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Götterblut - Kapitel 3: Scarface

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Darnamur am Mo Jul 28 2014, 17:49

„Weise Worte, Mr.Oxley“, schloss sich Randolph dem Gesagten an. „Ich finde es ohnehin schon bewundernswert von Ihnen, das sie uns nach dem Gesagten nicht auf der Stelle rausschmeißen“
Insgesamt verlief das Gespräch gar nicht so schlecht. Zumindest schien sich dieser Gilbert auf einen Dialog mit dem „Feind“ einzulassen. Darauf ließ sich aufbauen. Während Melinda und der Hausverwalter gesprochen hatten, hatte er selbst auch Zeit gehabt sich zu überlegen, was er sagen wollte.
„Zu Ihnen, Mr. Wright. Ich möchte an dieser Stelle ebenfalls sagen, dass es auf keinen Fall in meinem Interesse liegt Scarface zu unterstützen. Dasselbe gilt für Melinda. Was aber Charles Norly betrifft sieht die Lage anders aus. Denn beide Personen sind grundverschieden. Sie hatten die Gelegenheit mit ihm zu reden: Hat er sich in ihren Augen so verhalten, wie es ein Serienmörder tun sollte?“
Er machte eine kurze Pause, um seinen Worten mehr Wirkung zu verleihen und trank einen Schluck von seinem Whisky. „Sie haben es vorher bereits gehört, Mr. Wright. Ich bin Arzt. Mein Chirurgenkoffer steht draußen im Flur, falls sie mir nicht Glauben schenken wollen. Meine Aufgabe ist es nicht das Leben von Menschen zu zerstören, sondern es zu retten.“
Mit diesen Worten schnitt er sich natürlich auch ins eigene Fleisch. Das war dem Doktor nur allzu klar. Er war ein Mörder. Doch im Moment war es wichtiger Gilbert zu überzeugen. Dieser würde wissen, dass man als Arzt auch einen Eid ablegte.
„Ich habe Fotos von den Opfern gesehen“, fuhr er in ernstem Ton fort. „Niemals wäre ich in der Lage so ein abartiges Treiben, eine solche Schändung des menschlichen Körpers zu befürworten oder gar zu unterstützen. Und wenn Mr. Norly für diese Taten verantwortlich wäre, würde ich keinen Augenblick zögern und ihn der Polizei ausliefern. Also, Mr.Wright: Sie sind an der Reihe. Sie haben die Wahl. Es sind keine Drohungen nötig- wenn sie gehen wollen, dann gehen sie. Wir sind keine Mörder. Wir werden sie deswegen nicht umbringen. Oder aber sie bleiben hier, bei uns. Dann können wir uns über dieses Thema unterhalten und nebenbei profitieren sie von Mr.Oxleys hervorragender Bewirtschaftung“
Mit diesen Worten prostete der Doktor dem alten Herrn zu und nahm einen weiteren, kurzen Schluck von seinem Whiskey, der seinen Körper gleich ein wenig entspannter machte.
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Thorgrimm am Di Jul 29 2014, 22:41

Benton war also ein Doktor. Jeder Arzt musste einen Eid ablegen aber das hieß nicht, dass man diesen Eid auch befolgen musste. Trotzdem musste Gilbert seinen Koffer nicht sehen, denn ein Beweis war hier überflüssig und außerdem hätte es das Gespräch unterbrochen, wenn er jetzt aufgestanden wäre um nachzugucken. Zumindest bei dieser Sache war er sich sicher, dass Dr. Benton und Melinda nicht lügten und außerdem wollte er keine Regung der Anwesenden verpassen. Ob sie nun ehrlich waren und ihm wirklich nichts antun wollten oder ob sie nur ein Spiel mit ihm trieben und ihn vielleicht hinterrücks im Schlaf ermorden würden, konnte er nicht ahnen. Zumindest hatten sie ihn jetzt noch nicht umgebracht, trotz seines aggressiven Vorgehens und das bedeutete schon einiges. Er ließ es darauf ankommen und richtete seinen Blick auf die einzige Frau im Raum. "Warum ich drohen muss? Bitte..." sagte er mit einem etwas enttäuschten Unterton "Ich gehe davon aus, dass sie einen Serienmörder unterstützen. Wäre es nicht äußerst dumm, mich nicht zumindest etwas abzusichern? Würden Sie nicht ähnlich vorgehen? Vielleicht wird man mich nicht direkt hier suchen aber anscheinend hat man Mr. Norley bereits verdächtigt..." damit warf er Oxley einen Seitenblick zu. "und früher oder später wird man mein Verschwinden aufgrund meiner Aussage vielleicht noch einmal mit dem Herrn dieses Hauses in Verbindung bringen."

Damit wandte er sich schließlich an den alten Buttler. "Natürlich wäre es dumm mir einfach alles über ihre Zusammenarbeit zu erzählen - sollte es denn wirklich so sein, dass es sich bei Mr. Norley um Scarface handelt - aber vielleicht war es gar nicht meine Absicht, wirklich Informationen zu bekommen. vielleicht wollte ich sie nur aus der Reserve locken - was ja auch funktioniert und ein Gespräch ins Laufen gebracht hat. Das war meine eigentliche Absicht." Gilbert grinste verwegen - was eigentlich gar nicht zu ihm passte - und sah dann auf sein leeres Glas. Dann lächelte er entschuldigend. "Bitte verstehen sie mich nicht falsch Mr. Oxley. Ich bin dankbar für Ihre Gastfreundschaft aber denken sie nur an den Hintergrund, mit dem ich mich in dieses Haus gewagt habe. Ich habe einen Mann gesehen, der dem in der Zeitung gleicht - bis auf die Verkleidung natürlich, was ihn aber nur noch auffälliger gemacht hat. Bei ihm habe ich diese beiden Menschen gesehen. Wenn man Eins und Eins zusammenzählt, muss man doch davon ausgehen, dass es sich um Opfer oder Komplizen eines Serienmörders handelt. Ersteres habe ich bereits ausschließen können und da sie dieses Haus als erstes angesteuert haben, musste ich davon ausgehen, dass Sie ebenfalls dazu gehören."

Schließlich wandte er sich als letztes an Dr. Benton. Nahtlos führte Gilbert das Gespräch weiter. "Und was das Gespräch mit Mr. Norley angeht... ich muss zugeben, dass er ausgesprochen unterhaltsam und intelligent war. Das bedeutet aber gar nichts, denn ein Serienmörder ist ein kranker Mensch. Gerade diese Art hat gelernt sich zu verstellen und normal zu wirken." Gilbert sprach zumindest zum Teil aus Erfahrung, denn er war auch ein anderer Mensch, wenn er das Medikament einnahm. "Um einen Mord, oder besser noch mehrere Morde zu planen, muss man unglaublich intelligent sein. Das Gespräch mit ihm hat mir nicht viel gesagt, da ich ihn nicht kenne und es zu kurz war, um ihn als Person einzuschätzen. Aber in dieser kurzen Zeit habe ich durchaus das Gefühl gehabt, dass er das Zeug zu einem Serienmörder haben könnte."
Gilbert atmete tief durch und sah dann jeden eindringlich an. "Jetzt also zu der wichtigsten Frage: Wieso bin ich hier? Anfangs war es nur aufgrund der Befürchtung, dass sie - die Komplizen des Serienmörders - untertauchen könnten. Ich wollte Informationen sammeln, um dann noch einmal zur Polizei zu gehen. Doch jetzt treibt mich viel mehr die Neugierde. Ich will wissen, wieso sie davon überzeugt sind, dass Mr. Norley nicht Scarface ist und was er mit den Morden zu tun hat. Wenn es sich bei ihm - wie sie alle behaupten - wirklich nicht um den Serienmörder handelt, dann haben sie auch nichts vor mir zu befürchten." Noch einmal sah er zu dem leeren Glas Whiskey und warf dann einen Blick auf den alten Mann. "Wären sie wohl so freundlich? Ich glaube, dass ist jetzt genau das richtige."
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Elli am Fr Aug 01 2014, 16:01

Ohne große Regung hörte Melinda zu. “Das sehe ich anders. Was sollte die Polizei hier wollen? Norly ist inhaftiert, ein besseres Alibi kann er kaum haben. Zumal wir noch gar nicht wissen, ob…“ sie wollte gerade sagen, dass die Polizei vielleicht von einer anderen Identität zu überzeugen war, schwieg nun aber lieber und lehnte sich nach hinten. Das leere Glas hielt sie noch immer am oberen Rand fest und bedauerte, das Getränk so schnell geleert zu haben. Zwar gab es noch mehr, dort wo es hergekommen war, aber es schien als wäre es besser einen klaren Kopf zu behalten – zumindest fürs Erste. Gilbert erschien ihr als eine Person, die sie besser sehr gut im Auge behalten sollte.
Sie seufzte schließlich und wank ab. “Wie dem auch sei.“ schickte sie lapidar in den Raum.
Intelligent musste man also für einen Mord sein.
“Hey Alte, dann sind wir ja superintelligent. Haha! Endlich erkennt es mal jemand.“
Auf den Rest des Gesagten ging sie nicht ein, sollte sich doch Randy mit dem Vogel beschäftigen. Melinda hatte keine Lust mehr auf endlos lange Gespräche – jedenfalls diese zu führen. Sie würde beobachten und lauschen. Gilbert hatte bisher nichts großartiges von sich erzählt, das gefiel ihr ganz und gar nicht.

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Umbra am Fr Aug 01 2014, 22:11

Matthew & Charles:
Matthew schüttelte innerlich den Kopf - weniger über sich selbst, denn sein Tritt hätte wahrlich gezielter ausfallen sollen, sondern darüber, dass sein Gegenüber noch nicht genug hat.
Das Chaos, welches um ihn herum entsteht bemerkte der betrunkene Ire nur am Rande, jedoch gefiel es ihm in seinem schwarzen Herz.
Kampflüstern blockte er den Faustschlag, denn langsam hatte er sich warm geboxt und rechnete langsam mit dem stereotypen Angriff auf sein Gesicht.
Doch sein Versuch seinem Gegenüber mit einem weiteren Tritt die Kniescheibe zu brechen (Matthew behielt lieber seine Arme zur Deckung oben und reduzierte sich auf die Beinarbeit im Kampf), war wahrscheinlich nicht weniger durchschaubar.

So gelang es dem bärtigen, jungen Mann tatsächlich, Matthews tritt mit Leichtigkeit auszuweichen - und nicht nur das: Er stieß, während er zur Seite sprang, zusätzlich Matthews Bein mit hohler Hand zur Seite, sodass der Ire für einen kurzen Moment Probleme hatte, auf dem anderen, am Boden verbliebenen Bein das Gleichgewicht zu halten. Der Engländer nutzte dies sofort aus, um ein Loch in der Deckung seines Gegners zu suchen, und ließ setzte zu einem kräftigen Hieb in Matthews Nierengegend an. Der Bursche schien nach den ersten Momenten nun Gefallen am Kampf zu finden und nahm vielleicht seinen immer noch am Boden liegenden Saufkumpanen als Ansporn, es dem Iren vor sich heimzuzahlen.

Auf der anderen Seite des Raumes hatte sich der grobschlächtige Ire, der Arthur Thrush angegangen war, schnell von dem Hieb, den Charles ihm mit dem Gehstock verpasst hatte, erholt. Mit wutrotem Kopf und entschlossener als zuvor, entschied sich der Arbeiter, sich weiterhin erst einmal mit Arthur zu befassen, weil dieser direkt vor seiner Nase stand. Mit einem verheerenden Haken wollte der Ire seinen reichen Gegner zu Boden schicken, doch dieser war sowohl flinker als auch geschickter, als der kampflustige Mann wohl vermutet hätte. Nun alarmiert und vorbereitet, parierte Arthur den Schlag mithilfe eines Seitschritts und seines Unterarms - was Charles sogleich als Vorlage für seinen nächsten Schritt nahm. Innerhalb weniger Sekunden hatte er seinen Gehstock fallen gelassen, das Gelenk der Schlaghand des Iren geschnappt und drehte diesem den Arm auf den Rücken. Der Mann schrie vor Schmerz auf, denn Charles nutzte die mechanische Kraft seiner, wie fast immer unter einem speziell angefertigten Lederhandschuh versteckten Prothese, die sich um den Arm des Mannes legte wie ein Schraubstock, in diesem Moment bewusst aus, um ihn ruhigzustellen und so an weiteren Dummheiten zu hindern. Auch wenn der Ire recht hilflos so ein leichtes Ziel für Arthur, oder auch Humphrey und Harry bot, die sich bisher aus der Schlägerei herausgehalten hatten und dies scheinbar vorerst auch nicht ändern wollten, versuchte niemand von ihnen, ehrlos diese Situation auszunutzen. Stattdessen machten sie sich für den eiligen Aufbruch bereit.
"Immer mit der Ruhe, sonst haben Sie gleich ein Messer zwischen den Rippen", knurrte Charles dem Iren, selbstverständlich lügend, ins Ohr, doch da der Mann offenbar keinen Schimmer hatte, um wen es sich bei Charles handelte und weil Iren allgemein stur und furchtlos waren, ließ der Mann sich davon nicht abhalten, sich zu wehren, sondern nahm dies eher als zusätzlichen Anlass dafür.


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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Umbra am Fr Aug 01 2014, 22:12

Matthew:
Doch Matthew wäre als Kriegsveteran und Haudrauf nicht so verrufen und berüchtigt, wenn der Kampf nicht zu seinen Bedingungen weiter verlaufen würde.
Und so wehrte Matthew nicht nur die Faustschlag auf die Nieren ab, sondern versuchte umgehend, mit einem gezielten Schlag auf die Schulter seinem Feind das Schultergelenk zu brechen, um ihn von weiteren Angriffen abzuhalten.
So oder so sollte sein Gegenüber jedoch nicht weiter so dumm sein und ihn weiter provozieren, denn schon bald würde er sonst andere Seiten aufziehen und ihn erschlagen.
Ganz anders als den am Boden liegenden ersten Kontrahenten - denn Matthew war trotz allem ein Ehrenmann und schlug niemanden, der am Boden lag.

Auch wenn Matthews Schlag nicht ausreichte, um die Schulter des jungen Engländers  tatsächlich zu brechen, so brachte die Wucht des dennoch sehr harten Treffers dazu, von dem zähen Iren zurückzustolpern. Seinem unrasierten Gesicht war leicht abzulesen, dass er starke Schmerzen litt, die ihn im weiteren Kampf behindern könnten.

Die Entscheidung, ob der Saufkumpan des Bergarbeiters nun überhaupt noch gegen Matthew kämpfen wollte, wurde ihm jedoch von anderer Seite abgenommen. Einer der beiden Männer, die vor dem Kampf zu zweit an einem der größeren Tische des Pubs gesessen und sich bei einigen Whiskeys leise unterhalten hatten (wohl ebenfalls Engländer und diejenigen, von denen sich die Kartenspieler verfolgt und beobachtet fühlten), war von seinem Platz aufgestanden und zog dem rücklings auf ihn zu stolpernden Gegner von Matthew eine halbgeleerte Schnapsflasche über den Schädel – und das mit einer Wucht, die den jungen Mann auch leicht hätte umbringen können. Ob der unrasierte Kerl tot zusammenbrach oder bewusstlos, war auf die Schnelle nicht einfach sagen. Jedenfalls sackte er in sich zusammen und fiel zu Boden, wo er mit ausgestreckten Gliedmaßen liegen blieb.


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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Umbra am Fr Aug 01 2014, 22:14

Matthew & Charles:
Charles, unterdessen, versuchte den sich wehrenden Iren, den er noch festhielt, zu bändigen – jedenfalls so lange, bis seine Kameraden den Weg Richtung Tür gefunden hatten. Eigentlich weniger geneigt, nun nahkämpferisch tätig zu werden, weil sein Körper noch geschunden genug von der Prügelei gegen den Polizisten namens Leeland Smithson war und er unter anderem deswegen auch noch leicht hinkte, nutzte Charles nun die Überhand, die er gewonnen hatte, aus. Schreiend vor Schmerz war der Ire ihm ausgeliefert und so schob er ihn vor sich her, zum anliegenden Tisch herüber, um den Mann darauf zu fixieren. Mit seiner Rechten presste er die Schulter des Iren in Polizeimanier auf die Tischplatte, mit der Linken behielt er dessen Hand auf den Rücken gedreht – was immer unangenehmer werden musste. Charles könnte dem Kerl ohne Mühe das Handgelenk brechen, wenn er wollte, allein durch seinen schraubstockartigen Griff seiner mechanischen Hand.

Arthur Trush, Humphrey Lee und Harry Brown nutzten die Gelegenheit, um sich schleunigst Richtung Tür zu begeben – allerdings wurde der voranhuschende Arthur von einem der irischen Musiker, der seinen vorherigen Gegner bereits zu Boden geschickt hatte empfangen und aufgehalten. Überrumpelt von der Attacke, konnte Arthur den Faustschlag nicht rechtzeitig parieren oder ausweichen und wurde an der Schulter getroffen. Sein Gegenschlag fiel eher kläglich aus und verfehlte den amüsiert lachend zurückspringenden Iren um Längen.

Harry hingegen stieß gerade hinzu, als ein irischer Raufbold nahe der Tür seinen englischen Gegner an Kragen griff und diesem einen beherzten Tritt verpasste, der diesen fast bis an die Bar stolpern ließ – wäre Matthew nicht im Weg gewesen, in den der Engländer unverschuldet hineinlief. Doch der Mann prallte am stämmigen Matthew einfach ab, als wäre dieser eine Wand oder ein Baum. Der Ire wollte sich gerade einem neuen Ziel – Harry – zuwenden, als dieser ihm zuvorkam. Mit einem mächtigen Haken gen Nase des Raufboldes, musste dieser bestimmt erst einmal Sterne sehen. Sofort schoss diesem ein Strom Blut aus der Nase.

Das Herumbrüllen des Wirts, der nur hilflos hinter der Bar mit ansehen konnte, wie die Einrichtung seines Pubs teils zerlegt wurde, schien niemand zu beachten.

Über einen weiteren Gedanken zu verlieren an seine niedergeschlagenen Kontrahenten, den Gedanken an weitere Engländer, welche eine Abreibung benötigen, und ohne irgendeinen Dank oder Gedanken an die restlichen Iren, versuchte Matthew so schnell wie möglich nach draußen zu gelangen.
Denn er hatte sein Schicksal genug hinaus gefordert und Fortuna eine launische Diva - wie jedes Weib.
Und seine irischen Mitbürger konnten von Eigenbrötler keine weitere Unterstützung erwarten.
Jeder musste sich nun selbst der Nächste sein.
Und Matthew würde seine Kraft brauchen, um sich zur Not nach draußen zu prügeln.


Zuletzt von Umbra am Fr Aug 01 2014, 22:28 bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Umbra am Fr Aug 01 2014, 22:15

Matthew & Charles:
Aber auch Charles fand, dass es nun endgültig Zeit war, sich davonzumachen, zerrte den Iren, den er in der Mangel hatte, fort von der Tischplatte in eine relativ aufrechte Position, um ihn dann von sich zu stoßen. Das verschaffte ihm gerade genug Zeit, um sich seinen Mantel und Hut zu schnappen und auf dem Weg zur Tür schnell seinen Gehstock wieder aufzulesen. Dabei traf sich sein Blick mit dem eines ihrer beiden Verfolger – zu lang, möglicherweise, denn der Kerl begann aufgescheucht umgehend, sich umgehend einen Weg auf Charles zu zu bahnen. Ein weiterer Grund, sich zu beeilen, denn was auch immer der Mann vorhatte: Es war gewiss nichts Gutes. Charles‘ Begleiter waren noch nicht zur Tür hinaus, und Arthur musste wohl etwas einstecken, doch Harry teilte fachmännisch harte Schläge aus und machte den Weg frei, sodass nur noch Charles einen einzelnen Hieb mit seinem Gehstock austeilen musste, bevor sie alle vier mehr oder minder unbeschadet zur Tür in die kühle, stark verregnete Nacht hinauseilen konnten.

Matthew kam nicht umhin zu bemerken, dass einer der reichen Engländer eine Schneise in das Getümmel vor Tür schlug und ihm selbst so einiges an Arbeit abnahm. Dennoch verdiente sich der ein oder andere einen Haken oder Tritt des Iren, weil er diesem in die Quere kam. Als auch er endlich ins Freie treten konnte, empfing in ein kalter, strömender Märzregen, der ihn aber im ersten Moment aufgrund des überdachten Eingangs des Pubs lediglich etwas streifte. Das würde sich wohl oder übel ändern, sobald Matthew seinen Weg fortsetzen würde. Vom Lärm im Pub hinter ihm war vor der Tür, sobald diese zurück ins Schloss gefallen war, kaum etwas zu hören. Auf die Polizei könnte der arme Wirt lange warten, denn die würde wohl erst auftauchen, wenn die ganze Sache schon ihr Ende gefunden hatte und die randalierenden Raufbolde längst das Weite gesucht hatten. Genau das hatte Matthew nun vor, wie die vermögenden Schnösel schon vor ihm – die anscheinend gelaufen sein mussten wie die Hasen, denn von denen war nichts mehr zu sehen. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Es war einfach dunkel und nass in der Straße, die lediglich vom spärlichen Lichtschein erhellt wurde, der hier und da aus den Fenstern der anliegenden Gebäude drang. Die Gelegenheit, sich zu sammeln, hatte Matthew nicht, denn kaum war er draußen, sprang die Eingangstür des Pubs erneut auf, und der erste Kerl, der an ihm vorbei hinaus in den Regel stürmte, rempelte ihn dabei grob an. Erst mitten auf der Straße kam er kurz zum Stehen, wo auch sein Begleiter zu ihm stieß, bevor beide in eine Richtung weiterrannten, die sie sich ausgesucht hatten. Einer von ihnen war der Engländer, der Matthews Gegner mit der Flasche niedergestreckt hatte. Vielleicht lag es am Alkohol, den der Ire intus hatte, aber es mochte eher Schicksal oder vielleicht sogar göttliche Fügung sein, dass Fortuna ihm plötzlich nicht mehr gewogen war. Scheinbar hätte er früher verschwinden sollen.
Denn während er den Rüpeln hinterhersah und vielleicht sogar -pöbelte, bemerkte er, was die beiden eigentlich im Sinn hatten: Sie verfolgten die reichen Engländer, die tatsächlich davonliefen und gerade ins Licht kurz vor der nächsten Kreuzung tauchten.

Dann ging alles sehr schnell. Etwas Metallisches glänzte in der Hand des ersten Schlägers auf und ehe sich Matthew versah, hielt der Mann an, zielte mit beiden Händen an der Waffe (es war ein Revolver!), und drückte ab, bevor die anderen die Chance hatten, an der Kreuzung abzubiegen und aus dem Sichtfeld zu verschwinden – und das, obwohl die Entfernung fast schon zu groß war, um gezielt und bewusst einen Bestimmten der vier Flüchtenden zu treffen. Der Knall eines Schusses  gellte durch das beständige Prasseln des Regens – und derjenige, den die Kugel offensichtlich erwischt hatte, stürzte aus dem Lauf, während dessen Begleiter erschrocken auseinanderstoben. Die Antwort erhielt der Attentäter jedoch rasch, denn zumindest einer der reichen Engländer war genug auf Zack, schnell zu reagieren, noch bevor der Revolvermann in Deckung springen konnte. Ungeschickterweise hatte Letzterer sich bei seiner Untat ebenfalls im Licht – unterhalb eines Fensters – aufgehalten und somit seine Position leichtfertig verraten. Er bezahlte es mit einer Kugel, die in seine rechte Schulter schlug und ihn dazu brachte, perplex gegen die nächstgelegene Hauswand zu straucheln, an der er hatte Schutz suchen wollen, und dabei die Waffe fallen zu lassen, als der Schuss, begleitet von einem weiteren Knall und einem aufblitzendem Mündungsfeuer an der Kreuzung, erwidert wurde.


Zuletzt von Umbra am Di Aug 05 2014, 10:41 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Umbra am Sa Aug 02 2014, 02:15

„Wie Sie wünschen, Sir“, antwortete Mr. Oxley Gilbert recht steif und holte die bereits angebrochene Whiskeyflasche von der Anrichte, auf  der er sie zuvor belassen hatte. Großzügig schenkte er dem Maler die goldfarbene Flüssigkeit ein und stellte die Flasche anschließend vor Gilbert auf dem Couchtisch ab.
„Wenn ich anmerken darf: Es heißt ‚Mr. Norly‘, nicht ‚Mr. Norley‘“, korrigierte der alte Butler den Maler. „Sie sprechen seinen Namen falsch aus. Allerdings bin ich vermutlich weniger in der Lage, Ihnen Informationen zu liefern, die Sie zufrieden stellen werden. Da werden die Dame und der Herr Doktor wohl die besseren Ansprechpartner sein“, vermutete er. Aber wenn es auch erst so schien, als ob er nicht die Absicht hätte, sich ausführlich zu dem Thema zu äußern, setzte er anschließend wieder zum Sprechen an:
„Ich meinte es absolut ernst, als ich geäußert habe, dass ich in den vergangenen Monaten keinen Kontakt zu ihm hatte. Ich habe ihn weder persönlich gesehen, noch mich anderweitig mit ihm ausgetauscht. Ich wusste noch nicht einmal, dass er gedenkt, in seiner Lage nach Manchester zu reisen, und das auch noch in Begleitung.“
Während er dies aussprach, sah er kurz zu Melinda und Randolph herüber.
„Mit Faktenwissen oder eindeutigen Beweisen kann ich nicht dienen, da bin ich vermutlich auf dem gleichen Wissensstand wie Sie. Wenn Sie jedoch Wert auf meine Einschätzung legen… Wie erwähnt, bin ich schon sehr lange hier. Ich kenne Mr. Norly, seitdem er im Knabenalter war. Ich maße mir an, zu behaupten, mit seinen Gewohnheiten und seiner Denkweise genug vertraut zu sein, um zu wissen, dass Mord nicht sein Stil ist. Vielleicht allein schon deswegen, weil die Art der Untaten, die man ihm vorwirft, sehr blutig ist. Ich habe nie erlebt, dass er sich übermäßig brutal verhalten hätte, und außerdem ist er sehr reinlich. Fremdes Blut an sich und seiner Kleidung dürfte er wohl kaum als erstrebenswert erachten, abgesehen von all den anderen Gründen, die dagegen sprechen würden, sich derartig an anderen Menschen zu vergehen. Ich glaube kaum, dass er die Schuld für den Tod anderer mutwillig auf sich laden würde. Er sagte selbst zu mir, dass Waffen für ihn stets der letzte Ausweg seien und lediglich zur Verteidigung dienene. Mr. Norly ist ein Unterstützer des Gesetzes, Freund der Polizei und hat sich in der Vergangenheit nichts zu Schulden kommen lassen – und Sie sagten selbst, dass er intelligent sei. Wie intelligent ist es,  so viele arme Seelen zu quälen und selbst dafür zu sorgen, dass alle wissen, wer dahinter steckt? Es ist doch klar, dass auf so eine Mordserie der Tod durch den Strick als Strafe steht.“
Oxley pausierte kurz, wobei er Gilbert mit deutlichem Misstrauen beeäugte.
„Was ich eher bedenklich finde“, fuhr er anschließend fort, „ist, dass Sie aus reiner Neugier hier sitzen und uns auszufragen versuchen, indem Sie erpresserisches Verhalten an den Tag legen. Wer sind Sie überhaupt? Sind Sie Polizist? Arbeiten Sie für die Regierung?

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Sensemann am Di Aug 05 2014, 13:18

Binnen weniger Milisekunden nüchterte Matthew gänzlich aus.
Der Geruch des Schwarzpulvers und der Lärm des Revolers ließ ihn in einen angelernten Modus verfallen.
Der Beschützer und der Soldat.
Ohne es zu bemerken hatte er auch schon reflexartig seinen eigenen Revolver gezogen und sich geschickt von Deckung zu Deckung in Bewegung gesetzt.
Sobald er eine passende Position hätte, würde er die Situation bewerten und in Erscheinung treten.
Allerdings nicht ohne an den eigenen Selbstschutz und den Schutz von Zivilisten zu denken.
Doch Gott war ihm gegenüber sehr gnädig und dankte seine Sucht wenigstens mit einer teuflisch ruhigen Hand, sobald er eigentlich alles doppelt sah.

Und so brachte sich Matthew nicht in Sicherheit, sondern direkt an die Kampffront, wo er ersteinmal Deckung suchte und dann trotz der schlechten Lichtverhältnisse und des Regens sich die Situation genauer (wenn auch nur für kurze Sekunden, welche im Kampf wie Minuten waren) prüfte, um anschließend abzuwägen verbal oder mit Waffe in Erscheinung zu treten.
Jedoch nicht ohne dem potentiellen Feind ein offenes Schussfeld zu liefern.

Als Option laut nach der Polizei zu rufen beziehungsweise sich selbst als Polizist auszugeben, sah der angetrunkene und rothaarige Ire ab, denn schließlich gäbe es dafür nur noch mehr Ärger und Probleme und er hätte besser gleich das Weite suchen sollen.
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Darnamur am Di Aug 05 2014, 21:59

„Ich stimme Melinda zu“, meinte Randolph zu Gilbert. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie bluffen. Warum sollte die Polizei sie noch einmal brauchen? Sie haben ihre Aussage schon getätigt. Aber das spielt jetzt eigentlich ohnehin keine Rolle. Wie gesagt: Sie haben von uns keine Gewalt zu befürchten“ Zumindest nicht von ihm. Er hoffte, dass Melinda keine Dummheiten unternahm. Sie neigt dazu sich in solchen Situationen eher auf ihre Intuition als gesunden Menschenverstand zu verlassen. Gut möglich, dass sie ihn lieber abstechen wollen würde, wenn sie dachte, dass er eine Gefahr darstellte. Aber der Doc wollte nicht, dass Mr. Wright etwas zustieß.
In gewisser Hinsicht bewunderte er den Mann sogar. Es bedurfte schon einer gehörigen Portion Mut sich einfach so in die sprichwörtliche „Höhle des Löwen“ zu begeben. Wenn sie allerdings wirklich die Komplizen eines Serienmörders wären, würde Gilbert jetzt wohl nur noch eine Leiche mit toten Augen abgeben, die gerade mal noch den Krähen zum Fraß diente. Dass sie nicht die Komplizen eines solchen Mörders waren, davon war er fest überzeugt. Auch wenn Mr. C anderer Meinung war. Darüber, was er mit diesem Kerl anfangen sollte, war er sich immer noch unklar. Jedenfalls sollte er Charles zunächst nicht über ihn berichten. Nein, Mr. C hatte mit dem, was er sagte wirklich nicht ganz unrecht. Aber okay. Dieses Thema konnte noch warten. Im Augenblick war Charles ohnehin noch inhaftiert.
„Stattdessen würde ich sie wirklich gerne davon überzeugen, dass Charles tatsächlich kein Serienmörder ist“, setzte er seine Antwort auf Mr.Wright von vorher fort. “Und ich gebe Ihnen recht: Intelligenz und Gerissenheit spielen bei dem Planen solcher Morde sicherlich eine große Rolle. Allerdings bedarf es auch noch anderer Eigenschaften, um solche Schandtaten durchzuführen. Besonders solch abscheuliche Schandtaten, wie sie im Fall „Scarface“ ans Tageslicht getreten sind. Dazu bedarf es nicht nur Skrupellosigkeit, sondern auch eines gestörten Geisteszustands und über Beides verfügt Mr.Norly nicht.“ Und tatsächlich war es diesesmal der Doktor, der aus Erfahrung sprach. Charles neigt dazu bei Gesprächen ausschweifend zu werden und sich selbst zu überschätzen, aber ansonsten ist er ein vollkommen normaler Mensch, mit all seinen typischen Gefühlen, Stärken und Schwächen. Und wie es Mr.Oxley schon sagte: Charles ist kein Freund von Gewalt, auch wenn er sich manchmal dazu gezwungen sieht sie anzuwenden. Aber ein Serienmörder ist er definitiv nicht.“
Randolph hatte bewusst von Charles gesprochen, damit für Gilbert deutlich wurde, dass er Norly tatsächlich vertraute. Er hoffte, es würde ihm letztendlich gelingen den etwa gleich alten Mann zu überzeugen. Ansonsten wusste er nicht mehr weiter. Wenn sie Glück hatten, würde Charles bald wirklich zu ihnen stoßen. Dann konnte er selbst mithelfen. Im Reden war er vermutlich um einiges besser als der Doc.
Er nahm sich noch einen Schluck Whisky mit inzwischen vollkommen ruhigen Fingern. Das Getränk hatte bereits zu wirken begonnen und der Alkohol zirkulierte angenehm und beruhigend in seinen Blutbahnen.
„Und ich glaube nicht, dass Mr. Wright von der Regierung ist, Mr. Oxley“, sagte er zu dem Hausverwalter, dessen letzte Worte er schon wieder fast vergessen hatte. „Als er am Bahnhof mit seinem Schießeisen herumgespielt hatte und festgenommen wurde, hat der Polizist nicht sonderlich fröhlich oder gnädig gewirkt.“ Ein bösartiges Grinsen schlich sich auf Randolphs Gesicht, als er Gilbert zuzwinkerte.
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Umbra am Do Aug 07 2014, 13:03

Doch so plötzlich die Schießerei ihren Anfang genommen hatte, genauso schnell schien sie auch wieder beendet zu sein. Zumindest fielen vorerst keine weiteren Schüsse mehr, die darauf schließen könnten, dass die beteiligten Parteien vorhatten, sich eine handfeste Auseinandersetzung zu liefern oder Rachegelüste auszuleben, die möglicherweise aufgekommen waren. Immerhin gab es nun schon auf beiden Seiten einen Verletzten – wenn nicht Schlimmeres.
Matthew war näher am Geschehen, um die Lage besser beurteilen zu können, zumal die beiden Angreifer ohnehin nun die Flucht ergriffen – in die Richtung, aus der sie gekommen waren, und damit liefen sie, ohne den fallengelassenen Revolver mitzunehmen, direkt an Matthews Position vorbei. Noch hatten sie ihn nicht erreicht und schienen ihn auch nicht bemerkt zu haben, weswegen es ihm wohl überlassen blieb, ob er sie entkommen ließ und selbst von ihnen unbehelligt blieb, oder jedoch eingriff. Scheinbar lag es nun an Matthew zu entscheiden, ob diese Auseinandersetzung bereits vorbei war oder nicht. Bemerken würde man ihn, sobald er sein Versteck, in dem er Deckung gesucht hatte, verließ, ohnehin.
Der Bewaffnete unter den reichen Engländern, jedenfalls, der zumindest geübt im Umgang mit dem Revolver sein musste, bedachte man seine schnelle und zielsichere Erwiderung des Schusses auf ein entferntes, bewegtes Ziel, jagte den Fliehenden keine weitere Kugel hinterher oder nahm Verfolgung auf, sondern blieb mit erhobener Waffe wachsam stehen, um seinen Begleitern Schutz zu gewähren, die versuchten, sich um den angeschossene Mann, der zuvor zu Boden gestürzt war, zu kümmern. Dieser schien den Treffer überlebt zu haben, denn Matthew hörte das ihm nur allzu bekannte Wehklagen eines Verwundeten, den der Schmerz zum Ächzen und Jammern brachte. Wäre es nicht so kalt und die Gebäude um ihn herum nicht so englisch, könnte der irische Veteran Matthew O’Sullivan glatt glauben, wieder in Indien zu sein, inmitten eines der blutigen Straßenkämpfen während des Sepoyaufstands, in dem weder Soldat, Rebell oder Zivilisten (beider Seiten und egal, welchen Alters oder Geschlechts) geschont wurden.
Nach jedem Gefecht galt es für die Überlebenden, die Reste der weniger Glücklichen wieder einzusammeln, und die Verwundeten aus der Gefahrenzone zu bringen. Letzteres gedachten die wohlhabend wirkenden Engländer nun zu tun, wie Matthew von seiner Position aus erkannte, denn die beiden, die nicht am Boden lagen oder achtsam die Umgebung im Auge behielten, halfen dem, unterdessen vor Schmerz aufschreienden, Verletzten, zumindest halbwegs auf die Beine zu bekommen.
Dabei war Matthew klar, dass ihnen unmöglich bewusst sein könnte, wie leicht oder schwer ihr Kamerad wirklich verwundet war, und ob es überhaupt ratsam war, ihn zu bewegen, denn dazu waren für einen Laien die Licht- und Wetterbedingungen viel zu schlecht. Sie gingen damit ein erhebliches Risiko ein. Selbst wenn einer unter ihnen durch Zufall Arzt oder ebenfalls ein Sanitäter war, hätte er durch die Kleidung die Situation wohl nicht angemessen beurteilen können.

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Thorgrimm am Fr Aug 08 2014, 20:23

"Sehr freundlich von ihnen." antwortete Gilbert mit einem Nicken, bevor er das nun gefüllte Glas anstarrte, einen Schluck trank und dann neben die Whiskeyflasche auf den Tisch stellte. Den Wink mit dem Zaunpfahl bzw. mit der Flasche verstand er aber der Maler bezweifelte, dass er noch mehr Whiskey trinken wollte. Ein benebelter Geist war das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. In diesem Gespräch musste er gut aufpassen, um nicht einfach auf Lügen oder anderes hereinzufallen und das wurde mit jedem Schluck Whiskey schwerer. Dem alten Mann hörte er aufmerksam zu. Auch wenn er meinte, Gilbert nicht helfen zu können, so war doch jede Information nützlich und das was er zu sagen hatte, war durchaus interessant. Zumindest konnte Gilbert bestätigen, dass Mr. Norly nicht sofort zur Waffe griff. Er hatte sich am Bahnhof ergeben, statt einen gewaltsamen Ausweg zu suchen.
Auf die Frage, wer er denn überhaupt sei, musste Gilbert grinsen. Er war ein Niemand aber das Oxley zuerst einen Polizisten in ihm vermutete, fasste er einfach mal als Kompliment auf. Er nickte de Doktor bestätigend zu, da er sich noch genau an die Szene am Bahnhof erinnern konnte.
"Ich, ein Polizist? Ich bitte Sie, Mr. Oxley, sehe ich etwa so aus? Ich bin ein freischaffender Maler, der in einem ähnlichem Umfeld wie diesem hier aufgewachsen ist, mehr nicht. Ich bin weder darin geübt, mit Schusswaffen umzugehen, noch würde ich sie überhaupt gerne benutzen. Zeugen kann ich nicht vernehmen und ganz sicher würde ich Nachts keine Streifen laufen. Dazu habe ich gar nicht das Zeug. Vielleicht sagt Ihnen aber der Name Wright etwas?" fragte er interessiert. Vielleicht hatte Oxley als Butler von seiner Familie gehört. Schließlich war sein Vater ein durchaus erfolgreicher Geschäftsmann, fast schon eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Zumindest gewesen...
An den Doktor richtete er sich mit einem Schulterzucken, als dieser versprach, dass Gilbert keine Gewalt zu befürchten hatte. "Dann muss ich mich wohl auf Ihr Wort verlassen." kommentierte er noch, nachdem auch er bestätigt hatte, dass Mr. Norly nicht Scarface war. Trotzdem gab es einige Fragen, die noch der Klärung bedurften und so ganz war Gilbert nicht überzeugt. Das alles konnte eine einzige, gut durchdachte Lügengeschichte sein aber für den Moment blieb Gilbert nichts anderes übrig, als davon auszugehen, dass Norly tatsächlich nicht Scarface war. Trotzdem hielt er sich mit seiner Skepsis nicht zurück.
"Wenn Mr. Norly" diesmal betonte er den Namen bewusst und deutlich richtig. "tatsächlich nicht Scarface ist, wie Sie behaupten, wie kann es dann sein, dass sie sich beide so ähnlich sehen? Ich lese die Zeitung regelmäßig und habe die Taten Scarfaces verfolgt. Ein einfacher Fehler? Das können Sie mir wirklich nicht auftischen. Selbst wenn Mr. Norly nicht Scarface ist und wir annehmen, dass Scarface ein Unbekannter ist, dann muss es einen Grund dafür geben, das das Gesicht Mr. Norlys in der Zeitung auftaucht." Dann wandte er sich noch einmal an Oxley.
"Wenn ich fragen darf, wieso hatten sie - als sein Butler - eine so lange Zeit keinen Kontakt zu Mr. Norly? War er geschäftlich unterwegs? schon seltsam, dass er anscheinend zur gleichen Zeit keinen Fuß in dieses Haus gesetzt hat, während Scarface seine Morde verübt hat." Schließlich nahm Gilbert das Whiskeyglas wieder auf und trank einen weiteren Schluck, bevor er fortfuhr. "Menschen ändern sich - auch in sehr kurzer Zeit." "Ich spreche da aus Erfahrung." "Wie können Sie sich sicher sein, dass Mr. Norly nicht Scarface ist, wenn sie monatelang keinen Kontakt zu ihm hatten? Es gibt Momente und Ereignisse im Leben, die einen Menschen von einem Tag auf den anderen für immer verändern können. Egal wie gefestigt eine Persönlichkeit ist."
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Darnamur am Fr Aug 08 2014, 22:13

Randolph hatte sein Glas abgestellt und betrachtete Gilbert aus seinen farblos grauen, kühlen Chirurgenaugen. Man könnte fast meinen, der Maler wäre ein besonderes interessantes Versuchsobjekt das der Doktor nun einer Musterung unterzog.
In der Tat schien Mr.Wright durchaus zuversichtlich zu sein. Das war eine Sache, die Randolph ein wenig irritierte. Gilbert schien Ihnen immer noch nicht zu vertrauen- was natürlich vollkommen legitim und verständlich war. Dennoch ging er relativ selbstbewusst vor. Das er darüber witzelte, wie ungeeignet er als Polizist wäre, war eindeutig ein Zeichen dafür. Randolph war der Ansicht, dass Gilbert nicht dumm war. Er musste wissen, dass er in Gefahr schwebte, falls sie doch allesamt Komplizen eines Serienmörders waren. Warum also konnte er keine Anzeichen von Nervösität oder Angst bei ihm erkennen?
Der Alkohol- möglich. Oder war er am Ende doch ein Polizist? Gilbert sagte zwar, dass er dazu nicht fähig sei, aber Randolph konnte in dem Mann durchaus die notwendigen Fähigkeiten für einen solchen Beruf erkennen. Im Grunde war das, was Wright im Moment tat, auch nicht viel anders als eine Zeugenbefragung. Aber nein, die Polizistentheorie war Unsinn. Randolph hatte gesehen, wie Gilbert festgenommen wurde. So gerissen werden sie ja wohl doch nicht gewesen sein, dass alles voraus zu planen.
Ein anderer Kommentar des Malers könnte der Schlüssel sein. Gilbert schien große Dinge von seinem Vater zu halten. Oder nein, so konnte man das nicht sagen. Er glaubte, dass sein Vater ein einflussreicher Mann war. Vermutlich war er auch reich. Randolph hatte schon oft ein geradezu natürliches Selbstbewusstsein und eine gewisse Überheblichkeit registriert, die Mitgliedern der Oberschicht anhaftete. Vielleicht glaubten sie ja, dass sie unantastbar waren. Charles war ein gutes Beispiel dafür. Auch er stammte offenbar aus einer Familie der Oberschicht, auch wenn er mittlerweile tief gesunken war.
Und der Alkohol verstärkte das Ganze dann noch etwas. Jetzt muss er sich richtig wohlfühlen. Randolph grinste in sich hinein. Wie absurd.
Doch als Gilbert wieder zu sprechen begann, wurde er wieder ernster und versuchte mit seiner Analyse fortzufahren. Wenn er verstand, wie Wright dachte, würde es ihm leichter fallen ihn zu überzeugen.
Doch die Worte des Malers ließen ihn fast augenblicklich stutzen. Ähnlich sehen? Natürlich ist das das Bild von Norly! Will der mich verarschen?
Er lauschte aber weiterhin aufmerksam Gilberts Worten. Interessant. Besonders dieser letzte Satz. Es schien so als hätte Wright eine Menge Menschenkenntnis. Auch vorher hatte er schon die Eigenschaften von Serienmördern beschrieben. Woher das wohl kam? Als Maler hatte man doch eigentlich eher weniger mit Menschen zu tun, oder? Randolph stellte sich Maler im Allgemeinen als eher von der Gesellschaft zurückgezogene Geschöpfe vor, die ihre Zeit meistens allein in ihrem Atelier verbrachten. Sprach Gilbert etwa womöglich aus eigener Erfahrung? Hatte er am Ende gar etwas mit der Mordserie zu tun? War einer seiner Verwandten ein Opfer von Scarface? Das wäre auch ein guter Grund dafür, warum der Maler hier aufgetaucht war. Auch Randolph hatte eigene Nachforschungen unternommen, auch wenn diese katastrophal geendet hatten.
Er überlegte sich wie er auf die Worte reagieren sollte.
„Nein, Mr. Wright. Sie haben natürlich Recht.“, begann er. “Das Bild, dass sie in den Zeitungen sehen ist natürlich das von Charles. Schließlich ist es die öffentliche Meinung- und die der Polizei, dass er selbst hinter den Morden steckt. Auch ist es offensichtlich, dass Charles wohl kaum verdächtigt werden könnte, wenn er sich zum Zeitpunkt der Morde nicht in London aufgehalten hätte. Und wenn sie sich fragen, warum er es nicht verlassen hat: Es war ein Risiko für ihn. Die Polizei hat längst Sicherheitsvorkehrungen getroffen- nun ja, sie haben ja selbst mitbekommen, was schließlich das Ergebnis dieser „Ausreise“ war. Natürlich gab es auch noch andere Gründe dafür, dass er in London geblieben ist. Aber darüber würde ich erst mit Ihnen sprechen, wenn wir beide uns gegenseitig vertrauen können“
Er prostete Gilbert ohne zu Lächeln zu und nahm einen Schluck aus seinem Whiskeyglas, das sich langsam, aber doch stetig zu leeren begann. Wenn man so viel redete, wurde einem die Kehle trocken. Besonders wenn man so etwas nicht so gewohnt war, wie der Doktor. In dieser Hinsicht musste er Charles schon fast beneiden. Wahrscheinlich konnte er eine halbe Stunde ohne die geringste Unterbrechung und das geringste Stocken vor sich hin sabbeln.
„Aber sie haben hier einen interessanten Punkt angesprochen. Wenn Norly Scarface wäre, dann müsste er zum Zeitpunkt der Morde in der Umgebung gewesen sein. Und hier kann ich Ihnen etwas erzählen, dass ich selbst erlebt habe. Zu diesem Augenblick war ich schon relativ überzeugt, dass Charles und der Serienmörder, der nach ihm zu „Scarface“ benannt worden war, zwei unterschiedliche Personen sind. Doch danach war ich mir zu neunundneunzig Prozent sicher, dass es unmöglich ist, dass er der wahre Mörder ist. Ich habe nämlich Nachforschungen angestellt. Charles selbst hatte nämlich eigene Theorien, wer hinter der ganzen Angelegenheit stecken könnte. Doch das hat mich nicht überzeugt. Also habe ich mich zusammen mit einem anderem Mann- einem gewissen Alan Stirling aufgemacht, um eine Zeugin aufzusuchen, deren Mann ein Opfer war.“
Er dachte zurück an Sarah Mauney. Blonde, hochgesteckte Haare. Ein müdes Gesicht, dem die Überforderung mit der Situation deutlich anzumerken war. Dennoch hatte sich die Witwe für sie um ein Lächeln bemüht. Der Butler. Sarahs Schwester. Und natürlich die Haushälterin. An sie erinnerte er sich am Deutlichsten. Er sah sie deutlich vor seinem inneren Auge. Wie die Kugel des Revolvers in ihren Schädel einschlug.
„Mrs. Mauney war recht freundlich zu uns. Zumindest zu Beginn. Im Laufe des Gesprächs wurden ihr unsere Fragen einfach unangenehm. Zudem gab es Probleme mit meinem Partner Stirling, der plötzlich Zweifel daran bekam, ob das, was wir dort taten wirklich richtig war. Zu diesem Zeitpunkt waren Mrs. Mauney und ihre Schwester noch quicklebendig. Ich werde das Ganze jetzt etwas abkürzen: Stirling und ich sahen uns gezwungen das Haus zu verlassen. Ich landete später auf der Polizeiwache. Als Zeuge. Es stellte sich nämlich heraus, dass der gesamte Mauney-Haushalt getötet worden war, noch während wie zu zweit von dem Ort flohen. Ich selbst kann bezeugen, dafür nicht verantwortlich gewesen zu sein. Nun werden sie sich vielleicht fragen: Was war mit Norly? Hätte er es nicht auch gewesen sein können? Und eben das ist der Punkt. Es war unmöglich. Denn Norly befand sich zu diesem Zeitpunkt am anderen Ende Londons- zusammen mit Melinda“
Er nickte zu ihr hinüber.
„Also“, wandte er sich wieder Gilbert zu und blickte ihm direkt in seine moosgrünen Augen. „Was denken sie, wer diese Menschen ermordet hat? Charles ist es nicht. Aber wer sonst kommt in Frage? Es ist doch schon ein seltsamer Zufall: Es werden genau die Zeugen umgebracht, die wissen, wer der wahre Mörder ist. Zumindest hat Mrs.Mauney ausgesagt, dass sie Charles Norly dabei gesehen hat, wie er ihren Mann umbrachte. Und nun ist sie tot. Ich sage dir, was dort passiert ist: Jemand hat Wind davon bekommen, dass wir mit Sarah Mauney reden. Und er hat auch mitbekommen, dass die Polizei bereits auf dem Weg war. Ach, das habe ich Ihnen noch nicht erzählt. Aber egal: Wie gesagt es kam zu Chaos im Haus und die Polizei war auf dem weg. Dieser Jemand musste also schnell reagieren. Eventuell hatte Mrs. Mauney geplaudert. Eventuell konnte diese arme, psychisch labile Frau dem Druck nicht mehr standhalten und die Wahrheit, wer wirklich hinter allem steckte, würde ans Licht kommen. Also hat er sie umgebracht. Der wahre Mörder. Der wahre Scarface. Und deshalb bin ich auch jetzt vollkommen überzeugt, dass nicht Charles für all dies verantwortlich ist.“

Seine letzten Worte gingen in einem Krächzen unter und er nahm noch einen Schluck, bevor er fortfuhr. „Was halten sie davon, Mr Wright? Finden sie es nicht auch seltsam, dass diese Zeugin in einer prekären Situation ermordet wird? Während Charles unmöglich dafür verantwortlich sein kann. Das dürfte sogar der Polizei bewusst sein. Ihre Meinung würde mich interessieren. Und ich habe noch eine weitere Frage an sie: Ihre letzten Worte haben mich vorher stutzig gemacht. Sie sprachen über die einschneidende Wirkung von einzelnen Ereignissen auf das Leben einer Person. Sind sie etwa deshalb hier? Ist einer ihrer Verwandten ermordet worden? Hat Scarface jemanden, den sie kannten umgebracht?“
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Sensemann am So Aug 10 2014, 21:03

So schnell und intuitiv wie Matthew seine Waffe gezogen hatte, so routiniert steckte er sie auch wieder weg.
Denn als Veteran und Haudegen wusste er wann Gefahr nicht mehr im Verzug war und es er am Ende wäre, welcher als potentielle Gefahr bewertet werden würde, wenn er sich mit gezogener Waffe zeigen würde.
Matthew nahm allen Mut dennoch zusammen, als er mit erhobenen leeren und offenen Händen sich den fremden elendigen Engländern zeigte und langsam - ganz langsam - auf sie zu ging.
Misstrauen und ein Ventil für Wut wollte er nicht sein und auch nicht wecken: Er wollte nur helfen, selbst wenn er dies vielleicht jäh bereuen würde.
Denn schließlich hatte er gerade zwei Engländer mit seinen Fäusten verschönert.

Mit schiefen Lächeln, denn auch wenn dies zur Situation nicht passte, wollte er vertrauenserweckend und freundlich hinüber kommen, formulierte er hilfsbereit und angetrunken kehlig:

"Kann ich den Herren und Edelmännern vielleicht helfen?
Ich bin, was Schussverletzung angeht, vom Fach!"
, wobei er sich ersparte sich vorzustellen oder längere Erklärungen über die Dringlichkeit zu verlieren.
Ebenso wie über die Ehrlosigkeit solch eines Angriffes und Anschläge sowie warum die Fremden angegriffen wurden.
Dies alles würde Matthew schon früh genug erfahren, sollte er helfen dürfen und etwas Vertrauen gewonnen haben.
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Thorgrimm am Di Aug 12 2014, 02:38

Bei den Worten des Doktors zuckte Gilbert leicht zusammen, denn das Thema das er soeben angesprochen hatte, war dem Maler sehr unangenehm. Der Tod seines Vaters hatte nichts mit dieser Sache zu tun aber das das Gespräch auf den Mord eines Verwandten gelenkt wurde, bewies, dass Gilbert nicht vorsichtig genug gewesen war und zu viele Informationen preisgegeben hatte. Ob nun der Alkohol, oder das nachlassende Medikament damit zu tun hatten - vielleicht sogar die Wechselwirkung zwischen den beiden - war eigentlich egal. Fakt war, dass er ab jetzt vorsichtiger damit sein musste, was er sagte. Doch Gilbert konnte das angesprochene Thema nicht einfach übergehen. Der Doktor erwartete eine Antwort.
"Tatsächlich ist es noch gar nicht so lange her, dass mein Vater bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Das war aber kein Mord und hat nichts mit Scarface zu tun, also muss ich Sie leider enttäuschen. Mich führt wirklich nur meine Neugierde und die Bitte Mr. Porters hierher. Ich denke sie können verstehen, dass dies kein angenehmes Thema ist, also würde ich gerne auf ihre anderen Fragen zurückkommen." Was der Doktor erzählte, war wirklich eine interessante Geschichte und warf ein ganz anderes Licht auf Mr. Norly. Gilbert war fast geneigt dem Mann zu glauben aber das setzte natürlich vorraus, dass diese ganze Geschichte der Wahrheit entsprach. Er versuchte sich daran zu erinnern, ob er jemals von einer Mrs. Mauney gelesen hatte, die zu den Opfern des Serienmörders zählte. Sie hatte die Wahrheit gewusst aber war auch pychisch labil gewesen. Aus Erfahrung konnte Gilbert sagen, dass es schwer war einem solchen Druck standzuhalten. Würde er dieses einzigartige Psychopharmaka nicht besitzen und nehmen, dann würde er vermutlich nicht hier sitzen. Er hätte sich schon längst umgebracht.
Wieso aber hatte die Frau ausgesagt, dass Norly ihren Mann umgebracht hat, wenn dieser meilenweit entfernt war? Es passte einfach nicht zusammen. Vieles in dieser Geschichte war sehr seltsam und warf mehr Fragen auf, als das sie beantwortete. Ganz nebenbei nahm Gilbert mit Freuden wahr, dass die Polizei tatsächlich etwas gegen Mr. Norly in der Hand hatte. Das konnte er natürlich zu seinem Vorteil benutzen.
Jetzt musste er nur noch einschätzen, in wie weit er diesen Menschen wirklich trauen konnte. Die Aussage, dass Norly am anderen Ende Londons war, konnte natürlich eine ganz einfache Lüge sein. Zumindest gab der Doktor zu, dass sie am Tatort gewesen waren. Für den Anfang entschied sich der Maler dazu, dem Doktor zu glauben.
"Es ist wirklich seltsam. Wieso sollte die Frau aussagen, dass sie Mr. Norly gesehen hat, wenn er doch an einem anderen Punkt in London war? Hat der wahre Scarface vielleicht eine Maske getragen? Makeup? Wollte er womöglich ganz bewusst den Verdacht auf Norly lenken? Hat er irgendwelche Gegenspieler oder gibt es Menschen in seinem Leben, die ihm Rache geschworen haben?" Gilbert trank einen Schluck Whiskey. "Verstehe ich es außerdem richtig, das Sie und Melinda mit Mr. Norly zusammenarbeiten, um seine Unschuld zu beweisen?"
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Elli am Di Aug 12 2014, 14:09

"Hat nicht jeder Gegenspieler? Menschen die einem böses wollen? Die einem selbst den Dreck unter den Fingernägeln nicht gönnen?" Melinda legte sich in dem Sessel zurück und überschlug die Beine. Sie betrachtete den Mann ihr gegenüber und versuchte ihn, wenn er auch als potentielle Gefahr angesehen werden konnte, einzuschätzen. War er gewaltbereit? Tödlich? Sie konnte es nicht sagen - bisher gab er sich ruhig und nicht besonders gewalttätig, aber Melinda hatte zu viele einschlägige Erfahrungen damit gemacht, sich bei solchen Einschätzungen zu irren, als dass sie es wagen würde ihn zu unterschätzen.
Das dessen Vater kürzlich umgekommen war und die Reaktion darauf, interessierten sie außerordentlich.
Gut gespielt, Randy, gut gespielt die Karte. Mensch Melly, wenn du doch auch mal so einen Gedanken hättest. Aber neeeein, du denkst ja nur an Alkohol und vielleicht ein kleines Schlückchen Laudanum. Nur ein klitzekleines. Der Augenblick wäre perfekt. Charles ist nicht da...wenn nicht jetzt wann dann?
Damit konnte man vielleicht noch etwas anfangen. Sticheln konnte sie schon immer gut. Das er jedoch, in ihren Augen, nur schwammige Antworten gab, dafür aber ständig versuchte Hintergrundinformationen zu erhalten, stieß der Hure bitter auf.
Statt auf die Antwort des Arztes zu warten, übernahm sie das Ruder selbst. "Es hat seine Gründe weshalb wir mit Mr. Norly unterwegs sind. Ich denke unsere Beweggründe sind momentan unerheblich, Gilbert-Schätzchen." Sie hatte nach wie vor nicht den Plan, einem dahergelaufenen Verräter die Pläne von Charles auf dem Silbertablett zu servieren.
Sie stand auf, getrieben von Langeweile und Ungeduld. Der Gedanke Drogen zu sich zu nehmen, war erst so beiläufig und nun so vorrangig geworden...doch so sehr es sie auch schmerzte, sie hatte noch immer den Vorsatz Gilbert im Auge zu behalten, dass konnte sie kaum, wenn sie high auf ihrem Bett liegen würde. Es blieb ihr wenig übrig, als die Hauserkundung noch etwas zu verschieben und ebenso, das bittersüße Gift Eintritt in ihren Körper zu gewähren.
Sie schlenderte zum Fenster herüber und zupfte an den schweren Vorhängen.


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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Umbra am Do Aug 14 2014, 23:40

Mr. Oxley hörte den Gesprächsverlauf relativ zurückhaltend zu. Es war zu erahnen, dass er geübt darin war, sich im Hintergrund zu halten, auch wenn er in diesem Fall eher die Rolle des stellvertretenden Gastgebers spielte, als nur derjenige zu sein, der zu Diensten war, wenn Wünsche aufkamen. Allerdings schien er dem Gesagten in diesem Fall interessierte und achtsame Aufmerksamkeit zu schenken, was vermutlich nicht immer so war, kannte man Charles und seine Vorliebe dafür, unermüdlich viel zu reden, sobald man ihm die Gelegenheit dazu ließ.
Oxley überließ inzwischen hauptsächlich dem Doktor das Gespräch mit Gilbert, vielleicht auch, weil dies dafür sorgte, dass er über all seine Gäste ein wenig erfuhr. Doch als Gilbert ihn fragte, ob der Name Wright ihm etwas sage, zuckte er nur mit den Schultern. Es mochte schon sein, dass ihm ein Wright bekannt war, oder auch mehrere – schließlich war der Name nicht gerade selten –, aber ohne konkretere Angaben konnte der Butler damit nichts anfangen. Aber auch davon abgesehen, schien Mr. Oxley eher Melindas Meinung zu teilen, und fand, dass in dieser Runde gewisse Geheimnisse gewahrt bleiben sollten. Denn Geheimnisse, die das Thema des Gesprächs umfasste, waren heikel und in den falschen Händen sicherlich gefährlich.
„Wenn Sie in einem Umfeld wie diesem hier aufgewachsen sind“, antwortete Oxley schließlich Gilbert, denn dieser hatte ihn direkt adressiert und gefragt, warum der Butler so lange keinen Kontakt zu seinem Herrn gehabt hatte, „werden Sie damit vertraut sein, dass Bedienstete, selbst Butler, nicht in Dinge einweiht werden, die sie nicht wissen müssen. Außerdem ist nichts Ungewöhnliches für Mr. Norly, dass er nicht von sich hören lässt, wenn er auf Reisen ist. Er war bereits Monate und Jahre im Ausland unterwegs, ohne auch nur ein Lebenszeichen von sich in die Heimat zu schicken. Nicht, dass Sie das etwas anginge. Dass die Morde gerade geschehen sind, als er sich in London befunden hat, kann alles und nichts bedeuten. Wie erwähnt, kenne ich Mr. Norly gut. Und Morde, nein, warum sollte er so etwas tun? Und warum sollte ich glauben, was in den Zeitungen steht, ohne es zu hinterfragen? Ich überzeuge mich lieber selbst, wie gefestigt die Persönlichkeit einer Person ist, bevor ich mir aus der Ferne ein Urteil erlaube. Also nein, ich kann mir natürlich nicht sicher sein, dass Mr. Norly nicht der Mörder ist. Aber ich bezweifle es.“
Oxley pausierte kurz nachdenklich und verschränkte die Hände hinter dem Rücken, bevor er fortfuhr:
„Das hat nichts mit Loyalität zu tun, obwohl ich, wie Sie sich sicher vorstellen können, an den Grenzen meiner Berufsehre kratze, indem ich überhaupt mit Ihnen über Mr. Norly rede“, sagte er, eine seiner buschigen Augenbrauen in die Höhe ziehend.
„Da ich Ihnen genauso wenig traue wie Sie mir, und ich mich nicht verpflichtet fühle, Fragen zu beantworten, bitte ich Sie nun, mich zu entschuldigen. Sie werden auch ohne mich zurechtkommen. Da Sie gedenken, zu bleiben, und sich sicher von den Strapazen Ihrer Reise erholen wollen, will ich Ihnen nun Ihre Zimmer herrichten“, kündigte der alte Butler an, „damit Sie sich zurückziehen können, sofern Ihnen danach ist.“
Mit einem Nicken verabschiedete er sich selbst erst einmal und ließ Melinda, Randolph und Gilbert vorerst allein.

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Umbra am Do Aug 14 2014, 23:40

Der Regen prasselte unablässig und kalt vom Himmel herab und spülte den Gestank der Stadt, zusammen mit dem des Schießpulvers fort, während die Blutspuren mitsamt dem Wasser in die Ritzen des Kopfsteinpflasters sickerten und auf Nimmerwiedersehen verschwanden.
Sie mussten fort von hier, fort von der ungeschützten Straße, dorthin, wo es hell und trocken war und man nicht hinter jeder Ecke, auf jedem Dach oder in jedem Fenster einen weiteren Schützen befürchten musste. Arthur Thrush brauchte schnellstmöglich Hilfe. Sie wussten nicht, wie schlimm es um ihn stand. Nur, dass die Kugel ihn in den Rücken getroffen hatte, war offensichtlich und selbst hier in der Dunkelheit erkennbar.
Charles hatte den Attentäter nicht umbringen wollen und daher war es wohl eine Erleichterung, dass der Mann, zusammen mit seinem Komplizen, noch imstande war zu fliehen. Dass die beiden entkamen und somit im Ungewissen blieb, wer sie waren und wer sie beauftragt hatte – zumindest vorerst –, war ärgerlich, aber unvermeidbar. Nun hatte Priorität, dass sie sich selbst in Sicherheit brachten.
Charles‘ Hand an der Waffe blieb ruhig, obwohl er aufgewühlt war. Er war ein sicherer Schütze, was er der vielen Übung verdankte, die er darin hatte – dennoch… Es fiel ihm nicht leicht, auf jemanden zu schießen, selbst wenn es notwendig war. Jemanden zu erschießen noch weniger. Nun hatte er bewirkt, dass erst einmal nicht noch mehr Schaden angerichtet wurde. Er verfluchte sich einmal mehr für seine eigene Leichtsinnigkeit. Er hätte wachsamer sein sollen, dann wären seine Begleiter und er – besonders der niedergeschossene Arthur – gar nicht erst in diese Situation geraten. Charles hätte ehrlich nicht damit gerechnet, dass ihre Verfolger ihnen hinterherschießen würden. Am Ende waren sie vielleicht gar nicht so unprofessionell, wie er angenommen hatte. Ein offener Angriff – eine deutliche Botschaft. Eine Warnung. Vielleicht. Oder auch schon mehr. Bisher hatte man diejenigen, die er um Hilfe gebeten hatte oder ihm bereits geholfen hatten, in seiner Abwesenheit attackiert oder gar umgebracht. Mr. Hyde… Und Ed nicht zu vergessen, den Kutscher, der mit aufgeschlitztem Leib in einer Gasse des Stadtzentrums geendet war, und das auf seinem Kutschbock. Dieses Mal war es etwas Anderes. Ein Schritt mehr in Richtung ernste Bedrohung. Charles war sich sicher gewesen, seine Schützlinge wirklich beschützen zu können, doch dieser Anschlag zeigte, dass sich seine Gegner auch in seiner Anwesenheit trauten, ungemütlich zu werden. Dieser Anschlag veränderte einiges. Natürlich nagten Charles nun große Sorgen um Melinda und Johanna, aber auch um Doktor Tremaine und Oxley. Er konnte kaum an etwas Anderes denken, aber er musste dennoch versuchen, sich auf das Hier und Jetzt zu besinnen.
Dies schien auch nötig zu sein, denn wie sich zeigte, war ihre kleine Gruppe nicht allein. Charles richtete den Revolver sofort schussbereit auf den Mann, der sich mit einem Mal aus dessen Versteck in der Dunkelheit schälte. Der Kerl klang betrunken, doch zeigte er seine Hände und bot Hilfe an, was Charles dazu brachte, die Konsequenzen zu überschlagen, die es haben könnte, dieses Angebot anzunehmen. Doch Arthur… Wenn dieser Mann sich wirklich mit Verletzungen auskannte, könnte er dem Verletzten vermutlich mehr helfen als sie alle zusammen. War dies ein Versuch, ihre Notlage auszunutzen, wäre Charles ja noch immer bewaffnet. Doch kurzerhand ließ er seinen Revolver sinken und machte Platz – wobei er bewusst in den Schatten trat, der sein Gesicht unkenntlicher machte, noch bevor der Fremde zu nahe kam.
„Ja, in der Tat, Sie können uns helfen, Mister“, sagte Charles dabei, dem Mann die Erlaubnis erteilend, sich zu nähern. Auch Harry und Humphrey zeigten sich bereit, den Unbekannten gewähren und sich den verletzten und vor Schmerz klagenden Arthur ansehen zu lassen. Selbstverständlich war niemand bereit, blind Vertrauen zu schenken, doch Bedenken und Misstrauen mussten nun hintenanstehen, da vielleicht Arthurs Leben in ernster Gefahr war.
„Wir wären Ihnen sehr dankbar für eine fachkundige Beurteilung der Lage“, fuhr Charles, halblaut gegen den Regen anrufend, fort. „Kommen Sie nur näher, aber verzeihen Sie mir, dass ich Sie genau im Auge behalten werde.“

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Darnamur am Fr Aug 15 2014, 16:15

Der Doctor verfolgte Gilberts Worte leicht irritiert. Allem Anschein nach, war er nicht richtig verstanden worden. Dennoch lauschte er weiterhin aufmerksam seinen Worten. Vielleicht war es wirklich so- der Kerl wollte sie vielleicht wirklich einfach nur aushorchen. Seine Finger trommelten leise auf der Tischplatte. Nein, dem jungen Mann alles anzuvertrauen wäre wirklich dämlich. Da gab er Melinda Recht. Laut Mr. C würde Charles bald wieder auf freiem Fuß sein. Dann konnte der selbst entscheiden, was zu tun war. Davon konnte er aber natürlich nichts erzählen.
Der Tod seines Vaters schien den Guten sehr mitgenommen zu haben, dessen Reaktion nach zu urteilen. Es wäre also wohl ungünstig sich ihm über das Schicksal des eigenen Vaters anzuvertrauen. Aber okay- in welcher Situation wäre das schon sinnvoll? Ja, dieses Thema sollte er wohl erstmal vermeiden, solange es keinen konkreten Anlass dazu gab. Randolph glaubte Gilbert, dass nicht Scarface oder jemand anderes für diese Untat verantwortlich war.
„Ich glaube sie missverstehen mich“, wandte sich Randolph an seinen Gegenüber, womöglich etwas ungeduldig. „Vermutlich ist das im Augenblick etwas viel auf einmal, für sie. Aber es müssen, was diesen speziellen Fall angeht, zwei Morde unterschieden werden. Zunächst der an Mr. Mauney. Dort hätte Charles theoretisch der Mörder sein können. Und dann die Ermordung von Mrs. Mauney selbst: Hier befand er sich am anderen Ende Londons. Und natürlich hat die gute Witwe danach auch nicht mehr gegen ihn aussagen können“ Er zwinkerte ihm zu und nahm einen der letzten Schlücke aus seinem Whiskeyglas. „Ja, die Lage ist wirklich kompliziert. Warum Mrs. Mauney so aussagte- ehrlich gesagt ich weiß es nicht. Vielleicht wurde sie unter Druck gesetzt. Vielleicht wurde sie auch einfach vom Täter geblendet. Es war nachts, wie viel konnte sie schon erkennen? Ich würde ihnen wirklich gerne die Antwort auf diese Frage präsentieren, aber meinem Begleiter und mir blieb nicht mehr genügend Zeit, sie aus der Witwe heraus zu bekommen.“
Jetzt leerte er das Glas endgültig. “Was unsere Beweggründe und Weiteres angeht, möchte ich sie bitten, sich noch ein wenig zu gedulden. Im Moment können wir uns leider noch nicht sicher sein, ob wir Ihnen vertrauen können. Aber das kann sich ja noch geben. Mich selbst verlangt es im Moment nach einem Bett. Es war ein anstrengender Tag und ich habe eine Verletzung am Bein. Ich sollte mich jetzt wirklich einmal zurückziehen, um wieder zu kräften zu kommen. Haben sie noch irgendwelche Fragen? Ansonsten würde ich mich vorerst entfernen.“
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Sensemann am Fr Aug 15 2014, 23:09

"Mister Matthew O`Sullivan...", antwortete Matthew belehrend, schnippisch und sich, dem Anstand gebührend, vorzustellen, da sein beziehungsweise seine Gegenüber dies nicht für nötig hielt bezeihungsweise hielten und ihn lieber darüber informierte, dass er ihn beobachten würde.
Sollte das etwa eine Drohung sein?
Hielt dieser Engländer ihn für einen Taugenichts?
Einen Menschen, welcher das Leid von Anderen ausnutzte?
Schlimmer: Sollte Matthew dem armen Wicht und Lump nicht mehr helfen können - würde es dann für ihn zu Repressalien kommen?

Matthew besann sich diese bodenlose Unverfrorenheit einfach mit dem Zähnen knirschend zu überhören und nicht tiefer und weiter zu bewerten, ging gemächlich (um nicht am Ende bedrohlich zu wirken auf den englischen Zivilisten) auf den Verletzten zu und fing an, diesen fachmännisch und, für seine Verhältnisse, behutsam zu untersuchen und zu begutachten.
Sollte es ihm möglich sein, diesen zu retten - denn schließlich hatte er immer etwas Verbandszeug und ein paar chirurgische Werkzeuge zur Hand und am Mann, würde er probieren, den Mann zu verarzten oder zumindest zu stabilisieren, damit er den Transport zu einem richtigen Arzt überleben würde.
Der metallische Geruch das frischen Blutes überdeckte dabei für ihn den Geruch der Straße, der Nacht und des Regens.
Und er weckte vergessene Gerüche.

Irgendwie lag plötzlich der Geruch von Curry in der Luft.
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Umbra am Do Aug 21 2014, 01:08

Matthew spürte eine Unruhe in sich, die ihm nur allzu gut bekannt war und ihn normalerweise dazu veranlasste, sich sofort etwas Hochprozentiges einzuverleiben. Sein Dienst beim Militär und seine Gefangenschaft in Indien hatten tiefe Spuren, sowohl körperlich als auch seelisch hinterlassen, dennoch schaffte er es, sich auf die Versorgung des Patienten zu konzentrieren. Die beiden Engländer, die den Angeschossenen ohnehin schon betreuten, assistierten Matthew, indem sie halfen, die Wunde freizulegen und den schmerzgeplagten Mann festzuhalten. Mehr als ein grüßendes und gleichsam auch anerkennendes Nicken war aus den beiden nicht herauszubekommen, als Matthew sich zu ihnen gesellte. Wie auch der Mann mit dem Revolver, legten sie nicht darauf wert, sich ihrerseits vorzustellen. Sie blieben schweigsam, zumindest sprachen sie nicht mit Matthew, sondern lediglich, und das auch nur spärlich, mit dem Verletzten – Arthur, wie sie ihn nannten –, indem sie ihm gut zuredeten. Wie der strömende Regen, der auf ihre Hutkrempen prasselte und kalt an ihren Gesichtern hinablief, so prägten ebenfalls Anspannung und Furcht der beiden Männer – angesichts der Situation vielleicht verständlich, weswegen man ihnen ihr Verhalten, trotz aller Unhöflichkeit, verzeihen mochte. Sie hatten andere Sorgen. Ihr Freund war gerade niedergeschossen worden und war womöglich in ernster Gefahr, wie womöglich auch sie alle. Niemand konnte schon sagen, ob das Schlimmste schon vorbei und die Attentäter wirklich geflohen waren. Es könnte außerdem noch mehr von ihnen geben.
Anscheinend die Lage durch seine beiden Begleiter, die ein Auge auf Matthews Arbeit behielten, unter Kontrolle vermutend, stand der Mann mit dem Revolver nicht mehr auf der Stelle bei ihnen, sondern war dazu übergegangen, sich die nähere Umgebung anzusehen und diese mit weiterhin gezogener Waffe zu überprüfen. Dies bestätigte Matthew in der Vermutung, dass diese Engländer sich noch nicht in Sicherheit wähnten. Sie blieben misstrauisch, und wollten vielleicht nicht unbedingt unhöflich sein, sondern einfach bewusst ihre Namen nicht preisgeben.
Ihre Gesichter, jedoch, zumindest die der drei Männer, die sich in unmittelbarer Nähe zu Matthew befanden, waren für ihn leicht auszumachen. Sie waren alle älter als er selbst, soweit er das beurteilen konnte. Der Verletzte trug einen markanten Vollbart, was ihm vermutlich, zusammen mit seiner hohen Stirn, optisch ein paar Jahre „Jugend“ kostete, aber Matthew würde ihn um die fünfzig ansiedeln – wie auch den, bis auf seine Koteletten, glattrasierten Mann mit der harten Rechten, den Matthew zuvor dabei beobachtet hatte, wie er seinen Begleitern den Weg zur Tür freigemacht hatte. Die wund-roten Fingerknöchel dieses Engländers zeugten noch von der Schlägerei, die sie eben erst hinter sich gelassen hatten. Der zweite Herr, der den Verletzten festhielt, seinerseits Backenbartträger und besonders grimmig dreinschauend, hatte hingegen bestimmt noch fünf, sechs Jährchen mehr auf dem Buckel.
Was den Revolvermann betraf, so hatte Matthew dessen Antlitz nicht zu Gesicht bekommen. Der Kerl hielt sich im Schatten, in Deckung, auch während er nun hin und her lief, um die Gegend zu sichern, und dabei  die Waffe vorsichtshalber er diese eng am Körper behielt, damit er sie leicht verbergen konnte und sie besonders denjenigen Leuten nicht unbedingt auffiel, die nach dem Schusswechsel nun mutig wurden und wagten, an ihre Fenster oder Türen zu treten, um neugierig auf die Straße zu spähen, oder sich sogar komplett hinaus.
Vereinzelt hörte Matthew, wie der Bewaffnete die Gaffer auf Abstand hielt, rein auf verbale Art und Weise. Offenbar behauptete er ihnen gegenüber, die Polizei habe bereits alles unter Kontrolle. Und ob ides gelogen war, oder nicht: Zusammen mit der Anweisung, in die Häuser zurückzukehren, funktionierte zu verhindern, dass sich noch irgendwer einmischte.
Dass es regnete und dunkel war, war für die medizinische Notversorgung einer potenziell tödlichen Wunde natürlich alles andere als hilfreich aber der irische Sanitäter Matthew O’Sullivan war widrige Umstände durchaus gewohnt – nicht so wie viele englische Stadtärzte, die außerhalb ihrer Praxen und Krankenhäuser höchstens bei Hausbesuchen tätig wurden und selten dazu kamen, im Dreck zu knien, so wie er jetzt. Die Engländer schienen überrascht, als sie sahen, was Matthews grob wirkende Finger zustandebrachten. Bei der Untersuchung wurde ihm klar, dass der Verletzte nicht drohte, schon bald an Ort und Stelle zu sein Leben zu lassen, aber dennoch sollte versucht werden, die Blutung zu stillen. Glück im Unglück hatte dieser Arthur jedenfalls gehabt, denn die Kugel hatte, offenbar keine wichtigen inneren Organe oder das Rückenmark des Mannes verletzt, was womöglich ganz andersartig üble Folgen gehabt hätte. Das Geschoss war scheinbar von einem Rippenbogen abgefangen worden, was den größten Schaden verhindert hatte, aber trotzdem weiter ins Fleisch gedrungen, sodass Matthew einsehen musste, im Moment nicht viel mehr unternehmen zu können, als den verletzten Arthur zu verbinden und zu stabilisieren. Er hatte nicht die richtige Ausrüstung bei sich, um nach der Kugel zu forschen, und außerdem wäre dies an Ort und Stelle die falsche Entscheidung gewesen. Regen und Dunkelheit behinderten die Sicht, von der nicht gewährleisteten Hygiene, um Infektionen zu vermeiden, ganz zu schweigen. Als ehemaliger Sanitäter beim Militär war Matthew zwar arg schlimmere Umstände gewohnt, aber noch auf dem Schlachtfeld und in den Lazaretten hatte er auch viel Tod gesehen. Nein, einen richtigen Arzt zu finden, war in dieser Situation viel vernünftiger – auch die Dringlichkeit war nicht zu unterschätzen. Und dies teilte Matthew den Engländern auch mit.

„Wem können wir vertrauen?“, fragte Harry, der Schlagkräftige, in die Runde. „White?“
„Zu diesem drittklassigen Scharlatan würde ich Arthur noch nicht einmal bringen, wenn er sich das Knie angeschlagen hätte“, knurrte Charles kommentierend, der sich inzwischen wieder zu seinen Freunden gesellt hatte. Die Luft war rein. Vorerst.
„Man nennt White hinter vorgehaltener Hand nicht ohne Grund ‚Den Weißen Tod‘“, erklärte er.
„Nein, Arthur“, versicherte er dem Verletzten zuversichtlich, „das wird schon wieder. Ich weiß, wo wir einen richtigen Chirurgen auftreiben können.“
Er überlegte kurz, welche Vorgehensweise nun die beste wäre. Hoffend baute Charles darauf, dass Melinda und Dr. Tremaine zu seinem Haus zurückgekehrt waren und dass sein Butler Thomas Oxley, für den Charles den von Melinda erwähnten Haushüter hielt, die beiden als Gäste im Anwesen der (ehemals) Familie Norly aufgenommen hatte.
„Mr. O’Sullivan“, richtete Charles sich unverwandt an ihren, offenbar irischen, Helfer in der Notr. Der Mann war zwar betrunken und hatte sich im Pub auch schnell bei der Faust gezeigt, wie Charles sich erinnerte, schließlich war dieser Ire hier einer der ersten Beteiligten gewesen, doch hatte er ihnen – besonders Arthur – unerwartet einen großen Dienst erwiesen.
„Danke für Ihre Hilfe. Sie sind ein Ehrenmann und wir stehen bereits in Ihrer Schuld. Doch dürfen wir Sie darum bitten, uns dabei zu helfen, unseren Freund zu einem Arzt zu bringen. Sie sagten selbst, er müsse schnellstmöglich operiert werden.“

So ging schließlich Charles voran und Harry, der wohl ebenfalls eine Waffe bei sich trug, wie er auf Nachfrage hin bejaht hatte, gab der Gruppe Rückendeckung, während der ältere Humphrey und Mr. O’Sullivan sich das Gewicht des Verletzten teilten, den sie zwischen sich stützend mitnahmen. Der Regen ließ nicht nach, im Gegenteil. Alle waren wohl recht durchnässt, als sie endlich ein Grundstück am anderen Ende des Stadtteils Wigan betraten – das wohlhabende Ende. Hier war es schon recht ländlich und grün und stank nicht nach Menschenmassen, Dreck und Industrie. Genau genommen war das Grundstück sogar leicht bewaldet und sehr weitläufig, das zugehörige Haus ging bereits als Anwesen durch, so groß wie es war.
Für Charles war es kein gutes Gefühl, heimzukommen. Doch dies schob er in den Hintergrund. Arthur brauchte dringend Hilfe. Inzwischen setzte der Angeschossene, nur noch ziemlich benommen wirkend und gar nicht mehr klagend, einen Fuß vor den anderen und musste für Matthew und Humphrey immer schwerer werden.
An der Haustür angekommen, zog Charles des Schlüssel hervor, den er bei sich trug, und bahnte ihnen allen einen Weg ins Trockene. Im Haus war es dunkel und ruhig – inzwischen mochte es auch nach 23 Uhr sein –, doch Charles änderte dies sogleich.
„Geradeaus durch die Tür, durch die Tür direkt gegenüber und dann links“, wies er Arthurs Helfer an, unter der Treppe in der Eingangshalle hindurch, in den Flur zu gehen, um dann über in den Hintereingangsbereich in die Küche zu gelangen – denn der Küchentisch schien am geeignetsten für die Art Behandlung, der sich Arthur wohl unterziehen müsste.
Anschließend aber scheute Charles sich nicht, laut zu werden, und wahrscheinlich damit alle im Haus aufzuschrecken. Um zu suchen, blieb kein Nerv und keine Zeit.
„Oxley!“, rief Charles nach seinem Butler, während er selbst Humphrey nun ablöste, damit zumindest dieser erst einmal etwas verschnaufen konnte. Hier im Haus kannte er sich auch aus, sodass er auch hier leicht Mr. O’Sullivan und Arthur führen konnte, ohne, dass er erst für Licht sorgen musste.
„Ox!“
Der alte Mann war es wahrscheinlich mehr als gewohnt, dass Charles ihn derart herbeizitierte, sodass Charles selbst nicht die Mühe machte, weiterhin herumzubrüllen, sondern zündete, in der Küche angekommen, dort eine Lampe an und zog die Vorhänge zu.
Hier und jetzt fiel das erste Mal in Matthews Anwesenheit wirklich Licht auf sein Gesicht, sodass die schräge, lange Narbe auf seiner linken Wange, zusammen mit seinem übrigen Gesichtsmerkmalen mehr als deutlich zu erkennen war.[1]
Tatsächlich tauchte just in dem Moment, in dem es hell wurde, ein älterer, verschlafen wirkender Herr im Morgenmantel hinter den bereits in der Küche versammelten Männern auf.
„Schnell, Oxley, holen Sie den Doktor her!“, wies Charles ihn ohne Begrüßung oder anderweitige Umschweife an, unterdessen er die Küchenschränke nach Schnaps durchsuchte, den er dort irgendwo vermutete (tatsächlich kannte er sich in diesem Raum überhaupt nicht aus). Und der Butler warf kurz einen Blick über die versammelten Gesichter (Humphrey und Harry grüßten ihn mit einem Nicken) und auch in Arthurs Richtung, bevor er, ohne Fragen zu stellen, hastig verschwand.

In der ersten Etage waren kurz daraufhin Schritte auf der Treppe zu hören, wie auch ein Klopfen an die Tür des Zimmers, in das Randolph sich zurückgezogen hatte.
„Dr. Benton!“, nannte Oxley Randolph so, weil er dessen richtigen Namen nicht kannte – und sich auch nicht bewusst war, dass „Benton“ gar nicht Randolphs richtiger Name war. „Kommen Sie schnell nach unten. Ihre Fähigkeiten werden benötigt.“

[1]:
Gelehrsamkeit gegen +0, damit Matthew Charles‘ Gesicht irgendwie bekannt vorkommt – ohne es zuordnen zu können. Gelehrsamkeit gegen +2, um Charles‘ Gesicht eindeutig mit den Scarface-Fahndungsplakaten in Verbindung zu bringen.
Beispiel für ein Fahndungsplakat:
Karte Erdgeschoss:
Karte 1. Etage:
Gilbert, Randolph und Melinda sind jeweils einzeln in den rechts gelegenen Zimmern untergebracht.

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Elli am Do Aug 21 2014, 11:45

Das Gerede hatte Melinda gelangweilt und entsprechend ermüdet. Irgendwann war sie aufgestanden und hatte sich zurückgezogen. Nachdem sie ein wenig im Haus herumgeschwirrt war, um sich besser orientieren zu können, war Oxley so nett gewesen ihr ein Zimmer zuzuweisen. Es war ein Gästezimmer gewesen, das der Butler selbst als nichts Besonderes betitelt hatte, für Melinda glich es einem Palast. Sie ließ sich seufzend auf das Bett nieder, wobei der Stoff des Kleides laut raschelte. Genervt schlug sie mit der flachen Hand auf den Stoffberg, der sich um ihre Oberschenkel auftürmte. Das war definitiv keine Kleidung für sie. Zu viel, zu bunt, zu laut. Schlussendlich stand sie wieder auf und riss sich den Stoff vom Körper.
Endlich raus aus dem Fummel. Ist ja fast schlimmer, wie der Tower!
Ihr Koffer hatte bereits den Weg in das Zimmer gefunden, doch sie dachte nicht daran sich anzukleiden. Stattdessen sah sie sich, nackt wie sie nun war, noch etwas in dem geräumigen Zimmer um, ohne etwas Interessantes entdecken zu können. Schlussendlich legte sie sich ins Bett und zog sich die Decke bis an ihr Kinn – sie fühlte sich in der Tat etwas unwohl. Das lag zum einen daran, dass sie das Haus nicht kannte und nicht, wenn es nötig sein würde, einen Fluchtweg zur Hand haben würde. Noch schlimmer daran war die Tatsache, dass wenn sie es in einer Ernstsituation schaffen würde zu fliehen, in einer Stadt wieder finden würde, in der sie niemanden kannte und nicht einmal wusste, wo der Bahnhof lag. Doch selbst wenn sie es gewusst hätte, es hätte ihr nicht weitergeholfen – zumindest nicht ohne gewisse Schwierigkeiten. Zum anderen war da die Tatsache, dass Charles nicht anwesend war, er war noch immer inhaftiert und neben der Sorge um ihn, keimte auch die Sorge um sich selbst auf. Was wenn Norly hingerichtet werden würde? Was würde aus ihr? Sie würde ihren Weg zurück nach London finden, ohne Frage. Doch ohne Schutz. Sie drehte sich auf die Seite, dabei die Gedanken an Leeland gerichtet und seinen Blick, als sie seinem Leben ein Ende bereitete.
Hach, hat das Spaß gemacht! Eine wahre Freude. Wird mal wieder Zeit. Sag…was hast du mit John-Boy vor? Ihn einfach so davon kommen lassen?
Der Alkohol den sie zu sich genommen hatte, machte es nicht unbedingt besser, wilde Gedankenblitze durchzuckten ihren Geist, bevor sie endlich zur Ruhe kam und schlief.

Panik durchfuhr Melinda, als sie in einem weiß gekachelten Raum zu sich kam. Wo war sie? Was war passiert? Ihre Hände waren mit Stoffstreifen aneinander gefesselt, doch sie konnte aufstehen. In ihrem Geist schrie nur eine Erkenntnis, sie musste hier dringend raus. Sie stand schwankend auf, ihre Beine drohten ihr den Dienst zu versagen, doch sie schaffte es strauchelnd los zu gehen. Urplötzlich befand sie sich in einem schmalen Flur wieder, der Boden bestand aus Lehm oder Erde, ihre nackten Füße spürten Kälte und Dreck – nichts worüber sie Zeit hatte sich Gedanken zu machen. Sie lief los, ihre Hände waren mittlerweile durch Handschellen gefesselt, die aussahen wie jene die Smithson bei sich getragen hatte. Sie lief, hörte hinter sich entfernte Stimmen und schwere Schritte. Sie rutschte aus und knallte schmerzhaft auf den Boden auf, so schnell es nur ging rappelte sie sich wieder auf, als neben ihr ein Knurren erklang. Sie blickte durch den Vorhang ihrer Haare zu dem Ursprung des Geräusches – dort stand Bone. Besser gesagt, dass was von ihm übrig geblieben war. Sein Fell hing in Fetzen an ihm herab, eines der Augen hing aus seiner Augenhöhle heraus und wurde nur durch einen blutigen Strang am Kopf gehalten. Der Hund stank, als sei er schon seit Monaten tot, Tränen traten Melinda in die Augen, als sie das Tier so sah. Sie wich krabbelnd zurück bis ihr Rücken an eine Wand stieß. Geifernd bellte Bone in ihre Richtung bis ein Pfiff ertönte. Augenblicklich wand sich das Tier ab und lief den langen Gang entlang. Zögerlich stand die Hure auf und folgte dem Tier in angemessenen Abstand. Ihre Sinne überschlugen sich. Wo war sie gelandet? Der Gang endete in einem weitläufigen Raum. Der große Rüde hatte sich neben einem Bündel niedergelassen. Vorsichtig kam Melinda näher, als sie Geräusche hörte. Die Decke die eben noch die Ursache verdeckt hatte, wurde wie von Geisterhand zurückgeschlagen. Darin lagen der Kopf von Humpty Dumpty und sein Arm. Melinda stieß einen Schrei aus, den Bone mit einem Jaulen begleitete. Sie schlug ihre Hände vor den Mund – die Handschellen waren verschwunden. Lange Ketten waren nun um sie gewickelt und klirrten laut bei der Bewegung. Der groteske Kopf rollte mit den Augen. “SIEH WAS ER GETAN! ERRRRRRRR!“ Sie drehte sich um und lief, so schnell sie konnte, so schnell ihre Lunge es zuließ. Panisch rannte sie wieder auf den Gang zu aus dem sie gekommen war, blind vor Angst und durch die Tränen die ihre Augen immer wieder füllten konnte sie kaum etwas erkennen, es schien als veränderte sich der Weg um sie herum und wurde mit Stoff überzogen, ihre Füße trommelten auf Holzboden, als sie gegen etwas rannte. Wieder fand sie sich auf dem Boden wieder, keuchend, würgend, hustend. Sie sah langsam an den Hosenbeinen hoch. Eine Polizeiuniform! Erneut blieb ihr nur die Flucht auf allen vieren nach hinten. Langsam sah sie nach oben, dort stand er. Leeland. Seine Kehle war aufgerissen, doch kein Blut kam mehr heraus. Er versuchte etwas zu sagen, doch nur Gurgeln schafften den Weg an die Oberfläche. Seine Lippen konnte sie jedoch lesen. HURE. Ihr Atem beschleunigte sich, als sie es auf die Füße schaffte, jedoch wieder hinschlug. Sie wollte ausholen, nach ihm schlagen – ihren Albtraum ein für allemal vernichten.
Vor ihr waren plötzlich Stufen zu sehen. Langsam wanderte ihr Blick nach oben. Dort auf den Stufen thronte ein riesiger Dunkler Stuhl und nur die Füße waren zu sehen. Als sie sich umdrehte, war Leeland verschwunden, ebenso wie der Flur. Dort gab es nur noch Wände Stein, an dem schwarze Zeichen zu sehen waren. Sie blickte wieder nach vorne. Das was auf dem Stuhl saß, lehnte sich nach vorne. Es war dunkel – nur schemenhaft erkannte Melinda etwas.  “Charles?“ fragte sie zaghaft. Als Antwort folgte nur ein dröhnendes Lachen.

Schweißgebadet fuhr Melinda hoch, als sie Stimmen in ihrer Nähe hörte. Sie tastete nach ihrer Wristgun und ihrem Fächer, doch nichts davon da. Erst langsam realisierte sie, dass die Stimmen ein Stück von ihr entfernt waren und sie durch mindestens eine Tür davon getrennt war. Damit kam ihr auch langsam die Erleuchtung wo sie sich befand, auf dem Fußboden des Gästezimmers, die Decke lag auf ihr, eines der Stecklacken war um ihr Handgelenk gewickelt.
Na gut geschlafen, Süße? Das war ja mal ein aufregender Traum! Mehr davon!
Die Hure fasste sich an den Kopf. Diese Art von Träumen war der Grund, weshalb sie vor dem zu Bett gehen, mehr als genug trank. Sie zitterte als sie sich aus der Decke schälte und diese auf das Bett war. In einer Schüssel stand Wasser bereit und Melinda wusch sich lange das Gesicht, bevor sie wieder IHR Kleid anzog. Schon fühlte sie sich etwas besser. Sie öffnete die Tür zum Flur und lauschte. Sie erkannte den Butler, der an eine Tür schlug und nach dem Arzt verlangte. Barfuß machte sich Melinda auf den Weg nach unten, von wo weitere Stimmen erklangen.
Als sie die Türe öffnete, sah sich Überraschenderweise einigen Männern gegenüber, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Aber auch Charles. Ihr Blick wanderte über das Geschehen. Sie sagte nichts, begrüßte Charles auch nicht. Sie wusste nicht wer die anderen waren, noch was geschehen war. Den Ernst der Lage erkannte sie jedoch schnell und ebenso dass es an der Zeit war zu handeln. “Ich glaube wir könnten hier etwas warmes Wasser gebrauchen.“ Wirklich helfen konnte sie nicht, aber vielleicht etwas assistieren und nach warmem Wasser hatte Randy bisher immer verlangt.

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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Darnamur am Fr Aug 22 2014, 23:04

Nachdem von Wrights Seite keine weiteren Fragen mehr gekommen waren, hatte sich der Doktor in sein Zimmer im ersten Stock zurückgezogen. Die Treppe war eine Pein für seinen geschundenen Körper, aber irgendwie- auch wenn es ihm endlos lange vorkam- schaffte er es sie zu bezwingen und riss die Tür zu seinem Schlafraum fast aus den Angeln, so heftig schlug er sie auf. Randolphs Atem ging schwer. Mit einer Hand stütze er sich am Türrahmen fest, mit der anderen umklammerte er seinen Gehstock. Und in diesem Moment war er sich sicher: Wenn ihm der Gehstock entgleiten würde, würde er einfach zusammenbrechen. Er würde nicht mehr aufstehen. Dazu fehlte ihm die Kraft.
Sein Uhrwerk hämmerte und er schnaufte, wie eine überhitzte Maschine. Reiß dich zusammen, Randolph. Er machte einen Schritt ins Innere. Sein Bein trat auf und der Schmerz kam. Noch ein Schritt, noch mehr Schmerz. Er schmetterte mit einer wütenden Bewegung seines rechten Arms die Tür hinter sich zu. Entkräftet sahen seine müden, grauen Augen das Bett vor sich. Nur noch ein bisschen. Nur noch ein paar Schritte. Er presste die Lider zu, biss die Zähne zusammen und ging voran. Schmerz durchbohrte sein Bein, riss an seiner Maschine, wie ein kaputtes Zahnrad, doch er ignorierte ihn. Ein Schritt, zwei Schritte, drei Schritte. Er war angekommen. Langsam ließ er sich auf dem Bett nieder. Ruhe. Ein bisschen Ruhe war Alles, was er wollte. Er konnte seine Hose nicht mehr ausziehen. Diesen Schmerz wollte und konnte er sich nicht mehr antun. Ausgezehrt schälte er sich aus seinem Obergewand. Dann starrte er mit brennenden Augen zur Zimmerdecke hinauf und lauschte dem Pochen seines Herzens. Irgendwie hielt es seinen verbeulten, halb kaputten Mechanismus in Gang. Vielleicht würde es einfach stehen bleiben, wenn er jetzt einschlief. Die Anstrengungen des Tages mussten es enorm ausgelastet haben. Erst die Sache bei Johannas Mutter, die Suche nach Charles‘ Haus, die Kutschfahrten. Hinzu kamen all diese Gespräche. Dieser geheimnisvolle Mister C. Er hatte schon fast vergessen, wie er wirklich hieß…Crowne. James Crowne. Oder war es Jack? Ja, Jack Crowne hieß der Typ. Dann noch Mr. Wright. Ein Gespräch, das er nicht führen wollte, aber musste. Er war kein Redner. Er war ein Arzt. Er wollte gar nicht so sein, wie Charles. Tief in seinem Inneren wollte er einfach nur sagen, was er dachte. All diesen Menschen, die er verachtete, seine Abscheu vor Ihnen und vor sich selbst an die Schädel werfen, aber er musste es vergraben. Immer in sich vergraben.
Was wäre, wenn sein Herz jetzt stehen bliebe? Ein ruhiger Tod? Oder würde er dann auf ewig in einem seiner Alpträume gefangen bleiben, die ihn heimsuchten, wenn er die Augen schloss. So oder so- sie würden kommen. Er wusste es, wie er so auf die Zimmerdecke hinaufstarrte. Das war auch der einzige Grund, warum er noch nicht schlief. Er könnte, wenn er wollte. Sofort. Sein Körper war so müde, dass er sofort alles tun würde, was er wollte nur damit sein Verstand davondämmerte. Doch er wüsste, was dann käme. Es passierte zu etwa achtzig Prozent der Fälle. Und das letzte Mal hatte er Glück gehabt. Die Wahrscheinlichkeit, dass er diesesmal verschont werden würde, tendierte gegen Null.
Wieder zurück zum Grab seines Vaters. Die Ergebnisse der Träume variierten. Manchmal stieg sein Vater daraus hervor und brachte ihn um. Manchmal brachte er ihn um. Raben, die ihn zerfraßen. Stimmen, die er nicht hören wollte. Die er gehofft hatte mitsamt dem Bösen in sich zu vergraben. Doch es half nichts. Man konnte etwas nicht für ewig in sich einschließen. Er hatte es gewusst. In den letzten Jahren hatte er sich kaum noch, um andere Menschen geschert. Weil es keinen Sinn hatte. Es war besser er wurde dieses Gift los, ehe es sich ansammelte und etwas Schreckliches passierte. So etwas, wie mit seinem Vater. Damals hatte er nicht lange überlegt.
Er erinnerte sich noch sehr gut. Es war ein klarer Augenblick. Mit einem Mal hatte er genau gewusst, was zu tun war, um dieses feindselige, bösartige Gewürm, dass da in dem Bett lag für immer zu beseitigen. Sein kalter, analytischer Chirurgenverstand flüsterte es ihm ein. Und er tat es. Mit vollem Bewusstsein. Kaffee. Schwarz. Mit einer Prise Gift. Bitte, Vater…ich hoffe du genießt es.
Doch die letzten Tage hatten ihn wieder dazu gebracht einen Teil von sich zu vergraben. Er wollte Melinda nicht wehtun. Sie war fast so etwas, wie seine Ziehtochter gewesen- verdammt. Ja, er hatte ihr gesagt, dass es zwischen ihnen keine Freundschaft mehr gäbe. Das er mit diesem Kapitel abgeschlossen hatte. Aber er liebte sie immer noch. Nicht, wie er Lynette geliebt hatte. Aber wie seine Tochter. Egal, was sie tat. Auch, wenn sie Johannas Mutter demütigte, eine arme, kranke Frau. Sie war der letzte Mensch, der zu ihm gehalten hatte. Wie könnte er sie verraten.
Er wurde müde. Er konnte nichts dagegen tun. Es würde schlimm werden, dass wusste er. Randolph war selbst zum Seufzen zu schwach. Es musste wohl sein. Der Doktor schloss die Augen und die Alpträume hatten ihn wieder in ihren Fängen.

Kalter Wind. Ein offenes Grab. Das war neu: Um ihn herum standen Menschen. Viele Menschen. Seine geliebten Verwandten. Und in seinen Händen hielt er eine Schaufel. Nun, es musste wohl sein. Wenn dies seine Aufgabe war- warum sollte er sich dagegen wehren. Sollte er seinen Vater ruhig nochmal beerdigen. Er hatte schon Schlimmeres erlebt. Mit müdem Gesicht trat er an das Loch heran, das dort vor ihm ausgehoben worden war. Der Wind fuhr durch sein Haar. In seinem Traum hatte er längeres, weißes Haar. Der Wind war kalt. Ihm fröstelte. Weiter zum Grab.
Er blickte in die Tiefe hinab…uns stockte. Das war nicht sein Vater. Es war…seine Mutter. Elinor blickte ihn verwirrt aus blauen Augen an: „Edmure?“ Vermutlich hatte sie wieder zu viel gesoffen. Aber was wollte er hier? Seine Mutter lebte…wieso sollte er sie begraben? Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Er drehte sich um. Es war C- Jack Crowne. „Tuen sie es. Es ist nötig, damit sie Frieden finden.“ Randolph verstand zwar nicht ganz, was der Mann von ihm wollte. Aber was sollte es. Es war nur ein Traum. „Tut mir Leid, Mutter“, rief er ihr zu, während er Erde auf seinen Spaten lud. Er schaufelte und schaufelte. Es kostete ihn keine Mühe. Unter ihm war ersticktes Keuchen und Husten zu hören. Doch der Doktor ließ sich nicht irritieren und schaufelte weiter. Bis das Grab zu war. Von irgendwo her, hörte er eine Stimme: „Haben Sie gerade Ihre Mutter verscharrt?“ Das war doch Alan…
Randolph runzelte die Stirn, doch schon wurde er an seinem rechten Ärmel gezupft. Crowne. Jetzt lächelte er wieder: „Das haben sie gut gemacht. Kommt, es geht weiter“
Randolph folgte Crowne. Die Masse der Trauernden folgte ihm. Allerdings schienen sie nicht wirklich zu trauen. Aus irgendeinem Grund lächelten sie.
Der Weg der Prozession endete an einem weiteren Grab. Was sollte das denn nun? Er sah sich nach einem Spaten um, bis er bemerkte, dass er ihn noch in den Händen hielt. Na, schön. Wieder trottete er zum Grab hin. Und blickte hinab.
Eine junge Frau lag darin. Lange, schwarze Locken. Gerötete Wangen. Und sie starrte ihn hasserfüllt an. Fassungslos blickte Randolph zu ihr. Ein Kloß hing ihm plötzlich im Hals: „Lynette? Bist du es? Ich…“ „DU MONSTER“, kreischte ihn die Frau an und kämpfte verzweifelt gegen ihre Fesseln an. Erst jetzt bemerkte er es: Sie war vollkommen zusammengebunden. „Was ist mit dir gesch..?“, setzte er zu einer Frage an, wurde aber sofort durch ihre schreiende Stimme unterbrochen. „Ha! Das weißt du nichtmal, du kranke Gestalt, oder? DU HAST MICH HIERHERGEBRACHT; DU MISSGEBURT! DU GANZ ALLEIN!“ Sie brüllte, wälzte sich verzweifelt herum und durchbohrte ihn mit ihren dunklen, braunen Augen. Randolph schluckte und trat von dem Grab zurück. Wieder legte sich eine Hand auf seine Schulter. Eindringlich. „Sie müssen es tun, Doctor Tremaine. Sie müssen. Begraben sie sie und begraben sie ihre Zweifel und ihre Vergangenheit“ Crowne. „Ich will das nicht tun“, murmelte er leise. Jetzt hörte er eine andere Stimme in der Menge: „Begrab‘ sie Randolph! Begrab‘ die Schlampe!“ Das war seine Cousine. „Ja, bring‘ es hinter dich!“, rief jemand anderes, den er nicht zuordnen konnte. Randolph sträubte sich. Er wollte das nicht tun. „Begrab‘ sie!“, brüllte es plötzlich aus dutzenden Kehlen und er merkte, dass er zum Grab geschoben wurde, wo Lynette tobte. „Begrab‘ sie! Begrab die Schlampe!“
Der Doktor schluckte und vergrub seinen Spaten in der Erde. Lynette riss die Augen auf: „Wage es ja nicht! Leg den Spaten weg! LEG IHN WEG!“ Er biss die Zähne zusammen, sagte nichts und warf die Erde ins Grab. Sie spuckte und hustete: „Du krankes Monster! Willst du mich umbringen? Hau einfach ab! VERSCHWINDE! LASS MICH IN RUHE MIT DEINEM KRANKEM VERSTAND!“ Noch eine Schaufel. Und noch eine. „DU KRANKER! DU MONSTER!“ Sie geriet richtig in Rage. Wand sich und brüllte, doch es half nichts. Randolph presste seine Zähne aufeinander und verdrängte ihre Stimme aus seinem Kopf.
Doch plötzlich lachte sie und er merkte auf. „Weißt du, dass ich auch mit anderen geschlafen habe?“, lachte sie auf einmal zuckersüß. „Ja, das glaubst du nicht, nicht wahr? Aber du warst ja nie mutig genug für mich gewesen! Viel zu schüchtern.“ Sie lachte ihn aus. „Du wolltest, dass wir heiraten nicht war? Wie idotisch! Der Doktor heiratet eine Hure. Eine Lachnummer bist du, eine absolute Lachnummer!“
Randolph unterbrach seine Arbeit und starrte sie fassungslos an. Dann schüttelte er seinen Kopf: „Du bist nicht sie. Lynette hat mich nicht betrogen. Wir haben uns geliebt. Du bist nur eine Illusion“ Sie lachte glockenhell, dass ihm übel wurde: „Jaaa! Das bildest du dir ein mit deinem kleinen, kranken Verstand. Zu blind, um die Wahrheit zu sehen. Du kannst ja nicht mal richtig vögeln…“ „Halt`s Maul!“, zischte Randolph wütend und schaufelte weiter. Lüge! Das war nicht Lynette. Es war sein Traum. Warum war er nur so masochistisch? Sie redete munter weiter, wohl glücklich einen wunden Punkt gefunden zu haben. „Als ich dir endlich entkommen bin, habe ich dann einen anderen Liebhaber gefunden. Reicher als du und sehr talentiert!“ Sie kicherte. „Ja. Er hat mich gut behandelt. Im Gegensatz zu dir. Er war seeehr gut zu mir…“ „HALTS MAUL!“, kreischte Randolph schrill. Er schmiss ihr Erde ins Gesicht, dass sie keuchte. Mehr und immer mehr. Sie hustete und schnaufe. Mehr und noch mehr. Irgendwann war es nur noch ein Wimmern. Er beachtete ihren zuckenden Körper nicht mehr und ackerte in blinder Wut weiter. So lange bis alle Geräusche und alle Regungen aufgehört hatten.
Jemand klopfte ihm auf die Schulter. „Gut gemacht, mein Freund. Sehr gut.“, meinte Crowne und reichte ihm ein Taschentuch. „Hier nehmen sie das!“ Erst jetzt bemerkte Randolph seine Tränen, die ihm das Angesicht herab liefen. Er riss Crowne das Tuch aus der Hand. „War es das jetzt?“, schnauzte er ihn an. Verdammtes Arschloch. Er wischte sich das Gesicht ab.
Crowne lächelte mitfühlend: „Noch nicht ganz. Ein letztes Grab gibt es noch zuzuschaufeln“
„Welches auch immer“, knurrte er, als wäre ein Jagdhund, dem seine Beute entkommen war. Zorn schwelte in jeder Faser seines Körpers. Ja, gerne noch ein weiteres Grab. Er wollte sich abreagieren. Ihm doch egal, wer darin lag. Alles nur Illusion.
„So, da sind wir“, meinte Crowne. Randolph blinzelte. Dieses Grab war kleiner, als die vorherigen. „Machen sie ihre Arbeit und sie sind erlöst“ Langsam schritt der Doktor näher heran und eine grauenhafte Vorahnung machte sich in ihm breit. Blick nicht hinein, riet ihm seine innere Stimme. Doch er konnte nicht anders.
Und dann erblickte er sie: Schön sah sie aus. Schön und unschuldig. Ein kleines Mädchen mit blonden Haaren. Und eine ihm wohlvertraute graue Strähne. Sie hatte die Augen geschlossen und schlief. Wie ein Engel. Melinda.
Er drehte sich zu Crowne um: „Das werde ich nicht tun“ Seine grauen Augen hatten sich verhärtet. Sie waren nicht mehr länger farblos, sondern hatten sich zu starkem, unzerstörbaren Eisen verformt. „Sie müssen, Doktor. Tun sie es und befreien sie sich selbst“, meinte Mr.C nachsichtig. „Nein, Jack“, knurrte Randolph. „Das werde ich nicht tun.“ Die Masse buhte und brüllte ihn an, aber es interessierte ihn nicht. Crowne seufzte: „So etwas dachte ich mir. Sie sind wohl wirklich ein Versager, Tremaine. Wieso hatte ich mir nur mehr erhofft?“ Randolph sagte dazu nichts mehr, sondern starrte ihn nur finster an. „Geben sie mir den Spaten, Doktor!“, meinte Crowne auf einmal barsch.
„Ficken sie sich selbst“, zischte Randolph.
Einige Menschen kamen auf ihn zu. Sie wollten ihm den Spaten wegnehmen, wollten Melinda töten. Nein, das lasse ich nicht zu. Er schrie und schlug in einem Bogen um sich. „BLEIBT ZURÜCK! BLEIBT ALLE ZURÜCK!“
Einige zögerten. „Holt ihn euch!“, befahl Crowne eisern und dann stürzten alle los. Randolph kreischte. Er hackte mit dem Spaten auf sie ein, doch er wurde ihm entrissen. Er kratzte, schlug und biss wie ein verzweifeltes Tier. Doch es half nichts. Er wurde zu Boden geschmettert, wie ein armseliges Insekt. Hände packten ihn, fesselten ihn.
„NEIN!“, brüllte er, als er sah, wie Crowne damit begann Erde in das Grab zu schaufeln. „Sie Mistkerl! Nehmen sie mich, aber lassen sie das Mädchen in Ruhe!“
Ihn schien das wenig zu interessieren. Ungerührt schaufelte er weiter, aber wandte sich an einen seiner Untergebenen: „Kümmere dich um ihn!“
Plötzlich stand Alan vor ihm, mit einer Pistole in der Rechten: „Doc, es tut mir wirklich Leid. Ich will sie wirklich nicht umbringen“ Dieser Mistkerl! Randolph sah ihn nur entgeistert und zornig an: „Du Schwein! Du hast uns doch alle verraten!“ Alan kratzte sich an seinem Kopf. Er schien zu überlegen. Dann schien er eine Idee zu haben und wandte sich um. Und verschwand.
Der Doktor musste in der Zwischenzeit hilflos und wütend mit ansehen, wie Melindas Grab zugeschaufelt wurde. Wie lange war sie wohl schon ohne Sauerstoff? Konnte man sie noch retten? Er musste sich beeilen. Er musste hier raus!!!
Verzweifelt riss er an den Fesseln, genau wie Lynette zuvor. Doch sie gaben nicht nach.
Auf einmal sah er Alan wieder. Jetzt hielt er eine Schnapsflasche in seiner linken Hand und nahm gierige Schlücke, während er mit der Rechten wieder auf ihn zielte.
Letztendlich rülpste er. „Wollen sie auch was, Doc? Einen letzten Schluck? Wie gesagt, es tut mir wirklich…“ „FICK DICH“, kreischte er dieses bescheuerte Verräterschwein an. Stirling blickte ihn mitleidig an. Und drückte ab. Randolph war wach.

Als er zitternd sein Gesicht befühlte, bemerkte er, dass er geweint hatte. Was auch sonst. Er nahm sein Kopfkissen und wischte sich das ekelhafte Nass aus dem Gesicht. Mit immer noch schlagendem Herzen lag er da. Mittlerweile war es vollkommen dunkel. Wie sollte er den Rest der Nacht nur überstehen? Fünf Minuten später ertönten Geräusche. War Charles zurück? Oder war es die Polizei? Er würde nichts dagegen tun können. Einfach liegen bleiben. Egal, wer das ist. Du wirst es noch früh genug erfahren. Einfach ruhig liegen bleiben und dich erholen..
Es klopfte. Scheiße! „Dr. Benton! Kommen Sie schnell nach unten. Ihre Fähigkeiten werden benötigt.“ VERDAMMTE SCHEIßE!
Er schwang sich aus dem Bett, packte seinen Stock, der noch genau dort war, wo er ihn abgelegt hatte. Sein Obergewand ließ er stehen. Schnell humpelte er zur Tür, riss sie auf und schrie Oxley an: „Mein Arztkoffer!“ Dann raste er wie ein Bessesener unter höllischen Schmerzen die Treppen hinab. Unter den ihm völlig Fremden erkannte er Charles. Sein Blick irrte wild umher und erfasste den Verwundeten. „Zwei Stühle!“, befahl er, während er heranhumpelte. „Was ist passiert?“ Er fasste dem Verwundeten unters Kinn und blickte ihm in die Augen: „Hallo! Sind sie bei sich?“ Dann fasste er die Wunde ins Auge und verzog das Gesicht. „Zwei Stühle, verdammt!“
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Sensemann am Sa Aug 23 2014, 15:12

Matthew tat, wie ihm befohlen wurde.
Nein, er war nicht mehr beim Militär - er tat nur noch das, worum man ihn freundlich bitten würde.
Und dies war in diesem Moment der Fall.
Diese fremden Männer - vorallem der Angeschossene - brauchten ihn.
Vorallem da er sich selbstkritisch schuldig sah dem Schwerverletzten nicht würdig geholfen zu haben.
Noch nicht einmal die verletzte Arterie hatte er als erfahrener Wundarzt (so nannte man ihn an der Front - ganz getreu nach dem mittelalterlichen Handwerk, welches man als Sanitäter früher lernte, statt Medizin zu studieren) zu fassen bekommen mit seinen wurstigen und dennoch geschickten Fingern.
Denn wäre dies das Fall gewesen so hätte er mit aller Ruhe diese mit einer Gefäßklemme abklemmen und danach nach der Kugel Ausschau halten können.
Doch ohne entsprechende Sedierung und Equipment wie einem kleinen OP-Set konnte er in diesen eh schlechten Verhältnissen wenig helfen und kaum stabilisieren.

Und so tat er das, was er konnte: Den Verwundeten so schnell wie möglich nach dem klassischen Load&Go System des Militärs statt ein Stay&Play zu einem Arzt beziehungsweise Chirurgen zu tragen.
Nicht via Schulterwurf-Rettungsgriff, sondern mit der Hilfe der anderen Mannen.

Am Zielort angekommen, wobei Matthew sich mal für die Zukunft den Weg gleich merkte, wartete er typisch gelassen und still als Ire und Kriegsveteran auf den besagten Arzt und überließ dem Rest in Chaos und Panik zu verfallen.
Wobei O’Sullivan seine Arme verschränken würde, würde er nicht noch immer den Schwerverletzten stützen.

Den eintreffenden Arzt musterte er kurz krittisch und skeptisch, wobei er sich ersparte eine ordentliche Anamnese und Übergabegespräch zu führen.
Schließlich war er nur ein einfacher Helfer, selbst wenn er dennoch Vorort bleiben würde.

Nicht nur, um den weiteren Verlauf zu beobachten oder gar auf Dank zu warten, sondern eher um zur Not seine Hilfe anzubieten.
So kam ihm nur knapp über die Lippen:
"Vulnera sclopeteria.
Kugel ist noch nicht extrahiert...
Der Mann ist in einem krittischen Zustand und verliert Blut.
Dazu die Gefahr einer Sepsis..."
, und hatte damit doch mit der Anamnese begonnen.

Innerlich sich ohrfeigend setzte er daher knapp und schmalllippig hinterher:
"Ich kann assistieren, falls Bedarf besteht."

Aufmerksam trotz seines Pegels blickte der rothaarige Hühne den Arzt stechend an.
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Re: Götterblut - Kapitel 3: Scarface

Beitrag von Thorgrimm am So Aug 24 2014, 21:29

Gut gelaunt - trotz des Missverständnisses - tat Gilbert es dem Doktor gleich und leerte sein Glas. Dann nickte er ihm und Oxley zur Bestätigung zu. "Es war ein anstrengender Tag und ich habe von meinem Urlaub noch nicht viel gemerkt." "Im Gegensatz zum Whiskey..." dessen Wirkung er langsam zu spüren bekam. "Ich denke es ist eine gute Idee, für heute einen Schlussstrich zu ziehen. Ich werde mich jetzt ebenfalls zurückziehen, etwas malen und dann schlafen gehen." Zwar reizte es Gilbert schon zu erfahren, woher der Doktor seine Beinverletzung hatte aber vielleicht war es wirklich besser, das auf den nächsten Tag zu verschieben. Seine Neugierde hatte ihm schon des öfteren Probleme eingehandelt - das musste er nicht wieder provozieren. Außerdem wollte Gilbert sich die Informationen und Ereignisse des Tages noch einmal durch den Kopf gehen lassen beziehungsweise verarbeiten und das konnte er am besten, wenn er malen würde.
Während er ächzend die schweren Koffer hinter sich her zog und erst einmal neben seinem Bett stehen ließ, ging er an das Ende des Zimmers und blickte für einige Sekunden gedankenverloren aus dem Fenster. Die Szenerie, die sich ihm bot, war es durchaus wert gemalt zu werden. Da Gilbert nicht wusste, wie lange er hier bleiben würde, entschied er sich zu einem impressionistischen Ansatz und versuchte das regnerische Waldstück hinter dem Grundstück im Lichte der mittäglichen Sonne einzufangen. Zwar waren die Voraussetzungen nicht die Besten aber er musste diesen Tag malerisch beenden um sich zu beruhigen. Vielleicht würde ein kleiner Schluck Laudanum dabei behilflich sein und die künstlerische Flamme neu entzünden können. Seufzend ließ er das Gemisch aus Alkohol, Wasser und dem darin gelösten Opium seine Kehle herunterlaufen, nachdem er die kleine Flasche aus seinem Koffer geholt und geöffnet hatte.
Wie es immer der Fall war - vielleicht halfen dabei auch Alkohol und Laudanum - verging die Zeit wie im Flug oder eher gesagt im Rausch. Einige Stunden hatte Gilbert an dem Bild gemalt und langsam machten sich die Müdigkeit und die Ereignisse des Tages durch fahrige Bewegungen bemerkbar. Er entschied sich das Malen für Heute aufzugeben und ins Bett zu gehen. Da er Ölfarben benutzte, musste er sowieso warten, bis er weitermalen konnte. Wenn er in ein paar Tagen noch hier sein würde, könnte er das Bild vollenden. Zur Sicherheit schrieb er sich die Uhrzeit und das Wetter auf, um sich an einem ähnlichen Tag, um die gleiche Zeit, noch einmal hier niederzulassen.

Zufrieden mit diesem Tag, obwohl er doch einige Überraschungen für ihn bereitgehalten hatte, legte er sich schließlich ins Bett. Seinen teuren aber doch verschlissenen und alten Anzug warf er achtlos auf den Boden. Er wälzte sich noch lange in dem Bett hin und her, unruhig und unsicher ob der vergangenen Stunden. "Was für ein verrückter Tag." dachte er sich immer wieder. Er war einem Mann begegnet, der entweder Scarface war und einige talentierte Komplizen besaß, die ihn manipuliert hatten oder er war tatsächlich nur einem Opfer begegnet, dass versuchte diese ganzen Probleme aus der Welt zu schaffen und die Wahrheit herauszufinden. Was sollte Gilbert denn nun glauben? Zweifelnd schlief der Maler schließlich ein und trat hinein in eine dunkle Traumwelt, an dessen Einzelheiten er sich später nicht erinnern würde.
Laute Stimmen und Poltern im Flur vor seinem Zimmer weckte ihn. Er hörte noch "Mein Arztkoffer!" und nach weiterem Poltern und lautem Knarren der Bodendielen, war es wieder ruhig. Einen Moment blieb Gilbert liegen und versuchte das Gehörte zu verarbeiten. Irgendetwas war passiert und jemand war verletzt, sonst würde der Doktor seinen Koffer nicht brauchen. Vielleicht war es besser, wenn er einfach im Bett liegen blieb und so tat, als würde er schlafen. Das Jemand krank oder verletzt war - womöglich im sterben lag - hielt ihn allerdings davon ab. Er musste versuchen zu helfen, auch wenn er bezweifelte, dass er das konnte. Schließlich kannte er sich nicht im geringsten mit der Medizin aus. Trotzdem musste er es versuchen, denn wenn tatsächlich jemand im sterben lag, würde er für seinen Tot mitverantwortlich sein, wenn er nicht half und die Hilfe gebraucht worden wäre. Eigentlich handelte er aus reinem Egoismus, um sich selbst zu schützen.
Er merkte, wie er dabei unweigerlich an seinen toten Vater und seine Schuld an dessen Tot denken musste. "Was macht das ganze überhaupt für einen Sinn? Ich kann sowieso nicht helfen und selbst wenn, mache ich vielleicht alles nur schlimmer..." Es war wie eine zweite Stimme in seinen Gedanken, die ihn dazu überreden wollte, im Bett zu bleiben. Irgendwie stimme es ja auch... was sollte er schon tun? Er sollte einfach abwarten, im Bett liegen bleiben und das am besten den ganzen Tag. "Nie mehr aufstehen, so wie Vater." Er seufzte, richtete sich auf und griff sich an die Schläfen. Gilbert wusste nur zu gut, was hier vor sich ging. Er würde sich von seinen Depressionen nicht unterkriegen lassen. Es war ein ständiger Kampf, den er bisher hatte für sich entscheiden können. Diese Antriebslosigkeit war nur der Anfang. Verstohlen schielte er zu dem kleinen Koffer vor dem Bett. War es an der Zeit, nachzuhelfen?
Gilbert schüttelte den Kopf, stand auf und zog sich langsam an. Schließlich schleifte er die Treppe herunter und sah sich neugierig um. So viele Fremde und doch ein bekanntes Gesicht. "Scarface!" oder doch eher Mr. Norly? Er nickte den Anwesenden zu und ließ seinen Blick einen Moment länger auf dem Mann ruhen, der vielleicht ein Serienmörder war. "Wenn sie Hilfe brauchen, sagen Sie Bescheid. Ich bin kein Arzt aber kann vielleicht andere Aufgaben übernehmen, für die man keine fundierten Kenntnisse benötigt." sagte er noch etwas schlaftrunken aber entschlossen.
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