieses ganze Schauspiel war abgehalten worden, um sich über ihn lustig zu machen, und er konnte so ein Verhalten ihm gegenüber auf den Tod nicht ausstehen.
Auch wenn dieser Wutausbruch harmloser gewesen war als derjenige, den Alan heraufbeschworen hatte, indem er Charles mehrmals mit dem Namen von dessen Bruder Timothy angesprochen hatte, hatte Mr. Stirling wahrscheinlich nun erreicht, was er hatte erreichen wollen: Charles aus der Fassung gebracht.
Diese erlangte er nun jedoch wieder. Als Charles weitersprach, war sein Tonfall zwar immer noch von Ärger geprägt, jedoch war er beherrschter und die Lautstärke geringer.
„Hätte Mr. Snow tatsächlich durch diese Lady mit uns gesprochen, hätte er mich entlastet. Denn diese Schilderung ist absolut absurd, denn allein die Beschreibung des Täters passt nicht zu mir! Ich habe noch nie in meinem Leben Zigarette geraucht, nicht eine einzige, und ich habe an diesem Abend auch keine Polizeiuniform getragen!“
Das sprach eindeutig gegen diese Geschichte, das musste Alan doch einsehen!
„Und warum sollte ich diese beiden Männer derart hingerichtet haben? Scarface war es, Scarface war es! Ich kann es nicht mehr hören! In der Tat, sie sagte, dass Scarface es war“, erklärte er selbstgefällig. Nun war es ein Laut der Belustigung, der ihm entfuhr, auch wenn sich an seiner schlechten Laune noch nichts geändert hatte.
„Das ist nicht mein Name!“, stellte Charles klar.
„Wissen Sie, wie viele Menschen mit Narben im Gesicht es gibt? Selbst wenn sie irgendwelche Halluzinationen von narbigen Männern haben sollte – Gott weiß, unter welchen Drogen sie stehen mag!... ich glaube, es riecht hier nach Opium oder bilde ich mir das ein? –“, fügte er hinzu, denn ihm kam es wirklich so vor, „könnte sie mein Gesicht nicht wiedererkennen!“
Alan erntete ein verspottendes, aber noch immer grimmiges Grinsen.
„Ist Ihnen etwas aufgefallen? Sie ist blind!“ Verdeutlichend fuchtelte Charles mit seiner Hand vor den weißtrüben Augen des Mediums umher, die darauf kein bisschen reagierte, auch wenn das bestimmt kein Benehmen war, das sich für einen Gentleman geziemte. Madame Mortuaire starrte ihn noch immer an. Er zog eine Augenbraue in die Höhe und wandte sich mit kritischem Blick Alan zu.
„Und verschreckt obendrein!“, fügte er abschließend hinzu.
Doch scheinbar wollte Madame Mortuaire als Erwiderung darauf das Gegenteil beweisen. Die hageren Klauen der Alten schnellten nach vorn, umschlossen mit erstaunlicher Präzision und Kraft Charles‘ Handgelenk und Finger und zogen seine Hand zu sich – so überraschend, dass Charles sich nicht ausreichend genug dagegen wehrte, sondern mit ansehen (und mit anfühlen) musste, wie das angebliche Medium seine von ihr freigelegte Handfläche an ihren Mund führte und ableckte. Nun bereute Charles es zutiefst, sich seines rechten Handschuhs entledigt zu haben, nachdem er vorhin Platz genommen hatte. Aber auch wenn er diesen getragen und der Speichel der Alten auf dem Leder anstatt seiner bloßen Haut geendet hätte, wäre angewidert gewesen. Der Ekel war seinem Gesicht deutlich abzulesen, als er seine Hand der stiefgliedrigen Umklammerung des Mediums entriss. Die Armreife der Frau klackerten wie ein Windspiel aus in der Sonne gebleichten Knochen aneinander.
„Blut und Tod, danach schmecken Sie, Mister!“, verkündete die Madame in mahnendem Singsang und mit ihrer aufgrund ihrer Betagtheit leiernden Stimme. „Die Aura des Leids hängt über Ihnen…!“
„Denken Sie wirklich, dieser Irrsinn beeindruckt mich?“, fauchte Charles verärgert dazwischen, während Madame Mortuaire, ungerührt davon und ohne sich unterbrechen zu lassen, weitersprach: „… und der Zorn versteckt Kummer und Angst…!“
Charles straffte sich, während er Alan einen kühlen Blick zuwarf, denn dies alles war Mr. Stirlings Schuld. Dennoch ging Charles nicht, er hörte zu. Nun schweigend, ließ er den Rest der Rede über sich ergehen, mit stillen Gedanken hinter undeutbarer Miene. Er widerstand dem Verlangen, weiterhin unhöflich zu sein und dem Medium über dem Mund zu fahren, und fischte stattdessen – vorsichtig mit den Fingerspitzen, um den Speichel der Alten nicht an seiner Kleidung abzuwischen – in seiner Mantelinnentasche nach einem Taschentuch, um sich damit möglichst gründlich seine eklig nasse Handfläche abzurubbeln.
„… Unruhe durchforstet Ihre schwarze Seele, lechzend nach Sinn, lechzend nach Sühne und Erlösung! Doch sperrt sich Ihr Geist vor der Wahrheit, Sie leugnen Ihre Untaten! Die Toten lügen nicht! Sie lassen mich trotz meiner Blindheit wahrnehmen, was niemand wahrzunehmen vermag! Mr. Snow zeigte mir die letzten Momente seines Lebens. Er erkannte Scarface in seinem Mörder und vernahm dessen Worte. Ob Ihr Gesicht zu dem in Mr. Snows Erinnerung passt, vermag ich wirklich nicht zu beurteilen, Charles Leopold Norly“, – sie verlieh ihrem Ton Gewicht, als sie seinen vollen Namen aussprach, vielleicht um zu verdeutlichen, dass sie sich bewusst war, mit dem sie sprach, und dass sie ihn meinte und nicht einen anonymen Mörder hinter einem Pseudonym –, „doch Ihre Stimme ist unverkennbar die des Schlächters!“
Madame Mortuaire mochte auch den harten Blick nicht sehen, mit dem Charles sie durchbohrte, ebenso wenig wie die Verachtung, die in seiner Mimik lag, als ein tiefes, missbilligendes Grollen aus seiner Kehle drang. Wäre das Medium nicht alt oder behindert oder eine Frau, könnte er sich vergessen. Stattdessen wandte sich ab, um diesen Ort entschlossenen Schrittes zu verlassen. Das Taschentuch und seinen Handschuh stopfte er gereizt in seine Manteltasche und seinen Zylinder setzte er auf, noch bevor er über die Türschwelle des Raumes getreten war.

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Druzil am So Okt 20 2013, 18:38

Alan wich keinen Milimeter zurück, als der Verrückte auf ihn zutrat. Er hatte ihn in die Enge getrieben und nun fauchte er um sich, wie ein blutendes Tier. Recht so, dachte er sich. Das Beil der Gerechtigkeit senkte sich unaufhaltsam auf sein dürres Genick zu. Aber noch war es nicht überstanden. Noch schwankte die Situation bedrohlich auf der Kippe. Alles war möglich. Alles konnte geschehen. Von einem Blutvergiessen bis hin zum siegreichen Rumgetrickse von Norly.
"Eine kleine Vorführung? Was erlauben Sie sich? Ich bin kein Trickser und Gaukler wie Sie. So eine Inszenierung sähe lediglich einem ähnlich. Ihnen! Doch jetzt sind sie überführt worden und haben nicht mal den Anstand sich bei dem Verstobenen zu entschuldigen. Sie sollten auf den Knien rutschen und um Vergebung betteln, Norly!"
Auch Alan hatte sich wieder in Rage geredet. Vielleicht war dies der finale Konflikt in ihrer Reihe aus Konflikten. Ein Wendepunkt. Er wusste, dass Norly es leid war in Alan kein unterwürfiges Hündchen gefunden zu haben. Und auch er war es leid immer wieder mit Lügengeschichten überhäuft zu werden. Die ganze Sache musste endlich geklärt werden.
"Ihre Stimme ist unverkennbar die des Schlächters", zitierte er die Madame. "Mehr muss ich nicht wissen."
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Elli am Mo Okt 21 2013, 10:32

Charles schüttelte Melindas Hand von seinem Oberarm ab, doch sie war deswegen weder verstimmt noch überrascht. Er war in Rage, zu Recht wie sie fand, da war eine solche Reaktion nicht verwunderlich. Sie bedauerte, dass sie es nicht geschafft hatte, ihn zu beruhigen und auch die Worte von Randolph nicht halfen. Sie verfolgte das Wortgefecht, zwischen ihm und Alan, während sich bereits alle zum gehen gewandt hatten. Das die alte Frau Charles‘ Hand abgeleckt hatte, hatte bei Melinda eine Gänsehaut verursacht, die gar nicht mehr weggehen wollte. Es schüttelte sie.
“Ach Herrgott Alan, können wir diesen Hokuspokus bitte lassen?“ erwiderte sie nun genervt. “Das hier ist eine Farce, mehr nicht. Jeder in London hätte gesagt, dass Charles der Mörder wahr, der nicht die richtigen Hintergründe kennt. Vielleicht sollten Sie sich mal beim Premierminister melden, wohlmöglich wird noch ein Minister gesucht, der Personen anprangert oder einen Minister für Zauberei und Hoskuspokus. Das wäre der ideale Job für Sie. Leider müssten Sie sich dafür mal waschen.“ Sie warf einen Blick zu der alten Damen herüber und trat einen Schritt näher an Alan heran. “In diesem Raum befindet sich nicht nur ein Mörder – und bei einem der Anwesenden wissen wir ganz genau das er das Leben einer Person ausgelöscht hat, im Gegensatz zu den Behauptungen über Charles. Den auf Hörensagen und das Gemurmel eines alten Waschweibes lege ich keinen Wert. Auch Scotland Yard findet Augenzeugen wesentlich interessanter, als Wahrsagerinnen.“ Das letzte Wort spie sie förmlich aus.
Sie schien damit jedoch nicht die Einzige zu sein, auch wenn Johanna nichts sagte, schien diese entweder nicht überrascht oder zweifelte die Worte der Madame ebenso an, wie es Randolph tat. Das musste Alan am meisten ärgern – nicht das Norly seine angebliche Schuld anzweifelte und die alte Dame Lügen strafte, sondern eher das niemand das Schauspiel ernst nahm.
Sie setzte sich in Bewegung, doch dann  kam ihr etwas anderes in den Sinn. Sie trat nah an ihn heran und flüsterte “Lassen Sie uns zurückkehren, im Waisenhaus wartet Wein…und etwas anderes zum...trinken...ich bin sicher, sie fröhnen ebenso wie ich nicht nur dem Alkohol, was Drogen betrifft.
Wieder wanderte ihr Blick zu der widerlichen alten Frau hinter dem Tisch.
Ahhh, was meinst du der Trick mit den Augen? Ja? Ja?
Sie stand noch immer nah vor Alan und verdrehte ihre Augen nach oben, so das nur noch das Weiße zu sehen war. Dieses Spielchen hatte sie oft als Kind gemacht um die jüngeren Kinder im Waisenhaus zu erschrecken. Sie wedelte wild mit ihre Hand vor Alan her. “Ich verfluche Sie.“
Danach blickte sie ihn wieder an und zuckte die Schultern. “Sehen Sie? In etwa so glaubhaft, wie das Mütterchen, dass sie ausgegraben haben.“
Dann drehte sie sich um und tat es Charles gleich, in dem sie den Raum verließ. Wieder musste sie an die Zunge denken, die über die Handfläche von Charles geleckt hatte und sie verzog angewidert das Gesicht.

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Scáth am Mo Okt 21 2013, 15:56

Johanna war diese Sinnlose Diskussion leid. Sie seufzte. Dieser nette Besuch hier hatte sie in keinster Weise weiter gebracht. Sie zweifelte an Charles Unschuld. Sie zweifelte mittlerweile auch an Alans Art. Sie zweifelte gerade jetzt überhaupt alles und jeden an und fühlte sich so verloren wie schon lange nicht mehr.
"Danke für Ihre Hilfe, Madame", sprach Johanna an die alte Dame gerichtet. Sie hatte Mitleid mit ihr, solche Kunden hatte sie vermutlich noch nie gehabt. Die Tatsache das sie Charles Handfläche abgeleckt hatte versuchte das Hausmädchen zu ignorieren.
Johanna blickte misstrauisch zu Alan und Melinda, die scheinbar gerade irgendwelche Geheimnisse hatten.
"Wir sollten nun wirklich gehen. Sich gegenseitig in Rage zu provozieren bringt absolut nichts. Das haben wir nun wohl eben gelernt."
Johanna fasste Randolph am Arm und lief mit ihm richtung Ausgang. Sie drehte sich noch einmal um und lächelte Alan an.
"Kommen Sie mit, oder haben sie nun endgültig genug von...diesem Haufen?"
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Umbra am Mi Okt 23 2013, 21:53

Charles blieb ihm Türrahmen stehen, sich daran abstützend. Er drehte sich nicht wieder um, doch seine Finger trommelten angespannt gegen das Holz. Wut, aber auch plötzlich aufgekeimtes Misstrauen und Eifersucht, da Melinda Alan leise etwas zuflüsterte, das Charles offenbar nicht hören sollte, brodelten in ihm. Es war der Dolch des Verrats, den er in seinem  Rücken stecken spürte. Niemand ergriff für ihn Partei. Nicht wirklich. Es war Madame Mortuaires Aussage, die in Frage gestellt wurde, nicht seine angebliche Schuld an sich. Melindas Worte hörten sich so an als sei sie auf Charles‘ Seite, doch glaubte sie ihm auch? Johanna hatte sich zu diesem Thema überhaupt nicht geäußert. Er fühlte sich allein gelassen.
„Wen genau soll ich um Vergebung anbetteln?“, fragte Charles ungehalten, während er in den schäbigen Flur starrte, auch wenn sich allmählich Niedergeschlagenheit in seine Stimme schlich und den Zorn verdrängte.
„Sie etwa, den großen, gerechten Alan R. Stirling?“
Was für eine kuriose Vorstellung! Charles Norly bettelte nicht. Das war entwürdigend. Er hatte seinen Stolz, den würde niemand ihm nehmen können. Da würde er den Tod vorziehen.
„Verschonen Sie mich mit Ihrer geheuchelten Ehrbarkeit“, knurrte Charles. Er ließ es sich von einem Trunkenbold und Störenfried ohne Taktgefühl und jeglichen Sinn für Privatsphäre keine Belehrungen gefallen. Überhaupt gab es nur sehr wenige Leute, deren Belehrungen er nicht gereizt aufnehmen würde, doch aus Alans Mund waren sie ein Witz. Es war ungeheuerlich, dass dieser weiterhin darauf bestand, dass Madame Mortuaire tatsächlich mit dem ermordeten James Snow Kontakt aufgenommen und Charles als dessen Mörder entlarvt habe. Diese Inszenierung hier war eine Farce, Melinda hatte damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Eine Inszenierung war es in der Tat und niemand anderes als Alan war der Urheber – dessen war Charles überzeugt.
„Mir ist gleich, wem Sie Glauben schenken oder was Sie glauben zu wissen“, legte er dar, „doch täuschen Sie sich, wenn Sie denken, dass ich hergekommen bin, weil ich das Bedürfnis verspüre, mich rechtfertigen zu müssen, oder weil ich mich gerne beleidigen und verleumden lasse. Ich besitze mehr Anstand als Sie, Mr. Stirling! Sie können sich glücklich schätzen, dass ich ein gutmütiger Mensch bin“, stellte er klar, „denn wäre ich derjenige, den Sie in mir sehen, hätte ich vermutlich schon beschlossen, dass Sie mir zu lästig und die Mühe nicht wert seien, und hätte mich Ihrer auf abscheulich blutige Weise entledigt.“
Charles straffte sich. Die Prügelei steckte ihm noch immer schmerzhaft in den Knochen und führte dazu, dass er sich ungewöhnlich matt und kraftlos fühlte. Das war ihm nicht angenehm.
„Wenn Sie mich in Zukunft unbedingt zu demütigen gedenken“, fuhr er ruhig fort, „würde ich Sie bitten, dazu ein Gespräch unter vier Augen zu suchen, anstatt unser aller Zeit zu vergeuden. Und auch wenn es Sie nicht das Geringste angeht: Ich habe bereits angemessen um Mr. Snow getrauert, denn ich habe für sein Seelenheil und das Wohl seiner Hinterbliebenen gebetet und bin zudem bemüht, die Umstände seines Todes aufzuklären und ihn zu rächen. Mehr kann ich nicht tun.“
Charles verließ die Wohnung. Nun war es wirklich Zeit zu gehen. Er wollte fort von diesem Ort – und erst einmal an die (einigermaßen) frische Luft. Von dem jungen Mädchen, das ihnen die Tür geöffnet hatte, war nichts zu sehen oder zu hören. Vermutlich hatte sie sich irgendwo in der Wohnung ein Versteck gesucht, aus Angst vor den zornig und laut streitenden Fremden.

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Druzil am Sa Okt 26 2013, 12:13

Alan drückte der Madame ebenfalls seinen Dank aus und eine Entschuldigung für das unaussprechliche Verhalten seiner Begleiter.
Er wirkte niedergeschlagen, obwohl er nun doch endlich Gewissheit über die dunkle Seele, die Norly innewohnte, hatte. Dieser Bastard. Hatte es mal wieder geschafft, sich mit schleimhaften Lügengeschichten aus der Affäre zu ziehen. Als Norly ein Gespräch unter vier Augen anbot, zischte Alan wütend: "Darauf können Sie sich verlassen."
Er musste die Situation überdenken. Seine Rolle an der Seite eines Schlächters. War eine weitere Zusammenarbeit noch tragbar? War Norlys Nähe überhaupt tragbar? War es dieser ganze Irrsinn? Doch das überraschende Angebot der Hure hatte seine Neugier geweckt. Was wollte sie? Er beschloss sich auf ein Treffen einzulassen. Schlimmer konnte es eh nicht mehr kommen ...
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Elli am Di Okt 29 2013, 11:44

Der Weg zurück nahm einiges an Zeit in Anspruch, was nicht zuletzt daran lag, das Randolph große Schwierigkeiten mit dem Vorankommen gehabt hatte. Es störte sie nicht, dass Johanna diejenige war, die den Arzt und somit, Melindas alten Freund, stützte. Genaugenommen, war es auch das was ihr das Verhalten des Mädchens so sinnlos erschienen ließ, die offensichtliche Eifersucht – auch wenn das Hausmädchen es schaffte, diese seit fast drei Stunden nicht zu zeigen – ohne jeglichen Rückhalt. Den Kopf darüber zerbrechen wollte sich Melinda nun wirklich nicht. Würde Johanna bei Charles weiterjammern und damit Erfolg haben, wusste sie bereits was sie tun würde. Sie ließ sich nicht von einem Hausmädchen sagen, was sie zu tun und zu lassen hatte. Schon gar nicht, bei einem solchem Grund.

Die Gefühle der Gruppe waren mit Sicherheit sehr gemischt, die Wut war Charles deutlich anzumerken, weshalb Melinda Abstand davon nahm, ihn anzusprechen.
Johanna hatte kaum etwas gesagt, schien jedoch verunsichert, Randolph eher desillusioniert, dass er diesen beschwerlichen Weg auf sich genommen hatte für nichts.
Alan musste innerlich vor Wut kochen, hatte er doch in seinen Augen nun endlich den gesuchten Beweis gefunden und niemand in der Gruppe schien sich dafür zu interessieren.
Melinda hingegen war es eher gleichgültig, was gerade geschehen war, sie war völlig in Gedanken versunken, in diverse Pläne verstrickt, so dass sie den Weg zum Haus kaum mitbekam.
Charles ging voran und führte die Gruppe sicher durch die Straßen Londons.
Niemand schien sich weiter für die Truppe zu interessieren, was wohl an der Ecke lag, in der sie sich gerade aufhielten. Hier war es besser nichts zu sehen und nicht gesehen zu werden. Selbst eine illustre Gruppe mit einem Verletzten, wie Randolph machte kein großes Aufsehen. Vielleicht lag es daran, das hier eine Schusswunde, beziehungsweise eine spätere Narbe, fast schon zum guten Ton gehörte und man in manchen Ecken Englands, ohne ein gutes Immunsystem und der Fähigkeit Schmerzen zu ignorieren kaum länger als eine Woche überleben konnte.
Die Versammlung die sich langsam aber beständig durch die Gassen schlug, schien das bisher gut umsetzten zu können. Alle hatten bereits seit ihrem kurzen Miteinander Verletzungen davon getragen, manche schwerer wie Termain und Norly, andere weniger schwer wie Alan und Melinda – außerdem die verletzte Hand Johannas, die laut Charles keine wirkliche Verletzung zu sein schien.
Wohl eher der Wunsch nach Aufmerksamkeit!
Melinda merkte kaum, dass Charles vorsichtiger wurde und langsamer führte, als sie in die Nähe des ehemaligen Waisenhauses zurückkamen.
Randolphs Gesicht war von Schmerzen verzehrt und Melinda war sich ziemlich sicher, dass ihm kalter Schweiß über den Körper strömte, als sie endlich im Haus und der Küche ankamen. Dort ließ sich der Arzt erschöpft auf einen Stuhl nieder.
Melindas Plan bezüglich Alan nahm jedoch Gestalt an. Zwar hatte dieser auf ihre Ansprache bei der Madame nicht reagiert, doch das änderte nichts daran, dass sie davon ausging, dass er einem Glas Wein – oder eine Flasche – und einem Leckerchen wie Laudanum nicht nein sagen konnte. Was danach geschehen würde, würde sich zeigen. Er musste nur genug trinken und es sollte keine Schwierigkeit sein, den Plan in die Tat umsetzten zu können.
Dem Arzt würde sie ebenso Wein anbieten, der diesen vermutlich alleine schon wegen der Schmerzen annehmen würde. Wäre dem nicht so, würde Melinda ihn in ihre Pläne einweihen müssen und hoffen dass er mitspielte – was sie aber für wahrscheinlich hielt, da dieser und Alan sicherlich keine allzu guten Freunde mehr werden würden.
Vergiss das Laudanum nicht!
Eiligen Schrittes eilte sie in das obere Stockwerk und schloss ihre Türe auf. Sie nahm eines der Fläschchen mit dem Opiat in die Hand und ließ es in einer ihrer Taschen verschwinden. Ebenso schnell, schloss die Türe wieder ab – den trauen wollte sie hier niemandem – und gesellte sich wieder zu der Ansammlung in der Küche.
Also griff sie zu der Weinflasche die noch offen von dem gestrigen Abend auf dem Tisch stand und schwenkte sie gegen das Licht, um den Inhalt sehen zu können. “Wein?“ fragte sie in die Runde, wenn sie auch hauptsächlich Alan und den Arzt meinte.
Wäre sie gläubig gewesen, hätte sie sicherlich in diesem Moment damit angefangen, irgendeinen Gott anzubeten, dass es funktionieren würde.
Das Laudanum würde erst später zum Einsatz kommen.


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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Darnamur am Di Okt 29 2013, 12:52

Randolph nahm Melindas Angebot mit gemischten Gefühlen an. Im Grunde hatte er es lieber Herr seiner Sinne zu bleiben. Allerdings waren sowohl sein Körper, als auch sein Verstand von der Wanderung noch ziemlich angeschlagen. Er hatte Kopfschmerzen und natürlich immer noch seine Beinverletzung, die ihn zermürbte. Ein Glas Wein würde ihm sicher helfen. Schließlich war er kein Masochist.
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Umbra am Di Okt 29 2013, 19:41

Die explosive Mischung aus Zorn und Niedergeschlagenheit, die Charles befallen hatte, war auf dem Rückweg zum alten Waisenheim langsam verebbt, doch hatte sie zu viel der Niedergeschlagenheit zurückgelassen als dass er wieder guter Dinge sein könnte. Gereizt war er noch immer, und das war ihm nur zu leicht anzuhören, als er mehrmals laut nach David schrie, sobald er einen Fuß in das riesige, alte Gemäuer gesetzt hatte. Doch eine Reaktion des jungen Mannes blieb aus. Höchstwahrscheinlich war er noch unterwegs. Charles glaubte nicht, dass dieser sich vor ihm verstecken würde. So musste ein Gespräch mit dem Burschen über weitere Pläne wohl warten.
Also schloss sich Charles erst einmal dem Rest der Gruppe an, der sich in der Küche versammelte. Da er jedoch nicht in Stimmung für Geselligkeiten war, setzte er sich gar nicht erst hin, gerade nicht, weil er auf Alan wütend für die Störung in der letzten Nacht und dazu noch für diese (wie Charles vermutete) erkaufte Lügengeschichte des Mediums war und auch dem Doktor noch nicht verziehen hatte, dass dieser ihn am gestrigen Tag einen selbstverliebten Schwätzer genannt hatte.
Das Angebot eines Glases Wein lehnte er dankend ab, denn davon hatte er nach dem vergangenen, erheblich von Schwindel geprägten Kater erst einmal genug. Charles hatte noch immer Schmerzen, vor allem in der Seite und am Kopf, um den er weiterhin einen Verband trug, doch er wollte nüchtern bleiben.
„Wenn Sie etwas Härteres brauchen“, meinte er brummend und wies auf einen Küchenschrank, „dürfte dort oben etwas sein.“ Eigentlich missfiel ihm die Sauferei. Alan mochte auf spezielle Weise unterhaltsam sein, doch Melinda sollte als junge, hübsche Frau davon ablassen. Dem Doktor wollte Charles den Wunsch nach Alkohol verzeihen, denn dessen Schmerzen waren offensichtlich nicht gering. Charles würde jedoch niemanden davon abhalten, sich zu betrinken – niemanden außer eine Person.
„Auf ein Wort, Johanna“, wandte er sich an seine Tochter, bevor sie es sich bequem machen konnte, und fügte dann ein nüchternes „Bitte“ sowie eine einladende Geste in Richtung Tür hinzu, um es nicht allzu sehr nach einer strengen Aufforderungen klingen zu lassen. Er war zerknirscht und sah keine Notwendigkeit, das zu verbergen, jedoch wollte er seine Stimmung nicht an Johanna auslassen. Stattdessen gedachte er, sich offen zu zeigen und auf sie zuzugehen, nachdem sie so abweisend gewesen war. Die Erinnerung und der Gedanke an die Abscheu ihm gegenüber, die er aus ihren Gesichtszügen und ihren Augen hatte ablesen können, schmerzte und betrübte ihn sehr. Sowohl Unverständnis als auch Schuldgefühle begleiteten ihn, dazwischen Unsicherheit, wie er sich ihr gegenüber am besten verhalten sollte. Die Vaterschaft war so unerwartet und zu einem Zeitpunkt über ihn gekommen, an dem er sich bereits schweren Herzens von der Hoffnung auf eine glückliche Zukunft getrennt gehabt hatte. Es war ihm gewesen, als habe er alle Chancen auf eine Familie wie er sie sich so lange gewünscht hatte – eine liebevolle Frau und Kinder, denen er ein guter Vater sein konnte –, schon vor Jahren vertan. Doch nun… Mit Johanna war eine Tochter in sein Leben getreten und trotz der widrigen Umstände, in denen er sich befand, wollte Charles sich alle Mühe mit ihr geben.
Er übernahm die Führung und brachte sie in den Büchersaal des Herrenhauses, den er zuvor bereits entdeckt und in Augenschein genommen hatte. Staub herrschte hier wie eigentlich überall in Maybrick Manor, wo noch niemand von ihnen etwas dagegen unternommen hatte, und die bis an die hohe Decke reichenden Regale, deren oberen Bretter nur über eine Leiter zugänglich waren (wenn man nicht gerade klettern und sich dabei möglicherweise unter den alten Möbeln begraben wollte), waren lediglich sehr spärlich mit teils sogar sehr mitgenommenen Büchern besiedelt, deren Umfang von schmalen Einbänden bis zu dicken Wälzern reichte.
Charles mochte diesen Raum, auch wenn in ihm Melancholie nach ihm griff. Er vermisste seine eigene Büchersammlung, sein Studierzimmer und seinen Ohrensessel vor dem Kamin. Noch nie hatte er solche Sehnsucht nach Manchester verspürt wie seit Anbeginn der Hetzjagd nach ihm – oder, besser gesagt: der vergeblichen Hetzjagd nach Scarface.
‚Me, poor man – my library was dukedom large enough‘, zitierte murmelnd und voller Wehmut Prospero aus dem Shakespearestück „The Tempest“, und merkte dabei noch nicht einmal, dass er dies nicht nur dachte. Nicht ohne Grund kam ihm das in den Sinn, denn er sah Parallelen zwischen sich und dieser Figur. Einige wenige. Ihm selbst waren seine Bücher und eigenen Interessen tatsächlich wichtiger gewesen als das Erbe, das ihm auferlegt worden war. Er hatte nie darum gebeten, selbst einmal Fabrikant zu werden, und hatte es nie sein wollen, aber inzwischen brauchte er sich selbst nicht mehr über das beschweren. Dem Unternehmerdasein hatte er schon vor einiger Zeit komplett entsagt. Blicke in Richtung Vergangenheit und Zukunft sahen jeweils nicht rosig aus. Aber auch anderweitig passte das Zitat zu dem, was er über den Inhalt dieses Raumes dachte: seine eigenen Bücher reichten ihm aus, auch wenn sie gerade unerreichbar für ihn waren, denn für die meisten, die sich hier finden ließen, konnte er wenig Interesse aufbringen. In der Tat, er hatte es nicht lassen können, zu stöbern.
Charles löste sich von diesen abschweifenden Gedankengängen und bat Johanna, als einen seiner Lichtblicke im Dunkeln, auf einem Sessel einer Sitzgruppe nahe einem alten, rußigen Kamin Platz zu nehmen. Er schloss die Tür hinter sich und wählte für sich den Sessel ihr gegenüber.
Das Gespräch begann von seiner Seite aus mit einem Lächeln, dem ersten ehrlichen, das er nach dem Aufstehen zustande brachte, auch wenn ihm selbst dieses schwer fiel.
„Ich danke dir für deine Hilfe“, sagte Charles, um in den Redefluss zu kommen. „Dr. Tremaine sollte eigentlich das Bett hüten und sein Bein schonen, anstatt lange aufzubleiben und es unnötig zu belasten.“ Seine Stimme war wieder freundlich und beherrscht. Ernst, aber doch gelassen.
„Vielleicht wäre es gut, wenn du dich ein wenig um ihn kümmern und auf ihn Acht geben würdest“, schlug er vor, denn das hielt er für eine sinnvolle Idee.
„Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Kranke und Verletzte nicht dazu neigen, ihren Zustand richtig einzuschätzen zu können und ernst zu nehmen, so schlimm er auch aussehen mag – selbst Ärzte nicht.“
Selbst ich nicht.
Charles ließ Johanna kurz Zeit zum Nachdenken und Reagieren, bevor er fortfuhr, nun zu dem kommend, weswegen er sie eigentlich hergebeten hatte:
„Ich kann verstehen, dass dies alles nicht einfach für dich ist. Deinem Alltag entflohen, umgeben von Menschen, die du nicht kennst und von denen du nicht weißt, ob du ihnen trauen kannst – mich selbst dabei nicht ausgenommen. Du hast den Tod eines Polizisten mit ansehen müssen“, listete er weiter auf, „und so etwas vergisst man nie mehr. Es tut mir leid. Ich hätte mich nicht dazu hinreißen lassen dürfen, mich mit ihm zu schlagen. Ich muss dir ziemlich impulsiv vorkommen, doch das bin ich eigentlich nicht…“, versuchte er, sein Verhalten zu entschuldigen und verständlich zu machen.
„Es sind die Umstände, die mir unweigerlich zu schaffen machen. Ich versuche stets, das Beste aus den Gegebenheiten zu machen, und ich schließe nicht aus, dabei auch schon falsche Entscheidungen getroffen zu haben. Nicht ohne Grund bin ich ungewollt zur Berühmtheit geworden. Und nicht ohne Grund denkst du, ich sei ein schlechter Vater“, räumte er ein.
„Allen Grund hast du dafür. Ich habe Sofias Schwangerschaft verpasst, deine Kindheit, deine Jugend…“ Er schüttelte dabei leicht mit dem Kopf. Dies bedauerte er wirklich.
„Nun bist du eine wunderhübsche erwachsene Frau und im Alter, bald selbst einen Gatten zu finden und Kinder zu bekommen. Ich wünschte mir vom ganzen Herzen, ich könnte die Zeit zurückdrehen und dir der Vater sein, den du verdienst und der ich immer für jemanden wie dich habe sein wollen. Doch das ist mir leider nicht möglich. Ich kann dir nur den alten Krüppel bieten, den du hier vor dir siehst, und die Zeit, die mir bleibt, ist knapp bemessen.“ Resigniert fuhr er sich mit der Hand durch sein Gesicht und spürte das Kratzen seiner unrasierten Wangen an seinen Fingern. Ihm fiel ein, dass Madame Mortuaire seine Hand abgeleckt und er diese noch nicht gewaschen hatte, also entfernte sie schleunigst aus seinem Gesicht.
„Ich weiß, ich werde bald sterben, Johanna, entweder durch einen wütenden Mob, eine Kugel oder am Galgen. Nimmt man mich fest, wird mit einsperren und für Morde belangen, die ich nicht begangen habe. Erinnerst du dich an unser erstes Treffen? Gewiss. Ich sagte dir, man habe mich hereingelegt, und das entspricht der Wahrheit. Lügen und nichts als Lügen höre ich über mich und kann mich nicht auf offiziellem Weg dagegen wehren. Deswegen bin ich hier und tue, was ich meiner Ansicht nach tun muss. Ich bin gebrandmarkt. Man hat mich enteignet. Mein Haus, mein Vermögen, selbst die Kleidung, die ich trage: Offiziell gehört nichts davon mehr mir und deswegen kann ich auch keine Erben einsetzen. Ich hoffe, es ist nicht die Aussicht darauf, die dich bisher hier gehalten hat.“ Das hoffte er tatsächlich. Sicher war es ihr kein Geheimnis, dass er ein reicher Mann war – gewesen war, wenn es nach Hill ginge. Doch dem war nicht so. Jedoch spielte, dass die Polizei längst nicht seinen gesamten Besitz ausfindig gemacht und beschlagnahmt hatte, für seine Argumentation keine Rolle. Er hatte nicht die Absicht, Johanna mit Geld zu locken – nicht wenig Geld, wohlgemerkt –, also brauchte sie zu diesem Zeitpunkt auch noch nichts davon zu wissen.
„Mir ist bewusst, die Umstände sind kompliziert und neu für dich, für mich selbst ist es ein überwältigender Gedanke, dass ich eine Tochter habe, doch wenn du mir dein Vertrauen schenkst, werde ich dir helfen, dich damit zurechtzufinden, und ich werde dich in mein Vorhaben mit einbeziehen, wenn du es wünscht.“ Charles lächelte müde.
„Du siehst aus wie deine Mutter“, erzählte er ihr und so empfand er es auch, wenn es auch sein konnte, dass sich das Bild, das er mit Johanna vor sich hatte, und seine Erinnerungen überlagerten. Wie viele Kinder hörten, dass sie ihren Eltern ähnlich waren, ohne es hören zu wollen? Charles war sich bewusst, wie ähnlich er seinem eigenen Vater war. Je älter er wurde, desto mehr fiel es auf. Er liebte seine Narbe dafür, dass sie davon ablenkte.
„Ich fühle mich so schuldig für das, was euch beiden angetan wurde“, gab er geknickt zu. „Ich kann es nicht wieder gut machen, aber ich würde mich freuen, Zeit mit dir verbringen zu dürfen und dich besser kennenzulernen. Es wäre mir sogar ein Vergnügen. Bitte gib mir die Chance dazu. Es schmerzt mich, dich anzuschauen, und nichts über dich zu wissen.“

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Druzil am Di Okt 29 2013, 20:53

Alan sackte am Küchentisch förmlich in sich zusammen. Ein schmerzendes Gefühl schlug dumpf gegen seine Brust. Es war nicht der Schmerz einer Niederlage. es war viel beschissener.
Die Frage nach etwas Wein, beantwortete er resigniert mit: "Was bleibt uns übrig?"
Er hielt Melinda ein Glas hin.
Norly, oh der strahlende, reine Norly, hatte natürlich sein Töchterchen zu sich gerufen, um bei ihr die letzten möglichen Zweifel auszumerzen. Versprach ihr warscheinlich Geld. Die Erbschaft irgendeines Vermögens. Spielte sich als den liebenden Vater auf, dem man mit einer Verschwörung böse mitspielen wollte. Hätte ich damals nur von dir gewusst! - solche Sätze seierte er vermutlich runter.
Alan wurde schlecht und er musste sich dringend ablenken.
"Nur mal so aus Neugier und nicht aus entsprechendem Interesse, Melinda. Wie viel nehmen Sie eigentlich für eine Stunde mit allem drum und dran?"
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Elli am Mi Okt 30 2013, 14:40

Erfreut hörte Melinda die Zustimmung seitens Alan und Randolph. Schnell fühlte sie drei Weingläser.
Das Charles den Raum verließ und Johanna gleich mitnahm, passte hervorragend in den Plan der Hure – was es im Endeffekt zu bedeuten haben würde, würde sich noch zeigen, aber darum konnte sie sich später Gedanken machen.
Die Frage die Alan stellte, sollte vielleicht provozierend sein, doch sie verfehlte ihre Wirkung, wenn eine solche geplant wäre.
“Das kommt auf den Kunden an. Schon mal was von schwarzen Kutschen gehört? Huren die dieser Liga entsprechen, sind nicht für ein paar Pence zu haben. Ich bin käuflich, aber verkaufe mich nicht unter Wert.“ sagte sie entspannt und trank einen Schluck aus ihrem Glas, nachdem sie wortlos in die kleine Runde geprostet hatte. Sie hatte sich auf einem der Holzstühle nieder gelassen um möglichst viel Bewegungsfreiheit zu haben. Nun überschlug sie die Beine und stütze ihren Arm, dessen Hand das Weinglas hielt, auf dem Oberschenkel ab.
Ihre Aussage stimmte natürlich nicht vollkommen, zum einen dauerte es einige Zeit bis ein Kunde der eine schwarze Kutsche besaß auf einen aufmerksam wurde und die Dienste auch in Anspruch nahm. Stammkunden waren im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert. Gelegentlich zahlte man sie, neben dem üblichen Lohn, auch weiter mit Schmuck, denn sie meist schneller versetzte, als das sie hatte. Eine Hure mit Schmuck um den Hals oder wertvollen Ringen an den Fingern, landete schneller tot in der Gosse, als man gucken konnte. Nichtsdestotrotz hatte sie einst klein angefangen und lediglich ein paar Pence für ihre Dienst erhalten und auch heute noch – wenn gerade keiner der wohlhabenden Kunden zu haben war, das Verlangen nach Alkohol oder Schlimmerem aber zu groß wurde – passte sie ihre Preise den Gegebenheiten an.
“Üblicherweise sind mein Verdienst sechs Pfund. Dabei sollte ich Gefahrenzulage verlangen. Randolph kann sicher kaum noch mitzählen, wie oft er mich schon zusammenflicken musste.“
Sie tat so, als würde sie einen weiteren Schluck nehmen, benetzte jedoch nur ihre Lippen mit dem dunklen Wein.
Das dauert zu lange mit dem Wein, komm schon, lass dir was einfallen!
“Ah! Charles hatte doch etwas von Schnaps erzählt.“Sie stellte ihr Glas auf dem Tisch ab und ging herüber um den klaren Gebrannten in Augenschein zu nehmen. Sie entkorkte die Flasche mit einem leisen Plopp und schaute durch die Schränke, bis sie drei kleine, wenn auch unterschiedliche, Schnapsgläschen fand. Sie meinte sich zu erinnern, dass aus diesen Gläsern den Kindern früher Kräutertränke gereicht worden waren, wenn eine der Waisen Grippe hatte.
Sie roch an dem Getränk, welches einen starken alkoholischen Geruch verströmte.
Sie spülte die Gläser mit dem Rücken zu Alan und Randolph aus und stellte sie neben den Spülstein um den Schnaps einzufüllen – zumindest in zwei der Gläser. Ihres hatte sie mit Wasser befühlt und trug nun das hochprozentige zum Tisch und platzierte vor dem Doc und Stirling jeweils eines.
Den Schnaps ließ sie neben der Spüle stehen um die Herrschaft daüber zu haben.
Das setzte sie sich wieder, wobei sie ihr Glas in der rechten Hand hielt.
“Auf das Leben, Jungs!“ sagte sie und setzte das Glas an.

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Scáth am Mi Okt 30 2013, 17:10

Der Weg zurück ins Waisenhaus hatte sich als lang und anstrengend herausgestellt. Randolph war zwar alles andere als ein Schwergewicht, doch dieses konstante Gewicht, das Johanna durch ihn tragen musste zehrte nach einer Weile an ihren Kräften. Sie beschwerte sich nicht, im Gegenteil. Sie war froh helfen zu können, auch wenn dass was sie tat nicht an eine Heldentat grenzte, so wusste sie, dass zumindest der Doktor es zu schätzen wusste. Sie hatte Mitleid mit ihm und wollte sich nicht im geringsten vorstellen welche Schmerzen er ertragen musste. Johanna hoffte, dass sie ihm die Schmerzen durch das Stützen ein wenig nehmen konnte. Doch trotz allem war sie erleichtert, als die Gruppe in der Küche des Waisenhauses ankam. Sie half Randolph platz zu nehmen und schenkte ihm kurz ein Lächeln, bevor sie sich aufrichtete und sich mit der Hand über ihren mittlerweile regelrecht verspannten Nacken fuhr.
Johanna war kaum aufgefallen, dass Melinda kurzzeitig verschwunden war. Dies wurde ihr erst bewusst als sie erneut die Küche betrat. Die Frage nach Wein lehnte Johanna mit einem leichten Kopfschütteln ab. Das lag wohl einerseits daran, dass sie in der Nacht für ihre Verhältnisse schon genug davon gehabt hatte, andererseits aber auch daran, dass sich das Hausmädchen fast sicher war, dass Melinda nicht mit ihr Wein trinken wollte. Doch dass konnte man ihr kaum als Vorwurf anrechnen, denn Johanna hatte genauso wenig Interesse daran. Das, was sie von Melinda wusste und die Art, die sie von ihr kennen gelernt hatte waren alles andere als positiv. Und auch wenn Johanna normalerweise keine voreiligen Schlüsse zog merkte sie, dass auch sie selbst von Melinda nicht akzeptiert wurde. Johanna konnte nicht leugnen dass sie sich zu Beginn, nein, fast ausschließlich von ihrer unschönen Seite gezeigt hatte. Nicht Grundlos, wie sie fand, auch wenn man sagen konnte, das Johanna dazu neigte Dinge dramatischer zu Gestalten als sie eigentlich waren. Vermutlich war genau das der Grund warum Melinda Johanna nicht zu mögen schien. Weil sie übertrieben hatte. Sei es ihre Reaktion auf den Tod des Polizisten, ihre erfundene Ausrede Charles gegenüber (und das obwohl sie Melinda damit sogar in Schutz nehmen wollte), oder gar die Reaktion auf das, was sich zwischen Charles und Melinda entwickelte. Das Hausmädchen wusste gerade im Moment selbst nicht ob ihr Verhalten diesbezüglich gerechtfertigt war. Von außen betrachtet mochte es lächerlich wirken, doch ihre Gefühle drückten etwas ganz anderes aus.
Charles Aufforderung zu einem Gespräch kam Johanna mit einem leichten Nicken nach. Ihr war etwas unwohl bei dem Gedanken Alan und Melinda mit einer Flasche Alkohol zurück zu lassen. Es war nicht unwahrscheinlich, dass die Situation eskalierte und Randolph war in seinem jetzigen Zustand der Letzte der einschreiten konnte. Doch noch unwohler wäre es Johanna gewesen, wenn sie bei der saufenden Gruppe bleiben müsste. So setzte sich das Hausmädchen in Bewegung und folgte Charles in einen Büchersaal.
Johanna merkte, das Charles mühe hatte sie aufrichtig anzulächeln, dachte aber nicht weiter darüber nach sondern begann seinen Worten zu lauschen.
Sie nickte um ihm zu zeigen das sie seinen Vorschlag annahm. Natürlich würde sie ein Auge auf Randolph haben. Das war selbstverständlich und das sollte es auch für den Rest der Gruppe sein. Genauso wie man ein Auge auf Charles haben sollte, der nicht weniger schlimm zugerichtet war wie Randolph. Johanna erinnerte sich an die Momente in denen sie die Kinder der Bakersfields verarzten mussten, die fast täglich neue Schürfwunden oder blaue Flecken mit nach Hause brachten. Die Verletzungen mit denen sie sich hier allerdings abgeben musste, oder es vielleicht sogar noch werden muss, sind anders. Schlimmer, fast schon lebensgefährlich. Da würde ein einfacher Verband, ein bisschen Salbe oder ein Heftpflaster nicht reichen um Schmerzen zu lindern, um Infektionen zu verhindern oder Leben zu retten.  
Neue Herausforderungen, Erfahrungen, Abenteuer, unter all dem hatte Johanna sich anderes vorgestellt. Ein Beweis dafür, das schon wieder die Fantasie mit ihr durchgegangen war, das sie zu viel gelesen hatte und das Unwirkliche mit dem Wirklichen verwechselte. Das Hausmädchen seufzte und senkte den Blick zu Boden, während sie weiter Charles zuhörte. Sie wusste, dass die Bitte, sich um Randolph zu kümmern, nicht der Grund war warum sie nun hier saßen.
Charles zeigte sich zunächst verständnisvoll, entschuldigte sich. Und auch wenn er sich selbst als nicht Impulsiv bezeichnete hatte er sich in der letzten Zeit fast ausschließlich von einer Impulsiven Seite gezeigt. Vielleicht log er, vielleicht versuchte er nun den liebevollen, sich kümmernden Vater zu mimen, doch vielleicht war genau das einfach nur der Beweis wie wenig sich die Beiden eigentlich kannten, und wie viel falsches sie bis jetzt von sich kennen gelernt hatten. Erneut eine Zwickmühle in der Johanna steckte. Wieder einmal stand sie zwischen zwei Möglichkeiten, ohne zu wissen welche nun wahr und welche falsch war. Nicht wenig erstaunt blickte sie wieder zu Charles, als dieser sagte dass er verstehen konnte wieso Johanna ihn für einen schlechten Vater hielt. Eigentlich dachte sie, dass er nun von Melinda zu sprechen begann. Doch sie hatte sich getäuscht. Schon wieder. Sie lächelte schwach als er auf ihre Kindheit und Jugend zu sprechen kam, senkte aber wieder den Blick. Wie hatte sie auch davon ausgehen können, dass Charles seine Beziehung zu Melinda als nicht korrekt einschätzte..
Charles begann davon zu sprechen, dass sie in dem Alter sei einen Gatten zu finden. Johanna schüttelte daraufhin den Kopf. Nein, das hatte sie nicht vor. Sie wollte nicht heiraten, zumindest nicht in naher Zukunft. Genauso wenig wollte sie Kinder. Sie fühlte sich zu jung dafür. Das war einer der Gründe. Komplettes Desinteresse was eine Ehe betraf war wohl der andere Grund. Vielleicht auch ein wenig Angst. Die Angst, selbst an einen Mann zu geraten der sie verließ, so wie Charles ihre Mutter damals. Keine Ehe. Keine Kinder. Das stand für sie fest.
Charles wurde geradezu depressiv, sprach von seinem Tod, ein Thema, an das Johanna nicht dachte und nicht denken wollte. Sie versuchte diesen Teil auszublenden, wurde aber wieder hellhörig als er sie mit ihrer Mutter verglich. Und auch wenn dieser Vergleich als Kompliment gedacht war, versetzte er Johanna sichtlich einen Stich ins Herz. Sie schluckte schwer, ihre Kehle schien wie ausgetrocknet und sie sehnte sich nach einem Glas kaltem Wasser. Ein Wunsch, der ihr nun aber nicht erfüllt werden würde. Die letzten Sätze die Charles aussprach hätten Johanna fast wieder zum lachen gebracht. Und gerade jetzt merkte sie etwas, auf das sie alles andere als stolz war. Sie merkte, dass die Wunde wieder offen war. Sie merkte wie diese unbändige Wut wieder kam, diese Eifersucht, das Unverständnis. Der Drang Charles ins Gesicht zu schreien wie lächerlich er doch sei. Sie hatte sich in den letzten Stunden so wunderbar unter Kontrolle gehabt, war mit der Situation fast schon entspannt umgegangen, und nun das. Charles sagte er wollte Zeit mit ihr verbringen. Charles will Johanna kennen lernen. Lächerlich. Wo er die Zeit doch viel lieber mit Melinda nutzte. Und das ganz unabhängig davon wie sich Johanna fühlte. Das Mädchen ballte ihre Hände zu Fäusten, ließ aber wieder locker als ihre Hand begann zu schmerzen. 'Verdammt. Komm runter Johanna. Du bist genau so lächerlich.', ermahnte sie sich in Gedanken selbst und atmete tief durch. Vermutlich war sie weitaus weniger erwachsen als sie dachte, doch dies war ein Moment in dem sie es sich nicht leisten konnte wie ein Kind zu denken. Sie merkte wie sich ihre Muskeln wieder entspannten und die Wut sich zurück zog. Johanna stand von ihrem Sessel auf und betrachtete die nur teilweise gefüllten, alten Bücherregale. Langsam schritt sie auf diese zu, während sie sich Charles Worte noch einmal durch den Kopf gehen ließ.
„Ich bin nicht wegen irgendeinem Erbe hier...“. Johanna sprach relativ leise. Ihre Stimme war sanft, fast schon ungewöhnlich sanft. Sie lächelte schwach.
„Ist diese Situation nicht für alle kompliziert?...Vielleicht sogar für Alan.“, Johanna wollte mit diesen Worten niemanden in Schutz nehmen. Sie waren eigentlich lustig gemeint, doch sie war sich nicht sicher ob sie auch so ankamen. Sie schritt näher an eines der Regale heran und legte den Kopf schief um die Titel der Bücher erkennen zu können. Eine beachtliche Menge Staub hatte sich über das morsche Holz und die alten Bücher gelegt. Johanna konnte nicht anders als dagegen zu pusten und im nu hatten sich eine große Staubwolke vor ihrem Kopf gebildet. Das Hausmädchen versuchte sie mit der Hand fort zu wedeln, doch dies sorgte nur dafür das sie Niesen musste.
„Verzeihung“, sprach sie leise, und ehe sich die Staubwolke verflüchtigt hatte griff sie nach einem der Bücher.
Sie zog ein Buch, dass sie vor Jahren selbst schon einmal regelrecht verschlungen hatte. Sie lächelte kurz, strich sanft über den Rücken des verschmutzten Einbandes und öffnete es dann vorsichtig in der Mitte. Die Seiten waren leicht eingerissen und drohten hinaus zu fallen. Johanna gab sich alle Mühe nicht noch größere Schäden anzurichten.
„Schade was aus diesem Ort hier geworden ist. Vielleicht kümmere ich mich mal darum, wenn die Zeit vorhanden ist...“, sprach Johanna aus, obwohl dies eigentlich nur Gedanken von ihr waren. Sie blätterte gedankenverloren durch das Buch.
„Man verpasst etwas im Leben, wenn man nicht liest, findest du nicht?“, fragte Johanna und drehte sich wieder zu Charles. Sie erinnerte sich nur zu gut an die Tage die sie ausschließlich mit lesen verbracht hatte. Man konnte sagen, Bücher waren Johannas beste Freunde gewesen. Sie halfen ihr ein eine andere Welt zu tauchen, in eine bessere, spannendere und schönere Welt. Bücher hatten die Macht selbst die trübsten Tage zu wunderschönen werden zu lassen.
„Moby Dick.“, erklärte sie ihm, während sie mit einer Hand auf das Buch zeigte. „Kennst du das?“. Sie lächelte wieder schwach.
Sie wusste nicht woher sie diese plötzliche entspannte Haltung her hatte, doch diese war ihr lieber als vor Wut kochend zu explodieren.
„Ich habe Mitleid mit den Menschen die nicht lesen können. Ich verstehe nicht womit ich es verdient habe das zu können, andere aber nicht.“, sprach sie.
„Melinda kann nicht lesen. Oder?“. Eigentlich war es überflüssig diese Frage überhaupt zu stellen. Johanna kannte die Antwort. Und dann kam etwas über ihre Lippen über das sie sich im ersten Moment selbst wunderte, und das sie selbst von sich nicht gedacht hatte. War das vielleicht sogar ein Friedensangebot?
„Ich könnte es ihr beibringen, wenn sie denn möchte. Vielleicht magst du ihr das ja ausrichten.“
Und jetzt, da Johanna das Thema auf Melinda gelenkt hatte, war wohl der Zeitpunkt gekommen das zu klären, was Johanna am Meisten auf dem Herzen lag.
„Du magst sie sehr, nicht wahr?“, begann das Hausmädchen. Sie schluckte den aufkommenden Kloß in ihrem Hals herunter, merkte aber, wie ihre Augen sich langsam mit Tränen füllten. Sie konnte nicht leugnen dass sie dieses Thema verletzte. Auch wenn sie wieder übertreiben mochte. Damit abzuschließen erforderte viel Kraft für Johanna, doch sie wollte das, denn noch länger wollte sie eine solche Last nicht mit sich herum tragen.
„Es wäre schwachsinnig abzustreiten, dass ich mich in der Zeit in der wir uns nun kennen nicht falsch verhalten habe. Ich war kalt, abweisend, gemein. Und das vielleicht sogar nicht gerechtfertigt. Ich weiß es nicht.“.
Johanna schloss das Buch in ihrer Hand und stellte es wieder in das Regal.
„Ich habe zu viel Erwartet, Charles. Von dir, meine ich. Es war dumm von mir davon auszugehen, dass wir sofort eine glückliche Familie sein könnten, sobald du von mir weißt. Es war genauso dumm von mir, davon auszugehen dass ich dir das Wichtigste sein werde. Das habe ich nicht verdient. Wir kennen uns nicht. Ich war naiv. Ich bin es immer noch. Und auch wenn du mich erwachsen nennst, ich bin wahrscheinlich doch noch mehr Kind als du vermuten magst.“, sie seufzte, überlegte ob sie sich wieder setzen sollte, doch es war ihr unangenehm Charles ununterbrochen in die Augen zu sehen während sie redete. Zu sehr fürchtete sie sich vor wütenden, gar missbilligenden Blicken seinerseits, auch wenn diese Angst vielleicht unbegründet war.
„Ich kann von jemandem der mich nicht kennt nicht verlangen, dass er mich versteht. Ich kann nicht davon ausgehen das er weiß was mich verletzt. Ich kann nicht davon ausgehen das er aufhört sein eigenes Leben zu leben, nur weil ich nun aufkreuze.
Ich...bin nicht blind. Ich denke, ich weiß dass sich da irgendwas zwischen dir und Melinda abspielt. Du musst dich nun auch nicht für irgendwas rechtfertigen oder etwas abstreiten...“
. Die letzten Worte unterstrich Johanna mit einem leichten Kopfschütteln.
„Ich bin nicht begeistert davon...aber...es ist okay..“.
Plötzlich fühlte sich Johannas Herz an als sein eine meterhohe Glaswand darum zersplittert. Sie fühlte sich als könnte sie wieder richtig atmen und all die Anspannung in ihrem Körper war verschwunden. Sie zitterte ein wenig, doch darauf achtete sie nicht. Sie hatte das Thema abgeschlossen. Nicht nur mit Charles, sondern auch mit sich selbst.
„Was ich damit sagen möchte...ich habe mich falsch verhalten und es tut mir leid. Ich muss lernen meine eigenen Gefühle zurück zu stellen. Nur weil mich etwas verletzt, habe ich nicht das Recht so biestig zu sein. Und...was auch immer sich da zwischen euch noch entwickeln mag...viel Glück, Charles“
Johanna drehte sich noch einmal kurz um und trocknete ihre Augen mit dem Ärmel ihres Kleides, ehe sie wieder auf dem Sessel platz nahm. Sie hoffte Charles nicht verärgert zu haben. Das war nicht ihr Ziel gewesen. Im Gegenteil.

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“Blood is really warm.
It's like drinking hot chocolate...but with more screaming.”



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